Surprising Salon Session No 12: Herzmassage

EU wie: Einigt Euch Endlich oder: Uneinigkeit Untergräbt Unser Universum

Klar, das demokratische Prinzip soll ja dafür sorgen, dass sich die unterschiedlichsten Meinungen Gehör verschaffen können und diskutiert werden. Die Auseinandersetzung macht aber erst dann einen Sinn, sofern prinzipiell eine gemeinsame Richtung im Raum steht, zu der alle beteiligten Partner einmal ganz generell “Ja” sagen können und wollen. Ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Mitmenschlichkeit könnte eine wünschenswerte Grundlage für ein Europa der Gegenwart und Zukunft sein. Diese drei Grundwerte, frei nach den Werten der Aufklärung “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” in zeitgemäßere Form gebracht, vermögen etwas, das derzeit dringend nötig scheint: Sie zeigen eine gemeinsame Basis, die für alle Europäer funktionieren kann, auf. Die Grundfrage heute lautet: Wer sind wir, die Europäischen Bürger, wenn nicht Zeit unseres Lebens mit unserer Geschichte verwurzelt und derzeit auf der Suche nach einer neuen gemeinsamen Geschichte, die uns den Übergang von einem nationalstaatlichen zu einem europaweiten Selbstverständnis ermöglicht?

Good (Bye) Old Europe

Das Gute Alte Europa definiert sich üblicherweise über seine Geschichte, beginnend mit den griechischen Philosophen, dem demokratischen Prinzip, der klassischen Kunst und Kultur, den jahrhundertelangen Einfluss von Christentum, Kirche und des feudalherrschaftlichen Machtgefüges. Weiters kommen im heutigen Europaverständnis die Werte der Aufklärung dazu, die neben den oben beschriebenen Aspekten auch zur Säkularität/Laizität, also zur Trennung von Staat und Kirche geführt haben. Daraus entwickelten sich letztendlich die Rechtsstaatlichkeit, das moderne humanistischen Denken und Handeln – eine Ausrichtung, die auf allgemeine Bildung setzt und das Wohl aller und nicht nur einiger Weniger im Auge behalten möchte – sowie die Rationalität und das wissenschaftlichen Prinzip als Basis zur Wirklichkeitsdefinition. Lauter gute Grundlagen, auf die wir stolz sein können; die allerdings auch schon vor der EU da waren. Was haben das vereinte Europa und das über die Historie gewachsene Selbstverständnis Europas miteinander zu tun? Stimmen die beiden überhaupt überein?

What Did The EU Ever Do For You?

Was hat die EU uns Neues und wirklich Gutes gebracht? Mehr Möglichkeiten zu mehr Miteinander: Gemeinsame Währung und Wirtschaftsraum, freie Mobilität von Menschen, Waren, Dienstleistungen. Aber was ist das schon alles, wenn der Schilling früher gefühlt mehr wert war, weil man um weniger mehr kaufen konnte – und wenn das empfundene Sicherheitsempfinden, aber auch die Zuversicht in eine aussichtsreiche Zukunft, wesentlich höher waren. Ein Brot kostete damals gefühlt ein Drittel vom heutigen Preis. Und es war so langweilig in der Hauptstadt Österreichs, dass ein Gefühl der Unsicherheit wohl eher als aufregendes Entertainment gegolten hätte, denn als ernsthafte Bedrohung. Und es schien noch möglich, sich Kraft seiner Arbeit, die man nahezu automatisch bekam und oft auch ein Leben lang beim selben Arbeitgeber behalten konnte, sogar ein Häuschen leisten zu können. Von sicheren und schönen Pensionen mal ganz abgesehen… Man könnte sagen, dass es ein Zufall ist, wenn Finanzkrise, Migrationsströme und Wirtschaftsflaute mit dem strukturellen Zusammenwachsen Europas zusammenfallen. Man könnte auch sagen, dass es die Europäischen Werte sind, die uns dorthin gebracht haben, wo wir sind: Zu einer größeren Gemeinschaft, die mit Hilfe des Ausbaus einer gemeinsamen strukturellen Basis mehr Miteinander ermöglicht. Nur die Menschen haben sich scheinbar noch nicht so recht ans Neue Europa gewöhnt. Viele suchen darin eher einen Schuldigen für die unabwägbaren Veränderungen unserer Zeit – und der Ruf nach mehr von „früher“ lässt sich wunderbar mit dem Ruf nach weniger Europa kombinieren…

Herzmessage

Was hat uns die EU also spürbar, sichtbar Sinnvolles gebracht? Eine Harmonisierung von Gesetzen oder das gemeinsame Antworten auf globale Krisen wie den Klimawandel oder die Finanzkrise? Pah – was ist das schon. Wir sind doch schließlich vorher auch ganz gut, wenn nicht sogar besser zurechtgekommen, oder? Was ist das alles wirklich wert, wenn die EU als wirtschaftsbasierter Interessensverein wahrgenommen wird, an dem sich “die da oben”, die Politiker und Konzerne, „die in Brüssel” bereichern? Und wenn man nicht nur nicht mit-partizipieren, sondern auch nicht mitreden, geschweige denn mitgestalten kann? Was ist eine Wirtschaftsunion in Zeiten der andauernden Wirtschaftsflaute wirklich wert? Wenn der gesellschaftliche Aufstieg nicht mehr möglich scheint und der Wohlstand nur schwer zu sichern ist, sowie das Überleben wieder zum Problem wird? Haben wir nicht dringendere Aufgaben vor unserer Haustüre, als die EU? Nein, haben wir nicht. Denn die heutigen Aufgaben verlangen europaweite, wenn nicht globale Lösungen. Arbeitswelt, Finanzwelt, Wirtschaftswelt, Zusammenleben – all das gehört neu gedacht, an die heutigen Anforderungen angepasst. Gute Ideen dazu gibt‘s erstaunlich viele. Von der Gemeinwohlökonomie über das bedingungslose Grundeinkommen bis zur Rückverbindung der virtuellen Finanzwelt an die reale Welt und dem Neustellen der Frage: Haben wir Geld – oder hat das Geld uns? Und was sind die Alternativen? Aber alle strukturellen und andersartigen Änderungsvorschläge brauchen eines gemeinsam: Sie müssen in eine Richtung gehen, die die Menschen (in diesem Fall Europas) auch wirklich wollen.

