SPECIAL SCREEN SCRIPT 21: Von der Zukunft der Demokratie in Europa

Demokratie auf dem Prüfstand

Ja, gegen Polen und Ungarn laufen EU-Verfahren, weil die demokratisch gewählten Vertreter dieser Staaten sich ihre nationalen Systeme so zurechtbiegen, dass dabei die Grund- und Menschenrechte, die Rechtsstaatlichkeit und die Demokratie unter die Räder kommen. Die Bevölkerung sieht dabei machtlos zu – und wird mit jeder Maßnahme weiter entmachtet. Warum uns das etwas angehen sollte? Weil diese Entwicklung mit verführerischem (Rechts-)Populismus begonnen hat. Und weil ebendieser für immer mehr Menschen in ganz Europa alltagstauglich zu werden scheint. Das muss uns zu denken geben, denn wenn wir nicht darüber nachdenken beißt uns das Toleranz-Paradoxon in den Allerwertesten: Wer nämlich der Intoleranz gegenüber tolerant ist, der stärkt aktiv die Intoleranz – auch und gerade wenn er gar nichts tut. Davon war schon Sir Karl Popper zurecht überzeugt.

Wie Demokratie zur Demontage der freien Gesellschaft führen kann

Die Gleichgültigkeit den Intoleranten gegenüber hat – gepaart mit etwa massiven Wirtschaftskrisen und sozialer Ungerechtigkeit – bereits in den 1930ern dazu geführt, dass demokratisch gewählte Führungsfiguren sich die Welt so gemacht haben, wie sie ihnen gefällt. Und damit eben nicht „dem Volk“ gerecht werden, wie sie zunächst behaupten. Zu Beginn tun sie so, als ob sie für „das Volk“ stehen, danach herrschen sie über „das Volk“. Sie werden von Opfern der „bösen“ Eliten, Medien oder Migranten etc., die angeblich den Schutz von starken Männern brauchen, schrittweise zu entmachteten Untergebenen, die zu tun haben, was ihnen befohlen wird.

Eine Übertreibung, die uns heute nicht betrifft? Nur, wenn wir aktiv werden und uns für die Gesellschaft einsetzen, in der wir tatsächlich leben wollen.

Es ist Zeit aufzuwachen.

Der Populismus verführt all jene, die Lust auf heiße Emotionen haben, auf grelle Feindbilder, die ihren Vorurteilen entsprechen und ihre Bedürfnisse befriedigen. All jene werden wie die Motten zum Licht gezogen, die sich und ihre Gewohnheiten zu bestätigen suchen. Es ist die Suche nach Selbstwertgefühl und nach Aufwertung, die Suche nach einem besseren Gefühl, die sie auf den glänzenden Hoffnungsschimmer in Form der Verkörperung von aalglatten „Gewinnertypen“ mit patriarchalem Charm hereinfallen lassen. Populisten verführen jene, die einer Zugehörigkeit zu den „Starken“ bedürfen, um sich geschützt zu fühlen. Sie sprechen all jene an, die „zurück zur Normalität von früher“ wollen. Nur dass es niemals wieder „normal“ zugehen wird. Dass diese scheinbar Starken auf die echten Fragen unserer Zeit keine Antworten haben ist dabei keine Neuigkeit. Wo die Entscheidungsträger weniger auf kompetente Sachlichkeit zum möglichst Besten aller und vielmehr auf emotionale Zugkraft und eigene Vorteile achten, ist die freie Gesellschaft in Gefahr.

Warum antidemokratische Kräfte attraktiv sind

Die vox populi, die „Stimme des Volkes“, wirkt offenbar sukzessive immer stärker auf immer mehr Menschen. Die mittig-Rechten, mitunter sogar die Linksorientierten, geben sich dem Opportunismus hin und surfen auf dieser Welle. Die sanfte Stimme der Mitte zersplittert zusehends weiter in viele Fragmente der Uneinigkeit. Sie ist in ihrer Gesamtheit dadurch mittlerweile so leise, dass sie nicht mehr gegen die platten Parolen der Lauten ankommt. Eine wachsende Menge an Menschen gibt sich den frohen Hoffnungen, die der Populismus predigt, hin. Wer genau diese Menschen sind? Sie sind gut untersucht und wurden vielfach dargestellt: die wirtschaftlich und digital durch die Globalisierung Abgehängten, die Alleingelassenen im ländlichen Raum, die schlecht ausgebildeten Männer, die aussichtslosen Jugendlichen, die Abstiegsgeängstigten der Mitte. Diese Klassifizierungen scheinen mir trotz einer fast spürbaren Nachvollziehbarkeit für all jene, die diesen Gruppen nicht angehören, zu kurz zu greifen.

Vom gemütlichen Früher über das holperige Heute zum mysteriösen Morgen

Schauen wir tiefer in die vielschichtigen Veränderungen, die unsere Gesellschaft seit einiger Zeit schon durchmacht, so finden wir faszinierender Weise gleich mehrere Themenfelder, die diesen Umbruch markieren. Wobei die Wandlung eine deutliche Richtung und eigentlich auch eindeutig erkennbare Ziele hat. Aber der Weg in die Gesellschaft der next generation bzw. der next dimension wird kaum professionell begleitet, weder durch politische noch durch zivilgesellschaftliche Integrationsfiguren. Es fehlt das klare Bild einer gelingenden Gesellschaft von morgen, also wie eigentlich genau das Zusammenleben funktionieren soll, wenn wir die Veränderungen dann irgendwann einmal endlich durchstanden haben. Ohne dieses Zukunftsbild, ohne vertrauenswürdige Leitfiguren sowie ohne glaubwürdige, leitende Medien als Wegbegleiter, ist der Stress der Unsicherheit dieser heftigen Umbruchszeiten so groß, dass der Regress, der Rückzug, die Abwehr, die Ignoranz – oder aber die Aggression, die Gewalt, der Kampf ungemein attraktiv werden. „Kopf in den Sand, „Zurück zum Alten“ oder „Kampf dem Neuen“ lauten dann die Devisen…

