SUNNY SIDE STEP 9 – Living in the Meantime

Magnetismus der Zielverfehlung

Können Sie sich erinnern, als „Warten“ noch unangenehm war? Als man im Arztzimmer oder an der Supermarktkasse nicht wusste, wohin mit sich vor lauter innerer Unruhe, weil nichts weitergeht? Als man noch keine Möglichkeit hatte, die dringenden Emails, Nachrichten und Anrufe vor Ort und auf der Stelle per Smartphone abzuarbeiten? Als das Warten auf Züge und Flüge, Ärzte und Handwerker nervenzerreißend wirkte und zeitraubend schien, weil es uns im Erledigen unserer dringenden oder wichtigen Aufgaben aufzuhalten drohte?

Alles anders ist ganz normal

Was sich heute Alltag nennt, ist stattdessen zur Routine des nervtötend Unbekannten geworden. Nichts kommt mehr so wie erwartet, aber wir haben uns daran gewöhnt. Wir können damit umgehen, denn wir haben einen Trick gelernt: Wir lenken uns einfach und erfolglos ab. Auf jede Erwartungsenttäuschung folgt eine Belohnung, die nicht wirklich hilft. Um das Nichterfüllende daran nicht zu bemerken, vergraben wir uns noch tiefer im vermeintlichen Spaßfaktor der Ablenkung. Die Spannung des Lebens vegetiert heute in den Abgründen des Immergleichen Ewiganderen von den meisten unbemerkt vor sich hin. Dysfunktion und Desinformation waren vielleicht gestern en vogue. Ent-Fokussierung ist die Wahldroge der Zeit.

Kein Ziel rechtfertigt dieses Resultat

Zugegeben: Weder in der Planung noch im Abarbeiten von Aufgaben (von Aufstehen, Zähneputzen, Putzen im Allgemeinen über die Schulpflicht bis hin zur Arbeitspflichten) liegt heutzutage noch Zufriedenheit. Das Spannende verströmt gerade jener Hauch von Seltsamkeit, der Routinetätigkeiten diese Tage durchdringt: Jegliches Abarbeiten geht mit dieser „je-ne-sais-quoi“-Unruhe des „Falschseins“, des „am Leben -Vorbeilebens“ einher. Nichts, was „einfach nur erledigt“ gehört, hat mehr einen Wert. Das Hakerl, das hinter der inneren oder äußeren To-Do-Liste gesetzt wird, bringt keine Erfüllung (mehr) mit sich.

Ich erinnere mich, dass dies einst anders war. Ein guter Tag, war ein leerer Tag, also ein Tag, der sich durch eigene Aktivität geleert hatte. So ein Tag erfüllte mich einst mit innerer Zufriedenheit. Ein Tag, an dem man alles erledigt hatte, was man sich vorgenommen hatte, war genug. Gab Anlass zur inneren Ruhe. Diese Tage gibt es nicht mehr, schon lange nicht mehr. Es ist nicht mehr genug, es ist nie genug.

Warum wir niemals ankommen

Wer zu sich kommt, wer zu sich findet, erkennt, dass routinemäßige Arbeiten im Allgemeinen und Pflichten-Erledigen im Besonderen oft wenig mit der eigenen Sinnfrage zu tun haben. „Warum?“ ist daher die alles entscheidende Frage. Problematisch ist jedoch die Vielzahl an möglichen Antworten und die Beliebigkeit derselben. „42“ würde Douglas Adams als Antwort geben. Wer zu wissen glaubt „warum“ belügt sich entweder selbst oder ist sich der Fragilität der eigenen Arbeitshypothese bewusst. Denn es ist ja nie genug. Natürlich höhlt steter Tropfen nahezu jeden Stein. Aber der Stein ist unendlich groß.

Wer hingegen nicht weiß, „warum“ ist schlicht unzufrieden in seinem Alltag und beginnt im Anderswo zu leben. In der ewigen Ablenkung. Unsere Zeit fördert diese Entwicklung, sie schafft Mechanismen und Strukturen, die unsere Aufmerksamkeit aufsaugen wie der effizienteste Staubsauger aller Zeiten. Dieses Problem stellt allerdings weder die Digitalisierung, die Globalisierung noch die Konsumgesellschaft bereit. Die Quelle des Problems liegt viel, viel näher. Wir sind das Problem. Wir sind süchtig nach dem entweder-oder, nach Pflicht oder Ablenkung.

Wo also steckt sie, die Lösung?

Leben im Zwischenraum und in der Zwischenzeit

Dort, wo keine Bedürfnisse herrschen, keine Zwänge regieren, keine Anforderungen drängen, da spielt die Musik des Lebens. Dieser unendliche Freiraum, der in der Zwischenzeit existiert, wäre eigentlich stets vorhanden und zugänglich. Wir verstellen uns nur permanent die Tür dorthin. Nein, noch wahrer: Wir sind die Tür dorthin, geben aber anderen und den Umständen die Schlüssel in die Hand. Wir reden uns erfolgreich aus, die Tür zum Himmel auf Erden zu sein.

Und nein, es geht dabei nicht um „Freizeit“, welch perverses Konzept. Das Leben will als Ganzes gelebt und nicht gespalten in unzureichende Teile werden. Der Freiraum und die Zwischenzeit harren hinter allen Aufgaben und Ablenkungen unserer Aufmerksamkeit, bereit zu spielen.

Die Macht der Umwege

Wir können also nicht anders, als an der Härte der Realität so lange zu scheitern, bis wir zur Einsicht ihrer inneren Bedingtheit gelangen. Diese Erkenntnis markiert das Ende des Irrweges. Wir irren solange, bis wir nichts mehr erledigen wollen und uns nicht mehr ablenken müssen.