Europas neue Ausrichtung muss von uns Europäern mit Herz und Seele gewollt werden

Wenn die Grundfrage “Quo vadis Europa?” nicht geklärt und für jeden Europäischen Bürger auch tatsächlich klar ist, dann diskutieren wir an der kleinsten Kleinigkeit eine Ewigkeit herum. Dann kann ein einziges Veto schon mal das große Ganze ins Wanken bringen. Die Geister scheiden sich an jenen Themen, die zum Stellvertreter der wirklich großen Fragen gemacht werden (siehe “Kopftuch” und Islam/Intergrations-Debatte statt die Frage: Was wollen wir, dass Wirklichkeit wird?). Wo kein Herz und keine Klarheit, da kein Sinn und kein Ziel.

Ein Herz für Europa 

Ein Europa der Herzen, das wär schon was. Europa sollte ein uns gemeinsamer Raum sein, in dem wir uns wohlfühlen, beistehen, als gute Nachbarn verstehen. Nachbarn, die nicht nur nebenan wohnen, sondern die auch aufeinander achten. Nachbarn, die auch mal die Blumen giessen oder die Katze füttern, wenn‘s drauf ankommt. Nachbarn, die sich selbst erst richtig wohlfühlen können, wenn es den anderen auch gut geht. Nachbarn, die Verantwortung dafür tragen wollen, dass es den Menschen in ihrem Umfeld gut geht. Aber das tun wir doch schon, oder? Und zwar schon seit Langem. Das haben wir bereits getan, als man noch mit Pässen reisen und Geld wechseln musste. Sobald es friedlich war, waren wir auch Europäer, nicht nur Bürger jenes Landes, dessen Logo auf unserem Reisepass stand. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht war alles ganz anders? Vielleicht schauen schon seit Langem die Nachbarn auch des kleinsten Dorfes nicht mehr aufeinander…?

Eine/r gegen Alle

Die Vereinzelung, Individualisierung, Isolation – sichtbar im Ansteigen der Singlehaushalte oder im Umsatz der Datingplattformen – greift spürbar seit Jahrzehnten um sich. Das alte, gemütliche Familiengefühl einer angestammten community, die quasi angeborene Zugehörigkeit zu einem regionalen Clan, ging nicht nur in der Großstädten immer mehr verloren. Auch am Land verändert sich alles. Wir werden einander fremd, weil die altherbegrachten Normen und Rituale,  die “die Gesellschaft” vereinten, zunehmend wegbrechen, zu Konsumevents verkommen. Wir driften auseinander, weil sich einzelne ihre Welten bauen, aber diese von anderen nicht gesehen werden (können). Wir sind nicht mehr in einer (traditionsgeprägten) Gesellschaft zu Hause, aber noch nicht in einer Gesellschaft der Einen, der gelebten und akzeptierten Individualität und Vielfalt, angekommen.

Wir leben in einer Übergangszeit, in der das Alte nicht mehr funktioniert und das Neue noch nicht sichtbar, spürbar für alle ist.

Aber es, das Neue, formt sich gerade. Und wir sind mittendrin, statt nur dabei. Genau hier, in all diesen offenen Fragen und mit all diesen Gefühlen der Unsicherheit, können wir unsere Welt so gestalten, wie es die Herausforderungen der Gegenwart und unsere Wünsche an die Zukunft fordern.

Einer für alle, alle für einen

Wir sollten beginnen, uns als Vorreiter einer neuen Welt zu sehen und zu verhalten. Einer Welt, in der Menschen in aller individuellen Unterschiedlichkeit nicht nur ko-existieren, sondern sich gemeinsam entwickeln können. Dazu braucht es Visionäre wie Praktiker – die aus den unterschiedlichsten (Fach)richtungen und von Herzen dasselbe Ziel verfolgen.  Das Ziel kann ein Europa der Menschen sein. Europa, die Menschliche Union. Eine Union, die auf den Menschen (und damit auch auf die sozio-ökologische Nachhaltigkeit und die Wirtschaft als Dienstleister der Menschheit) schaut. Eine Union, die sich als Möglichkeit zur Verwirklichung des Besten aller möglichen Lebens versteht.

Europeans: Unique and United

Dazu braucht es viel und auch nicht. Es braucht viele Menschen, die dies wollen und danach handeln. Und es braucht wenig, nämlich nur die Adjustierung von Entscheidungen an diese generelle Ausrichtung. Ein Europa der Zukunft als Europa der Herzen richtet sich nach dem Menschen, ermöglicht das Aufblühen jeder*s einzelnen in aller Einzigartigkeit, sowie das gemeinsame Wachstum. Oder?