Was sich gerade ändert und wohin die Reise geht

Dass Menschen und Regionen, Kulturen und Staaten zudem auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen dieser Umbruchsphase stehen und unterschiedliche Prioritäten haben macht die Sache nicht leichter. Verständlich werden dadurch jedoch die ganz Europa ergreifenden Grabenkämpfe. Sobald man die Entwicklungslinien, die im nächsten Abschnitt dargestellt sind, ansieht, wird sonnenklar, wer warum wofür und wogegen kämpft. Manche wollen an der linken Spalte festhalten („die gute alte Welt“), andere wollen endlich in der rechten Spalte („die gute neue Welt“) ankommen. Kombiniert mit den Stress-induzierten Handlungsalternativen von Ignoranz, Abwehr oder Aggression ergibt sich überraschend schnell ein Abbild der Positionen von Menschen, gesellschaftlichen Interessensgruppen oder auch Parteien. Das Dilemma Europas ist, dass kaum jemand den Wechsel von „vorher“ zu nachher“ deutlich anspricht, ihn koordiniert, begleitet und den Menschen dabei hilft sich und die Gesellschaft schrittweise weiter zu entwickeln. Ein zweites Dilemma ist, dass Populisten die vorhandenen Klüfte absichtlich nach dem Motto „teile und herrsche“ vertiefen, sodass die Gesellschaft auseinanderzudriften scheint anstatt zusammenzuwachsen und gemeinsam zu Wachsen.

Entwicklungslinien und Bruchstellen der Europäischen Gesellschaft

  • Analoge Welt                                                       –>  Digitale Welt
  • Glaube an ewiges Wirtschaftswachstum      –>  Nachhaltige Wirtschaft
  • Nationale Gesellschaften/BürgerInnen         –> International verflochtene Gesellschaft(en)/Europäische BürgerInnen/Global-Gesellschaft
  • Institutionell-religiös Orientierung               –>  Individuell-spirituelle Orientierung
  • Glauben(ssysteme)                                            –> Wissen(schaft)
  • Patriarchal Führende                                       –>  Gleichberechtigt Führende
  • Autoritäre Systeme                                            –>  Demokratische Systeme
  • Mono-ethnische Gruppen                                 –>  Multi-ethnische Gruppen
  • Monokulturell geprägte Regionen                  –> kulturell vielfältig geprägte Regionen
  • Exklusive, starre Identität                                –> Inklusive und liquide Identität
  • Konkurrenz                                                         –> Kooperation

Wir bewegen uns mit unserer Lebenswelt schon seit Längerem von links nach rechts (im Sinne der obigen Aufzählung). Aber manchen geht das einfach zu schnell. Andere haben das Gefühl, die Basis ihrer Identität zu verlieren, fühlen sich angegriffen, wissen nicht mehr wer sie in der neuen Welt sein sollen – ohne sich die befreiende Frage zu stellen, wer sie eigentlich sein wollen. Dritte wiederum sehen nicht, wie die Zukunft aussehen kann. Vierte nutzen all dies aus und versprechen das Gewohnte aus dem Hut der verklärten Vergangenheit in die vorgestellte Gegenwart zu zaubern.

Dabei wäre alles so einfach. Wir verändern gemeinsam die in sich abgeschlossenen, inkompatiblen und Andere exkludierenden Systeme in eine Gemeinschaft, die mit Hilfe eines transkulturell-systemischen Rahmens (= Grund- und Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Säkularität) für das friedvolle Zusammenleben in aller Vielfalt sorgt.

Was die Demokratie der Zukunft schon heute braucht

Es sind vor allem demokratiefähige und -willige Europäische BürgerInnen, die unsere Gesellschaft heute schon braucht um morgen miteinander leben zu können. Wir brauchen Führende, die klar wissen, warum und wie wir alle gemeinsam, wenn auch vielleicht zeitversetzt, in der oben rechterhand angegebenen Spalte ankommen. Wir brauchen Medien, die emotional verantwortlich, sachlich kompetent und einfühlsam diesen Weg begleiten und das Ziel dabei nicht aus dem Augen verlieren. All dies verlangt Menschen, die wissen, was sie wollen – nicht für sich, sondern im Sinne der Menschheit, also im Sinne aller Menschen. Die mitgestalten wollen, aber nicht um der Macht, sondern um des Ergebnis Willen. Die einander erkennen und miteinander in einer Kooperationsgesellschaft diskursive Überzeugungsarbeit leisten können und wollen.

Es ist letztlich der Diskurs, der darüber entscheiden wird, ob wir miteinander leben lernen. Es gilt dabei der oftmals praktizierten pro-kontra-Logik, wie sie etwa im EU-Bashing in einer Reduktion auf „Ja oder Nein zur EU“ üblich wurde, eine Absage zu erteilen. Es ist das verstehende und einfühlende „sowohl-als-auch“, das unter dem Dach des „größeren gemeinsamen Ganzen“ aus Irritationen zunächst Informationen und letztlich Innovationen machen kann. Jeder einzelne zählt in diesem Prozess. Jeder Dialog ist ausschlaggebend.

Demokratie heißt aktiv mitreden und mitgestalten

Dazu können Gespräche zuhause oder auf der Strasse genauso beitragen wie Diskussionsrunden oder Medienaktivitäten. Private Postings sind dabei genauso wichtig wie Führungskräfte und andere gesellschaftliche role models und Meinungsmachende. Wo ein Wille, da ein Weg in eine gelingende Zukunft. Ich wünsche uns allen den Mut zum Willen und die Kraft, auf dem Weg zu bleiben, auf dass wir alle gemeinsam in einer rundum lebenswerten Zukunft ankommen.

Auszug aus meinem Beitrag zur ORF-Podiumsdiskussion „Der Auftrag: Demokratie“, aufgezeichnet im Radiokulturhaus am 06.11.2018

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Special Screen Script No 1: Über dem Brillenrand

2018 wird anders. Ganz anders. In diesem Blog dreht sich nun alles ums Nach-lesen zum Fern-Sehen. Denn dieses Jahr sind so einige TV-Beiträge mit meiner Wenigkeit geplant. Um der Schnelllebigkeit des Mediums Rechnung zu tragen, sowie um den mitunter hintergründigen Inhalten gerechter zu werden, können hier nun die Beiträge in aller Ruhe und in ihrer ursprünglichen Form erlesen werden…

Den ersten Artikel liefert das Interview über „Erwartung und Enttäuschung“ in Daheim in Österreich vom 04. Jänner 2018. Einige Tage noch hier zu sehen: http://tvthek.orf.at/profile/Daheim-in-Oesterreich/13887572/Daheim-in-Oesterreich/13959808/Talk-mit-Kommunikationsexpertin-Nana-Walzer/14210602

Und dies ist das originale, dem Interview zugrunde liegende Skript dazu:

Warum erwarten wir überhaupt etwas? Und wozu sind Enttäuschungen gut?

