Surprising Salon Session No 19: Wenn Drachen lachen

Mittendrin statt nur dabei

In meinem Wohnzimmer wohnt ein Drache. Viel mehr mythologisches Getier sollte meiner Meinung nach in Wohnzimmern wohnen. Sie bevölkern dann nicht nur die dunkelsten Ecken unseres Unterbewusstseins, sondern finden ihren ganz eigenen Weg ans Licht, wenn sie ein unbedachter Seitenblick aus ihrer Leblosigkeit heraus streift. Denn warum machen wir das Fern-Sehen, Wein-Trinken, Arbeiten (arbeiten Sie auch in Ihrem Wohnzimmer? Oder anders rum gesagt: Wohnen Sie auch in Ihrem Arbeitszimmer, so wie ich?) so viel realitäts-näher als die tiefen Wälder unserer unbemannten Seelenweiten? Nein, ich will nicht in die langweilige Diskussion, ob das Leben nur ein selbsterzeugter Traum ist. Langweilig, weil so schwer beantwortbar, denn wir sind nun mal nicht außerhalb von uns selbst, um dies jemals mit absoluter Bestimmtheit sagen zu können. Wo ich hinwill, da wildert das Unbekannte wüstest vor sich und in uns hin…

Wenn Drachen Sachen machen

Also, mein Drache schlüpfte aus einem Überraschungsei. Und seither wohnt er im Gemäldewald von Gerhart dem Großen Maler, in dem auch ein Einhorn meiner einen Tochter und eine wanderfreudige Palme meiner anderen Tochter wohnen. Allesamt bevölkern sie gemeinsam meinen Couchtisch. Wald, Palme und Einhorn unter einer Glasplatte, Drache unter einer Glas-ja-was? Einem Glassturz eigentlich. Mein Drache ist der umgekehrte Elefant im Porzellanladen. Er wirkt erschüttern klar durch die zarte Glasdecke durch, als wäre sie eine Unterbewusstseins-Satelliten-Schüssel. Was bewirkt er denn, fragen Sie? Er stupst zart an, pupst vor sich hin und speit Feuer. Er rebelliert im Blätterwald. Er weiß genau, dass sein Glasdach ihn nicht gefangen hält, sondern ihn vergrößert wie ein Brennglas. Er brennt sich durch, hinein in die unbekannten Wunderwelten meiner Klienten, die an diesem Tisch regelmäßig in sich und konsequenterweise dann aus sich heraus gehen. Dort spendet er Kraft und rührt um, rütteln auf, lacht sich eins.

Drachen lachen anders

Wenn Drachen lachen, dann vibriert‘s tief drin im hintersten Winkel der verdrängten, vergessenen, lang schon überlebt gedachten Glaubenssätze, die es sich einstweilen längst schon auf der bedeutungsschwangeren aber wortkargen Intensivstation existenziellster Urerfahrungen gemütlich gemacht hatten. Sie wachen auf aus ihrem mitunter unruhigen Schlummer, rühren sich, strecken sich – was in der Folge das limbische System ordentlich durcheinander-kitzelt. Das Drachenlachen schwingt sich daraufhin auf den Hippocampus auf und saust in unendliche Weiten, in denen noch nie ein (bewusster) Mensch gewesen ist (Soundtrack: Star Track). Dieser wilde Ritt sorgt dafür, dass Gedächtnisinhalte irgendwie anders aufeinanderprallen als gewohntermaßen. Glaubensgefährdende Gedankenblitze durchzucken den drachengebeutelten Menschen, ohne dass er etwas über den Verursacher, den lachenden Drachenwachmacher wüsste. Ja, das kann er gut, der rote Drache.

Vom Morgen danach zum Ritt in den Sonnenuntergang

Und dann? Ist etwas anders. Etwas Grundlegendes. Die Grundfesten der bislang als nur-so-seiend angenommenen Wirklichkeit wackeln un-ordentlich. Wände haben sich auf einmal abgebaut, Fenster tun sich auf, malerische Wege werden sichtbar, der Sonnenaufgang küsst die neugeborene Lebenslandschaft. Wer bereit ist, schwingt sich auf, in den Sattel seines eigen-willigen Wesens und wagt den Ritt hinein ins Sein.

Epilog

Naja, vielleicht braucht es zu all dem auch einen Drachenflüsterer. Ich gestehe…

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Surprising Salon Session No 18: Spieglein, Spieglein an der Wand…

Was flüstert uns das Spiegelbild?

Ich gehe auf der Straße und blicke auf die eigene Silhouette im Schaufenster, versuche mich so zu sehen, wie es andere vielleicht tun würden, versuche mich „objektiv“ (ha!) einzuschätzen: Wie alt, wie attraktiv, welche Ausstrahlung, müde, kraftvoll – ob wohl sichtbar ist, wie ich mich fühle? Wie fühle ich mich eigentlich? Ich weiß, dass alles, was ich sehe, meinem eigenen Kopf entspringt, mir nur bestätigt, was ich bereits in mir trage, ahne, fühle oder gar bestätigt haben möchte. Warum tue ich es dennoch?

Sieht man im Spiegel jemals etwas anderes, als was man unbewusst erwartet? Kann man tatsächlich „anders“ hinsehen, wahrhaft Neues im eigenen Spiegelbild entdecken? Klar, wer kennt das nicht: ungeahnte Adern, neue Falten, seltsame Flecken, Haare, wie und wo sie nicht sein sollten. Wer zu genau hinsieht, den überrascht das Leben allemal. Aber solche Beobachtungen meine ich nicht. Es sind die allzu leicht (be-/ab-/auf)wertenden, die sich von Minute zu Minute ändern können, je nach Befindlichkeit, die mich beschäftigen. Was suchen wir im eigenen Spiegelbild? Bestätigung? Welche Frage wollen wir in der Reflexion einer U-Bahntür erhaschen? „Die Wahrheit“ über uns?

Der Spiegel stellt die Frage!

Was suchen wir, wenn wir uns selbst  anschauen? Eine Einschätzung? Unser wahres Ich? Unsere Wesenheit? Die Wirklichkeit? Wollen wir einen Blick in unsere Seele werfen oder unsere Passung zur Umwelt checken? Ich spreche nicht von Selfies hier. Selfies sind Inszenierungen des eigenen Glücks, Versuche uns selbst (und erst nachher andere) von einer Realität zu überzeugen, wie wir sie gerne hätten. Selfies sind banal. Blicke in die spiegelglatten Flächen des Lebens sind es nicht. Wir wollen in der Oberfläche etwas erkennen. Wir wollen tiefer blicken, ohne darüber nachdenken zu müssen. Der Blick soll tausend Worte ersetzen. Aber gibt es da im Selbstbild überhaupt irgendetwas von Wert zu finden?

Der Spiegel blickt zurück.