Gut und schön – aber wie?

Das diskutieren wir Bürger Europas am 12. Mai mit Vertretern aus Politik und Medien, Bürgerinitiativen, proeuropäischen Organisationen und Institutionen. Wir stellen uns der Frage, wie ein Europa mit lebenswerter Zukunft aussieht und welche Rolle Österreich und jeder Einzelne bei der Mitgestaltung Europas spielen kann…

EUROPA – DER MENSCH IM ZENTRUM. Symposium zur aktiven Mitgestaltung Europas. Am 12. Mai 2017, von 09.30-17.00 im Haus der Europäischen Union, Wipplingerstrasse 35. Eintritt frei, Infos und Anmeldung unter: http://bit.ly/2oPjGqA 

 

SUPER SIMPLE SOLUTION No 24 – Glück und Seligkeit

Nur ein Stück vom Glück?

Was macht uns wirklich glücklich? Ist es, dass wir Glück haben, also der sprichwörtliche „Lottogewinn“ in all seinen von uns erträumten Varianten? Oder sind es doch bestimmte, noch zu erlangende Umstände, die uns glücklich werden lassen: der Ring am Finger oder das eigene Baby, der coolste Job auf Erden oder massig Ruhm und Ehre? Lässt unsere Herzen vielleicht die pure Vorfreude (etwa auf den Urlaub, das romantische Dinner, das perfekte Weihnachtsfest) oder die Lust an der Sehnsucht (nach der nächsten Liebesnacht, dem idealen Partner, dem schönsten aller Zuhauses) höher schlagen? Mit größter Wahrscheinlichkeit führen alle diese Faktoren zu vorübergehenden Glücksmomenten. Was aber hält uns auf Dauer zentriert im richtigen Hormoncocktail, in der runden Stimmung, im geistigen Reichtum? Die „glücklichen Umstände“ vermögen genau dies nicht zu leisten. Dauerhaftes Glück entfaltet sich vielmehr entlang einer bunten Farbpalette ineinander übergehender Aspekte der tiefen Verbundenheit: Mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt – und mit dem Großen Ganzen.

Solche Augenblicke tiefer Verbundenheit entstehen im inneren Freiraum, im aufgabenfreien Zwischenraum, im Unverplanten, in den Lücken zwischen allem und jedem. Diese Lücken sind die Tore zum Ungeahnten, sie bilden die Brücken zum Einssein.

Worauf blicken wir, wenn wir durch diese Spalten in unserer gewohnten Realität hindurch schauen? Und was lassen wir von dort an uns heran, was kommt bei uns an?

Eine kleine Geschichte

Unlängst besuchte ich eine Lesung des Autors Daniel Kehlmann. Das Gespräch auf der Bühne begann damit, rund um Trumps Wahlsieg und die Unglaublichkeit desselben zu kreisen. Ich wollte innerlich schon abschalten, dachte ich hätte bereits alles darüber gelesen, gehört, gesagt, auch ausreichend eigenen Senf dazu geschrieben. Kurz davor, enttäuscht aufzustehen und zu gehen, kippte das Gespräch. Es kippte hinein in die Novelle Kehlmanns. Seine Geschichte handelt von der Auflösung der Wirklichkeit. Von der Unsicherheit, die einen Menschen völlig gefangen nehmen kann, von der Unentrinnbarkeit der Lücken im Leben. Alles dreht sich um die völlige Bemächtigung der Sichtweise, der Wahrnehmungsfähigkeit und des Wesens des Ich-Erzählers durch das, was außerhalb seines Horizonts liegt. Die Öffnungen zu anderen Erlebniswelten pirschen sich an ihn heran, färben seinen Gefühlshaushalt neu ein und vereinnahmen ihn dadurch Stück für Stück. Die Novelle macht auch beim Zuhören Angst. Weil sie jene Möglichkeiten unfassbar spürbar schildert, die eigentlich ungreifbar sein müssten und dennoch zu präsent sind, als dass sich der Protagonist noch an seine bisherige Realität klammern könnte.

Mitten in dieser Lesung war ich mitten in einer Lücke gelandet, in jenem Bruch, der unsere Welt derzeit erschüttert. Mehr noch: ich war nicht nur mitten im Erleben der Bruches, von dem sich noch nicht zeigt ob er der Anfang eines Zusammenbruchs oder der Aufruf zum Aufbruch ist. Ich war zudem in Mitten des Reflektierens darüber, des Redens über das Lückenhafte, das Unglaublich Reale, das Neue Andere im derzeitigen gesellschaftlichen Bewusstsein gelandet. Das irgendwie noch Unwirklich Wirkende aber zugleich Tatsächlich Geschehende wird von Kehlmann dabei nicht als aussichtsreicher Möglichkeitsraum dargestellt, sondern de facto als Horrorszenario. Das trifft den Nagel auf den Kopf, nämlich auf den Kopf jener Menschen, die derzeit nicht so recht wissen, wie sie mit den Brüchen in ihrer, in unserer Wirklichkeit umgehen sollen.

Die Tücke der Lücke

Dass wir in unsicheren Zeiten leben, wissen wir. Sicherheitslücken soweit das Auge reicht. Dass die Gesellschaft sich selbst nicht mehr zu verstehen glaubt, bekommen wir mit jedem „unerklärlichen“ Wahlerfolg und in den diesbezüglichen Kommentaren vermittelt. Vertrauenslücken wohin das Auge blickt.