Unsere Erwartungen schenken uns Orientierung im Alltag. Sie sind der Maßstab, mit dessen Hilfe wir beurteilen, ob uns etwas gefällt oder nicht, angenehm ist oder nicht, wir es gut finden oder nicht. Und mitunter bescheren sie uns auch Enttäuschungen. Ja, das eine bedingt das andere. Ohne Erwartungen gäbe es auch keine Enttäuschungen. Dabei ist interessant, dass unsere Erwartungen stets auf einem von 2 Gefühlen basieren: sie werden entweder von Angst oder von Hoffnung gespeist.

Wir alle wollen unsere Erwartungen erfüllt wissen – und zwar egal, ob sich damit unsere Ängste oder unsere Hoffnungen bestätigen. Gehen unsere Erwartungen in Erfüllung, so haben wir das Gefühl der Kontrolle, das Gefühl, dass unsere Sicht von uns selbst und der Welt richtig ist, das alles „stimmt“.

Da wir uns selbst unseren Erwartungen, insbesondere den Gefühlen dahinter, also der Angst und der Hoffnung gemäß verhalten, beeinflussen wir unsere Wirklichkeit mit. Sind wir oftmals ängstlich, machen wir uns viele Sorgen, dann sehen wir auch sprichwörtlich schwarz: wir erleben die Welt bedrohlicher und machen negativere Erfahrungen. Suchen wir hingegen nach Hoffnung, sind wir optimistisch eingestellt, dann leben wir auch glücklicher (dies wurde in vielen Studien bewiesen). Man kann sich aber nun nicht einfach einbilden, ab jetzt positiver zu denken und „einfach“ hoffnungsfroher zu werden. Erwartungen erwachsen aus zum Teil lebenslangen Gewohnheiten, sie sitzen tief. Um sie zu verändern brauchen wir die Erwartungsenttäuschung!

Werden unsere Erwartungen nämlich nicht bestätigt – egal ob positive oder negative  – so sind wir enttäuscht, da wir das Gefühl haben, unsere Wirklichkeit nicht mehr zu kennen. Es kommt anders, als wir denken. Wir merken, dass wir uns getäuscht haben. Das irritiert, verstört. Im besten Fall ist dieses Gefühl der Dissonanz zwischen der eigenen Weltwahrnehmung und der Welt an sich eine gute Gelegenheit, die eigenen Gewohnheiten zu reflektieren und zu erkennen, was man vielleicht in seiner Selbst- und Weltsicht verändern möchte. Meistens aber ärgern wir uns, werden frustriert, traurig oder fühlen uns schlicht einsam. Wir gehen in den Rückzug oder in die Abwehr, sind enttäuscht von der Welt und den Menschen statt animiert, etwas an uns selbst zu verändern.

Warum schrauben viele Menschen ihre Erwartungshaltung so hoch, dass sie von der Realität fast nur enttäuscht werden können?

In unseren Erwartungen spiegelt sich unser Wertesystem – und damit kommen auch unsere Idealvorstellungen ins Spiel. Was wir für besonders schön, anziehend, attraktiv, sprich: wünschenswert halten, das wollen wir auch erleben. Wir vergleichen uns mit ewig jungen und schlanken Supermodels, wollen wie Spitzensportler durchtrainiert und leistungsfähig sein, wären gern Wirtschaftsbosse oder Helden unserer eigenen Filmreihe. Das „sich-nach-oben-ausrichten“ kann uns durchaus einen Energieschub geben, wir stecken uns Ziele, haben durch die anvisierten Vorgaben eine Richtung und einen gewissen Druck und Schub, diesen Weg zu gehen und die Zielsetzungen zu erreichen.

Aber wenn die Ideale allzu weit von unseren realen Möglichkeiten und den Umständen, in denen wir leben entfernt sind, dann wird der Weg zum Ideal sehr hart, ist von Enttäuschungen gezeichnet oder aber wir handeln, um etwas Bestimmtes zu erreichen, völlig gegen unsere eigenen Wertvorstellungen – und sind dann von uns selbst enttäuscht.

Doch wer hätte es für möglich gehalten: genau hierin liegt der Nutzen von zu hohen Erwartungen! Denn was zum einen eine Wunschvorstellung ist, ist zum anderen ein Ziel, dass es absichtlich, wenn auch unbewusst, nicht zu erreichen gilt. Unsere Erwartungen werden nämlich von unserem Selbstbild getragen. Wir leben nach Leit- und Glaubenssätzen, die uns nicht immer bewusst sind. Sätze wie „das kann ich nicht“, „ich bin nicht klug/schön/dünn genug“ oder „das ist mir zuviel“, „ich schaffe das soundso nicht“ etc. flüstern uns aus dem Unterbewusstsein wie Souffleusen beim Theater ein und beeinflussen unser Verhalten stärker als die Wunschvorstellungen es vermögen. Auch hier können Enttäuschungen wie der x-te nicht gelungene Versuch abzunehmen ein Wegweiser sein, unsere Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster in der Tiefe unseres Seins zu erkennen. Wer glauben wir zu sein? Welches Selbstbild glauben wir immer und immer wieder bestätigen zu müssen?

Fazit ist: Indem wir unsere unrealistischen Erwartungen nicht erfüllen können, bestätigt sich unser (in diesem Fall negatives) Selbstbild. Wir gewinnen dadurch den Eindruck, die Welt ist „in Ordnung“, weil alles so ist, wie wir es unterbewusst erwarten. Wir glauben zu wissen, wer wir sind, bloß weil das Ergebnis für uns „intuitiv“ vorhersehbar war.

Geht es vielleicht auch ganz ohne Erwartungen? Können wir „wunschlos glücklich sein“? 

