SPECIAL SCREEN SCRIPT 21: Von der Zukunft der Demokratie in Europa

Demokratie auf dem Prüfstand

Ja, gegen Polen und Ungarn laufen EU-Verfahren, weil die demokratisch gewählten Vertreter dieser Staaten sich ihre nationalen Systeme so zurechtbiegen, dass dabei die Grund- und Menschenrechte, die Rechtsstaatlichkeit und die Demokratie unter die Räder kommen. Die Bevölkerung sieht dabei machtlos zu – und wird mit jeder Maßnahme weiter entmachtet. Warum uns das etwas angehen sollte? Weil diese Entwicklung mit verführerischem (Rechts-)Populismus begonnen hat. Und weil ebendieser für immer mehr Menschen in ganz Europa alltagstauglich zu werden scheint. Das muss uns zu denken geben, denn wenn wir nicht darüber nachdenken beißt uns das Toleranz-Paradoxon in den Allerwertesten: Wer nämlich der Intoleranz gegenüber tolerant ist, der stärkt aktiv die Intoleranz – auch und gerade wenn er gar nichts tut. Davon war schon Sir Karl Popper zurecht überzeugt.

Wie Demokratie zur Demontage der freien Gesellschaft führen kann

Die Gleichgültigkeit den Intoleranten gegenüber hat – gepaart mit etwa massiven Wirtschaftskrisen und sozialer Ungerechtigkeit – bereits in den 1930ern dazu geführt, dass demokratisch gewählte Führungsfiguren sich die Welt so gemacht haben, wie sie ihnen gefällt. Und damit eben nicht „dem Volk“ gerecht werden, wie sie zunächst behaupten. Zu Beginn tun sie so, als ob sie für „das Volk“ stehen, danach herrschen sie über „das Volk“. Sie werden von Opfern der „bösen“ Eliten, Medien oder Migranten etc., die angeblich den Schutz von starken Männern brauchen, schrittweise zu entmachteten Untergebenen, die zu tun haben, was ihnen befohlen wird.

Eine Übertreibung, die uns heute nicht betrifft? Nur, wenn wir aktiv werden und uns für die Gesellschaft einsetzen, in der wir tatsächlich leben wollen.

Es ist Zeit aufzuwachen.

Der Populismus verführt all jene, die Lust auf heiße Emotionen haben, auf grelle Feindbilder, die ihren Vorurteilen entsprechen und ihre Bedürfnisse befriedigen. All jene werden wie die Motten zum Licht gezogen, die sich und ihre Gewohnheiten zu bestätigen suchen. Es ist die Suche nach Selbstwertgefühl und nach Aufwertung, die Suche nach einem besseren Gefühl, die sie auf den glänzenden Hoffnungsschimmer in Form der Verkörperung von aalglatten „Gewinnertypen“ mit patriarchalem Charm hereinfallen lassen. Populisten verführen jene, die einer Zugehörigkeit zu den „Starken“ bedürfen, um sich geschützt zu fühlen. Sie sprechen all jene an, die „zurück zur Normalität von früher“ wollen. Nur dass es niemals wieder „normal“ zugehen wird. Dass diese scheinbar Starken auf die echten Fragen unserer Zeit keine Antworten haben ist dabei keine Neuigkeit. Wo die Entscheidungsträger weniger auf kompetente Sachlichkeit zum möglichst Besten aller und vielmehr auf emotionale Zugkraft und eigene Vorteile achten, ist die freie Gesellschaft in Gefahr.

Warum antidemokratische Kräfte attraktiv sind

Die vox populi, die „Stimme des Volkes“, wirkt offenbar sukzessive immer stärker auf immer mehr Menschen. Die mittig-Rechten, mitunter sogar die Linksorientierten, geben sich dem Opportunismus hin und surfen auf dieser Welle. Die sanfte Stimme der Mitte zersplittert zusehends weiter in viele Fragmente der Uneinigkeit. Sie ist in ihrer Gesamtheit dadurch mittlerweile so leise, dass sie nicht mehr gegen die platten Parolen der Lauten ankommt. Eine wachsende Menge an Menschen gibt sich den frohen Hoffnungen, die der Populismus predigt, hin. Wer genau diese Menschen sind? Sie sind gut untersucht und wurden vielfach dargestellt: die wirtschaftlich und digital durch die Globalisierung Abgehängten, die Alleingelassenen im ländlichen Raum, die schlecht ausgebildeten Männer, die aussichtslosen Jugendlichen, die Abstiegsgeängstigten der Mitte. Diese Klassifizierungen scheinen mir trotz einer fast spürbaren Nachvollziehbarkeit für all jene, die diesen Gruppen nicht angehören, zu kurz zu greifen.