In jeder Interpretation jeden Momentes, in jedem Gedanken und Gefühl steckt ein kleiner Rückspiegel. Manchmal auch ein großer. Er zeigt uns an, wo wir herkommen, was wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit heraus im Hier und Jetzt für die Zukunft suchen. Und er macht uns bei näherem Hinsehen klar, dass wir immer nur das finden können, was wir auch (zu bestätigen oder zu wiederlegen) suchen. Im Erkennen selbst liegt ein eingebauter blinder Fleck, die Einschränkung auf den Lichtkegel unseres Bewusstseins. Wir erkennen, was wir (er)kennen (können). Keine besondere Erkenntnis so gesehen, ich weiß. Spannend wird sie nur im Angesicht von Rechthaberei und Besserwisserei, von Kritik, Lob und Tadel – von Wert(ein)schätzung aller Art. Denn alle diese Bevormundungen, Bevorzugungen bestimmter Sichtweisen und Wertungen, zeigen auf nichts anderes als auf den Bewertenden, den die Aussagen Treffenden. Wieder nichts Neues. Oder doch? Warum zur Hölle (zum Himmel? Zur Erde und zu Wasser?) fällt diese Selbstverständlichkeit bloß nie den Bewertenden selbst auf? Nicht mal mir selbst, wenn ich mir in ehrlichen Momenten hinter die stressgeplagte und auf Automatismus-umgeschaltene Fassade blicke? Der Spiegel blickt zurück. Er blickt mir hinter die Oberfläche. Er zeigt mir, was ich sehen kann, worauf ich gepolt bin, welche Engen und Perspektiven in meinem Selbstbild herrschen und mein Weltbild beherrschen.

Schön und gut?

Ist es das, was ich aus meinem Spiegelbild herauslesen will? Oder will ich gar was „Echtes“ sehen? Was ist überhaupt „echt“, nicht nur optisch gesehen? Ist „echtes Verhalten“ das ungezügelte Rausposaunen seiner Erfahrungen und Erwartungen? Das freifließende Rauslassen der eigenen unreflektierten Meinungen, das Offenbaren unzensierter Gedanken? Das alleine reicht irgendwie noch nicht. Das reine ungeschminkte (auf) uns-Zeigen heißt ja noch lange nicht, dass wir damit unser echtes Wesen zeigen. Denn wer noch nicht weiß, wer er selbst überhaupt ist und wer zugleich noch nicht weiß, dass er nichts (über sich) weiß, der zeigt in seinem Verhalten nur auf seine Vergangenheit und auf daraus Extrapoliertes. In jeder Interpretation werden stets nur die eigenen Vorurteile klar. Aber wird das Wesentliche überhaupt jemals nach außen hin sichtbar?

Geist – das Wesen in der Reflexion

Ich gefalle mir in der Vorstellung, dass das Gegenüber im Spiegel ein anderes Ich ist, das einen anderen Möglichkeitsraum erkundet und zurückblickt. Neugierig auf mich in dieser, meiner mir bekannten Dimension und mir unbekannte Fragen stellt. So bleibe ich also offen für die Fragen meines Spiegelbildes. Und lasse mich überraschen von seinem sich stets verändernden Äußeren, das auch immer eine andere Sichtweise mit sich bringt. Ich erkenne nicht mich im Spiegel, ich lasse mich erkennen. Scannen, berühren von Aspekten, die mir noch nicht bekannt, bewusst sind. Spieglein, Spieglein an der Wand: Wen siehst Du heut in diesem Land?

Surprising Salon Session No 17: Frei Sein

Freiheit versus Sicherheit

Ich liebe dieses Bild. Es erinnert mich daran, dass die Freiheit einer Entscheidung bedarf: Mutig ins Unbekannte zu springen. Wer frei sein will, verlässt das sichere Nest, lässt sich ein – aufs durchs Leben Fliegen, Gleiten, Schweben, die Welle-Reiten.

Was hält uns eigentlich zurück? Was bindet uns an die Vergangenheit, kettet uns an die Erfüllung aller möglicher Erwartungen, von den monatlichen Rechnungen über die Steuer bis hin zu Familie und FreundInnen, ArbeitskollegInnen, PartnerInnen & Co? Warum fällt uns das frei Sein so schwer? Weil wir es nicht gewohnt sind? Weil wir es noch gar nicht kennengelernt haben? Weil uns niemand vorlebt, wie das geht?

Klar, es gibt die Außenseiter und Aussteiger, jene Menschen, die manchmal mehr und allzu oft eher minder frei-willig nicht „mitspielen“ im Spiel des Lebens. Aber sind sie wirklich frei, zu tun, was sie tun wollen? Oder entziehen sie sich nur den gesellschaftlichen Verpflichtungen, dem „System“? Und gewinnen sie durch dieses „außerhalb“-Stehen mehr Wahlmöglichkeiten oder eher weniger?

Ich behaupte, dass es nur ganz wenige wirklich freie Menschen auf unserem Planeten gibt. Sie haben erkannt, was sie einst zurückgehalten hat: Ihr Streben nach Sicherheit. Nach Kontrolle. Nach einem umsorgten Dasein, nach einem geregelten Ablauf, einem planbaren Leben, einer ausreichenden Pension. Wer emotional, mental oder körperlich auf der sicheren Seite sein will, ist automatisch unfrei. Denn er muss sich den Regeln anpassen, ständig aufpassen und seinen eigenen Plänen unterwerfen. Er leidet, wenn es anders kommt. Er fühlt sich unsicher, wenn er die Welt seiner Vorstellungen verlässt und sich auf die unendlichen Möglichkeiten des „was sonst noch existiert“ einlassen soll.

Freiheit und Verantwortung

Aber ist das nicht gut so? Macht uns nicht unser Streben nach Sicherheit zu verantwortungsvollen Wesen, zu Menschen, die einhalten, was sie versprechen, deren Wort gilt und Meinung zählt? Oder andersrum gefragt: Macht uns das Tragen von Verantwortung nicht automatisch unfrei? Wer Kinder oder Hypotheken, ein Business oder auch nur einen ehrenamtlichen Nebenjob hat weiß, dass damit eine Tretmühle der Fremdbestimmung einhergeht. Und dass wir die meisten unserer Verpflichtungen selbst gewählt haben, macht uns noch lange nicht freier. Ewiges Ab-Arbeiten im Job, ständiges Da-Sein-Müssen im Business, regelmäßiges Überweisen-Müssen, um zu überleben. Zahlen wir da nicht drauf, nur um zu leben?

Ich bin so frei

Was macht uns eigentlich zu freien Menschen? Ich meine, dass wir eine Wahl haben. Wenn auch manchmal nicht dabei, was wir tun (müssen), aber immer das Wie betreffend. Wer die Wahl hat, hat vielleicht die Qual, jedenfalls aber das Gefühl der Selbstbestimmung. Und das fühlt sich frei an. Freiheit fühlt sich offen, möglich, leicht und all-verbunden an. Ich bin mal so frei, die Freiheit so zu umreißen. Frei Sein bedeutet auch, der Wirklichkeit außerhalb des eigenen Vorstellungsvermögens mehr Raum zu geben, als dem Versuch, die Welt nach eigenen Vorstellungen zu verbiegen.

