Special Screen Script No 1: Über dem Brillenrand

2018 wird anders. Ganz anders. In diesem Blog dreht sich nun alles ums Nach-lesen zum Fern-Sehen. Denn dieses Jahr sind so einige TV-Beiträge mit meiner Wenigkeit geplant. Um der Schnelllebigkeit des Mediums Rechnung zu tragen, sowie um den mitunter hintergründigen Inhalten gerechter zu werden, können hier nun die Beiträge in aller Ruhe und in ihrer ursprünglichen Form erlesen werden…

Den ersten Artikel liefert das Interview über „Erwartung und Enttäuschung“ in Daheim in Österreich vom 04. Jänner 2018. Einige Tage noch hier zu sehen: http://tvthek.orf.at/profile/Daheim-in-Oesterreich/13887572/Daheim-in-Oesterreich/13959808/Talk-mit-Kommunikationsexpertin-Nana-Walzer/14210602

Und dies ist das originale, dem Interview zugrunde liegende Skript dazu:

Warum erwarten wir überhaupt etwas? Und wozu sind Enttäuschungen gut?

Unsere Erwartungen schenken uns Orientierung im Alltag. Sie sind der Maßstab, mit dessen Hilfe wir beurteilen, ob uns etwas gefällt oder nicht, angenehm ist oder nicht, wir es gut finden oder nicht. Und mitunter bescheren sie uns auch Enttäuschungen. Ja, das eine bedingt das andere. Ohne Erwartungen gäbe es auch keine Enttäuschungen. Dabei ist interessant, dass unsere Erwartungen stets auf einem von 2 Gefühlen basieren: sie werden entweder von Angst oder von Hoffnung gespeist.

Wir alle wollen unsere Erwartungen erfüllt wissen – und zwar egal, ob sich damit unsere Ängste oder unsere Hoffnungen bestätigen. Gehen unsere Erwartungen in Erfüllung, so haben wir das Gefühl der Kontrolle, das Gefühl, dass unsere Sicht von uns selbst und der Welt richtig ist, das alles „stimmt“.

Da wir uns selbst unseren Erwartungen, insbesondere den Gefühlen dahinter, also der Angst und der Hoffnung gemäß verhalten, beeinflussen wir unsere Wirklichkeit mit. Sind wir oftmals ängstlich, machen wir uns viele Sorgen, dann sehen wir auch sprichwörtlich schwarz: wir erleben die Welt bedrohlicher und machen negativere Erfahrungen. Suchen wir hingegen nach Hoffnung, sind wir optimistisch eingestellt, dann leben wir auch glücklicher (dies wurde in vielen Studien bewiesen). Man kann sich aber nun nicht einfach einbilden, ab jetzt positiver zu denken und „einfach“ hoffnungsfroher zu werden. Erwartungen erwachsen aus zum Teil lebenslangen Gewohnheiten, sie sitzen tief. Um sie zu verändern brauchen wir die Erwartungsenttäuschung!

Werden unsere Erwartungen nämlich nicht bestätigt – egal ob positive oder negative  – so sind wir enttäuscht, da wir das Gefühl haben, unsere Wirklichkeit nicht mehr zu kennen. Es kommt anders, als wir denken. Wir merken, dass wir uns getäuscht haben. Das irritiert, verstört. Im besten Fall ist dieses Gefühl der Dissonanz zwischen der eigenen Weltwahrnehmung und der Welt an sich eine gute Gelegenheit, die eigenen Gewohnheiten zu reflektieren und zu erkennen, was man vielleicht in seiner Selbst- und Weltsicht verändern möchte. Meistens aber ärgern wir uns, werden frustriert, traurig oder fühlen uns schlicht einsam. Wir gehen in den Rückzug oder in die Abwehr, sind enttäuscht von der Welt und den Menschen statt animiert, etwas an uns selbst zu verändern.

Warum schrauben viele Menschen ihre Erwartungshaltung so hoch, dass sie von der Realität fast nur enttäuscht werden können?

In unseren Erwartungen spiegelt sich unser Wertesystem – und damit kommen auch unsere Idealvorstellungen ins Spiel. Was wir für besonders schön, anziehend, attraktiv, sprich: wünschenswert halten, das wollen wir auch erleben. Wir vergleichen uns mit ewig jungen und schlanken Supermodels, wollen wie Spitzensportler durchtrainiert und leistungsfähig sein, wären gern Wirtschaftsbosse oder Helden unserer eigenen Filmreihe. Das „sich-nach-oben-ausrichten“ kann uns durchaus einen Energieschub geben, wir stecken uns Ziele, haben durch die anvisierten Vorgaben eine Richtung und einen gewissen Druck und Schub, diesen Weg zu gehen und die Zielsetzungen zu erreichen.