Auf dem Weg dorthin, tief im abhängigen Herumirren, hilft uns jeder dem Geist des Erledigens oder der Lust auf Ablenkungen zutiefst verhasste Umweg. Denn die eigenartige Anziehungskraft des Abwegigen sorgt dafür, dass wir über unsere Planungen und Vorannahmen, Hoffnungen und Befürchtungen stolpern. Wir fallen aus unseren Routinen der Ablenkung vom Unvorhergesehenen und landen.

Im unendlichen Zwischenraum der Freude, im ewigen Frieden der Übergangszeit

Sunny Side Step 7: Summerbreak

Abenteuersuchen – Abhängen – Anbandeln – Aufwachen – Bereitsein – Biertrinken – Buntwerden – Chaosfördern – Dankbarbleiben – Einfachdasein – Erfüllungerfahren – Faulenzen – Flanieren – Flowen – Freiheiterleben – Freundetreffen – Friedenfinden – Geniessen – Gernhaben – Grandiosfühlen – Grillen – Herzen – Highohnegrundsein – Hoffen – Inskaltewasserspringen – Inspirationspüren – Jammen – Künstlerrauslassen – Ko(s)mischfinden – Lachen – Leben – Leerwerden – Lieben – Loslassen – Lustigfinden – Maulfaulsein – Meersehen – Mildwerden – Musikerindirzuwinken – Neuesausprobieren – Nichtstun – Offensein – Panzerfallenlassen – Rasten – Reinkippen – Ruhenichtverscheuchen – Schlafenkönnen – Schwimmengehen – Seelenbaumeln – Spielen – Sternschnuppenzählen – Strahlen – Talentezeigen – Träumen – Trostspenden – Tunwasspassmacht – Verliebeninsleben – Wohlwollen – Zerkugeln – Zufriedensein – Zulassen

Wie sieht Dein Wort-Rorschachtest zum Sommer aus?

Denk an Sommer, schreib drauflos, lass die negativen Assoziationen weg und Dich vom Ergebnis inspirieren…

Sunny Side Step 3: Mehr Mensch – Mehr Leben

Das Wunder Menschlichkeit

Jeder von uns hat eine persönliche Sammlung an Erlebnissen, die uns unter die Haut gehen. Im besten aller Sinne. Erlebnisse, in denen Menschen uns unvermutet gut getan oder uns nahe gekommen sind – oder in denen wir anderen tiefe Verbundenheit vermittelt haben. Solche Augenblicke der Menschlichkeit haben etwas gemeinsam: es geht in ihnen nicht um konventionelle Höflichkeit, nicht um professionelle Dienstleitung, nicht um reine Verhaltensgewohnheit, nicht um Charity und sie sind auch nicht auf den Familien- und Freundeskreis beschränkt. Wundervolle menschliche Begegnungen holen uns aus dem Alltag, aus jeder Mühsal und aus unserem Fokus auf das zu-Erledigende heraus und reconnecten uns mit uns selbst, mit anderen, mit Unbekannten und Unbekanntem.

Menschlichkeit verbindet

Menschlichkeit vereint uns in der Tat, egal wie unterschiedlich wir sind. Wir erkennen gelebte Menschlichkeit an einer gewissen Präsenz, am Da Sein, am wachen Aufmerksamsein, an der Wertschätzung, an der respektvollen und einfühlsamen Begegnung auf gleicher Ebene, an dem Nichts-dafür-Wollen, also an der Erwartungslosigkeit, an der Selbstlosigkeit, an einer unverkrampften Selbstverständlichkeit, am Einssein mit dem, was gerade ist, und natürlich am wirksamen Tun – auch wenn es bedeutet, nichts zu tun, jemandem vielleicht nur in die Augen zu sehen, zuzuhören oder eine Hand hin zu halten.

Momente der Menschlichkeit machen das Leben erst lebenswert

Aber reife Menschen und mitmenschliches Verhalten sind leider keine Selbstverständlichkeit. Oft wird beklagt, dass es früher viel besser war, dass sich früher die Menschen noch zu verhalten wussten. Menschlichkeit darf aber m.E. nicht mit dem „richtigen“ Verhalten, mit rein äußerlicher, erlernter Höflichkeit und Angepaßtsein verwechselt werden. Die heutige Welt verlangt weit mehr. Die wechselhaften Lebensumstände und die vielen Möglichkeiten, sich in verschiedenen Umwelten aufzuhalten, verlangen von jedem Menschen sein persönliches Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Umwelt zu entwickeln. Und zwar immer wieder neu. Wir alle brauchen ein tief empfundenes, für uns selbst wahres, eigenes Verständnis von etwa Respekt und Gleichbehandlung. Konventionen sind aus dieser Sicht quasi der Vorläufer des friedlichen Miteinanders. Menschlichkeit ist lebendiger als die Konvention, flexibler und stabiler zugleich: Es ist die bewusste Form und Fähigkeit, auch in den schwierigsten Umständen bei sich zu bleiben und eine Verbindung zu anderen herzustellen. Wer sich auf sich verlassen kann, weil er sich gut kennt, kann sich auch ein Stück weit verlassen, um sich dann auf andere tatsächlich einlassen zu können – und zwar ohne stets nur seine Sichtweisen und die eigene Geschichte überall zu sehen und auf jeden drüberzulegen, also ohne seine ungelösten Fragen und Themen auf alle anderen zu projizieren, um sie im Bestenfall im Diskurs erst zu erkennen.