Im Laufe der Lesung wurde mir die absolute Unentrinnbarkeit, die unsere emotionale Sicht auf das Vage unserer Realität in Bezug auf unsere Erfahrung der Wirklichkeit hat, richtig deutlich vor Augen geführt. Das Problem mit der Offenheit ist, dass wir nicht kontrollieren können, was durch sie hindurch tritt. Die Herausforderung liegt also darin, anzuerkennen, dass unsere Sichtweise auf die Brüche unserer Welt mitbestimmt, was durch sie auf uns zukommt. Dadurch gestalten wir im Hier und Jetzt unsere Zukunft, selbst wenn wir nicht einmal verstehen, was im Hier und Jetzt geschieht. Nennen wir es der Einfachheit halber self-fullfilling-prophecy: Wir sehen, was wir sehen können (wollen) und kreieren damit, was wir erleben werden. Und offenbar sehen derzeit viele Menschen die Zukunft – also was durch die Risse in unserer Wirklichkeit auf uns zukommt – eher schwarz. Nur wenige Menschen sehen strahlend weiß und völlig unbekannt viele sehen bunt.

Bunt sehen zu können heißt, die Lückenhaftigkeit als Teil des Gemäldes seines Lebens wahrzunehmen. Wer bunt sieht, der kann die Bruchlinien in der eigenen Realität, aus denen das Leben mittlerweile nicht mehr nur an den Rändern des Scheinwerfers unseres Blickwinkels besteht, zum ersten einmal erkennen. Buntseher sind zweitens dazu in der Lage, die mit der eigenen Selbst- und Welt-Wahrnehmung interferierenden, reinsickernden Wirklichkeiten anzuerkennen. Und sie können noch mehr. Sie sind drittens dazu im Stande, von rein Sehenden zu den Malern der Wirklichkeit zu werden, indem sie ihre Fähigkeit, durch ihre Wahrnehmung die Form der Interferenzen zu beeinflussen, entwickeln.

Kennzeichen der Seligkeit

Selig sind die, die bunt sehen.

Denn sie lassen sich überraschen. Von Angst, von Lust, von Freude, von Frust.

Selig sind die, die das Leben als das sehen, was es ist.

Als Wunder und Wahnsinn, einzigartig und bedeutungslos angesichts der Weite des Raums und der Vergänglichkeit der Zeit.

Selig sind die, aus deren Lücken Licht strömt.

Denn sie werden die Zukunft auf eine Art beeinflussen, die das Leben lebenswerter macht.

Glückskinder

Glückskinder leben jenseits vom Glauben und diesseits der Angst.

Wer ist ein solches Kind des Glücks? Das Bild meiner alten Großmutter kommt mir in den Sinn. Besonders ihre Augen. Sie war als Jugendliche nahezu blind gewesen. Seither (und nach dem Krieg) erfüllte sie eine unerschütterliche Freude am Leben zu sein und das Leben zu sehen. Diese Freude strahlte durch ihre Augen. Sie waren stets hellblau und zugleich tiefdunkel. Denn sie sah mit ihnen durch die Oberfläche hindurch. Sie erkannte das Lückenhafte in Menschen, sah die Bruchstellen in Selbstbildern, die Ungereimtheiten der Welt, die Unbestimmtheit der Zukunft. Und was sie sah bewegte sie zutiefst. Ihre Augen waren glänzend vor Mitgefühl mit all jenen, die die Großartigkeit zu Sein und zu Sehen nicht spürten und daher sich und anderen Leid zufügten. Sie tat nichts mehr, nichts anderes, nichts Besonderes, außer zu sehen und zu lächeln und ab und zu aus vollem Herzen leise zu singen. Sie war kugelrund und liebte das Leben. Und weil sie rund mit sich war, liebte das Leben sie zurück.

Die Welt ist rund und wir sind am Leben.

Was siehst Du, Glückskind?

SUPER SIMPLE SOLUTION No 23 – Jenseits von Gut und Böse

Gegensätze ziehen sich aus

Trump und Clinton – 2 Pole auf einem Kontinuum von Gut und Böse? Oder beide am „Negativ“-Pol, wie als „die Wahl zwischen Pest und Cholera“ oft in den sozialen Medien vergangener Wochen beschrieben? Aber wer gilt überhaupt als wirklich „gut“ heutzutage? Für die einen vielleicht Bernie Sanders oder Michelle Obama, für die anderen augenscheinlich Viktor Orban oder Recep Erdogan. Der Erfolg der jeweils „anderen“ ist für die „einen“ einfach unglaublich. Wie kann sich diese enorme Spanne zwischen „Gut“ und „Böse“ in unseren Köpfen bloß ausgehen? Wie kann eine(r) für die einen „Gut“ geheißen werden, während er/sie für die anderen absolut „Böse“ wirkt? Warum ist die Bevölkerung so gespalten? Wie kann es sein, dass die Meinungen der Menschen derartig unterschiedlich sind? Die Gesellschaft wirkt zerrissen zwischen Optimisten und Pessimisten, zwischen Progressiven und Konservativen, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Offenheit und Mauern, zwischen „der Welt“ und „der Heimat“. Und je klarer sich die Pole positionieren, umso offenbarer werden die Werteunterschiede, die Lebensweltunterschiede, die emotionalen Unterschiede. Gegensätze ziehen einander aus, sie machen den, die und das „Andere(n)“ jeweils öffentlich nackt und offenbaren dadurch sich selbst, ihre eigenen wertenden Sichtweisen, Engen, Grenzen, Ängste und Hoffnungen.