Vom gemütlichen Früher über das holperige Heute zum mysteriösen Morgen

Schauen wir tiefer in die vielschichtigen Veränderungen, die unsere Gesellschaft seit einiger Zeit schon durchmacht, so finden wir faszinierender Weise gleich mehrere Themenfelder, die diesen Umbruch markieren. Wobei die Wandlung eine deutliche Richtung und eigentlich auch eindeutig erkennbare Ziele hat. Aber der Weg in die Gesellschaft der next generation bzw. der next dimension wird kaum professionell begleitet, weder durch politische noch durch zivilgesellschaftliche Integrationsfiguren. Es fehlt das klare Bild einer gelingenden Gesellschaft von morgen, also wie eigentlich genau das Zusammenleben funktionieren soll, wenn wir die Veränderungen dann irgendwann einmal endlich durchstanden haben. Ohne dieses Zukunftsbild, ohne vertrauenswürdige Leitfiguren sowie ohne glaubwürdige, leitende Medien als Wegbegleiter, ist der Stress der Unsicherheit dieser heftigen Umbruchszeiten so groß, dass der Regress, der Rückzug, die Abwehr, die Ignoranz – oder aber die Aggression, die Gewalt, der Kampf ungemein attraktiv werden. „Kopf in den Sand, „Zurück zum Alten“ oder „Kampf dem Neuen“ lauten dann die Devisen…

Was sich gerade ändert und wohin die Reise geht

Dass Menschen und Regionen, Kulturen und Staaten zudem auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen dieser Umbruchsphase stehen und unterschiedliche Prioritäten haben macht die Sache nicht leichter. Verständlich werden dadurch jedoch die ganz Europa ergreifenden Grabenkämpfe. Sobald man die Entwicklungslinien, die im nächsten Abschnitt dargestellt sind, ansieht, wird sonnenklar, wer warum wofür und wogegen kämpft. Manche wollen an der linken Spalte festhalten („die gute alte Welt“), andere wollen endlich in der rechten Spalte („die gute neue Welt“) ankommen. Kombiniert mit den Stress-induzierten Handlungsalternativen von Ignoranz, Abwehr oder Aggression ergibt sich überraschend schnell ein Abbild der Positionen von Menschen, gesellschaftlichen Interessensgruppen oder auch Parteien. Das Dilemma Europas ist, dass kaum jemand den Wechsel von „vorher“ zu nachher“ deutlich anspricht, ihn koordiniert, begleitet und den Menschen dabei hilft sich und die Gesellschaft schrittweise weiter zu entwickeln. Ein zweites Dilemma ist, dass Populisten die vorhandenen Klüfte absichtlich nach dem Motto „teile und herrsche“ vertiefen, sodass die Gesellschaft auseinanderzudriften scheint anstatt zusammenzuwachsen und gemeinsam zu Wachsen.

Entwicklungslinien und Bruchstellen der Europäischen Gesellschaft

  • Analoge Welt                                                       –>  Digitale Welt
  • Glaube an ewiges Wirtschaftswachstum      –>  Nachhaltige Wirtschaft
  • Nationale Gesellschaften/BürgerInnen         –> International verflochtene Gesellschaft(en)/Europäische BürgerInnen/Global-Gesellschaft
  • Institutionell-religiös Orientierung               –>  Individuell-spirituelle Orientierung
  • Glauben(ssysteme)                                            –> Wissen(schaft)
  • Patriarchal Führende                                       –>  Gleichberechtigt Führende
  • Autoritäre Systeme                                            –>  Demokratische Systeme
  • Mono-ethnische Gruppen                                 –>  Multi-ethnische Gruppen
  • Monokulturell geprägte Regionen                  –> kulturell vielfältig geprägte Regionen
  • Exklusive, starre Identität                                –> Inklusive und liquide Identität
  • Konkurrenz                                                         –> Kooperation

Wir bewegen uns mit unserer Lebenswelt schon seit Längerem von links nach rechts (im Sinne der obigen Aufzählung). Aber manchen geht das einfach zu schnell. Andere haben das Gefühl, die Basis ihrer Identität zu verlieren, fühlen sich angegriffen, wissen nicht mehr wer sie in der neuen Welt sein sollen – ohne sich die befreiende Frage zu stellen, wer sie eigentlich sein wollen. Dritte wiederum sehen nicht, wie die Zukunft aussehen kann. Vierte nutzen all dies aus und versprechen das Gewohnte aus dem Hut der verklärten Vergangenheit in die vorgestellte Gegenwart zu zaubern.

Dabei wäre alles so einfach. Wir verändern gemeinsam die in sich abgeschlossenen, inkompatiblen und Andere exkludierenden Systeme in eine Gemeinschaft, die mit Hilfe eines transkulturell-systemischen Rahmens (= Grund- und Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Säkularität) für das friedvolle Zusammenleben in aller Vielfalt sorgt.

Was die Demokratie der Zukunft schon heute braucht

Es sind vor allem demokratiefähige und -willige Europäische BürgerInnen, die unsere Gesellschaft heute schon braucht um morgen miteinander leben zu können. Wir brauchen Führende, die klar wissen, warum und wie wir alle gemeinsam, wenn auch vielleicht zeitversetzt, in der oben rechterhand angegebenen Spalte ankommen. Wir brauchen Medien, die emotional verantwortlich, sachlich kompetent und einfühlsam diesen Weg begleiten und das Ziel dabei nicht aus dem Augen verlieren. All dies verlangt Menschen, die wissen, was sie wollen – nicht für sich, sondern im Sinne der Menschheit, also im Sinne aller Menschen. Die mitgestalten wollen, aber nicht um der Macht, sondern um des Ergebnis Willen. Die einander erkennen und miteinander in einer Kooperationsgesellschaft diskursive Überzeugungsarbeit leisten können und wollen.

Es ist letztlich der Diskurs, der darüber entscheiden wird, ob wir miteinander leben lernen. Es gilt dabei der oftmals praktizierten pro-kontra-Logik, wie sie etwa im EU-Bashing in einer Reduktion auf „Ja oder Nein zur EU“ üblich wurde, eine Absage zu erteilen. Es ist das verstehende und einfühlende „sowohl-als-auch“, das unter dem Dach des „größeren gemeinsamen Ganzen“ aus Irritationen zunächst Informationen und letztlich Innovationen machen kann. Jeder einzelne zählt in diesem Prozess. Jeder Dialog ist ausschlaggebend.