Gelebte Menschlichkeit könnte das Ende von Kulturkämpfen bedeuten…

…und den Anfang einer Weltgesellschaft. Weil sich in jeder Verschiedenartigkeit das Menschliche finden lässt. So weit möchte ich gerne denken und so eine Entwicklung möchte ich gerne fördern. Als Herausgeberin dieser beiden Bücher habe ich ein Ziel vor Augen: Eine gelingende Gesellschaft, bestehend aus reifen Menschen. Die Reifung des Menschen geschieht ja sowieso im Umgang mit seinen Mitmenschen. Vorbilder, Regulative, Spiegel – wir können alles Mögliche für unsere Mitmenschen sein. Aber eines steht fest: wir lernen voneinander und miteinander, in der Begegnung, im Tun und Sein. Das ist vielleicht sogar die effektivste Art zu lernen. Unser Umfeld prägt uns und wir prägen es.  In dem Moment, wo ein Mensch die Verantwortung für den Umgang mit sich selbst und anderen übernimmt, kann es losgehen. Jeder kann mithelfen, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen miteinander reifen können.

Um ein gesundes Umfeld zu gestalten, brauchen wir heute keine blutige Revolution, wie es früher zur Zeit der Aufklärung vielleicht notwendig war. Vielmehr brauchen wir eine sanfte aber beständige Evolution der Menschlichkeit, um in einer rundum lebenswerten Welt anzukommen

Die Evolution der Menschlichkeit

Genau vor 2 Jahren, im März 2017, kam „Die Evolution der Menschlichkeit“, ebenfalls im Braumüller Verlag und unter dem Schirm des DRI – Human and Global Development Research Institute, heraus. Es ist ein grundlegendes Werk, in dem sich 20 WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen mit der Entwicklung von Mensch und Gesellschaft hin zu mehr (Mit-)Menschlichkeit auseinandersetzen. Im Nachwort kündigten wir eine vertiefende und vor allem praxisorientierte Fortsetzung an. Und nun ist es soweit: „Die Bildung der Menschlichkeit“ lehrt ein Leben der emotionalen Intelligenz, der sozialen Kompetenz, der Selbstverantwortung, der Reflexionsfähigkeit, des Handlungsspielraums im Angesicht des Unerwarteten und auch Unangenehmen – eben der menschlichen Reife. Wir brauchen heute ganz bestimmte Kompetenzen, um mit den ständigen Unterbrechungen und unplanbaren Veränderungen anders umzugehen, als gestresst zu sein und in die Abwehr, die Ignoranz oder den Kampf zu kippen.

Auch unsere Lebenswelt, das gemeinsame Europa, braucht reife Menschen 

Wir brauchen europäische BürgerInnen, deren Identitätsverständnis und Verantwortungsbewusstsein über die althergebrachten und gewohnten Grenzen hinausgewachsen ist. Und nicht nur im Sinne Europas, auch im Sinne der hoffentlich werdenden Weltgesellschaft meine ich: Wir alle wollen gesehen und behandelt werden als der Mensch, der wir tatsächlich sind. Wir wollen nicht mit unserer Schale, dem Äußeren verwechselt werden. Wir wollen nicht als Klischee eines Geschlechts oder Alters, als Stereotyp einer Hautfarbe oder Berufes, mit den Vorurteilen eines Herkunftslandes, einer Sprache oder an Hand von Kleidung oder Besitz beurteilt und behandelt werden. Nicht die Vorstellung von jemandem zählt, sondern der Mensch hinter aller Äußerlichkeit. Jemanden aber überhaupt so sehen zu können, durch die Äußerlichkeit aber auch durch die eigenen inneren vorgefertigten Schablonen hindurchsehen zu können, braucht menschliche Reife. Eine reife Gesellschaft, die friedlich in aller Vielfalt leben und miteinander wachsen möchte, braucht reife Menschen, die allzeit bereit und dazu in der Lage sind, zu sich zu finden und über ihre Vorannahmen hinauszuwachsen.

Was brauchen wir also, um diese Entwicklung anzustossen und zu fördern

Einen breit angelegten Reifungsprozess mit Hilfe ganz bestimmter menschlicher Kompetenzen, die man lernen kann und lehren sollte – und zwar geht das vom Mutterleib bis zum Sterbebett. Es ist nie zu früh und nie zu spät für mehr Menschlichkeit. Mit unserem Buch liefern wir daher Lern- und Lehrinhalte für alle Altersstufen und viele Lebenslagen – für sich selbst und für andere. Wie beim ersten Buch haben sich wieder gut 20 AutorInnen zusammengefunden um in „Die Bildung der Menschlichkeit“ Auszüge ihres großen Erfahrungsschatzes und ihrer besten Übungen und zur Verfügung stellen. Ob der Fülle des Materials und mit Blick auf die Ausrichtung an allen Lebensphasen, sind es letztlich zwei wunderschöne Teile geworden:

Teil I, „Die Bildung der Menschlichkeit für junge Menschen“…

…beleuchtet das Menschwerden von der Kindheit über die Jugendzeit bis zum beginnenden Erwachsenenalter, kurz gesagt von ca. 3-18 Jahren. Die Beiträge bieten praktisches Material für den Kindergarten und die Schulzeit und richten sich besonders an PädagogInnen und Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen der Elementar-, Primar- und Sekundarstufe arbeiten – und natürlich auch an Eltern. Die Lehrmaterialien können direkt im pädagogischen Umfeld angewandt werden. Die AutorInnen sind selbst erfahrene PädagogInnen und ExpertInnen und stellen best practise Beispiele, wirksame Übungen und bewährte Methoden zur Verfügung.