Nix is fix

Klar wollen wir vieles ändern. Vieles an der Wirklichkeit ist kaum zu ertragen, da muss man nicht einmal an Krieg und Hungersnöte, an Ungerechtigkeiten und Aussichtslosigkeit denken. Viele von uns wollen die Umstände, in denen wir oder andere leben, zum Besseren verändern. Ein hehres Anliegen, zugleich der Stein des Sisyphus schlechthin. Denn es ist nie genug. Gerade die „Guten“, die „Helfer“ in unserer Gesellschaft sind vom Burnout bedroht, vom Ausbrennen und Verzweifeln an der schieren Unendlichkeit der Aufgabe, die Welt zu einer besseren zu machen. Aber auch jene, die nur versuchen, sich selbst zu helfen, die versuchen die Welt um sich ihren eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen anzupassen, sind unfrei.

Der Freie Wille 

Freiheit bedeutet nicht, sich schlicht zu nehmen, was man will. Auch nicht, alles zu geben, was man will. Spürbare Freiheit liegt viel näher, nämlich im Raum des nicht mehr Strebens, nicht mehr Sehnens und Wollens. Wenn wir unsere Vor-Stellungen los lassen, hören wir auf alles und jeden irgendwohin zu schieben oder uns selbst und andere zu (unter)drücken, wie hören auf, an der Wirklichkeit zu zerren und uns zu (ver)biegen, und wir entgehen der Gefahr, zu brechen oder uns auch nur zu beugen. Wir sind. Frei.

Frei Sein

Das heißt aber nicht dass wir in einem solchen Zustand des frei Seins alles hinnehmen müssen oder für gut halten sollen, was so passiert. Aux contraire: Wer nicht mehr festhält an Sollens-Bildern, der kann sich neuer Mittel und Wege bedienen, um zu tun, was tatsächlich nötig ist.

Und was ist wirklich nötig, wenn wir frei sind? Noch mehr freie Menschen.

Nein, freie Menschen leben nicht auf Kosten von anderen und plündern Land und Leute, weil ihnen alles egal ist. Wieder ganz im Gegenteil: Wer frei ist, der tut, was frei macht. Sich selbst und andere. Das Streben nach Selbstbereicherung oder Selbstüberhöhung macht unfrei. Freie Menschen hingegen sind einfach da. Präsent, ohne Auftrag. Offen, ohne schwammig zu sein. Neugierig, ohne der Gier auf Neues zu verfallen.

Jump, baby, jump

Was braucht es, um aus dem Paradies der hehren Versprechungen rauszufinden? Einen Schritt. Einen simplen Schritt. Hinaus aus der Komfortzone. Hinein ins Unbekannte. Hinaus aus dem Vergleichen und Bewerten, hinein ins Erleben und Horizont-Erweitern .

Es ist nie zu früh, sich selbst einfach sein zu lassen und alles andere endlich los zu lassen.

It’s now or never

Wann? Dann? Wie? Nie?

Nein. Jetzt, und so: Ausatmen, Muskeln entspannen, Einatmen, Aufrichten.

Das Sein lassen.

Da Sein.

Surprising Salon Session No 16: In voller Blüte

Blooming

Blühend, so soll es uns gehen. Blühen, so sollen wir. Zumindest wir Frauen. Männer würden die Zielvorgabe für optimale Befindlichkeit und Ausstrahlung wahrscheinlich anders ausdrücken: „voll im Saft stehen“, oder so. Abgesehen von der Wortwahl und den Bildern, die „Blüte“ und „Saft“ im Geist hervorrufen, ist prinzipiell Ähnliches gemeint: Wir sollen im Vollbesitz all unserer Kräfte sein, alles uns nur Mögliche erleben können. Und das sollten wir am besten andauernd können. Das Leben befinden wir genau in solchen Momenten für richtig gut, in denen wir unser Potenzial an Kraft und Selbst, an Schönheit und Intensität, an Leistungsfähigkeit und Brillanz ausleben. Wenn wir uns bis zur Perfektion verfeinert und zur sichtbaren Verwirklichung all unserer Wünsche und Talente hin ent-faltet haben, dann „passt es“. Vorher sind wir am Weg dorthin, nachher ist es zu spät. Dieser Höhepunkt, dieses voll Erblühen und Sprühen soll eigentlich und irgendwie das ganze Leben lang währen. Obwohl wir zugleich wissen, dass dies so nicht geht. Oder vielleicht doch?

Gibt es wirklich nur Einen Karrieregipfel, die Eine Erfolgsphase, auf die das ganze Leben zugesteuert, für die gelernt und geopfert wird und nach der alles vorbei ist?

Perfect Moment – Perfect Life

Wie sieht ein nachhaltig perfektes, weil durchgehend blühendes, saftiges Leben aus?

Über die „Karriere, Geld, Macht, Haus, Partner, Familien“-Phantasien brauchen wir hier gar nicht lange reden. Dass selbst all diese zusammen genommen nicht wirklich glücklich machen, sondern dem Leben „nur“ eine Richtung geben, wird den meisten im Lauf ihrer (Lebens)Zeit klar. Interessanterweise machen weder das Erreichen noch das Nicht-Erreichen dieser Zielvorstellungen ein erfüllendes Leben aus. Ja, erfüllt im Sinne von „voll“, „ausgefüllt“ allemal. Erfüllend in unserem Sinne meint jedoch einen Zustand, in dem wir aus einem inneren Überschuss an Energie heraus schöpfen können. Das Sein, unser Wesen, damit das Wesentliche füllt uns aus (statt der to do-Listen). Es fliesst aus uns, formt sich in (Selbst- und Fremd-)Wirksamkeit, findet (s)einen Weg, um aus unserem Innersten hinaus auch andere zu ihrer Überfülle, zum Heraustreten aus sich und ihren engen Vorstellungen, ihren Ver-Stellungen und Ver-Biegungen, zu inspirieren.

In diesem Blog geht es um solche Formen des Blühenden Lebens. Um das „Alles“, das auch sich gemacht, herausgeholt, im besten Fall ausgelebt werden kann. Aber ist das „Alles“ zu jeder Lebenszeit dasselbe? Ich denke nicht. Jedes Lebensjahrzehnt blüht anders, lässt uns anders erleben, fokussieren, wirksam sein.