Demokratie heißt aktiv mitreden und mitgestalten

Dazu können Gespräche zuhause oder auf der Strasse genauso beitragen wie Diskussionsrunden oder Medienaktivitäten. Private Postings sind dabei genauso wichtig wie Führungskräfte und andere gesellschaftliche role models und Meinungsmachende. Wo ein Wille, da ein Weg in eine gelingende Zukunft. Ich wünsche uns allen den Mut zum Willen und die Kraft, auf dem Weg zu bleiben, auf dass wir alle gemeinsam in einer rundum lebenswerten Zukunft ankommen.

Auszug aus meinem Beitrag zur ORF-Podiumsdiskussion „Der Auftrag: Demokratie“, aufgezeichnet im Radiokulturhaus am 06.11.2018

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Surprising Salon Session No 21: Es b(r)öckelt…

Ein Bock ist ein Bock ist ein Bock

Und mitunter geil. Wer triebgesteuert durchs Leben geht, der hat es aber mittlerweile zumindest nicht mehr ganz so einfach. Obwohl Frauen es diesbezüglich ja nie wirklich einfach hatten. Wollten sie „zu viel“, mit „zu vielen“ verschiedenen Partnern oder abseits der gesellschaftlichen Konventionen ihren Trieben frönen, so galten/gelten sie als (beliebiges weibliche Genitalien oder Sexarbeiterinnen betreffendes Schimpfwort einfügen). Sie wurden und werden in weiten Kreisen der Gesellschaft massiv abgewertet.

Männer hatten es diesbezüglich zumindest früher viel einfacher. Ein Klatsch auf den Kellnerinnen-Po, die Sekretärin am Schreibtisch nehmend und die aufstrebenden Karriere-Damen ihren Leistungswillen beweisen lassen – das war/ist offenbar, was viele Männer woll(t)en. (Mancher) Mann will sich einfach nehmen, was Mann „braucht“: Viel zu oft werden Autoritätsverhältnisse an Schulen missbraucht und Übergriffe zu Hause ignoriert. Viel zu lange, wahrscheinlich ein Männer-Menschengedenken lang, war Missachtung, Missbrauch und Misshandlung aller Art eine totgeschwiegene und damit geduldete Selbstverständlichkeit. Die klassischen Abwehr- und Rechtfertigungshaltungen sind seitens vieler Männer zumindest unbewusst das Patriarchat – also die scheinbare gott- oder natur- oder kulturgegebene Überlegenheit der Männer über die Frauen. Viele Frauen sind mit solchen Verhaltensmustern aufgewachsen und nehmen ihre unterlegene Rolle als gegebenen Umstand an – ein besonders heikler Punkt, wenn es um die „Die ist ja selber Schuld“-Argumentation geht.

Wobei einfach nur festzuhalten ist: Ein geiler Bock ist ein geiler Bock. Und wenn er seine Triebe ausleben will, müsste er sich nur an eine Regel halten. Erlaubt ist, was erlaubt wird (also im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen stattfindet), von beiden gewollt wird und beiden Spaß macht.

Sex und Macht

Wer Sex hat, fühlt sich danach meist besser. Wer gerne sexuelle Handlungen vollzieht, die verboten sind, erfährt einen besonderen Kick. Wer Grenzen überschreitet, beweist sich und anderen damit, etwas Besonderes zu sein. Sex und Selbstwert sind bei vielen Menschen untrennbar miteinander verbunden. Im positiven Fall entspannen sich die Muskeln, Stresshormone werden abgebaut und Bindungshormone ausgeschüttet. Im negativen, übergriffigen Fall, wird dem gegenüber Gewalt angetan – einer erhöht und befriedigt sich auf Kosten der/des anderen.

Wenn die Fassade b(r)öckelt

Machoismus war früher, im letzten Jahrhundert wohl tatsächlich en vogue. Er ist es nicht mehr. Andere Kulturen pflegen ihn noch, ältere Semester sind darin sozialisiert. „Wo die Männer die Chefs sind und die Frauen zuarbeiten, da ist die Welt noch in Ordnung“ – dieser Ansicht sind tatsächlich immer noch viele. Aber wenn durch Unterdrückung ein Vorteil entsteht, sei es psychisch (Selbstwertgefühl), emotional (Überlegenheitsgefühl), physisch (Druck abbauen), sowie wirtschaftlich (höheres Gehalt, Aufstieg auf der Karriereleiter, mehr Entscheidungsmacht), warum sollten sie damit aufhören? Weil es ihnen mehr Nutzen und höheres Ansehen bringen sollte, wenn sie damit aufhören würden.

Ins Bockshorn jagen

#MeToo hat bislang Verborgenes an die Öffentlichkeit gebracht und eine Menge Vorurteile an die Oberfläche geschwemmt. Positiv an einer breiten Auseinandersetzung sind das Bewusstmachen der immer noch weitest verbreiteten geil-bockigen Handlungsweisen und das Rausholen derselben aus der gesellschaftlichen Verdrängung, aus der Unsichtbarkeit und dem Toleranzrahmen. Zum einen können Frauen, die sich bisher vieles gefallen ließen, eine klare Grenze setzen und erhalten dafür auch gesellschaftlichen Rückenwind. Zum anderen müsste Männern langsam bewusst werden, dass übergriffiges Verhalten aller Grade nicht nur „nicht politisch korrekt“, sondern ein absolutes Tabu ist.