Teil IIDie Bildung der Menschlichkeit für Erwachsene“…

…befasst sich mit dem Menschsein im Erwachsenenalter. Die Beiträge liefern praktisches Material zur Bildung von (Mit)Menschlichkeit im Bereich humanitäres Engagement und Freiwilligenarbeit, in der Eltern- und Erwachsenenbildung, im Medienkontext, für den Umgang mit sich und anderen im Arbeitsleben, für effektives Selbstcoaching in kritischen Lebensphasen bis zum Umgang mit dem Sterben und mit Sterbenden. Auch hier bieten renommierte ExpertInnen und PraktikerInnen ein „Best of“ ihrer bewährtesten Methoden, Einsichten in die Essenz ihrer Lebens- und Arbeitserfahrung und natürlich eine Vielzahl praktischer und spannender Übungen. Letztere eröffnen effiziente Wege zum Selbststudium, für den Umgang mit sich und anderen in heiklen Lebensphasen, und im Trainings- und Bildungsbereich. Hierin legt der große Unterschied zu Teil I, der sich eher an PädagogInnen und Lehrende richtet. Teil II ist vollgepackt mit Material für jedermann und jede Frau, die mehr Menschlichkeit, eine bessere Verbundenheit zu sich, zu anderen und zur Umwelt erleben und leben will. Die Themen sind auch hier nach Lebensphasen geordnet und reichen von der vorgeburtlichen Phase über den menschlichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen im oft anstrengenden (Eltern-)Alltag, über mediale Verantwortung und die Bildung von interkultureller Kompetenz hin zur Achtsamkeit in der Arbeitswelt und zur Reifung des Selbst. Besonderes Augenmerk wird der Menschlichkeit an Hand der Herausforderungen ab der Lebensmitte, etwa mit dem Altern oder der Pensionierung, sowie am Lebensende gewidmet.

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen, beim Leben und beim Schenken :-)!

Und hier geht’s direkt zum Kuppitsch (mit versandkostenfreier Lieferung): https://www.kuppitsch.at/list?quick=nana+walzer&cat=&sendsearch=suchen

 

Special Screen Script 17: HAPPY SINGLES

Raus aus der Einsamkeit – Rein in die Freiheit!

Stellen Sie sich vor, Sie leben alleine, gehen jeden Tag alleine ins Bett, stehen alleine auf. Kaufen im Supermarkt für eine Person, kochen nur für sich selbst, essen – alleine.

So schön diese Freiheit für manche ist, wenn Sie sich aussuchen können, was Sie wann essen, wann Sie wo und mit wem schlafen, welches Chaos oder welche Ordnung bei Ihnen zu Hause herrscht: Wer alleine lebt, fühlt sich manchmal auch ganz schön einsam. Aber muss das sein? Gibt es nicht Möglichkeiten, wie wir uns auch als „Singles“, also als allein Lebende, weniger einsam fühlen und stattdessen unsere Freiheit so richtig genießen können? Jede/r fragt sich wahrscheinlich im Laufe seines (Beziehungs-)Lebens irgendwann einmal: Ist das Leben ohne Partner nicht genauso lebenswert? Und dann kommt gleich die nächste Frage: Wie macht man das Beste aus dem Alleine-Leben?

Im Kern brauchen wir fürs Single-Glück nur die beiden Aspekte des Alleine-Seins, nämlich die prinzipielle Freiheit und das (eben oft fehlende) Gefühl tiefer Verbundenheit offenen Auges anzunehmen und damit zielführend umzugehen. Sie gehören unmittelbar zusammen, sind wie die beiden Seiten einer Medaille. Deswegen sind auch nur 2 Schritte nötig, um aus der Einsamkeit und hinein in die Freuden der Freiheit zu finden:

  1. Freiheit annehmen: Die Qualität der Selbstbestimmtheit zu genießen
  2. Verbundenheit entwickeln: Ein Gefühl tiefer Verbundenheit dort aufbauen, wo es geht: nämlich zu uns selbst – zu unseren Lieben, zu Freunden und Familie – und zu unserer Umwelt, sei es die Natur oder das Große Ganze…

Was es bedeutet, unsere Freiheit tatsächlich zu genießen

Vor allem, dass wir lernen, unsere Entscheidungen bewusst zu treffen. Dass wir Entscheidungen treffen, die uns stärken, die uns gut tun, durch die wir eine Freude am Leben haben, und den Sinn des Lebens spüren. Wir leben alle voraussichtlich nur einmal: Achten wir also gut auf unseren Körper, auf unser Gefühlsleben, unsere Gedankenwelt und unser Verhalten. Stellen wir uns nicht gegen uns, sondern handeln wir mit und für uns!

Die gute Verbundenheit zu uns selbst

Wieso fällt es uns oft schwer, uns ohne Partner gut mit uns selbst verbunden zu fühlen? Um eine Antwort darauf zu finden, können wir uns dazu die folgenden Fragen stellen:

  • Mag ich mich, so wie ich bin?
  • Reiche ich mir selbst aus?
  • Und wenn dem nicht so ist: Kann und soll eine Partnerschaft eine solche Lücke überhaupt füllen?
  • Ist die gute Verbundenheit zu mir selbst nicht der wesentlichste Schritt, um überhaupt Beziehungsfähigkeit zu entwickeln?

Nutzen wir diese Zeit, die Zeit unseres Lebens hier und jetzt, für uns und mit uns und stellen wir uns der vielleicht wichtigsten Frage unseres Lebens:

Wie will ich mit mir leben, bis dass der Tod uns scheidet?

Blog-Nachtrag des ORF-Beitrags vom 28.05.2018

Special Screen Script 14: LEBENSLANGES LIEBEN

Lust auf lebenslanges Lieben?