Ja, Erwartungsenttäuschungen lassen sich durch Erwartungslosigkeit vermeiden. Erwartungen sind wie eine Brille, durch die wir das Leben sehen – mit einem schwarzen und einem rosa gefärbten Brillenglas. Je nach Persönlichkeit und Prägung sehen Menschen öfter angstbesetzt (durch die dunkle Seite der Brille) oder hoffnungsfroh (durch die rosa Seite der Brille) auf sich und die Welt. Diese Brille wird von vielen nicht einmal wahrgenommen. Aber sie bestimmt zum größten Teil, was wir wahrnehmen und wie wir es sehen, also welche Bedeutung wir dem Erlebten verleihen. Die Welt an sich spielt sich jedoch zu 99,999% außerhalb unserer eigenen Brille ab – ob wir dies nun wollen oder nicht. Man muss innerlich erst einmal dazu bereit sein, die eigene Brille wahrzunehmen und abzunehmen um zu entdecken, was tatsächlich der Fall ist. Im Gegensatz zu alldem, was man bisher erlebt hat, weil man es so seinen Erwartungen gemäß sehen wollte.

Um den Mut aufzubringen, die Brille abzunehmen und um die Wirklichkeit auszuhalten, die so völlig eigenständig ohne unser Zutun ist, wie sie ist, braucht es nur eine Fähigkeit. Die hat es aber in sich. Ich nenne sie „Urteilsfreiheit“. Es ist die Fähigkeit, Dinge und Menschen nicht zu bewerten. Wenn sie alle Menschen entwickelt hätten, so wären die von uns, die zum Glücklichsein fähig sind, weil sie darin geübt sind, wunschlos glücklich. Die unter uns, die es gewohnt sind, die dünkleren Farben der Gefühlswelt stärker zu spüren, würden sich dieser, ihrer Eigenart bewusst. Aber beide Seiten der Menschheit, die Frohgemuteren und die Zweifelnderen müssten ihre Erlebnisse und sich selbst – egal ob sie ihren Vorstellungen entsprechen oder nicht – nicht (mehr) bewerten, weder ab- noch aufwerten. Der Kampf ums Rechthaben, vor sich selbst und mit anderen, hätte ein Ende.

Über Urteilsfreiheit können wir ein Stück weit mehr innere Freiheit und Selbstakzeptanz erlangen. Wollen wir darüber hinaus unsere Gewohnheiten, alles eher düster oder zu zuckerlrosa zu sehen verändern, so gilt es, die Brille, durch die wir wie selbstverständlich schauen, Stück für Stück zu erkennen. Werden wir uns unserer Erwartungen bewusst, gewinnen wir Freiraum fürs so-Sein. Wunschlos Sein…

 

 

SUPER SIMPLE SOLUTION No 25 – Wie Wünsche Wahr Werden

Wünschel-Route

Welchen Weg müssen wir gehen, damit sich unsere Wünsche erfüllen, jetzt wo es das Christkind doch schon etwas länger nicht mehr gibt (schade eigentlich)? Was oder wer bestimmt, ob unsere Wünsche Wirklichkeit werden? Sollen wir es mithilfe des Gesetzes der Resonanz versuchen, also indem wir die Schwingung unseres Bedürfnisses mit der Schwingung einer andernorts vorhandenen Überfülle zu vereinen suchen? Sollen wir auf den günstigen Zufall hoffen oder ist doch eher das Schicksal der Vater aller Wunscherfüllung? Sollte gar die sagenumwobene Synchronizität die Mutter aller Verwirklichungskräfte sein? Mit ihr ist jene gleichzeitige und gegenseitige Verstärkung von menschlicher Fokussierung, sowie räumlichen, zeitlichen und situativen Gegebenheiten gemeint, die zu schwer nachvollziehbaren komplexen Ursache-Wirkungs-Interferenzen führt. Klingt alles samt irgendwie kompliziert, oder?

Ist denn wirklich wichtig, wodurch unsere Wünsche in die Realität transferiert werden? Ja, es ist. Denn wozu sollte ein Wunsch gut sein, wenn er unserer Kontrolle entrinnen, unserer berechtigten Hoffnung entfleuchen kann und wir letzten Endes enttäuscht werden? Wäre es unter diesen Umständen nicht viel einfacher, „einfach wunschlos glücklich“ zu sein, weil wir uns damit viele Frustrationen ersparen würden – und uns das Leben quasi aus dem Nichts heraus eines ums andere Mal positiv überraschen könnte? Nein, wäre es nicht. Wir sind Menschen, uns liegt das Hoffen, Wünschen und Sehnen im Blut, in den Genen: Wir streben nach mehr, nach angenehmer, weiter, schöner, gescheiter, jünger, besser, anders, nach unerreichbar. Wünschen ist wichtig, gerade weil wir unsere Wünsche niemals völlig befriedigen können. Unsere Unzufriedenheit ist eine starke Triebfeder für Entwicklung, für Neugierde. Die Spannung macht Lust auf Lösung, die Leere ruft nach der Fülle. Die Fülle schreit nach mehr, nach anders. Nicht nur zu Weihnachten. Aber wie sollen wir richtig wünschen, sodass wir nicht enttäuscht, sondern erfüllt, beglückt und überaus angenehm überrascht werden, und zwar immer wieder?

Der Weihnachtsmann oder das Christkind

Wer – wenn schon nicht was, also welche Methode – ist eigentlich für die Wunscherfüllung zuständig? Ist der Staat verpflichtet, alle seine Bürger lebensfähig zu erhalten? Sind die Eltern dazu verpflichtet, Kindern alle Träume zu erfüllen? Muss der Partner den Vorstellungen seines Gegenübers entsprechen? Wer macht uns froh und zufrieden und: muss er/sie das?

Auf diese Frage gibt es zweierlei Antworten, beide machen uns zumindest auf den ersten Blick nicht unbedingt rundum happy. Erstens: Es sind andere Menschen und ganze Systeme für das höchsteigene Wohl zuständig. Das ist schön, wenn diese die Verantwortung tatsächlich übernehmen. Es macht uns jedoch zugleich hochgradig abhängig von ihnen. Zweitens: Wir sind es selbst, die für unser Wohl und Weh zuständig sind. Das macht die Wunscherfüllung planbarer und überschaubarer, aber der Zufallseffekt ist wohl eher limitiert, ebenso wie alles, das außerhalb unseres naheliegenden Wirkungskreises aktiviert werden müsste. Und es ist durchaus befriedigend, Ziele zu erreichen, sich Geschenke zu kaufen, Wohnträume zu verwirklichen. Fühlt sich alles gut und richtig an, sofern es uns gelingt, unsere Vorstellungen in die Realität umzusetzen. Viel zu oft hinterlassen aber gerade die hart erarbeiteten Ziele eher das schale Gefühl eines abgehakten Etappenziels auf dem Weg ins Nirgendwo. Wie also richtig wünschen?