Vom „Warum?“ zum „Was tun?“

Antworten bzw. Erklärungen für diesen Umstand der offenbar zunehmend auseinanderdriftenden Gesellschaftsteile sind im Zuge des spätestens in diesem Jahr wahrnehmbaren Rechtsrucks in Europa, im Zuge von Entscheidungen der Bevölkerung wie des Brexits und im Zuge des Verlaufs und Ausgangs der US-Präsidentschaftswahl vielfach diskutiert worden. Um nur einige Faktoren für die Spaltung der Bevölkerung des Westens zu nennen, stehen sich offenbar zwei völlig gegensätzliche Erlebniswelten gegenüber:

  • Abgesichertheit versus Verunsicherung
  • Gefühl der Anerkennung versus mangelnde Wertschätzung
  • Globalisierungsgewinner versus Globalisierungsverlierer
  • Stabiles Selbstbild versus Identitätssuche
  • Zuversicht versus Aussichtslosigkeit
  • Lust am Gestalten der Zukunft versus Angst vor unbewältigbaren Veränderungen
  • Miteinander versus Gegeneinander

Zu diesen Gegensätzen, die unvereinbar daherkommen, gesellt sich die lang und öffentlich gelebte Ignoranz, Häme und Arroganz durch die „etablierten“ Meinungsmacher (links vom „versus“ in der obigen Liste, oft als „Eliten“ bezeichnet) den Sorgen, Kulturen und Kommunikationsweisen der „breiten Masse“ (rechts vom „versus“ in der obigen Liste dargestellt) gegenüber. Alle drei (Angst, kulturelle Zugehörigkeit und einfache, emotionale Diktion) weiß wiederum der Populismus zu bedienen. Er signalisiert all das, was vielen in ihrem Leben fehlt: Hoffnung, Zugehörigkeit, Identität, Sicherheit und macht damit zugleich die Gräben zwischen den Bevölkerungsschichten nicht nur sichtbar und spürbar, sondern zugleich tiefer, breiter – unüberbrückbar. So sieht es zumindest in den Augen der immer wieder hochschwappenden Ohnmachtsgefühle des einen Bevölkerungsteils aus.

Wer gewinnt?

Diese Entwicklung führt zu einer Ausdifferenzierung der Werte von Menschlichkeit und Toleranz auf der einen Seite und von Selbstzentriertheit und Autorität auf der anderen Seite. Es scheint als würden derzeit zwei Wertesysteme zugleich und nebeneinander existieren: Jenes, das auf die „Macht des Stärkeren“ vertraut und jenes, das auf den „Verstand der Gebildeten“ setzt. Faust gegen Hirn.

Aber mit dieser Sichtweise sind wir genau da, wo wir keinesfalls sein sollten: in der entweder-oder-Falle!

Wo ist das Herz?

Denn Überlegenheit, Abwertung oder Ausgrenzung der jeweils anderen Seite sind Merkmale beider Parteien und machen die dabei entstehende Reibungswärme potenziell explosiv. Gutmenschen und Diktatoren – beide folgen dem alten Prinzip „teile und herrsche“, indem sie die Welt durch ihre Handlungs- und Kommunikationsweisen in schwarz und weiß trennen. Das funktioniert allerdings nicht auf Dauer. Nicht, ohne die jeweils „eigenen“ Unterstützer in die Aggression und den Kampf für das jeweils aus eigener Sicht „Gute, Richtige“ zu führen. Kampf ist das Gegenteil von Friede. Doch durch Wegschauen wird sich der Friede nicht einstellen. Was folgt aus diesem Patt? Der gesellschaftliche Herzstillstand, weil Kopf und Bauch nicht und nicht zueinanderfinden?

Spannungsfeld oder Schlachtfeld, das ist hier die Frage

Spannend ist an sich alles, was sich zwischen 2 Polen positioniert und von dort aus auf ein Ideal zubewegt. Solche Ideale sind für die einen vielleicht „Eine Welt ohne Rassismus“ und für die anderen vielleicht „Eine Welt ohne Fremde“. Und jedes Ideal kann im Vergleich zur Realität Anlass zum Kampf oder aber zum Hinterfragen des Ideals sein. Die Spannung zwischen Realität und Ideal lässt sich nur durch Bewegung in die eine oder andere Richtung auflösen.

Entspannend wirken würde hingegen der Entschluss, die Polarität selbst und an sich aufzulösen, zu transzendieren, in einen dritten Weg umzuwandeln. Dazu gälte es, die Realität als solche anzuerkennen und die jeweils vorhandenen Ideale als Inspiration zu verstehen, um in jeder Situation das zu tun, was… Ja, was denn?

Wo wollen wir denn überhaupt hin?

Es ist wieder einmal so weit in der Geschichte: Wir müssen uns überlegen, wo wir als Menschheit hin wollen. Derzeit leben wir unter anderem im Spannungsfeld zwischen den Polen Haben und Sein. Die, die haben, wollen einfach nur weiterhin so sein können, wohl-habend, friedlich und miteinander. Die, die „nur“ sind, wollen einfach mehr haben, wollen „wer“ sein, dazugehören. Notfalls mit Gewalt und gegen „die Anderen“, im Wohlstand oder der Bildung Etablierten.