Diese Blüten jeden Lebensalters erstrahlen in jeweils eigen-willigen Farben, bilden die ihnen eigen-artigen Formen heraus und tragen entsprechend eigentümliche Früchte. Sie finden die zu ihnen passenden Nahrungsquellen und wachsen dem Lichtspektrum entgegen, das genau dieser Zeitabschnitt anziehend findet. Über die Dauer eines Lebens blühen wir immer wieder, immer anders, immer weiter auf und wachsen zunehmend  in die Essenz unserer Persönlichkeit hinein. Dies kann so aussehen (oder auch anders):

Brillantine Brutal: Die 20er

Schönheit, Kraft und Abenteuer. Die Farbe der 20er ist bunt, die Formen wild, die Früchte schmecken intensiv. Die Nahrung für die 20er liefern zum einen unsere Sinne, die auf Hochtouren arbeiten, zum Zweiten unsere Bewegungsfreude, sowie drittens unsere Offenheit, die unser (noch)Nichtwissen in die vielen Premiere-Erlebnisse dieses Alters transformiert. Das Licht fürs Weiter- und Überunsselbsthinaus-Wachsen liefert ein glühender Horizont, der zum Greifen nahe scheint: Das All-Wissen lockt. Wir lernen Dinge, von denen wir nicht wissen, ob wir sie jemals brauchen.

Powerpack: Die 30er

Wissen, Können, Tun. Die bunte Erfahrung der 20er mündet in den einfärbigen, weil fokussierten Willen des zielgerichteten Schaffens der 30er. Nahrung bieten die beruflichen und beziehungstechnischen Erfolge. Die Früchte werden vielfach einfach hängen gelassen, übersehen oder als Treibstoff für die nächste Etappe umgehend umgewandelt. Der Weg scheint klar, er führt auf einen Gipfel, egal ob auf einen nahen oder fernen. Der leuchtende Horizont schimmert hinter dem Gipfel hervor, bleibt sanft und kaum wahrnehmbar im Hintergrund, denn der Alltag will gemeistert werden.

AllinOne: Die 40er

Konzentrieren, Potenzieren, Brillieren. Sind die erste und zweite Etappe geschafft – und das sind sie, so oder so, mit 40+ – dann werden die Farben weniger grell, angenehmer, ruhiger, entspannter. Das Tun weicht dem „am Punkt bringen“, die Früchte glänzen besonders. Sie duften nach Lebenserfahrung und dem dicken, süßen Saft erlebter Gefühle, Niederlagen und Höhenflüge. Nun ist der Horizont ganz einfach da, er bietet den Nährboden des eigenen Standpunktes. Von hier aus kann in alle Richtungen und Lebenszeiten geblickt werden. Wie sehen und verstehen: Kinder, Eltern, Großeltern. Das Altern wird selbstverständlich, das Werden und Vergehen ein hypnotischer Rhythmus, von dem wir uns nur allzu leicht einlullen lassen. Wer wach bleibt, dem eröffnen sich unerwartet andere Knospen:

Plateau-Mania: Die 50er

Angekommen, Nicht-Tun, Wirken. Das Sein ist an sich schon reif, es gilt nichts mehr wegzunehmen oder hinzuzufügen. Der eigene Horizont gleicht dem Universalhorizont – und steht als einer neben unendlich vielen. Ganz ohne Zutun er-folgt die feine, pastellfarbene Wahrnehmung der zahllosen Varianten des Ewiggleichen. Die Vielfalt im Einen Leben wird zelebriert und genossen. Die Ruhe angesichts des letzten Sturms erkennt sich als Auge im Hurrikan. Wer sich der Altes verzehrenden Kraft des Unbekannten widersetzt – wer behalten will, sich nicht mehr verändern will, der erstarrt zunehmend und wird immer mehr zum Zerrbild seiner Vergangenheit. Wer sich gegen das Neue, das Wechselnde, das Vergängliche im Fruchtbaren und das Fruchtbare im Vergänglichen wehrt, hat seinen Horizont überschritten. Alles geschieht für ihn „danach“. Den anderen, die auf dem fruchtbaren Boden des „bisher“ wandeln, bietet sich das weite Feld des „noch nicht“.

JoyFull Living: Die 60er

Freude, Friede, Frag-Würdigkeit. Wer sich nicht der Vergangenheit verschreibt oder der Schockstarre hingibt, der stellt sich dem Licht der neuen Fragen auf seinem Weg. Die Farben werden anders, erdiger und himmlischer zugleich. Im inneren Frieden, der jener Hingabe an den Wandel aller Dinge folgt, ent-faltet sich die Freude am reinen Sein, am Erleben ohne Auftrag. Diese Frucht kommt zum Tragen wenn kein Druck, kein Zwang sie formen will. Im frei Sein duftet sie von ganz alleine. Sie trägt das Licht der im Laufe des Lebens schwer erkämpften Zeitlosigkeit in sich. Selten zu sehen, aber köstlich für alle, die sie (mit) verkosten dürfen.

Silver Surfer: Die 70er

Hügel, Wellen, Wolken. Die Farben werden schillernd, die Formen fließend, die Zeit rinnt vor sich hin, der Horizont steht nicht im Vordergrund, eher ruft er sanft im Hintergrund, aus dem Rückhalt gibt er Rückhalt. Er flüstert: „Jetzt oder nie“. Die Früchte reifen da, wo Wohlgefühl und Wiedererleben auf die Einzigartigkeit des Jetzt treffen. Was geht, geht. Was nicht (mehr) geht, verabschiedet sich still und leise.

Wondering Wisdom: Die 80er

Wunder, Weisheit, Wohltun. Wer voll und ganz zu seiner Frucht wird, dessen Anwesenheit tut wohl. Diese Früchte gereichen anderen zur Seelennahrung, was wiederum die eigene Seele nährt. Alle Farben sind wunder-voll, jede Form ist ein-deutig aus ihrer Weisheit geboren. Wir sehen. Unsere Augen werden weich und mild.

Shining Eyes: Die 90er

Sehen, Herzen, Stille. Die Ruhe sieht über die Bewegung, das Herz über den Verstand. Die Farben werden durchsichtig, das Leben ist ein Aquarell, das sich selbst malt. Jeder Augenblick kommt und verschwindet. Von ganz alleine. Früchte kommen und gehen. Der Horizont ist offen und weit. Wir sehen ins Allganze, sehen es in uns, in anderen. Wir leben im Raum zwischen den Herzschlägen, er wird zu unserem Zuhause.

Just Be: Die 100er

Sein. Zeit hat keine Macht mehr, Raum ist kein Thema. In der Mitte des Erlebens gibt es zwei Augen, sie sehen und erkennen keinen Unterschied zwischen Innen und Außen.