Wunscherfüllung, aber richtig

Praktisch wäre folgende Einstellung:

Nichts von anderen erwarten und sich über alles freuen, was da kommt.

Alles von sich selbst erwarten und sich stets wundern, wenn es anders kommt.

Aber wer lebt schon so? Erwarten wir nicht immer mehr von anderen, als diese uns bieten oder liefern (können)? Das Resultat sind wiederkehrende Ent-Täuschungen. Und erwarten wir andererseits nicht meist mehr von uns selbst, als wir in der Lage sind zu erfüllen? Wobei uns das meist sauer auf uns selbst macht. Beides, die Frustration und die Unzufriedenheit mit oder sogar Wut auf sich selbst und andere, sind Gefühlszustände, die weitab von der wunschverwirklichenden Strahlkraft liegen, wie sie etwa in „The Secret“ beschrieben wird. Spüre dein Wunschziel in dir – dann geht es in Erfüllung, magisch angezogen durch deine Ausstrahlung. Hach schön wär‘s. Denken wir aber beim Wünschen versehentlich eher an den Mangel als an das Ziel (und das geschieht leider viel zu oft), dann wird das Mangelbewusstsein gestärkt und uns zu noch mehr Mangelzustand führen (in beiden Fällen wirkt das „Gesetz der Bestätigung eigener Vorannahmen“, vulgo: die selffulfilling-prophecy). Wünschen wir uns mehr Geld oder endlich den richtigen Partner? Schwupps, schon sind wir in der Mangelfalle. Tun wir hingegen so, als hätten wir alles Geld der Welt, werden sich voraussichtlich unsere Schulden erhöhen. So will das mit dem Wünschen irgendwie nicht klappen.

Was wirklich wirkt

Wollen wir ein Leben in der Fülle, im Wohlgefühl mit uns selbst und der Welt führen, dann gilt es, diesen Zustand in uns selbst herzustellen. Punkt. Alles andere, also Wunscherfüllung und Wohlgefühl von außen und anderen und in Form bestimmter Dinge ist ein Geschenk, das wir dankbar annehmen oder ablehnen können. Hilfreich dabei ist es anzuerkennen, dass der Mensch nicht auf dauerhafte Zufriedenheit und Glücks-Hochs gepolt ist. Wir leben recht gut und vor allen gewohnheitsmäßig in der Qualität des Auf und Ab, des Angenehmen und Unangenehm, des Kalt-Warm. Ohne das eine wäre das Erkennen und Wahrnehmen des anderen gar nicht möglich. Wären wir keine Wesen der Polarität, der Hochs und Tiefs, dann würden wir in der ewigen Mitte, in der reinen Gelassenheit, in der völligen Unberührbarkeit verweilen. Seien wir uns ehrlich, wer will das schon? Also: Rein in die breite Farbpalette des Lebens, der Gefühle, des Wünschen und Sehnens, Freuen und wieder Loslassens.

In einem Zustand der erwartungsfreien Offenheit wird es möglich, so tief in sich hinein zu spüren, dass wir herausfinden, was wir gerade brauchen, nicht was wir wollen. Unsere Wünsche verdecken unsere Bedürfnisse nur allzu oft. Wir können mit etwas Einfühlung auch leicht erkennen, welche unsere ureigenen Wünsche sind und welche wir von anderen übernommen haben (von Menschen aus unserer Vergangenheit, aus Medien, von unserer Umgebung). So viele Wünsche gehören uns gar nicht. Welch unglaubliche Erleichterung!

Wir können uns in dieser frischen Unvoreingenommenheit dazu entscheiden, den Wunsch eines anderen Menschen für ihn wirklich werden zu lassen – wir sind dann sein Christkind, Schicksal, Zufallsmoment. Wir müssen aber nicht. Früher oder später führt ein solches Handeln zur Erfahrung, dass das eigene Wünschen reiner, schöner Selbstzweck sein kann. Das Wünschen selbst macht dann Freude, unabhängig von der Form oder der Art und Weise der Wunscherfüllung: Im Spagat zwischen dem tatsächlich Machbaren (etwa einem Wochenende in einem schönen Hotel) und dem idealen, unerreichbaren Zielbild (beispielsweise einem Schloss in Südfrankreich) liegt ein freudvolles Reich an Möglichkeiten und Varianten, die Palette der Annäherung und Distanzierung vom Idealwunsch auszukosten. Sich für keine Möglichkeit zu verschließen („das geht ja eh nicht“) und sich an keine Variante zu klammern („Es muss unbedingt das Wasserschloss an der Loire sein“) hält uns im prickelnden Zwischenraum des Aussichtsreichen, ohne in die Sehnsucht des Abwesenden zu kippen. Hier, in diesem Zwischenreich mit 360 Grad Panoramablick in alle Realisierungsrichtungen erleben wir das Wünschen als Wunder-voll. Hier macht es tatsächlich nur Spaß und liefert fruchtbare Inspirationen für den tagträumenden Alltag und für die vorfreudige Planung der tatsächlichen Zukunft. Wunsch-voll glücklich lächeln wird dann aus der Fülle des Abwesenden, Vorgestellten und Realisierten heraus – alles und mehr kann kommen, so oder anders…

SUPER SIMPLE SOLUTION No 24 – Glück und Seligkeit

Nur ein Stück vom Glück?