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein stolzes Alter erreicht, die Haare grau, der Rücken vielleicht schon etwas steif. Sie sitzen auf der Terrasse im Schaukelstuhl und wippen sanft vor sich hin. Doch Sie sind nicht allein: neben Ihnen quietscht ein zweiter Schaukelstuhl. Sie greifen rüber und halten Händchen – mit der Liebe Ihres Lebens…

Hand aufs Herz: Wer wünscht sich so etwas Ähnliches nicht? Mit der Liebe seines Lebens glücklich bis ans Lebensende zusammen sein. Miteinander durch Dick und Dünn gehen. Sich vertrauensvoll fallen lassen und immer wieder aufs Neue angenehm überrascht werden. Und wir stellen uns vielleicht die Frage: „Gibt es ganz bestimmte Zutaten für eine lebenslange Partnerschaft?

Das Geheimrezept

Und tatsächlich gibt es einen Kernfaktor, der Beziehungen nachhaltig erfüllend macht: Je höher die Qualität einer Beziehung ist, desto tiefer und länger währt das Beziehungsglück.

6 Bestandteile bestimmen die Beziehungsqualität

An allen 6 Bestandteilen können wir arbeiten, indem wir sie wie Stellschrauben auf die eigenen und partnerschaftlichen Bedürfnisse abstimmen:

  1. Liebe spüren: die Liebesfähigkeit steigern, indem man sich selbst lieben lernt
  2. Liebe leben: seine Gefühle nicht zurückhalten, sondern teilen – sie mitteilen und spürbar machen
  3. Raum lassen: die eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen nicht immer durchsetzen oder immer hintenanstellen. Sich selbst, dem Partner und der Partnerschaft genügend Luft lassen, damit sich das Gemeinsame entwickeln kann
  4. Lebensweg gestalten: Sein berufliches und familiäres Leben so gestalten, dass die Liebe nicht ausgeschlossen wird. Zeit fürs Miteinander schaffen: fürs aufmerksame Miteinander und die genaue Wahrnehmung seiner selbst und des anderen. Zeit für intensiven Austausch auf gedanklicher, emotionaler und körperlicher Ebene
  5. Konflikte annehmen: Aus Reibungen für sich selbst und für die Partnerschaft lernen
  6. Übergangsphasen nutzen: Lebenskrisen gemeinsam bewältigen, ohne die Eigenverantwortung dabei der Beziehung oder dem Partner aufzubürden

Als Gradmesser für die Qualität der Beziehung, die Sie gerade erleben, können Sie sich fragen: Fühle ich mich absolut sicher, während ich mein Innerstes mit dem anderen teile? Kann ich mich völlig entspannen, wenn ich bin, wie ich bin? Und nicht zu Letzt: Schätze ich den anderen, so wie er ist?

Den ORF-Beitrag zum Thema können Sie in der TV-Thek unter „Daheim in Österreich“ vom 11.06.2018 eine Woche lang nachsehenhttps://tvthek.orf.at/profile/Daheim-in-Oesterreich/13887572/Daheim-in-Oesterreich/13979518/Lebenslange-Partnerschaft-Tipps-von-der-Expertin/14314676

Surprising Salon Session No 8: Die Macht des Happy Peppi

Und golden glänzt der Plastikgott

Mit jedem kurzen Blick auf den kleinen lachenden Buddha ploppt ein anderes unerwartetes Gefühl auf. Oftmals sind es widersprüchliche Signale, die er zugleich aussendet: Wie die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings ihren direkten Weg zum Herzen finden und es höher schlagen lassen, so lockt im selben Augenblick die bittersüsse Unerfüllbarkeit tiefster Wunschträume. Wie das Lachen unmittelbar wirkt, so schleicht sich doch der Zweifel sogleich ein. Wie das wertlose Gold seiner Hülle an den eigentlichen Wert der kleinen Dinge erinnert, so sehr zerfließen die wabbelweichen Konturen der kleinen Staute in die unformige Masse eines Massenproduktes.

Er lacht jeden aus, der glaubt, Glück und Fröhlichkeit kaufen zu können. Und er peitscht seine Überzeugung, in jeder Lebenslage vollkommen sein zu können, quälend in die Bedenken der Hoffnungslosen. Er ist viel zu beliebig, um ihn ernst zu nehmen. Und er ist viel zu wirksam, um ihm seine höchst eigenartige Qualität abzusprechen. Wie kommt es, das ein kitschtriefendes Symbol für den zeitlosen Zustand höchster Freude solch bunte Wellen vielfältiger Deutungen spürbar zu machen versteht? Der Kleine kann was. Happy Peppi verkörpert die Macht des grenzenlos Guten – und lacht jeden aus, der daran glauben will, statt das leise Lachen, am Leben zu sein, in sich spüren zu wollen.