Wer hat Recht?

Leider wieder so eine „falsche“ Frage. Es geht nicht um den richtigen, den rechten, den guten oder schlechten Weg. Es geht darum herauszufinden, was wir wollen und wie wir dorthin kommen. Mein Vorschlag: Haben und Sein. Wohlgefühl kann beide Seiten verbinden. Und lässt sich vielfältig herstellen. Statt „Wer hat Recht?“ lautet die Frage dann „Wo und wie fühlt es sich gut und richtig an?“ Die Antwort ist auch eine kulturelle: Wo kann und will jemand dazugehören? Hier liegen die möglichen „Heimatländer“ momentan eben sehr weit auseinander. Die Jungen, jene aus urbanen Gebieten und mit höherer Bildung wollen sich in der Welt zu Hause fühlen. Die Älteren, Ländlicheren und mit weniger Bildung wollen es sich in ihrem altbekannten Zuhause ungestört gemütlich machen – oder sich zumindest ein Zuhause sichern. Beide Wege zeigen diametral auseinander. Und wir können die Dualität nicht auflösen, indem wir die eine oder die andere Seite mit einer „entweder-oder“-Sichtweise betrachten. Es darf schlichtweg nicht um Sieger und Verlierer gehen, selbst wenn es tatsächlich welche gibt und geben wird.

Es muss um einen neuen Weg gehen, der an das Alte anzuknüpfen vermag, und der sich gut anfühlt.

Ein für alle gangbarer Weg. Er gehört ermittelt, kommuniziert und von auf beiden Seiten akzeptierten Menschen authentisch vorgelebt. Ohne sichtbare Verkörperung des Dritten Weges wird es schwierig, weil wir dann in der Öffentlichkeit nur Personifizierungen der einen oder der anderen Seite sehen.

Der Dritte Weg

Wie kann er aussehen, der „Dritte Weg“? Es ist sicherlich nicht der Dritte Weltkrieg. Und zugleich dürfen bestimmte „heiße Eisen“ der Geschichte, Gegenwart und Zukunft nicht verdrängt werden. Warum werden Menschen radikal? Weil sie sich nicht zugehörig fühlen. Nicht geliebt, anerkannt, verstanden, wertgeschätzt. Einsamkeit, Aussichtslosigkeit und Trostlosigkeit macht Menschen aggressiv. Aber sobald sich die derart negativ Gestimmten, die Angstbesetzten und Aggressiven gegenseitig bestärken, haben sie auf einmal alles: das Gefühl, gesehen zu werden, dazuzugehören, Anerkennung, Wertschätzung, Identität. Die gesellschaftliche Verurteilung durch den „Mainstream“ wirkt lange nicht so stark, als dass sie diese verlockende Anziehungskraft aufheben könnte. Ganz im Gegenteil. Plus- und Minuspol, Positivität und Negativität befinden sich momentan im Gleichgewicht. 50:50. „Was machen wir daraus?“ ist die einzig relevante Frage.

Zeit für einen Perspektivenwechsel

Statt „Es war einmal…“-Erzählungen zu schmieden ist es Zeit „Es wird einmal…“-Bilder zu schaffen und zu konkretisieren. Bilder, die auch die Folgen vergangener (Fehl-)Entscheidungen auf die mögliche Zukunft projizieren. Wie sieht unsere Welt in 10 Jahren aus, wenn wir weiter Mauern auf allen Ebenen bauen? Wie sieht sie aus, wenn wir es nicht tun? Wie sehen die zukünftigen Lebensbedingungen in diktatorisch geführten Ländern aus? Und wie sehen sie in demokratisch bestimmten Ländern aus? In welcher Welt wollen und können wir leben?

Wir brauchen zudem realistische Bilder eines funktionierenden Miteinanders ohne allen Gutmenschentums oder Populismus und im Angesicht der Hoffnungen und Ängste der Menschen. Dazu braucht es Kreativität und den Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue gangbare Visionen zu entwerfen – und die Weisheit, das Bisherige nicht außer Acht zu lassen. Wir alle sehnen uns nach Neuem und nach Sicherheit, nach Entertainment und nach Souveränität, nach Authentizität und Vertrauenswürdigkeit.

Die Synthese von Gut und Böse

Was wir brauchen sind Künstler*innen des politischen Alltags, die glaubwürdig wie Bernie Sanders und Donald Trump in einer Person für eine Zukunft eintreten, die für alle oder zumindest die meisten wünschenswert oder zumindest akzeptabel ist. Wir brauchen Revolutionäre*innen der Ehrlichkeit, Visionäre*innen der Menschlichkeit, Radikale des Mitgefühls, Weise der Wirkungsweisen, leuchtende Führer*innen durch unsichere Zeiten. Frauen und Männer, die beinhart zu sich selbst und der Welt, in der sie leben und leben möchten stehen. Wir brauchen Seher*innen, die vorleben, wie eine Zukunft im Wohlgefühl für alle aussehen kann. Ist das einfach? Ja und Nein. Ja, weil es solche Menschen gibt. Und Nein, weil der Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung da steht, wo er sich gerade zuspitzt: in der Bewusstmachung der Gegensätze. Sind sie der Bevölkerung klar genug, ohne dass es zu einem „entweder-oder“-Kampf kommt, kann sich der dritte Weg herauskristallisieren, verkörpert und angenommen werden.