Was macht uns wirklich glücklich? Ist es, dass wir Glück haben, also der sprichwörtliche „Lottogewinn“ in all seinen von uns erträumten Varianten? Oder sind es doch bestimmte, noch zu erlangende Umstände, die uns glücklich werden lassen: der Ring am Finger oder das eigene Baby, der coolste Job auf Erden oder massig Ruhm und Ehre? Lässt unsere Herzen vielleicht die pure Vorfreude (etwa auf den Urlaub, das romantische Dinner, das perfekte Weihnachtsfest) oder die Lust an der Sehnsucht (nach der nächsten Liebesnacht, dem idealen Partner, dem schönsten aller Zuhauses) höher schlagen? Mit größter Wahrscheinlichkeit führen alle diese Faktoren zu vorübergehenden Glücksmomenten. Was aber hält uns auf Dauer zentriert im richtigen Hormoncocktail, in der runden Stimmung, im geistigen Reichtum? Die „glücklichen Umstände“ vermögen genau dies nicht zu leisten. Dauerhaftes Glück entfaltet sich vielmehr entlang einer bunten Farbpalette ineinander übergehender Aspekte der tiefen Verbundenheit: Mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt – und mit dem Großen Ganzen.

Solche Augenblicke tiefer Verbundenheit entstehen im inneren Freiraum, im aufgabenfreien Zwischenraum, im Unverplanten, in den Lücken zwischen allem und jedem. Diese Lücken sind die Tore zum Ungeahnten, sie bilden die Brücken zum Einssein.

Worauf blicken wir, wenn wir durch diese Spalten in unserer gewohnten Realität hindurch schauen? Und was lassen wir von dort an uns heran, was kommt bei uns an?

Eine kleine Geschichte

Unlängst besuchte ich eine Lesung des Autors Daniel Kehlmann. Das Gespräch auf der Bühne begann damit, rund um Trumps Wahlsieg und die Unglaublichkeit desselben zu kreisen. Ich wollte innerlich schon abschalten, dachte ich hätte bereits alles darüber gelesen, gehört, gesagt, auch ausreichend eigenen Senf dazu geschrieben. Kurz davor, enttäuscht aufzustehen und zu gehen, kippte das Gespräch. Es kippte hinein in die Novelle Kehlmanns. Seine Geschichte handelt von der Auflösung der Wirklichkeit. Von der Unsicherheit, die einen Menschen völlig gefangen nehmen kann, von der Unentrinnbarkeit der Lücken im Leben. Alles dreht sich um die völlige Bemächtigung der Sichtweise, der Wahrnehmungsfähigkeit und des Wesens des Ich-Erzählers durch das, was außerhalb seines Horizonts liegt. Die Öffnungen zu anderen Erlebniswelten pirschen sich an ihn heran, färben seinen Gefühlshaushalt neu ein und vereinnahmen ihn dadurch Stück für Stück. Die Novelle macht auch beim Zuhören Angst. Weil sie jene Möglichkeiten unfassbar spürbar schildert, die eigentlich ungreifbar sein müssten und dennoch zu präsent sind, als dass sich der Protagonist noch an seine bisherige Realität klammern könnte.

Mitten in dieser Lesung war ich mitten in einer Lücke gelandet, in jenem Bruch, der unsere Welt derzeit erschüttert. Mehr noch: ich war nicht nur mitten im Erleben der Bruches, von dem sich noch nicht zeigt ob er der Anfang eines Zusammenbruchs oder der Aufruf zum Aufbruch ist. Ich war zudem in Mitten des Reflektierens darüber, des Redens über das Lückenhafte, das Unglaublich Reale, das Neue Andere im derzeitigen gesellschaftlichen Bewusstsein gelandet. Das irgendwie noch Unwirklich Wirkende aber zugleich Tatsächlich Geschehende wird von Kehlmann dabei nicht als aussichtsreicher Möglichkeitsraum dargestellt, sondern de facto als Horrorszenario. Das trifft den Nagel auf den Kopf, nämlich auf den Kopf jener Menschen, die derzeit nicht so recht wissen, wie sie mit den Brüchen in ihrer, in unserer Wirklichkeit umgehen sollen.

Die Tücke der Lücke

Dass wir in unsicheren Zeiten leben, wissen wir. Sicherheitslücken soweit das Auge reicht. Dass die Gesellschaft sich selbst nicht mehr zu verstehen glaubt, bekommen wir mit jedem „unerklärlichen“ Wahlerfolg und in den diesbezüglichen Kommentaren vermittelt. Vertrauenslücken wohin das Auge blickt.

Im Laufe der Lesung wurde mir die absolute Unentrinnbarkeit, die unsere emotionale Sicht auf das Vage unserer Realität in Bezug auf unsere Erfahrung der Wirklichkeit hat, richtig deutlich vor Augen geführt. Das Problem mit der Offenheit ist, dass wir nicht kontrollieren können, was durch sie hindurch tritt. Die Herausforderung liegt also darin, anzuerkennen, dass unsere Sichtweise auf die Brüche unserer Welt mitbestimmt, was durch sie auf uns zukommt. Dadurch gestalten wir im Hier und Jetzt unsere Zukunft, selbst wenn wir nicht einmal verstehen, was im Hier und Jetzt geschieht. Nennen wir es der Einfachheit halber self-fullfilling-prophecy: Wir sehen, was wir sehen können (wollen) und kreieren damit, was wir erleben werden. Und offenbar sehen derzeit viele Menschen die Zukunft – also was durch die Risse in unserer Wirklichkeit auf uns zukommt – eher schwarz. Nur wenige Menschen sehen strahlend weiß und völlig unbekannt viele sehen bunt.

Bunt sehen zu können heißt, die Lückenhaftigkeit als Teil des Gemäldes seines Lebens wahrzunehmen. Wer bunt sieht, der kann die Bruchlinien in der eigenen Realität, aus denen das Leben mittlerweile nicht mehr nur an den Rändern des Scheinwerfers unseres Blickwinkels besteht, zum ersten einmal erkennen. Buntseher sind zweitens dazu in der Lage, die mit der eigenen Selbst- und Welt-Wahrnehmung interferierenden, reinsickernden Wirklichkeiten anzuerkennen. Und sie können noch mehr. Sie sind drittens dazu im Stande, von rein Sehenden zu den Malern der Wirklichkeit zu werden, indem sie ihre Fähigkeit, durch ihre Wahrnehmung die Form der Interferenzen zu beeinflussen, entwickeln.

Kennzeichen der Seligkeit

Selig sind die, die bunt sehen.

Denn sie lassen sich überraschen. Von Angst, von Lust, von Freude, von Frust.

Selig sind die, die das Leben als das sehen, was es ist.