Das Lichte am Göttlichen

Das Gute am Gottesglauben ist die unendliche Projektionsfläche, die er uns bietet. Wer suchet, der kann in seiner aufs Göttliche hin ver-äusserten Vorstellung auch tatsächlich, weil fühlbar, finden. All das Unglaubliche findet in der Gottesvorstellung ebenso viel Raum wie all das Ideale. Natürlich nur in der unzensierten Version, einer Variante, die nicht vor institutioneller, die unendlichen Möglichkeiten limitierenden, Regeln strotzt. Nun unterscheidet sich der geschmeidigglatte asiatische Buddha fundamental von der Sorte mit mächtigem Bartwuchs, die weiter westwärts vorherrscht. Seine Bedeutung als Repräsentant der Möglichkeiten in uns macht andere Türen auf als der klassisch abend- oder morgenländische Gott mit maßloser Allmacht über uns. Aber als Projektionsfläche für alles Wünschenswerte können prinzipiell beide gleichermaßen dienen. Betonung auf „dienen“: Als Mittel zum Zweck der Selbsterhellung, zur effektiven Erleichterung des Daseins, als großer, warmer Rahmen, indem man sich als Bestandteil eingebettet sehen und fühlen kann. Oder auch zur klaren Orientierung für eigene Entscheidungen, etwa durch die Beantwortung moralischer und ethischer Gewissensfragen, trägt eine Gottesvorstellung wunderbar zum besseren Leben bei. „Besser“ im Sinne von lichter, leichter, heller, liebender, lächelnder. So macht Glauben tatsächlich, weil erlebbar, Sinn. Das lächelt mir zumindest der kleine Plastikbuddha in diesem Moment zu. Happy Peppi kann aber noch mehr. Er strahlt zugleich das Wissen aus, das all das Glauben, Wissen und entsprechende Sein aus dem Tiefen meinerselbst kommen. Wobei „meinerselbst“ größer, weiter und breiter zu lokalisieren ist, als die Stimme meiner Gedanken oder die Haut meines Körpers dem „Ich“ an Form und Ausdruck verleihen. Wenn das Ich aber so entgrenzt definiert und empfunden wird, wo hört da das Wissen auf und fängt dann das Glauben an? Anders gefragt: Was hilft gegen die schleichende Verlockung des Fanatismus?

Friede, Freude, Freiheit!

Gegen den Wahnsinn des Fanatismus, also der felsenfesten Überzeugung mit der eigenen Sichtweise rechter als alle anderen zu haben – und diese Sichtweise mit Gewalt allen anderen vermitteln zu müssen – hilft kein sachliches Argumentieren. Fanatismus ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach Anerkennung, Zugehörigkeit, klaren Regeln, sinnhaftem Leben in einer überschaubaren Welt mit eindeutigem Richter (der strengen Gottesfigur oder dem absoluten Ideal). Unter Fanatismus fällt aber auch schon die drohende Enge von fixen Ideen und das starre Regelwerk aus unterdrückenden Verhaltensvorschriften. Gegen alles, was uns selbst und andere klein macht und machen will, unterdrückt und unterdrücken will, verletzen, schlagen und verängstigen will, hilft vor allem eines: Vorbilder. Starke friedvolle, freudvolle Freigeister. Nicht nur im Umkreis von Fanatismus-gefährdeten Menschen. Unsere (europäische/westliche) Gesellschaft befindet sich derzeit in einem allseits wahrnehmbaren Phasenübergang. Von der Starre – aber auch Planbarkeit und Überschaubarkeit – der Vergangenheit in einen entgrenzten Möglichkeitsraum. Manche wollen zurück. Und weil das Zeitreisen in die Vergangenheit nicht geht, landen sie im Fanatismus ihrer ersehnten Vorstellung einer Goldenen Zeit.

Let it shine

Wir haben unsere Zukunft mit jedem Atemzug in unserer eigenen Hand. Wir sind es, die uns mehr oder weniger Möglichkeiten einräumen, die der einen oder anderen Vorstellung eine Goldene Aura verleihen. Wir sind es, die einander im friedlichfröhlichfrei-Sein bestärken oder aber behindern. Wir sind es, die einander vertrauen, uns einander zu-muten, so wie wir sind. Mit all dem Happy Peppi in uns. Lange Zeit war es verpöhnt und galt es als unseriös, einfach strahlend oder glücklich zu sein. Wer Verantwortung trägt, hat gefälligst ernst, vom Ernst der Lage erschüttert, in seinen Bewegungen von der Schwere der Situation eingeschränkt zu sein. Schluss damit. Verantwortung kann auch anders aussehen. Friedlich, fröhlich und frei im Geist, in Herz und Handlung. Machen wir uns nicht mehr lächerlich und kleiner als wir sind, indem wir Angst davor haben, uns mit unseren guten Gefühlen lächerlich zu machen. Enge führt nur zu mehr Enge – oder zum Kettensprengen, das meist mit einer Form von Gewalt zu tun hat. Vielleicht gibt es deshalb selbstmöderische Attentäter. Weil sie selbst keinen Ausweg aus der Enge des starren Gaubenssystems sehen, als sich selbst mit Haut und Haar und Gewissen den strengen Regeln hinzugeben. Wer die innere Weite und Größe, das unfassbare Geschenk des Lebens nicht spüren kann (da geht es absolut nicht ums Glauben), der ist für die harte Kälte des Kleingeistes – und ein solcher Geist ist immer klein, weil er klein macht, ganz egal wie großspurig und allmacht-heischend er daher kommt – empfänglich. Lassen wir diese Welt spüren, worum es geht. Heute, morgen, den Rest unseres Lebens. Egal, was da kommt.

Simply: Göttlich

Der winzige Plastikgott leuchtet aus dem gemütlichen Mittenrund eines güldenen Kerzenquadrats heraus. Quasi als Flammenersatz erhebt er sich strahlend aus ihrem Zentrum. Die Kerze selbst ist aus einem zersplitterten, alten, spröden Kerzengold, das in starkem Gegensatz zur Weichheit des wohlgerundeten Happy Peppi steht. Das Trockene der Kerze und das Saftige am Buddha, die podesthaft luftige  Höhe, in der er in der erdigen Mulde thront, bilden eine sinnlich mehrdimensionale Einheit. So Banal, so willkürlich, so ohne Preis. So voller. Voll von

SUPER SIMPLE SOLUTION No 14 – GEWALTIGE PROBLEME UND IHRE LÖSUNGEN

Vor gar nicht allzu langer Zeit

Neulich stand ich vor der Eden, zum Reden – trug sich Folgendes zu: „Hearst Gsch…ene, wenns net sofurt de Pappn hoitst, vergiss I mi!“. Ich überblickte die Situation und entdeckte einen Möchtegern-Herkules in sein Handy brüllen. Also keine unmittelbare Gefahr im Verzug. Außer akustisch-emotionaler Umweltverschmutzung meine ich.