Es gilt, das Tabu des „nicht-darüber-Redens“ in ein Tabu des „nicht-Tuns“ zu verwandeln.

Es gilt, das Stillschweigen zu jeder Form des Eingriffs in die psychische, emotionale oder körperliche Intimsphäre eines anderen (und natürlich sind davon nicht nur Frauen betroffen, sondern auch Kinder oder Männer) auf beiden Seiten zu brechen. „Täter“ müssen sich bewusst sein, dass sie dies nicht nur „eigentlich nicht tun sollten, sondern absolut nicht tun dürfen. Ihre innere Hemmschwelle muss steigen, auch unter Alkoholeinfluss oder Arbeitsstress. Und potenzielle „Opfer“ müssen sich bewusst sein, dass sie ein Recht auf Abgrenzung haben, sich beileibe nichts gefallen lassen müssen.

Miteinander ins Neue Zeitalter

Für ein gutes Miteinander braucht es Menschen, Männer wie Frauen, der Neuzeit. Sie verhalten sich allen Menschen gegenüber respektvoll, haben ihre Triebe im Griff und setzen sich gegen übergriffiges Verhalten aller Art ein. Sie verhalten sich allen Menschen gegenüber selbstbewusst, lassen sich nicht zum Opfer machen und behandeln andere nicht als mehr oder weniger wertvoll als sich selbst. Sie setzen Grenzen und handeln vorbildhaft für Mitmenschen aller Generationen, leiten andere in ihrer Entwicklung an, verdienen und bekommen entsprechendes Ansehen.

Das kann doch nicht so schwer sein, oder?

 

Surprising Salon Session No 12: Herzmassage

EU wie: Einigt Euch Endlich oder: Uneinigkeit Untergräbt Unser Universum

Klar, das demokratische Prinzip soll ja dafür sorgen, dass sich die unterschiedlichsten Meinungen Gehör verschaffen können und diskutiert werden. Die Auseinandersetzung macht aber erst dann einen Sinn, sofern prinzipiell eine gemeinsame Richtung im Raum steht, zu der alle beteiligten Partner einmal ganz generell “Ja” sagen können und wollen. Ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Mitmenschlichkeit könnte eine wünschenswerte Grundlage für ein Europa der Gegenwart und Zukunft sein. Diese drei Grundwerte, frei nach den Werten der Aufklärung “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” in zeitgemäßere Form gebracht, vermögen etwas, das derzeit dringend nötig scheint: Sie zeigen eine gemeinsame Basis, die für alle Europäer funktionieren kann, auf. Die Grundfrage heute lautet: Wer sind wir, die Europäischen Bürger, wenn nicht Zeit unseres Lebens mit unserer Geschichte verwurzelt und derzeit auf der Suche nach einer neuen gemeinsamen Geschichte, die uns den Übergang von einem nationalstaatlichen zu einem europaweiten Selbstverständnis ermöglicht?

Good (Bye) Old Europe

Das Gute Alte Europa definiert sich üblicherweise über seine Geschichte, beginnend mit den griechischen Philosophen, dem demokratischen Prinzip, der klassischen Kunst und Kultur, den jahrhundertelangen Einfluss von Christentum, Kirche und des feudalherrschaftlichen Machtgefüges. Weiters kommen im heutigen Europaverständnis die Werte der Aufklärung dazu, die neben den oben beschriebenen Aspekten auch zur Säkularität/Laizität, also zur Trennung von Staat und Kirche geführt haben. Daraus entwickelten sich letztendlich die Rechtsstaatlichkeit, das moderne humanistischen Denken und Handeln – eine Ausrichtung, die auf allgemeine Bildung setzt und das Wohl aller und nicht nur einiger Weniger im Auge behalten möchte – sowie die Rationalität und das wissenschaftlichen Prinzip als Basis zur Wirklichkeitsdefinition. Lauter gute Grundlagen, auf die wir stolz sein können; die allerdings auch schon vor der EU da waren. Was haben das vereinte Europa und das über die Historie gewachsene Selbstverständnis Europas miteinander zu tun? Stimmen die beiden überhaupt überein?

What Did The EU Ever Do For You?

Was hat die EU uns Neues und wirklich Gutes gebracht? Mehr Möglichkeiten zu mehr Miteinander: Gemeinsame Währung und Wirtschaftsraum, freie Mobilität von Menschen, Waren, Dienstleistungen. Aber was ist das schon alles, wenn der Schilling früher gefühlt mehr wert war, weil man um weniger mehr kaufen konnte – und wenn das empfundene Sicherheitsempfinden, aber auch die Zuversicht in eine aussichtsreiche Zukunft, wesentlich höher waren. Ein Brot kostete damals gefühlt ein Drittel vom heutigen Preis. Und es war so langweilig in der Hauptstadt Österreichs, dass ein Gefühl der Unsicherheit wohl eher als aufregendes Entertainment gegolten hätte, denn als ernsthafte Bedrohung. Und es schien noch möglich, sich Kraft seiner Arbeit, die man nahezu automatisch bekam und oft auch ein Leben lang beim selben Arbeitgeber behalten konnte, sogar ein Häuschen leisten zu können. Von sicheren und schönen Pensionen mal ganz abgesehen… Man könnte sagen, dass es ein Zufall ist, wenn Finanzkrise, Migrationsströme und Wirtschaftsflaute mit dem strukturellen Zusammenwachsen Europas zusammenfallen. Man könnte auch sagen, dass es die Europäischen Werte sind, die uns dorthin gebracht haben, wo wir sind: Zu einer größeren Gemeinschaft, die mit Hilfe des Ausbaus einer gemeinsamen strukturellen Basis mehr Miteinander ermöglicht. Nur die Menschen haben sich scheinbar noch nicht so recht ans Neue Europa gewöhnt. Viele suchen darin eher einen Schuldigen für die unabwägbaren Veränderungen unserer Zeit – und der Ruf nach mehr von „früher“ lässt sich wunderbar mit dem Ruf nach weniger Europa kombinieren…