Super Simple Solution No 3 – Der Europäische Frühling

Genug vom Europäischen Winter!

Das Wetter ist scheußlich. Im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn. Es wird höchste Zeit für Wärme und Licht. Wenn ich aus dem Fenster sehe – und wenn ich auf Europa blicke. Daher fangen wir heute zur Abwechslung gleich mit der Lösung des Problems an:

Europa im Frühling

Wie kann ein Europa aussehen, das de facto aufblühend aus all seinen Krisen hervorkommt? Kann es das überhaupt geben? Sind wir nicht dem sicheren Untergang geweiht?

Nein. Wir erleben schlichtweg in jedem Augenblick das, was wir aus unserer Situation machen. Jeder von uns bestimmt die Richtung, in die wir uns bewegen, mit. Durch unsere Einstellung, unsere Sprache, unser Handeln verändern wir unsere Welt mit jedem Atemzug. Nichts ist tatsächlich so, wie in unseren Erwartungen (seien sie nun durch Angst oder von Hoffnung gespeist).

Alles ist wie es ist – und zugleich haben wir die Macht, durch unser Tun das Werden zu verändern.

Was gilt es also zu tun, wenn wir jetzt und in Zukunft ein friedliches und konstruktives Miteinander in aller Vielfalt und trotz aller Krisen erleben wollen?

Die Antwort ist überraschend einfach: Seien wir genau jetzt, im Angesicht der offenen Entwicklung in eine noch nicht feststehende Zukunft, jene Menschen, mit der wir unsere Welt bevölkert sehen wollen. Hier liegt die Lösung: Entscheiden wir uns für ein gemeinsames Europa. Leben wir, und zwar jeder einzelne von uns, Frieden, Freiheit, Freundschaft und Gerechtigkeit vor. Hier und jetzt – für alle sichtbar, weltweit.

Sie fragen sich vielleicht: Wie und warum? Hier kommen einige praktische Ansätze:

Europa im Umbruch

In Zeiten anhaltender Krisen (Finanz, Wirtschaft, destabilisierte Staaten, und ja, drängende Flüchtlingsfragen) gilt es, einen klaren und sinnvollen Weg einzuschlagen. Ein solcher ergibt sich aus einem gemeinsamen Ziel, welches die Frage zu beantworten vermag: Quo vadis Europa?

Was sich derzeit im Umbruch befindet ist vor allem das Selbstverständnis, mit dem wir Europäer (die wir uns selten als solche begreifen, außer wir sind im nicht-europäischen Ausland) die Privilegien der ersten Welt für uns beanspruchen. Ja, es sind unsere Selbstverständlichkeiten, die derzeit in Gefahr scheinen: unsere Sicherheit (Arbeit, Einkommen, Pensionen, Wohlstand und Wohlgefühl) und unser Wachstum (die berechenbar positive Entwicklung von Wirtschaft oder die Güte unserer Bildung) – ganz generell gesagt: unser lieber Frieden und die schönen Aussichten stehen derzeit auf dem Prüfstand.

Bricht Europa auseinander?

Die einen sagen: Früher war alles besser. Naja, kommt darauf an, wie viel früher. Das ist definitiv eine Generationenfrage. An den letzten Krieg denken möchte dann doch keiner.

Einen ähnlichen aber in Zukunft zu vermeiden, daran zeigen besonders jene kein Interesse, die derzeit zurück zur vermeintlichen Stabilität der 80er, 90er und 2000er wollen. Eine egogetriebene Stabilität, die in weiten Teilen die aktuellen Krisen mitverursacht hat. Die Vorgehensweisen der Gewinnmaximierung durch etwa (un)wahrscheinlichkeits-berechnete Spekulation oder die Hoffnung auf ewiges Wirtschaftswachstum haben wohl vielen den Blick auf nachhaltig sinnvolle, weil langfristig stabile Strukturbildungen verstellt. Schnelle, weil krisenbedingte Strukturänderungen stellen jedoch für Menschen, die ihre Notwendigkeit nicht sehen, weil sie an „der guten alten Zeit“ und ihrer scheinbar ruhigen Vorhersehbarkeit hängen, eine schwere Irritation dar. Schock und Abwehr sind die Folgen. Angst greift um sich. Allesamt Emotionen, die das Gegeneinander schüren und Probleme vergrößern, anstatt im und durch das Miteinander Lösungen zu suchen, zu finden und umzusetzen.

Europa im Aufbruch

Worüber wir uns zumeist einig sind: Aufhetzen und Panikmachen sind keine effizienten Wege zu effektiven Lösungen. Negative Emotionalisierung nährt die Abwehr und das Verurteilen, um nicht zu sagen das Vor-Urteilen. Fühlen wir uns angegriffen, folgt eine Stressreaktion: fight or flight, wie es so schön heißt. Aber Flüchten geht derzeit nicht gut, nicht einmal in die Unterhaltung oder den Genuss (wie es unsere Konsumgesellschaft ja schon so lange recht erfolgreich mit dem Verdrängen der Probleme dieser Welt tut). Flüchten bringt nichts, schon gar keine Hoffnung – das führen uns die vielen Flüchtlinge momentan nur allzu offenbar vor Augen.

Bleibt also das Kämpfen. Aber wollen wir nicht gegen etwas sein (wie kämpft man gegen Finanz- und Wirtschaftskrise oder gegen destabilisierte soziale Systeme?), dann stellt sich die Frage: Wofür? Wofür wollen wir kämpfen?