Hmmm dachte der Menschenfreund in mir. Und versuchte zu verstehen und sowohl den Inhalt als auch den Tonfall einzuschätzen. Mit dem Ziel, letztendlich dem gesamten Subjekt des Anstoßes vergeben und es in der Folge guten Gewissens vergessen zu können. Folgende Analysen liefen zur Hilfestellung in Richtung Rechtfertigen durch Erklären innerlich in Windeseile mir ab:

  1. Armer Mensch“. Nicht sehr hübsch, nicht sehr gebildet, nicht sehr eloquent. Vielleicht in schwierigen Umständen aufgewachsen. Wenig Chancen, in der Gesellschaft auf Anerkennung zu treffen. Trotzdem. Deshalb muss er ja noch lange kein geistig unflexibles und emotional abgestumpftes Wesen sein. Oder? Ergo: Kein Entschuldigungsgrund.
  2. Unangenehmer Mensch“. Verbaler Notstand und akustische Aggression: Tonfall und Wortwahl lassen auf wenig argumentativen Spielraum schließen. Man kann also wahrscheinlich nicht mit ihm reden, um die Hintergründe der emotional-verbalen Schmutzattacke zu ergründen. Emotionale Umprogrammierung durch Aufmerksamkeit und Zuhören scheinen im Moment ebenfalls keine Option zu sein. Dagegenreden: Keine Chance. Bleiben als Handlungsoptionen: Schweigen, vorwurfsvoll Schauen oder Ignorieren. Mögliches Ergebnis: Null positiver Einfluss. Erkenntnis: Wer spürbar unangenehm ist, mit dem will man sich schlichtweg auch nicht auseinandersetzen. Na gut, so viel wusste ich schon vorher… Also weiter im Denken.
  3. Bedrohlicher Mensch“. Steht unter körperliche Höchstspannung. Achtung Gewaltbereitschaft. Signalisiert durch geballte Faust, weiße Handknöchel, verzerrten Gesichtsausdruck, zusammengekniffene Augen, zusammengebissene Zähne, hochrote Gesichtsfarbe, sprungbereites nach vorne Beugen. Kontaktaufnahme daher wenig ratsam. Explosionsgefahr. Aggression als Schutzschicht, Einsamkeit vorprogrammiert. Vielleicht bekommt er nur Zuwendung durch Gewalt? Weil sich sonst niemand rantraut an ihn – niemand, der nicht selbst bereit ist, eine einzustecken und/oder auszuteilen? Gewalt sucht Gewalt… Sieht nach auswegslosen Teufelskreis aus.

Über kurz oder lang

So komme ich nicht weiter. Lauter Sackgassen. Gewalt führt zu mehr Gewalt. Oder man wartet, bis die Wut verraucht ist. Und dann? Wie kann man lebende Vulkane von einer anderen Verhaltensweise überzeugen, geschweige denn zu einem veränderten Verhalten bewegen? Erste innere Reaktion meinerseits: Gar nicht. Das müssen die Gewaltandroher und –Täter schon selbst wollen. Aber warum sollten sie? Wo sie doch das Gefühl von Macht nur dann haben, wenn sie mit aller Kraft ihre körperliche Überlegenheit demonstrieren können? Wenn dieses Verhalten weg fällt, was bleibt ihnen? Wer sind sie dann? Was macht sie an Stelle dessen groß, stark und einflussreich?

Lügen und die kurzen Beine

Aber nein, damit lüge ich mir nur selbst in den nicht vorhandenen Sack. Wir können angesichts verbaler oder selbst körperlicher Gewalt immer etwas tun. Oder? Verantwortung und Ohnmachtsgefühle streiten in mir. Bald werde ich noch selbst so unrund wie Möchtegern-Herkules. Tun oder Nicht-Tun, das ist hier die Frage… Oder nur tun, wenn jemandem Gefahr droht? Aber dann lernt der Typ ja nie, anders mit Frustration umzugehen. Viel weiter komme ich auf diese Art auch nicht.

Langfinger leben länger

Meine Freundin, die mir bisher verständnisvoll beim Denken zugeschaut hat, schnappt sich eine Rose vom vorbeigehenden Rosenverkäufer. Sie trabt auf Herkules zu, sieht im ernsthaft in die Augen, lächelt sehr zart und subtil und reicht ihm die Rose. Er hört auch zu schimpfen, sieht vom Boden auf auf, senkt die Hand mit dem Handy. Seine Augen werden groß, er richtet sich mit ganzem Körper auf. Könnte gefährlich werden. Sie lächelt daraufhin noch etwas breiter, dreht sich um und geht, noch bevor er etwas sagen – oder tun – kann. Ich fühle mich wie in den 70ern (zumindest stelle ich mir vor, was die „Blumenkinder“ damals mit solchen Gesten sprachlos und zugleich lautstark sagen wollten). Doch siehe da, es wirkt. Er wird leiser und geht gemäßigten Schrittes weg. Sein Körper wirkt entspannter. Er ist zumindest vorübergehend von seiner Wut abgelenkt.

Der Rosenverkäufer lächelt und will kein Geld.