Herzmessage

Was hat uns die EU also spürbar, sichtbar Sinnvolles gebracht? Eine Harmonisierung von Gesetzen oder das gemeinsame Antworten auf globale Krisen wie den Klimawandel oder die Finanzkrise? Pah – was ist das schon. Wir sind doch schließlich vorher auch ganz gut, wenn nicht sogar besser zurechtgekommen, oder? Was ist das alles wirklich wert, wenn die EU als wirtschaftsbasierter Interessensverein wahrgenommen wird, an dem sich “die da oben”, die Politiker und Konzerne, „die in Brüssel” bereichern? Und wenn man nicht nur nicht mit-partizipieren, sondern auch nicht mitreden, geschweige denn mitgestalten kann? Was ist eine Wirtschaftsunion in Zeiten der andauernden Wirtschaftsflaute wirklich wert? Wenn der gesellschaftliche Aufstieg nicht mehr möglich scheint und der Wohlstand nur schwer zu sichern ist, sowie das Überleben wieder zum Problem wird? Haben wir nicht dringendere Aufgaben vor unserer Haustüre, als die EU? Nein, haben wir nicht. Denn die heutigen Aufgaben verlangen europaweite, wenn nicht globale Lösungen. Arbeitswelt, Finanzwelt, Wirtschaftswelt, Zusammenleben – all das gehört neu gedacht, an die heutigen Anforderungen angepasst. Gute Ideen dazu gibt‘s erstaunlich viele. Von der Gemeinwohlökonomie über das bedingungslose Grundeinkommen bis zur Rückverbindung der virtuellen Finanzwelt an die reale Welt und dem Neustellen der Frage: Haben wir Geld – oder hat das Geld uns? Und was sind die Alternativen? Aber alle strukturellen und andersartigen Änderungsvorschläge brauchen eines gemeinsam: Sie müssen in eine Richtung gehen, die die Menschen (in diesem Fall Europas) auch wirklich wollen.

Europas neue Ausrichtung muss von uns Europäern mit Herz und Seele gewollt werden

Wenn die Grundfrage “Quo vadis Europa?” nicht geklärt und für jeden Europäischen Bürger auch tatsächlich klar ist, dann diskutieren wir an der kleinsten Kleinigkeit eine Ewigkeit herum. Dann kann ein einziges Veto schon mal das große Ganze ins Wanken bringen. Die Geister scheiden sich an jenen Themen, die zum Stellvertreter der wirklich großen Fragen gemacht werden (siehe “Kopftuch” und Islam/Intergrations-Debatte statt die Frage: Was wollen wir, dass Wirklichkeit wird?). Wo kein Herz und keine Klarheit, da kein Sinn und kein Ziel.

Ein Herz für Europa 

Ein Europa der Herzen, das wär schon was. Europa sollte ein uns gemeinsamer Raum sein, in dem wir uns wohlfühlen, beistehen, als gute Nachbarn verstehen. Nachbarn, die nicht nur nebenan wohnen, sondern die auch aufeinander achten. Nachbarn, die auch mal die Blumen giessen oder die Katze füttern, wenn‘s drauf ankommt. Nachbarn, die sich selbst erst richtig wohlfühlen können, wenn es den anderen auch gut geht. Nachbarn, die Verantwortung dafür tragen wollen, dass es den Menschen in ihrem Umfeld gut geht. Aber das tun wir doch schon, oder? Und zwar schon seit Langem. Das haben wir bereits getan, als man noch mit Pässen reisen und Geld wechseln musste. Sobald es friedlich war, waren wir auch Europäer, nicht nur Bürger jenes Landes, dessen Logo auf unserem Reisepass stand. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht war alles ganz anders? Vielleicht schauen schon seit Langem die Nachbarn auch des kleinsten Dorfes nicht mehr aufeinander…?

Eine/r gegen Alle

Die Vereinzelung, Individualisierung, Isolation – sichtbar im Ansteigen der Singlehaushalte oder im Umsatz der Datingplattformen – greift spürbar seit Jahrzehnten um sich. Das alte, gemütliche Familiengefühl einer angestammten community, die quasi angeborene Zugehörigkeit zu einem regionalen Clan, ging nicht nur in der Großstädten immer mehr verloren. Auch am Land verändert sich alles. Wir werden einander fremd, weil die altherbegrachten Normen und Rituale,  die “die Gesellschaft” vereinten, zunehmend wegbrechen, zu Konsumevents verkommen. Wir driften auseinander, weil sich einzelne ihre Welten bauen, aber diese von anderen nicht gesehen werden (können). Wir sind nicht mehr in einer (traditionsgeprägten) Gesellschaft zu Hause, aber noch nicht in einer Gesellschaft der Einen, der gelebten und akzeptierten Individualität und Vielfalt, angekommen.