Als Wunder und Wahnsinn, einzigartig und bedeutungslos angesichts der Weite des Raums und der Vergänglichkeit der Zeit.

Selig sind die, aus deren Lücken Licht strömt.

Denn sie werden die Zukunft auf eine Art beeinflussen, die das Leben lebenswerter macht.

Glückskinder

Glückskinder leben jenseits vom Glauben und diesseits der Angst.

Wer ist ein solches Kind des Glücks? Das Bild meiner alten Großmutter kommt mir in den Sinn. Besonders ihre Augen. Sie war als Jugendliche nahezu blind gewesen. Seither (und nach dem Krieg) erfüllte sie eine unerschütterliche Freude am Leben zu sein und das Leben zu sehen. Diese Freude strahlte durch ihre Augen. Sie waren stets hellblau und zugleich tiefdunkel. Denn sie sah mit ihnen durch die Oberfläche hindurch. Sie erkannte das Lückenhafte in Menschen, sah die Bruchstellen in Selbstbildern, die Ungereimtheiten der Welt, die Unbestimmtheit der Zukunft. Und was sie sah bewegte sie zutiefst. Ihre Augen waren glänzend vor Mitgefühl mit all jenen, die die Großartigkeit zu Sein und zu Sehen nicht spürten und daher sich und anderen Leid zufügten. Sie tat nichts mehr, nichts anderes, nichts Besonderes, außer zu sehen und zu lächeln und ab und zu aus vollem Herzen leise zu singen. Sie war kugelrund und liebte das Leben. Und weil sie rund mit sich war, liebte das Leben sie zurück.

Die Welt ist rund und wir sind am Leben.

Was siehst Du, Glückskind?

SUPER SIMPLE SOLUTION No 13 – Aber Und Glauben

Wer Was Wie und Warum

WER etwas äußert ist oft wichtiger, als WAS gesagt wird. Und WAS gesagt wird, wirkt oft weniger relevant als WIE es rüberkommt: Untersuchungen bestätigen schon seit Langem, dass die Macht der Worte zum größten Teil in der Art und Weise ihres Ausdrucks liegt. WIE wir etwas ausdrücken, hängt davon ab, welche Worte wir wählen und welche emotionale Konnotation wir ihnen verleihen, sowie vom Rahmen, in dem wir etwas präsentieren. WER und WIE besiegen das WAS, wenn es um Glaub-Würdigkeit geht.WARUM dies so gut funktioniert ist schnell erklärt: WER etwa  Bildsprache und Vereinfachungen (wie Verallgemeinerungen oder Zuspitzungen und Überhöhungen) zu verwenden weiß, diese Worte in anregende Mimik und Gestik verpackt und am richtigen Ort von sich gibt – der kann sein Publikum höchst effektiv emotionalisieren. WARUM jemand sich und seine Inhalte derart in Szene setzt? Weil Emotionen, egal welcher Couleur, die Relevanz des Senders automatisch erhöhen. Will jemand auffallen, bewundert oder gemocht werden, sollte er/sie seine Ansichten so inszenieren, dass sie Emotionen hervorrufen. So weit so klar.

ABER. Was hat das alles mit Glauben zu tun?

Der Glaube ans Gute 

Glauben emotionalisiert uns ebenfalls ungemein. Oder gar umgekehrt: Emotionen lassen uns an Dinge oder Ideen glauben. Der Wunsch an etwas zu glauben, weil es uns emotional anspricht, garniert mit Bildsprache, serviert auf einem Spiegel von Vereinfachungen, ergibt eine ver-Führerische Mischung, die unsere Welt- und Selbstwahrnehmung stark beeinflussen kann. Werfen wir Hoffnung, Angst und Glaube in eine Topf, so entsteht ein wild-duftender Zaubertrank, der stark nach Aber-Glauben riecht: Trotz der an sich nackt-neutralen Wirklichkeit wollen viele von uns ABER an das GUTE GLAUBEN! Wer den Glauben ans Gute, an die Hoffnung, an die Liebe glaub-würdig – also spürbar Gefühle weckend – in den Menschen hervorzurufen versteht, der wird automatisch gemocht, sogar bejubelt. Aber nur von denen, die an das Gute glauben wollen. Eh klar.

Die Dunkle Seite der Macht

ABER. Was ist mit denen, die an den Weltuntergang glauben? An die ständige Bedrohung durch eine prinzipielle Übermacht der Dunklen Seite? Sie glauben an die übermächtige Existenz des Bösen (alternativ: der Blödheit), sowie an eine nicht zu besiegende Macht der Gewalt – und dass beide uns bald fest im Griff haben werden. Genau daran glaubt offenbar dieser Tage ein guter Teil der europäischen, auch der österreichischen Bevölkerung: Dieser Teil fürchtet den Untergang des Abendlands, der westlichen Kultur und Werte, der Wirtschaft sowieso, und die Umwelt hat gar für viele schon längst verloren…

Warum glauben so viele aber an genau dieses ABER, das nachweisbar sehr oft im krassen Gegensatz zur tatsächlich erlebten Realität dieser Menschen steht? Eine mögliche Antwort ist: Weil es Kommunikatoren und Medien sehr effektiv schaffen, genau diese negativen Bilder lebhaft und spürbar in ihnen aufzurufen. Es sind Bilder von Krieg, Kampf, Bedrohung, Abstieg, Verlust. Bilder, die 1-3 Generationen zuvor noch bittere Realität waren. Es sind Bilder des Schreckes, die für die meisten Geflüchteten tatsächlich jetzt bittere Realität sind. Für genau die wiederum viele keine Gefühlsregungen übrig haben. Weil sie offenbar diese Schreckensszenarien verkörpern, vor denen viele hier Angst haben. Derart spürbar verkörpern, dass der Glaube an ein Gutes Ende für solche Menschen in einem übermächtig empfundenen ABER untergeht…

Wort-Wahl

So in die Enge der Angst getrieben, scheint die Wahl nur aus Wegschauen, also aus Ignoranz oder Abwehr, und aus Intensivieren durch Aufbauschen zu bestehen. Kurz gesagt: Paranoia, Verdrängung und Aggression kämpfen in vielen von uns um die Vorherrschaft. Sie alle sind Versuche, mit Angst und dem Glauben an das Böse, Üble umzugehen.