***

Die Rose, die derzeit oben auf dem Subwoofer in der Mitte meines Schreibtisches thront, wurde auf dem Höhepunkt ihrer Einen Blüte eingefroren, schockgefroren, in Stickstoff getaucht, damit sie haltbar bleibt. In ihrer Perfektion ist ihre letztendliche Schönheit fast schon bedrohlich. Im optimalen Moment ihres Seins wurde sie genommen, für ultimativ reif befunden und ihres Lebens beraubt. Ihr „Leben danach“ ist dazu verdonnert, in der vollen Blüte ihres Seins bewundert zu werden, ohne dass sie selbst das Leben noch genießen könnte. Wie vielen (erfolgreichen) Menschen ergeht es so? Dass sie nur zu ihrer Blüte gesehen werden und sich selbst sehen? Das limitiert uns Menschen ungemein.

Ich meine, dass für uns Menschen nicht nur diese eine, große, ultimative Blüte(zeit) im Leben möglich ist. Es zählen eben nicht nur die Höhepunkt unserer beruflichen Karriere oder die Höchstleistungen aller Art. Vielleicht sollten wir uns eher am Bild der „Blume des Lebens“, das ja aus vielen einzelnen Blüten besteht, die miteinander verbunden sind, orientieren. Diese Blüten gemeinsam ergeben ein großes Ganzes, das erst im Zusammenspiel seine maximale Kraft entfaltet. Es können die Blüten der Lebensphasen sein, die ein solches Ganzes ergeben. Oder die Blüten mehrerer Menschen gemeinsam.

Mögen wir die Blüte jeder Lebensphase zur vollen Entfaltung bringen und das Blühen anderer in jeder ihrer Lebensphasen befördern. Mögen wir auf diese Weise jedes Lebenszeitalter in seiner Einzigartigkeit und als ein wesentlicher Teil, der uns insgesamt noch blühender das Leben erfahren lässt, verstehen. Wir können getrost darauf verzichten, einzelne Zeitabschnitte zu überhöhen oder ihnen nachzutrauern.

Auf diese Weise blühen wir ein Leben lang und bis zum Ende voll und ganz.

Surprising Salon Session No 15: Traum(oder)Urlaub

Träumen vom Urlaub

Diese hübsche Strandperle steht in Sichtweite meines Computerblickes. Sie beeinflusst mich quasi von rechts außen in meinem Blickfeld, unterschwellig aber konsequent. Die kleine feine Kiste flüstert unüberhörbar, in jedem Moment, in dem ich so vor mich hin sinniere, tippe, telefoniere. Sie flötet: „Am Strand da ist es einfach wunderbar; da warten tiefer Frieden, unendliche Freiheit und höchste Freude auf Dich“. Sie lockt – und ist zugleich verschlossen, zugeklappt, nicht im Dienst. Ihr Dienst an mir ist die Verheißung, nicht die Erfüllung. Und ihre stete Verlockung verursacht ein sanftes, oft kaum bemerkbares Prickeln in meinem Wunschzentrum. Ein „will weg“, das andauernd in meinem Unterbewusstsein wie ein Meer rauscht – ein Mehr quasi – und sich ab und an in leisen Wellen an die Oberfläche meiner Wahrnehmung spült.

Klar, vom Urlaub träumt jeder. Doch die Verführung, die von meiner kleinen Strand-Schatzkiste ausgeht reicht tiefer. Sie wurzelt in der eigentlichen Sehnsucht, die sich hinter jedem Urlaub versteckt. Denn seien wir an dieser Stelle beinhart ehrlich: Der alljährlich (bis hin zu andauernd) ersehnte, erhoffte, im Zeit- und Geldbudget mühsam ersparte Urlaub ist ein mageres Trostpflaster für uns müde, viel zu oft ausgelaugte Alltagsbewältiger. „Urlaub“ ist so betrachtet fast ein Hohn, weil nur ein homöopathischer Vorgeschmack auf „wie das Leben sein könnte“: ohne Arbeit, ohne (Dauer-)Rechnungen, ohne Verpflichtungen.

Traum-Urlaub

Der Traumurlaub sieht für jeden wahrscheinlich etwas anders aus. Aber manche Komponenten sind fix: es gibt genug Zeit, um die Dinge zu tun, die man wirklich tun will. Und genug Wahl, um die Dinge auszulassen, die einen Null interessieren. Im Traum gibt es keine Unwetter, kein stundenlanges Anstellen, keine mühsamen Gepäcksverluste, keine elenden Flugverspätungen mit verpassten Anschlussflügen. In der Vorstellung existieren keine anderen Reisenden, die einen mit lautstarker Bekundung ihrer Nichtintelligenz und emotionaler Unreflektiertheit auf den (bei mir nicht vorhandenen aber in diesem Fall durchaus praktischen virtuellen) Sack gehen. Im Traum ist alles gut, währt ewig oder zumindest lang genug, um tiefenentspannt, glückselig braungebrannt und 10 Kilo leichter wieder aufzutauchen und sich nichts mehr, nie wieder, aus dem Alltag zu machen. „Alltag“ kommt im Traum nicht vor – außer als alltägliche glückliche Existenz. Die darf sich schon wiederholen, die darf dauerhaft werden. Alltag ist dann einfach anders, wird einfach gut. „Urlaub“ wird in unserer Vorstellung zum idealen Lebenszustand: Schlafen so lange man will, Essen was und wann man will, genügend Sonne abbekommen, überfließende Liebe leben, stressfreie Bewegung an wunderschönen Orten genießen, sich an nicht berufsbedingtem Lesen erfreuen, dem fröhlichen Nichtstun fröhnen, ewiges Tagträumen zulassen, spannende Menschen kennenlernen… die Liste könnte noch lang so weitergehen.

Delikate Frage am Rande: Warum ist eigentlich nicht das ganze Leben so? Weil man dafür Geld braucht? Ich glaube diese Antwort reicht nicht weit genug hinein in die menschliche Psyche und Bedürfnislage. Das Unerfüllte des Alltags macht das Unerfüllte des Traum-Urlaubs ja erst so richtig schmackhaft. Ein Hoch der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Denn es kann uns ein Leben lang beschäftigen. Nie ist es ganz perfekt oder wirklich genug. Tretmühle ohne Ende – einmal in der Enge des Alltäglichen, einmal in der nicht restlos gelingen wollenden Verwirklichung des Erträumten.

Wie der Alltag traumhaft wird

Was also tun, damit unsere Träume zur gelebten Wirklichkeit werden – und zwar nicht nur kurzfristig (an sich schon toll genug), sondern dauerhaft, lebenslang wenn man so will (und man, zumindest ich, will)? Sollten wir einfach aufhören mit dem Träumen? Aufhören, Urlaube zu planen? Aufhören mit dem Arbeiten? Vielleicht sogar aussteigen?? Kein Konsumzwang mehr, keine sozialen Verantwortungen mehr, keine tägliche Routine mehr..? Das ist prinzipiell durchaus machbar, entweder mit genug Geld (aber die wenigsten Reichen sind tatsächlich glücklich, nur weil sie Geld haben und Nichtstun könnten) oder mit Hilfe eines individuell richtig gemixten Cocktail an machbaren Ansprüchen (Selbstversorger am Land, Surflehrer auf den Malediven etc.). Aber hält das Urlaubsfeeling dann auch tatsächlich dauerhaft an? Ich glaube nicht. „Urlaub“ ist nämlich eine Art der Einstellung, die wir uns sprichwörtlich erarbeiten. Weil wir sie uns dann nach getaner Überforderung unserer selbst gönnen (müssen). Im Angesicht der eher grauen Tretmühligkeit des „normalen Lebens“ wird das andere, das außer-gewöhnliche Leben, erst glitzernd. Aber was wäre, wenn wir das, was zumeist außerhalb des Gewöhnlichen zu liegen scheint, zu einer ständigen Gewohnheit machten?