Wir leben in einer Übergangszeit, in der das Alte nicht mehr funktioniert und das Neue noch nicht sichtbar, spürbar für alle ist.

Aber es, das Neue, formt sich gerade. Und wir sind mittendrin, statt nur dabei. Genau hier, in all diesen offenen Fragen und mit all diesen Gefühlen der Unsicherheit, können wir unsere Welt so gestalten, wie es die Herausforderungen der Gegenwart und unsere Wünsche an die Zukunft fordern.

Einer für alle, alle für einen

Wir sollten beginnen, uns als Vorreiter einer neuen Welt zu sehen und zu verhalten. Einer Welt, in der Menschen in aller individuellen Unterschiedlichkeit nicht nur ko-existieren, sondern sich gemeinsam entwickeln können. Dazu braucht es Visionäre wie Praktiker – die aus den unterschiedlichsten (Fach)richtungen und von Herzen dasselbe Ziel verfolgen.  Das Ziel kann ein Europa der Menschen sein. Europa, die Menschliche Union. Eine Union, die auf den Menschen (und damit auch auf die sozio-ökologische Nachhaltigkeit und die Wirtschaft als Dienstleister der Menschheit) schaut. Eine Union, die sich als Möglichkeit zur Verwirklichung des Besten aller möglichen Lebens versteht.

Europeans: Unique and United

Dazu braucht es viel und auch nicht. Es braucht viele Menschen, die dies wollen und danach handeln. Und es braucht wenig, nämlich nur die Adjustierung von Entscheidungen an diese generelle Ausrichtung. Ein Europa der Zukunft als Europa der Herzen richtet sich nach dem Menschen, ermöglicht das Aufblühen jeder*s einzelnen in aller Einzigartigkeit, sowie das gemeinsame Wachstum. Oder?

Gut und schön – aber wie?

Das diskutieren wir Bürger Europas am 12. Mai mit Vertretern aus Politik und Medien, Bürgerinitiativen, proeuropäischen Organisationen und Institutionen. Wir stellen uns der Frage, wie ein Europa mit lebenswerter Zukunft aussieht und welche Rolle Österreich und jeder Einzelne bei der Mitgestaltung Europas spielen kann…

EUROPA – DER MENSCH IM ZENTRUM. Symposium zur aktiven Mitgestaltung Europas. Am 12. Mai 2017, von 09.30-17.00 im Haus der Europäischen Union, Wipplingerstrasse 35. Eintritt frei, Infos und Anmeldung unter: http://bit.ly/2oPjGqA 

 

SUPER SIMPLE SOLUTION No 16 – WIRRLICHTER

Wer sind „WIR“?

Und wer gehört zu „UNS“? Welche Grenzen definieren eine Zugehörigkeit, etwa zum westlichen Kulturkreis, um nicht zu sagen: zu Europa oder gar zu Österreich? Der Wohnort alleine macht es ja offenbar nicht aus.

Klassischerweise definieren wir das WIR durch unsere GeWOHNheiten. Sprache, Aussehen, Verhalten, Erwartungen. Wir möchten uns friedlich im Altbekannten bewegen können und möglichst nicht in unserem Dunstkreis gestört werden. Vor allem nicht, ohne dass wir das „Andere“, Neue, das IHR proaktiv dazu einladen, uns zu besuchen (von Bleiben ist da vorerst noch keine Rede). Unser Rechtsverständnis, unsere höchsteigene Weltsicht, unser selbst-zentriertes historisches Verständnis – und natürlich die uns gewohnten Werthaltungen: alle diese identitäts-stiftenden Faktoren sollten am besten von allen rund um UNS gelebt werden. Oder die anderen Menschen rundherum sollen zumindest kompatibel mit unseren Gewohnheiten sein. Dann kennen wir uns aus, müssen uns selbst nicht relativieren, müssen keine neuen Bezüge zur Umwelt und zu uns selbst herstellen.

Manches hingegen dürft IHR, dürfen die anderen, aber trotz aller Hoffnung auf das Erwartbare nicht: Bestimmte Dinge sollen nicht „so wie WIR es tun“ gemacht werden. Bestimmte Dinge sollen nicht gleich erreicht oder besessen werden können. Denn dann würde UNS vielleicht etwas weggenommen, im Schlimmsten Fall ist das etwas, was das „UNS“ überhaupt erst ausmacht.

Was nur „Wir“ dürfen

Ein Österreicher nörgelt, ein Wiener motschgert. So war es schon immer, das braucht man nicht persönlich zu nehmen, das ist Teil der Kultur. Echte Kaffeehauskellner sind grantig. Punkt. Man nennt das dann „authentisches Flair“ oder „Lokalkolorit“. Wenn aber ein hier ansässiger Mensch mit Migrationshintergrund jammert, so wollen wir das nicht hören. Der soll gefälligst froh sein, dass er hier sein darf. Hier öffnet sich ein seltsamer und teilweise noch gar nicht weithin sichtbarer Graben: Wir wollen zwar integrierte Menschen, Menschen, die durch ihr Verhalten nicht auffallen. Sie sollen sich auch an die Regeln halten: an unsere Rechts-, Moral- und Wertvorstellungen. Sie sollen „unsere“ Kultur verstehen, sie aber zugleich nicht wirklich völlig übernehmen, das verwirrt nur. Womit wir bei den „Wirrlichtern“ des Titels wären. Andere sollen zwar nicht anecken, dürfen aber zugleich nicht so sein wie wir. Ein deutscher Kellner mit Wiener Schmäh? Hm. Eigenartig. Wohin also mit ihnen? Wie sollen sie sich denn verhalten, die Zu-Gezogenen, dass sie von UNS akzeptiert werden? Geben WIR IHNEN überhaupt eine Chance, dazuzugehören, anerkannt zu werden?