ABER. Was hilft tatsächlich im Umgang mit der Wirklichkeit? Was sollen wir tun? Sollen wir nun ans Gute oder Böse glauben? Wir wollen doch weder naive Gutmenschen noch angstverhaftete Schlechtmacher sein, oder? Welche Seite entspricht mehr der Wirklichkeit? Wir haben schlicht die Wahl. Oder? Nein. Ich bin an dieser Stelle für ein spürbares: UND! Einfach weil ein UND wahrer ist, indem es mehr Realität zu umfassen vermag, als es endweder-oder jemals können. Gut und Böse. Beide sind real. Zumindest so real, wie eben jeder Glaube unsere Handlungen zu beeinflussen vermag. Und ich meine hier nicht den religiösen Glauben, sondern den Alltagsglauben. Also das, was wir für wahr und wirklich halten und was doch nur eine emotional gefärbte Bewertung von Tat-Sachen ist.

ABER das UND hat einen Nachteil: Es macht die Dinge kompliziert…

ABER versus UND

ABER hingegen reduziert das Viele auf die Eine Sicht der Dinge. Und vereinfacht dadurch alles, was danach kommt, wie etwa Entscheidungen zu treffen. Ein UND hingegen stellt Perspektiven einander zur Seite. Viele Perspektiven gemeinsam machen de facto das Geflecht der Wirklichkeit aus, in dem wir leben. Reduzieren wir unsere Sichtweisen auf nur wenige Stränge der An-Sicht, so geben wir damit zugleich unserem Gehirn den Auftrag, alles, was wir erleben so zu filtern und umzuinterpretieren, dass es zu dieser Voreinstellung passt. Ein ABER will stets die eigenen Voreinstellungen, die eigene Vor-Stellung bestätigen. Ein UND hält uns hingegen offen für mehr Möglichkeiten.

Glauben Und Wissen

ABER. Was glauben wir zu wissen? Das ist eigentlich das einzige, worauf es wirklich ankommt. Wir glauben zu wissen, was wir selbst erfahren haben. ABER wir glauben oft, Dinge selbst erfahren zu haben, von denen uns nur emotional höchst nachvollziehbar erzählt wurde! Die Macht der Worte und die Überzeugungskraft guter Redner bewirken ein effektives und lebhaftes Hineinversetzen in alle möglichen Szenarien. Die effektive Manipulation der Befindlichkeit – darin sind gute Redner wahre Meister, egal ob Prediger oder Fanatiker, ob Kabarettisten oder Politiker. Manchmal verschwimmen die Grenzen sowieso: Wissenschaftler, die ihre 1-Satz-Message  kabarettreif rüberbringen. Politiker, die fanatisch predigen. Medien, die mit sachlicher Stimme gefärbte Inhalte präsentieren. Infotainment. Kennen wir alles. ABER. Wo ist die tat-sächliche Wirklichkeit? Dies ist eine Frage, die besonders oft von Negativszenario-Gläubigen an Positivisten und Optimismus-Gläubige gerichtet wird. Die Wirklichkeit liegt in der Sache und zeigt sich in Taten. ABER eben nicht alleine. Hier kommt das UND: Sie liegt auch in der Emotion. Denn durch das Gefühl geben wir den Taten und Sachen erst eine Bedeutung, die für uns Relevanz hat.

Wissen Und Wirklichkeit

Wissen, das sich an die Wirklichkeit hält, müsste ohne Bewertung, ohne Interpretation auskommen. Wissen, was ist, bedeutet im selben Atemzug zumindest zu ahnen, was man alles nicht wissen kann. Keine Wahrscheinlichkeitsrechnung kann das Nicht-Wissen tatsächlich effektiv beseitigen. Wie uns Risikoberechnungen vielfach gezeigt haben, bewahren sie uns nicht davor, Entscheidungen zu rechtfertigen, die letztendlich das auslösen, was vermieden hätte werden sollen. Siehe Immobilien- und Finanzblasen.

Die Wirklichkeit gleicht einem nüchternen Objekt, erlebt von dieselbe emotionalisierenden Subjekten. Ob man es nun glauben will oder nicht: Jedes Wissen kann immer nur einen Auszug der Wirklichkeit liefern. Einen Teil darstellen, der niemals umfassend genug sein kann, um die gesamte Wirklichkeit zu beschreiben. Die wichtigste, weil handlungsrelevanteste Frage an dieser Stelle lautet: Ist dieser Umstand für uns frustrierend oder antreibend? Wissenschaftler fühlen sich durch das Nicht-Wissen und ihren Glauben an eine zu entdeckende dahinterliegende, als Ganzes in ihrem Wirkungsgefüge zu erfassende Realität, „angeturnt“. Sie forschen dann aus Leidenschaft. Aber viele andere regt das Nicht-Wissen und die unüberschaubare Komplexität des Lebens, des Seins und des Rests einfach nur auf. Um beruhigt leben zu können, reduzieren sie die unendliche Wirklichkeit auf einfache Wahrheiten. Sie behaupten alles über die Wirklichkeit zu wissen, indem sie eine Wahrheit definieren und diese, ihre Definition glauben. Der Glaube an die eigens zu diesem Zweck produzierte „Wahrheit“ spendet Sicherheit.

Wahrheit Und Weisheit

Weisheit weiß Sicherheit zu spenden, ohne die Wahrheit der Wirklichkeit zu limitieren. Weisheit agiert oft mit einem unsichtbaren aber spürbaren UND. Mein Lieblings-Haiku illustriert dies deutlich:

„Wie klingt das Klatschen einer Hand?“, fragte einst der Meister seinen Schüler.

Die Weisheit verweist auf das Unsichtbare, das Mit-Existente – selbst wenn es das Nichts, die Leere, das Undenkbare ist. Das noch-Mögliche, Mitgemeinte, Auch-Existierende. Weisheit schließt ein UND eröffnet. Schafft Verbindung UND Freiheit. Weise sind höchst unabhängig und zutiefst verbunden.

Weisheit, Wunder Und Wirksamkeit

Weisheit wirkt Wunder. Warum? Weil sie das ABER in ein UND zu verwandeln weiß. Wo ein UND, da Ent-Wicklung. Wo Entwicklung, da WACHstum. UND:

Wo die Wachheit ohne Wertung, da die Wirklichkeit.