Die wesentlichen Komponenten, um sich wie im Urlaub zu fühlen sind:

  • ausreichend Zeit für sich selbst
  • das Gefühl der Selbstbestimmung (die Wahl haben, was wir wann machen)
  • genügend Sonne
  • eine schöne Umgebung
  • körperliches Wohlgefühl
  • eine lustvolle Auseinandersetzung mit Dingen, die uns faszinieren, bereichern oder zum Lachen bringen
  • Qualitätszeit mit anderen
  • Abenteuer erleben, neugierig sein, Neues ausprobieren
  • ganz wir selbst sein, ohne Rolle oder Aufgabe (außer das Leben zu genießen)
  • zu unseren Bedürfnissen stehen und offen für deren Erfüllung sein (uns gönnen, was wir brauchen und wollen)
  • im Hier und Jetzt wach und voller Vorfreude auf den nächsten Moment sein

Das alles – vielleicht mit Ausnahme der Sonne – ist eigentlich immer machbar, weil es prinzipiell in unserer Hand liegt, so zu leben. Allerdings nicht, wenn wir in unseren Gewohnheiten verbleiben. Solange unser alltägliches Leben bedeutet, dass wir den kumulierten Arbeitsfrust, die äußere Fremdbestimmung, das oftmals sinnlose Tun, die unangenehmen Kollegen etc. durch Konsum kompensieren, also Geld dafür ausgeben müssen, um uns zu belohnen oder zu regenerieren, wird das mit dem „guten Leben“ auf Dauer nicht funktionieren. Denn dann hängen wir in der Abhängigkeitsschleife von „es ist nie genug“ – weder die Arbeit noch die Freizeit reichen dann aus. Also was tun?

Realistisch bleiben. Den Traum schlicht und ergreifend hartnäckig Stück für Stück wahr werden lassen. Nicht alle Punkte gleichzeitig, vielmehr jeden Tag ein bisschen was davon, und jedes Jahr insgesamt ein bisschen mehr. Schreiten wir Tag für Tag zum Mehrfeeling. Was genau hindert uns daran? Niemand. Und im besten Fall nicht einmal wir selbst.

Surprising Salon Session No 14: Glückskinder

In der Glückskeksfabrik

Wer schreibt bloß die Glückskeks-Texte? Und ist er oder sie sich bewusst, damit orakelhaft das momentane Empfinden anderer Menschen zu beeinflussen? Bei einem guten Spruch freut sich der Glückskeks-Konsument. Ein schlechter wird schnell verdrängt. Vergessen werden beide, der eine früher, der andere meist nur minimal später. Ich hingegen sammle die besten aller Sprüche. So trage ich seit sicherlich 7 Jahren folgendes, mittlerweile schwer mitgenommenes Glückskekspapierl in meiner Geldbörse (im Münzfach): „An andere Orte zu reisen, kann positive Veränderungen mit sich bringen“. Wobei ich es auch als Reise verstehe, in die Weltsichten und Emotionen anderer Menschen einzutauchen.

Ein anderer Satz hängt an meinem Kühlschrank: „Wer liebt hat eine wundervolle Ausstrahlung“.

Und einer befindet sich eben in meinem großen Zimmer. Er ist der jüngste in meiner fast-schon-Sammlung. Und ich habe mich zunächst gegen ihn gewehrt. Doch er hat mich rücklings überwältigt. Denn zuvor war ich ein Jünger der Einstellung gewesen, dass man selbst fürs eigene Glück verantwortlich wäre. Ebenso wie für alle anderen Gefühlszustände und generell Entscheidungen in seinem Leben. Doch dieser Spruch ist irgendwie anders. Er beschäftigt mich. Denn er erhebt keinen moralischen Anspruch. Er sagt nicht, man soll sich gefälligst ums eigene Glück selber kümmern oder eben noch besser andere Menschen glücklich machen. Er sagt nichts über Ursache und Wirkung, wie es ein Spruch tat, der mir in einem indischen Ashram begegnete und mich damals in seiner Kürze zum glücklich Schmunzeln brachte: „Do Good – Have Good“ stand da. Das gesamte Gesetz des Karma, plus Glücksversprechen in 4 Worten. Nein, in diesem Satz ist von etwas anderem die Rede, einem Zustand, der subtiler daher kommt als moralische Vorschriften.

„Glück ist das einzige was man geben kann ohne es zu besitzen“

Hmm, dachte mein Verstand zunächst, als er diesen Satz las. Ist das denn überhaupt wahr? Kann man nicht auch Leid verursachen, ohne es zu besitzen? Nein, rief mein Unterbewusstsein noch in derselben Nanosekunde. Wer Leid verursacht leidet selbst. An schlechten Erfahrungen, psychischer Krankheit, negativen Erwartungen, körperlichen Schmerzen und vielem Möglichen mehr. Aber Glück? Kann man andere glücklich machen, ohne selbst Glück zu empfinden? Ja, man kann. Verblüffend. Und natürlich kann man andere glücklich machen, wenn man selbst glücklich ist. Spannenderweise sind gar nicht mal so viele Menschen dazu bereit, Glückszustände eines glücklichen Menschen teilen zu wollen. Viele blocken die positive Erfahrung  ab, verstecken sich hinter Neid und Missgunst, hinter der Angst, nicht würdig zu sein, hinter düsteren Vorahnungen, hinter Bedenken, nicht mithalten oder zurückgeben zu können. Wenn wir die Fähigkeit, glücklich zu sein und am Glück anderer teilhaben zu können und zu wollen, lehren könnten, wäre die Welt sicherlich eine bessere. Und da ist er wieder: der moralisch-ethische Weltverbesserungsansatz. Und genau von diesem ist im Originalspruch eben nicht die Rede. Er beruft sich auf Besitz.