Die Moral von der Geschichte

Denken hilft manchmal nicht weiter. Zögern auch nicht. Aber im richtigen Moment etwas Überraschendes und Wohlwollendes tun wirkt. Die Einstellung zählt. Keine Moralpredigt, kein Besserwissen, kein Zurückstreiten, kein Dagegenhalten, keine Gewaltandrohung, kein Schimpfen. Weniger ist mehr. Zeichen setzen. Ruhe, Entspannung, Wohlwollen und Respekt körperlich ausdrücken. Weniger Worte, mehr Wesenheit. Ver-Trauen zeigen. Den Mut haben, sich offen zu zeigen.

Gut, werden Sie vielleicht sagen. So kämpfen Mädchen. Aber ich, 2 Meter großer Muskelmann? Kann ja keine Rosen schenken…

Männer und Macht

Ah ja, da war noch was. Der Hahnenkampf, das Testosteron. Das geistig-emotionale Siegenwollen, das körperliche Abreagieren. Hmmm. Wie wär‘s mit einer Zigarette oder einem Bier statt der Rose? Muss nicht funktionieren, zugegeben. Aber die Geste zählt, oder? Allerdings ist wenig Hoffnung auf einen positiven Ausgang gegeben, wenn sich der Aggressor angegriffen fühlt. Und ein Mann, der dem Vulkan auf spannungsgeladene Art zu nahe kommt, kann ihm leicht zum Ausbruch verhelfen. Gut, Sie sind ja jetzt 2 Meter groß und brauchen sich nicht fürchten. Aber was ist mit ihrem 1.74 Meter großen Freund, der zufällig alleine auf der Straße steht, als es passiert. Was tut er sinnvoller Weise? Er muss sich vielleicht anders mit der bedrohlichen Energie auseinandersetzen. Vielleicht muss er mitten hinein in den Vulkan…

Männer mag Mann eben

Männerfreundschaften sind was Schönes. Sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Oder auch mal härter schubsen. Wenn sich beide aneinander abreagieren können und wollen ist das vielleicht nicht immer ganz so schlecht. Powerkuscheln auf männlich. Stacheln statt Rosen. Und dann ein Bier gemeinsam. Und ‘ne Zigarette… Echte Freunde eben. Aber hilft uns das weiter, gerade wenn keine freundschaftliche Ebene vorhanden ist? Nein.

Frust und Freiheit

Die Kernfrage lautet: Wohin mit all dem Frust? Die richtige Kanalisierung des Aggressionsüberschusses ist die eigentliche Herausforderung. Gut – dafür ist Sport (machen und schauen) da, dazu gibt’s eben Männerfreundschaften oder den Wettbewerb im Business. Aber was ist, wenn sich die Sucht zu Siegen und die Angst vorm Verlieren auf alle Lebensbereiche ausdehnen? Ins Privatleben und auf völlig fremde Menschen, die weder freundschaftlich noch geschäftsmäßig verbunden sind. Dann regiert letztendlich der Frust, er nimmt überhand. Hier liegt die Gefahr. Der Frust sucht sich unbeteiligte Projektionsflächen, um sich abzureagieren. Es geht darum, den Stresslevel senken zu können und die eigene Mitte wieder zu finden. Aber dir probaten Mittel und Wege zurück in die Ausgeglichenheit scheinen oft zu fehlen. Oder das diesbezügliche Wissen und Können.

Doch die Freiheit des einzelnen endet beim Veräußern von aggressiver Energie, egal welcher Art: Durch bedrohliche Körperhaltungen, verbalen Drohungen, Beschimpfungen, Abwertungen. Oder durch unfaire Argumentation wie in Form von absichtlicher Falschinformation, Halbinformation, Lügen, Missinterpretation, Ignoranz u.v.m. All diese Verhaltensweisen bringen keine Lösung des Problems, sie lösen die Sucht nach dem Siegen nicht. Denn niemand kann immer gewinnen und Angst lässt sich nicht durch Siegen bekämpfen. Jemand, der ständig Siegen will, beweist sich und anderen einen ständigen Mangel an Selbstwertgefühl. Egal wie groß er sich aufplustert, er fühlt sich immer zu klein. Das ist ein Problem, das nicht einmal eine Rose, auch kein Zweikampf und auch keine Euromillion lösen können. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, ist das eigentliche Problem. Und diesem Gefühl entgegen wirken, können interessanterweise eben nicht Gewalt und Geld oder Siege. Sondern Aufmerksamkeit, bedingungsloser Respekt und Wertschätzung.

Frieden und Freude

Aber gilt deshalb die Formel Immer Frieden = Immer Freude? Ich glaube nicht. Vielleicht wäre ein Leben ohne Testosteron, ohne Grenzgänge gar nicht mal so lustig. Manche Menschen haben ihre Freude mit und an einem testosterongeschwängerten Mann – und an einer „starken“ Frau – vor allem, wenn beide ihre Kraft richtig, also nicht verletzend und im Einklang mit der Umgebung, einzusetzen wissen.

Aber alle anderen Menschen? Die wollen ihren lieben Frieden haben und erhalten. Zu Recht. Denn wer seinen eigenen Frust selbst halbwegs zu zähmen weiß, der will nicht auch noch den Frust von anderen serviert bekommen, geschweige denn ungefragt zum Frustabbau anderer hergezogen oder missbraucht werden.

Ich bin daher für die Einführung von gesellschaftlich anerkannten, einfach handzuhabenden  und alltäglich verfügbaren Möglichkeiten zum Loswerden von Frustrationen aller Art. Beispielsweise durch den Bau einer Art Telefonzellen, gut gepolstert und schalldicht. In Unternehmen, auf Strassen, wo auch immer – verfügbar sollten sie sein. Ich nenne so eine Zelle jetzt mal Scream-Box. Da kann jeder, der sich akut frustriert und wütend fühlt, ohne Umschweife reingehen, schreien und hauen, was das Zeug hält… Und gut is.