Wo gehört ein Mensch hin?

Heimat, Zuhause, Zugehörigkeit: Scheinbar eine klare Sache für all jene, die irgendwo leben, wo sie geboren sind. Oder die sich freiwillig den Ort aussuchten, an dem sie leben. Aber was ist mit den „anderen“, die das Schicksal irrgendwohin gespült hat? Sie träumen von der verlassenen Zugehörigkeit oder von einer besseren neuen Welt –  und finden in der Realität kaum Anschluss. Zuhause ist man da, wo man willkommen ist. Dieses Gefühl des Aufgenommenseins, des Dazugehörens ist für uns Menschen als soziale Wesen sogar zentraler, als eine uns vertraute Umgebung (soviel zur GeWOHNheit als Basis für ein WIR-Gefühl). Werden wir akzeptiert, so wie wir sind, dann fühlen wir uns sicher. Leben wir aber in einer Umgebung, die vielleicht sogar „wie immer“ aussieht, aber von Menschen bevölkert wird, die uns nicht sehen, nicht wollen, nicht für gut (genug) befinden, dann werden wir unsicher. Und aus Unsicherheit heraus verhalten wir uns abwehrend, unangenehm, aggressiv.

Unser Eigenraum als Zentrum für das Wir-Gefühl

Kaum etwas wirkt stärker Unfrieden-stiftend, als wenn Menschen abgewertet, ausgegrenzt, ignoriert oder gar aktiv bekämpft werden. Die Haltung der Toleranz ist so betrachtet keine menschliche Schwäche oder Zeichen von idealisierendem Gutmenschentum. Aus der Konfliktursachen betrachtenden Perspektive wird sie zur Notwendigkeit für sozialen Frieden. Eine warmherzige Umgebung, ein Gefühl der Verbundenheit, das von allen Seiten her geteilt wird, bietet den einzig fruchtbaren Boden für konstruktive Auseinandersetzungen. Für die Verwandlung von Reibung in Lösung.

Das Gefühl einer prinzipiellen Verbundenheit kann vom Grundverständnis ausgelöst werden, dass wir alle unleugbar Menschen sind. Dies vereint uns nun wirklich und tatsächlich. Eine solche Haltung wird zunächst auf Basis kultureller Gewohnheiten entwickelt („Gastfreundschaft“, „Liebe Deinen Nächsten“,…), das WIR-Gefühl ist dabei aber trotzdem auf Bekannte beschränkt. Es muss erst gelernt werden, das WIR-Empfinden auf alle Menschen hin zu übertragen, verALLgemeinern. Es braucht einen gewissen Grad an Verständnis für das Mensch sein an sich, für die in uns allen angelegte Menschlichkeit, für UNS vereinende Gemeinsamkeiten in und trotz aller Unterschiedlichkeit. Der Wunsch nach Zugehörigkeit kann ein solches grundlegend verbindendes Element sein.

Bewusstseinsevolution

Die Reife der Menschheit, die sich aus jener einzelner Menschen zusammensetzt, stellt heute das Zünglein an der Waage zwischen dem Tiefen Mittelalter und einer zeitgemäßen Social Reality dar. Viele Komponenten unserer Zeit – in Amerika klingend unter dem Titel „VUCA-Reality“ zusammengefasst (eine Wirklichkeit, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität bestimmt wird) – fordern diesen Entwicklungssprung zu einem neuen, umfassenden WIR-Verständnis vehement ein. Andernfalls, so wirrkt es, landen wir im Krieg oder Chaos. Wer „Wir“ sind gehört heute neu definiert.

Auf der Schwelle zu einem veränderten gesellschaftlichen Selbstverständnis

Die Identitätskrise ist akut. Denn die Spaltung von WIR und IHR betrifft nicht nur „Alteingesessene“ und „Flüchtlinge“ oder „Menschen mit Migrationshintergrund“ oder schlicht „von woanders Zugezogene“. Nein, es ist die innere Spaltung in gesellschaftliche „Verlierer“ und „Gewinner“, die derzeit so viel Sprengstoff in sich birgt. Menschen, die sich früher einer Gesellschaft zugehörig gefühlt haben, die einen gesicherten sozialen Status zu haben glaubten oder sich zu erarbeiten hoffen konnten.  Sie wehren sich gegen den drohenden Verlust von Akzeptanz, Aufstiegschancen und – natürlich – Wohlstand. Soziale Sicherheit scheint derzeit DER Spaltstein der westlichen Welt zu sein. Auf Flüchtlinge und kulturell anders Geborene wird dieser Konflikt oft nur verschoben, sie werden zu Sündenböcken. Der an sich inner-systemische Konflikt wird auf sie verlagert, es wird ein Scheinkampf, ein Stellvertreterkrieg geführt. Daher ist er auch so aussichtslos. Dieser Kampf löst nichts, weil er sich nicht mit den Ursachen der drohenden und bedrohlichen Nicht-Zugehörigkeit befasst.