Wer oder was uns be-sitzt

Manchmal ergreifen uns die äußeren Umstände, manchmal halten uns die Erwartungen anderer fest im Griff. Viel zu oft diktieren die Notwendigkeiten des Alltags oder des Überlebens, der sozialen Verpflichtungen und der psycho-physischen Gewohnheiten unserem Gefühlshaushalt, was es zu empfinden gilt und worauf er wie zu reagieren hat. Stellen wir uns die und der Frage: Wer besitzt mich? Die Antworten können recht vielfältig ausfallen: unser Körper, unsere Vorstellungen, unsere Beziehungen, unsere Hoffnungen und Ängste. Das Unterbewusstsein, die Triebe, die Vergangenheit und die Notwendigkeiten im Jetzt, sowie die Möglichkeiten, die sich gerade eröffnen. Sie alle prägen und geben Richtungen vor, beeinflussen, was wir tun und wie wir es tun, sowie was wir dabei empfinden.  Doch von all den Bedingungen zum Glück, die in uns und rund um uns herrschen können, spricht der kleine Papierstreifen aus einem 08/15förmigen zart-harten Glückskeks nicht. Sie alle zerfallen beim genaueren Überlegen zu bedeutungslosen Krümeln der Zeit-Raum-Relativität, während dieser Satz eine absolute Wahrheit postuliert. Wir können Glück geben, ohne es zu besitzen.

Vom Geben und Nehmen

Glück von der Stange gibt es laut dem Spruch schlichtweg nicht. Denn „von der Stange“ würde irgendwie „Besitz“ bedeuten, entweder in Form von etwas Konkretem, Angreifbarem, Messbarem, Produzierbarem daherkommen – oder auf abstrakte Arten wie in Form eines Rezepts, eines Fahrplans oder einer Reiseroute eine reproduzierbare, jedenfalls erzielbare „Machbarkeit“ vermitteln. Doch hier geht es eben nicht um gangbare Wege zum Glück. Es geht um Weisen der nicht planbaren Glücksvermittlung. Um Glücksweisheit. Um das Wissen, das es möglich ist, bei anderen den Zustand des Glückes hervorzurufen, ohne ihn selbst zu erleben – ja sogar ohne zu wissen, wie es genau möglich ist, sich selbst und andere glücklich zu machen.

Dieser Ansatz unterscheidet sich fundamental von anderen Zugängen zum Glücklichsein. Er behauptet nämlich, dass es beim Glücksempfinden auf beiden Seiten, also beim Glücklichsein und beim Glücklichmachen nicht darum geht, die eigenen oder anderen Vorstellungen und Erwartungen zu erfüllen oder gar den gesellschaftlichen Vorstellungen zu entsprechen. Es geht nicht um Mittel und Methoden, besonders erlebnisreich zu konsumieren oder besonders sinnlich zu genießen, besonders gut, stark, schön, einflussreich, reich oder das Gegenteil zu sein. Weniger ist nicht mehr, die neue Bescheidenheit führt nicht zum Glück. Es ist etwas anderes, das hier gemeint ist. Und zwar nichts Geringeres, als dass man es sich nicht nehmen kann. Und dass man es trotzdem sehr wohl geben kann. Und wird es gegeben, so kann es angenommen werden – oder auch nicht. Beides kann die eine oder die andere beteiligte Seite glücklich machen. Oder eben auch nicht. Glück ist so gesehen wie ein Duft, der von uns Besitz ergreifen kann, in dem Moment, in dem er vorbeizieht. Greifen wir hin, wird es zwischen unseren Händen zu nichts Bestimmtem. Lassen wir zu, erfüllt es uns. Schenken wir einen gefühlten Zustand her, indem wir uns mit-teilen, ihn teilen, so kann er sich potenzieren. Möglicherweise. Wenn beide dies zulassen können und wollen. Ich glaube, aus diesem ungreifbaren Stoff sind glückliche Beziehungen gemacht. Aber das ist nur so eine Ahnung, die mich gerade umweht…

Surprising Salon Session No 13: Raumzeit – Das Maß aller Dinge

Raum: Der reine Luxus

In meinem großen Zimmer ruht eine uralte Wasserwaage. Sie liegt einfach so vor sich und mich hin. Doch ich weiß nicht wirklich, was sie misst. Da sollte wohl ein Luftbläschen anzeigen, wo die totale Mitte, die absolute Gerade, das eigentliche Soll  zu finden ist. Tut es aber nicht. Zumindest nicht, solange ich nicht die Perspektive wechsle und das Ding selber in die Hand nehme. Aus diesem einen, ersten Blickwinkel eröffnet sich mir folgender Gedankengang: Das Maß aller geradlinigen Dinge – das Bläschen heißer oder kalter Luft – dürfte über die Zeit hinweg irgendwie abhandengekommen sein. Wie im echten Leben. Immer weniger scheint uns mit fortschreitender Zeit klar zu sein, worin das Optimum, die ideale Gerade, der perfekte Zustand zwischen zu viel links oder rechts, zu viel vom einen und zu wenig von anderem liegt. Die Antwort liegt nahe: im Hier. Doch wo ist „Hier“? Und wie viel Platz ist im „Hier“ verfügbar? Wer kaum Raum zur Verfügung hat, dessen Gefühl für die eigene Mitte wird stark gefordert. Sei es das Gedränge in einem asiatischen Markt, die Enge in der economy class auf einem Langstreckenflug, das Behindertwerden im Weiterkommen durch einen Stau beim Autofahren oder auch der fehlende Rückzugsraum in einer geteilten Wohnung. Aber nicht nur fehlender Raum zur Bewegung oder zum Ankommen bringt uns aus der eigenen Mitte. Auch ein Raum, dessen Lebensqualität beschränkt ist verhindert, dass wir aus dem vollen Ganzen unserer Kräfte und Möglichkeiten schöpfen.

Ich schreibe diese Zeilen in einer Business Lounge am Flughafen von Bangkok. Der reinste Luxus. Nach massivem Stau auf den verstopften Straßen, dichten Menschenmengen in ewig langen Schlangen, die einen durch behördliche Irrwege und technisch-logistische Umwege quälen, nach fehlenden Sitzgelegenheiten zum Ausrasten und unendlich langen Gehwegen zum Nirgendwo-Ankommen ist die Business Lounge eine Oase all dessen, was schön und gut zu sein scheint: Leise, entspannt, kühl, leer, mit weichen Sesseln und vollem Büffet, sauberen Toiletten und lächelndem Personal. Daran könnte man sich schon gewöhnen. Doch ist das auch real? Wieviel Raumlosigkeit muss man erlebt haben, um eine solche Raumfülle ohne schlechtes Gewissen genießen zu können? Wo doch so viele andere kaum einen echten Lebensraum haben, sich keinen hochqualitativen Eigenraum leisten können – und nicht mal temporär, quasi auf der Durchreise ihres Lebens, jemals in den Genuss von sorgsam geschütztem individuell verfügbarem Raum kommen. Eigenraum ähnelt insofern den luxuriösesten materiellen Ressourcen – beide scheinen an Geld gebunden zu sein. Natürlich gibt es da noch den öffentlichen Raum, die Parks und Gärten, die Berge und Seen, Wälder und Wiesen. Vorübergehend können wir dort ankommen, uns an der Natur ausrichten und in unsere Mitte finden. Aber irgendwann mal müssen wir wieder zurück. In den mehr oder weniger vorhandenen Eigenraum, in unser eigenes Leben…