Oder gibt es vielleicht noch andere Handlungsalternativen? Wohin bitteschön, sollen und können wir mit all dem individuellen und kollektiven Stress, der uns Europäer aktuell aufmischt?

Die Macht unserer Wahl

Flucht, Kampf oder Stressabbau. Das sind scheinbar unsere drei Wahlmöglichkeiten.

Um die bestmögliche Wahl punktgenau und kräfteschonend zu treffen, ist es hilfreich, zuvor eine Grundsatzentscheidung zu treffen. Die kann meiner Meinung nach nur ein „Ja zu Europa!“ sein. Denn am derzeitigen Scheideweg der Geister und Handlungen gibt es nur ein Ja oder Nein. Klar, über Form und Struktur Europas kann man dann wieder streiten. Aber eines sollte klar sein: Europa steht als demokratischer Verbund für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Und das soll so bleiben. Am besten im Angesicht der Krisen noch wesentlich profunder verwirklicht werden! Ab dieser prinzipiellen pro-Europäischen Entscheidung liegen wieder unsere 3 Wahlmöglichkeiten vor uns: der Kampf, die Flucht und der Stressabbau.

Handlungsvariante 1: Der Kampf

Für ein solches Ziel, für ein solches Europa wollen und können wir tatsächlich guten Gewissens kämpfen. Auf so viele Arten und Weisen: Im täglichen Gespräch mit allen möglichen Menschen, in (social) medialen Diskussionen, in Demonstrationen, in Hilfsaktionen. Wenn wir uns unserer prinzipiellen Einstellung und leitenden Motive bewusst sind, dann nimmt der Kampf eine proaktive Haltung ein, keine streitende, aggressive. Wir sind dann bedingungslos FÜR Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Und zwar ALLER Menschen.

Bleiben als Alternativen die Handlungsvarianten 2 + 3:

Flucht und Stressabbau

Beginnen wir mit dem Stressabbau: Eine gute Verbindung zu Mitmenschen ist erwiesenermaßen (siehe mein Buch „Die Kunst der Begegnung“) ein Garant für nachhaltigen Stressabbau: Das intensive Gespräch, das einander-Halten, das für einander Da Sein – ob wir das Gegenüber nun kennen oder nicht – führt zu Wohlgefühl, zu innerer Stabilität, zu Selbstvertrauen und Weltvertrauen. Und wenn das Gegenüber nicht will? Dann gibt es genügend andere, mit denen wir eine vertrauensvolle Stimmung aufbauen können. Und das braucht Europa derzeit wirklich: Vertrauen in uns als seine Bürger, in unsere Gegenwart und Zukunft. Nein, die Politik ist nicht an allem Schuld. Ja, wir können Verantwortung tragen und dazu beitragen, dass unsere Gegenwart und Zukunft menschlicher, wärmer, hoffnungsvoller und ganz real angenehmer und stabiler wird. Jeder Mensch, der sich selbst stabil und zugleich offen hält, ist ein Beitrag zu jener Zukunft, die es an uns liegt, derzeit zu gestalten.

Und die Flucht? Lassen wir die Ablenkung mal außen vor. Reine Ablenkung, Verdrängung und Ignoranz setzt selten aktiv Veränderung in Gang. Man kann natürlich darauf hoffen, dass alles einfach vorbei geht und wir unbeschadet davon kommen.

Eine etwas andere Art der Realitätsflucht sind gute Bücher, aufbauende Filme, aber auch Sport, Genuss, Natur. Statt Fluchtpunkte bieten sich hier eher Kraftquellen, die wir uns gerade in dieser aufreibenden Zeit gönnen sollten. Jedenfalls solange, wie wir die Balance aus Realität und Fiktion dazu nützen können, unsere Welt in eine anstrebenswerte Wirklichkeit zu verwandeln.

Wir haben die Wahl. In jedem Moment. Abwehr oder Offenheit, Zurückziehen oder Stress abbauen. Alles ist möglich. Wissen wir, wofür wir selbst stehen, fällt die Entscheidung, was in jedem Augenblick am sinnvollsten zu tun ist, nicht schwer. Die Folgen eines solchen Handelns sind weitreichend.

Wir können uns sogar ein blühendes Europa vorstellen!

Wie kann so ein Europa aussehen? Es ist ein Europa mit gleichen Rechten und Pflichten für alle, die hier miteinander leben. Ein Europa, das dadurch letztendlich auch als Vorbild für ein friedliches und gerechtes Miteinander in globalem Ausmaß dienen kann. Feiern wir unsere Tradition und denken wir weiter als nur bis zum nächsten Vorteil oder zu den Herausforderungen des Alltags. Stellen wir uns weiterhin den Herausforderungen des Menschen und der Menschheit an sich. Entwickeln und etablieren wir heute Lösungen, die das Potenzial dazu haben, eine Zukunft für alle zu sichern. So weit muss Krisen-Management gehen. Danach sollte sich die Führung in Krisenzeiten und durch Krisen orientieren.

Die Vision eines gemeinsamen Europas hat die Macht, unsere täglichen Entscheidungen, seien sie politisch und menschlich, zu leiten. Eine solche Vision hat auch die Kraft, dem Abendland einen Frühling zu bescheren. Und das nicht auf Kosten anderer, sondern zum Vorteil aller.