Identität im Übergang

Wir sind Menschen. So viel ist klar. Wir sollten uns auch danach verhalten. Nur hat der Mensch dazu 2 Möglichkeiten: Folgen wir im „Menschlich-sein“ unseren  körperlichen Trieben, unreflektierten Gefühlen und alten Gewohnheiten? Oder entwickeln wir ein Sensorium dafür, was wir selbst, andere, eine Gemeinschaft, die Gesellschaft gerade braucht, um sich den Fragen der Gegenwart konstruktiv zu stellen? In diesem, zweiteren Verständnis, sind „Wir“ wer wir sein müssen, damit eine Situation vom Problem zur Lösung voranschreiten kann. Mit der Einstellung „Was braucht es, um die anstehenden Themen aufnehmen und an und mit ihnen wachsen zu können?“ kommen wir voran. Mit der Einstellung „Alles soll so sein wir immer“ bleiben wir stecken.

Wer sind „Wir“ aber, wenn alles im Fluss ist, anders wird, sich in einem permanenten Veränderungsprozess befindet?

Sicherheit in Zentrum

Wir sind Menschen. Immer noch. Aber wir sind erst dann effektiv am Wachstumsprozess der Menschheit beteiligt, wenn wir Mitmenschlichkeit leben, Inseln der Kooperation aufbauen, miteinander am gemeinsamen Wohl-Gefühl – statt Wohl-Stand –  arbeiten. Wollen wir in Sicherheit leben und innere Sicherheit erfahren, brauchen wir dazu andere. Menschen, die uns unterstützen, Menschen, die wir unterstützen. Es sind diese positiven Erfahrungen, die zu starken Erinnerungen werden. Aus ihnen schöpfen wir die nötige Kraft, wenn die Gegenwart uns herausfordert. Indem wir für einander da sind gewinnen wir Vertrauen in uns und andere.  Aus dem Vertrauen erwächst die so nötige Zuversicht der offenen, offenbar unkontrollierbaren Zukunft gegenüber.

Irrlichter im Trubel der Welt

Wer nicht kooperiert, der konkurriert. Kaum jemand kann sich völlig heraushalten. Was heute passiert ist, dass sich die – im sog. Westen lebende – Menschheit spaltet. Die einen wollen mit-einander, die anderen gegen die anderen sein. Diese beiden Haltungen scheinen unvereinbar. Viele lenken sich von dem schwelenden inner-gesellschaftlichen Konflikt ab, viele fühlen sich betroffen und werden zunehmend negativ eingestellt. Interessanterweise fühlen sich beide Seiten angegriffen. Und hier liegt eine andere tiefere Gemeinsamkeit in der Differenz. Die Zugehörigkeit und die Bedrohung derselben sind die beiden Seiten derselben Medaille. Auf welcher Seite die Münze zum Liegen kommt, bestimmen wir selbst. Jeder einzelne von uns.

Den tiefen Graben sehen und nutzen: Von der Isolation zur Inspiration

Wo eröffnet sich hier eine echte, einfache Lösung? Sie liegt im Sichtbarmachen der Gräben, die wir zwischen uns aufziehen.

Solange wir für UNS und gegen die ANDEREN – egal von welcher Perspektive aus (links, rechts, mitte, außen) – sind, vertiefen wir den Graben und finden keine Lösung, keine Brücke, keinen Ausweg. Wollen wir UNS nicht noch tiefer eingraben heißt es: Kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Abwertungen („alles Vergewaltiger“, „alles Nazis“, „alles Gutmenschen“) und Anschuldigungen sollten ins Leere laufen. Dadurch geht dem Grabenbau der Treibstoff aus. Dies gelingt, sobald alle Vorwürfe, Opferhaltungen und Schuldzuweisungen gegen die Koalition der Menschlichkeit wie ein Blatt im Wind wirken.

Wie geht das? Weg vom Angriff, hin zur Öffnung, zur Achtung, zur Achtsamkeit. Nicht aus esoterischer Überzeugung oder glaubender Moralität heraus. Aus dem Wissen heraus, das die Reibungsenergien, die heute so spürbar sind, in konstruktive Gestaltungsenergie transformiert werden können und müssen. Nur wer hinsieht kann diese Veränderungsleistung erbringen. Solche „Agenten des neuen Wir“, die ein umfassendes Verständnis von Menschlichkeit vorleben, sollten in der Lage sein, (E)Un-Einigkeit auszuhalten. Aber Spannungen wahrnehmen, ohne darauf abwehrend zu reagieren ist eine Kunst. Sich angegriffen fühlen, ohne die Verbindung zueinander zu kappen, also ohne in eine entweder-oder Haltung und in die Aggression oder Regression zu kippen, ist keine Selbstverstänndlichkeit, aber eine tiefe Notwendigkeit: Beide Abwehrhaltungen (Aggression und Regression) verstärken das alte Muster WIR gehen IHR, sie vertiefen den Graben, festigen die Aussichtslosigkeit (im Graben ist es bekanntlich dunkel).

Verbundenheit in der Un-Stimmigkeit aufrechtzuerhalten zeigt echte menschliche Größe. Sie hat auch eine immense Strahlkraft. Alles, was wir heute brauchen ist ein Netzwerk von derartig agierenden Menschen, von menschlichen WIR-Agenten. Dann ist tatsächlich alles gut, denn die Zugehörigkeit und die Akzeptanz sind erst im Auge der Menschlichkeit gesichert.

Bleibt nur noch eine Frage, die zugleich die simple Lösung  bietet: Wer macht mit?