Zeitlosigkeit: Die reine Freude

Viel einfacher ist es da schon, dem Luxus der Zeit zu frönen. Zeit hat jeder, gehört jedem. Dafür brauchen wir kein Geld. Im Gegensatz zum Raum hat jeder Zeit, der gar kein Geld hat. Und natürlich jeder, der über ganz viel Geld verfügt. Doch gerade diese Zeitbesitzer – und zwar auf beiden Seiten – wissen nicht immer etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzufangen. Viele verzweifeln richtiggehend an zu viel freier Zeit, an zu viel Eigenzeit, an einem übervollen Zeitbudget, das gerade nicht fremdbestimmt, vorbestimmt, verplant und eingeteilt ist. Diese Menschen zerbrechen mit der Zeit an sinnentleert erlebter Zeit (nicht nur in der Arbeit), oder aber an beziehungsloser Zeit (im Privatleben wie im Berufsumfeld). Zuviel Zeit in der Einöde des Eigenraums ist vielen Menschen ein Gräuel. Mir nicht. Ganz im Gegenteil. Das liegt aber daran, dass Zeit für mich ein nicht immer verfügbarer Luxus ist – wie für die allermeisten Menschen, die arbeiten, um zu leben. Als selbstständig erwerbstätiger Mensch habe ich einen gewissen Eigenraum und eine gewisse Eigenzeit zur Verfügung. Beide werden regelmäßig durch Verpflichtungen aller Art so eingeschränkt, dass ich die Zeiten ohne Aufgaben und den Raum ohne Menschen auch so richtig genießen kann. Wenn die Zeit fließt und ich mit ihr, dann ist das Leben ideal. Wenn der Raum wirkt und ich in ihm, dann bin ich nicht nur in meiner Mitte, sondern in der Mitte des Seins.

Zeitlosigkeit: Die reinste Qual

Andere hingegen haben schlicht gar keine Zeit. Das pure Überleben frisst sie auf. Für jene, die zugleich kaum eigenen Raum zu ihrer Verfügung haben, sollten soziale Programme greifen. Hier können die Mindestsicherung, Steuererleichterungen, Wohnprogramme, Arbeitnehmerschutz uvm zu mehr Zeit und Raum verhelfen. Für all jene aber, die sehr wohl über Raum aber kaum über Zeit verfügen, stellen sich andere Fragen: Wovor laufen sie weg, wenn sie sich im Eigenraum einigeln? Was versuchen sie zu erreichen oder zu beweisen, wenn sie ihr Zeitbudget ständig gnadenlos überziehen? Warum müssen und wollen sie ihren Lebensstandard mit ihrer Lebenszeit bezahlen? Und allen voran: Ist es das tatsächlich wert? Welchen Themen müssen wir uns stellen, sobald uns die Stille und die Leere eine Innenschau gewähren? Erst sobald gesehen und gefühlt wurde, warum das Laufen attraktiver als das Stehenbleiben wirkt, können sich neue Tore öffnen. Tore, die einen anderen Film laufen lassen. Unseren Film. Ein Film, in dem wir nicht nur Hauptdarsteller sind, sondern auch die Drehbuchautoren, Regisseure und Kameraführenden.

Möglichkeitsraum – Tatsächlichkeitszeit

Raum und Zeit nach eigenem Ermessen zur Verfügung zu haben – das sind die Luxusartikel unserer Tage. Raum zum Reisen, Zeit zum Schweigen. Raum zum Ruhen, Zeit zum Träumen. Raum zum Wirken, Zeit zum Reifen. Raum und Zeit, um Visionen zu entwickeln und zu realisieren.

Doch wer gibt uns diesen Raum, diese Zeit? Wieviel Geld brauchen wir für ein hochqualitatives Leben? Wieviel Ungerechtigkeit geht mit dem Vereinnahmen von Eigenraum und Eigenzeit einher? Mit anderen Worten: Wieviel soziale Verantwortung balanciert das Verweilen in der eigenen Mitte und das Auskosten der raumzeitlichen Möglichkeiten? Was kostet der Konsum von Raumzeit? Müssen dafür andere enger und schneller leben, haben sie weniger Möglichkeiten, wird ihr faktisches Leben tatsächlich beschränkter durch die Freiheit anderer? Wer trägt für die Zustände und Umstände dieser Welt, für die entgrenzten und die begrenzten Erlebniswelten in ihr eigentlich die Verantwortung?

Möglichkeit versus Geschwindigkeit

Die essenzielle Entscheidung zum Erleben von höchstmöglicher persönlicher Freiheit in Balance mit tragfähiger sozialer Verantwortung ist zweigestaltig. Die eine Hälfte betrifft das höchstpersönliche Erleben: Hier ist der Wunsch, die eigenen Grenzsetzungen zu erkennen  und neue Horizonte zu eröffnen ausschlaggebend. Die andere Hälfte betrifft die im persönlichen Einflussbereich befindliche Umwelt: Hier zählt der Wunsch, die inneren und äußeren Grenzen für andere zu verringern und ihnen ein Leben mit mehr Möglichkeiten als vorher zu eröffnen – in welcher Form auch immer. Es kann der Abbau geistiger, emotionaler oder physischer Limitationen sein, der mehr Raum für eine gesteigerte Erlebensqualität schafft. Etwa Bildungsmaßnahmen zur Persönlichkeitsentwicklung, die wiederum neue Türen im Inneren und Äußeren sichtbar machen. Natürlich kann auch das Verändern systemischer Strukturen dabei helfen, das Überlebensproblem besser lösen zu können. Den Möglichkeiten, die eigenen und die Begrenzungen anderer zu überschreiten bzw. aufzulösen sind keine Grenzen gesetzt. Auch keine zeitlichen. Es geht hierbei weniger darum, die Welt schnellstmöglich zu verbessern, als darum, die Perspektiven möglichst vieler Menschen, die zur Entgrenzung ihrer selbst und anderer bereit sind, zu verändern. Es geht also darum, einen sozialpolitischen Auftrag zu definieren – und zu erfüllen, nämlich Multiplikatoren der Entgrenzung zum Besten aller zu finden, wenn nötig auszubilden und bei der Verwirklichung zu unterstützen.

Lebensraum und Lebenszeit

Worum geht es in diesem Leben? Um Erfolg oder Erfüllung? Um minimale Leiderfahrung oder maximale Liebesempfindung? Um Wachstum oder Wirkung? Um Freiheit oder Verantwortung? Vielleicht um ein Leben ohne „oder“. Einmal Alles bitte. Und das für Alle. In Freiheit und Verantwortung für sich und andere, für Umwelt und Nachwelt.

Klingt aus dieser Perspektive doch gar nicht so unmöglich, oder?