Aber wenn die Ideale allzu weit von unseren realen Möglichkeiten und den Umständen, in denen wir leben entfernt sind, dann wird der Weg zum Ideal sehr hart, ist von Enttäuschungen gezeichnet oder aber wir handeln, um etwas Bestimmtes zu erreichen, völlig gegen unsere eigenen Wertvorstellungen – und sind dann von uns selbst enttäuscht.

Doch wer hätte es für möglich gehalten: genau hierin liegt der Nutzen von zu hohen Erwartungen! Denn was zum einen eine Wunschvorstellung ist, ist zum anderen ein Ziel, dass es absichtlich, wenn auch unbewusst, nicht zu erreichen gilt. Unsere Erwartungen werden nämlich von unserem Selbstbild getragen. Wir leben nach Leit- und Glaubenssätzen, die uns nicht immer bewusst sind. Sätze wie „das kann ich nicht“, „ich bin nicht klug/schön/dünn genug“ oder „das ist mir zuviel“, „ich schaffe das soundso nicht“ etc. flüstern uns aus dem Unterbewusstsein wie Souffleusen beim Theater ein und beeinflussen unser Verhalten stärker als die Wunschvorstellungen es vermögen. Auch hier können Enttäuschungen wie der x-te nicht gelungene Versuch abzunehmen ein Wegweiser sein, unsere Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster in der Tiefe unseres Seins zu erkennen. Wer glauben wir zu sein? Welches Selbstbild glauben wir immer und immer wieder bestätigen zu müssen?

Fazit ist: Indem wir unsere unrealistischen Erwartungen nicht erfüllen können, bestätigt sich unser (in diesem Fall negatives) Selbstbild. Wir gewinnen dadurch den Eindruck, die Welt ist „in Ordnung“, weil alles so ist, wie wir es unterbewusst erwarten. Wir glauben zu wissen, wer wir sind, bloß weil das Ergebnis für uns „intuitiv“ vorhersehbar war.

Geht es vielleicht auch ganz ohne Erwartungen? Können wir „wunschlos glücklich sein“? 

Ja, Erwartungsenttäuschungen lassen sich durch Erwartungslosigkeit vermeiden. Erwartungen sind wie eine Brille, durch die wir das Leben sehen – mit einem schwarzen und einem rosa gefärbten Brillenglas. Je nach Persönlichkeit und Prägung sehen Menschen öfter angstbesetzt (durch die dunkle Seite der Brille) oder hoffnungsfroh (durch die rosa Seite der Brille) auf sich und die Welt. Diese Brille wird von vielen nicht einmal wahrgenommen. Aber sie bestimmt zum größten Teil, was wir wahrnehmen und wie wir es sehen, also welche Bedeutung wir dem Erlebten verleihen. Die Welt an sich spielt sich jedoch zu 99,999% außerhalb unserer eigenen Brille ab – ob wir dies nun wollen oder nicht. Man muss innerlich erst einmal dazu bereit sein, die eigene Brille wahrzunehmen und abzunehmen um zu entdecken, was tatsächlich der Fall ist. Im Gegensatz zu alldem, was man bisher erlebt hat, weil man es so seinen Erwartungen gemäß sehen wollte.

Um den Mut aufzubringen, die Brille abzunehmen und um die Wirklichkeit auszuhalten, die so völlig eigenständig ohne unser Zutun ist, wie sie ist, braucht es nur eine Fähigkeit. Die hat es aber in sich. Ich nenne sie „Urteilsfreiheit“. Es ist die Fähigkeit, Dinge und Menschen nicht zu bewerten. Wenn sie alle Menschen entwickelt hätten, so wären die von uns, die zum Glücklichsein fähig sind, weil sie darin geübt sind, wunschlos glücklich. Die unter uns, die es gewohnt sind, die dünkleren Farben der Gefühlswelt stärker zu spüren, würden sich dieser, ihrer Eigenart bewusst. Aber beide Seiten der Menschheit, die Frohgemuteren und die Zweifelnderen müssten ihre Erlebnisse und sich selbst – egal ob sie ihren Vorstellungen entsprechen oder nicht – nicht (mehr) bewerten, weder ab- noch aufwerten. Der Kampf ums Rechthaben, vor sich selbst und mit anderen, hätte ein Ende.

Über Urteilsfreiheit können wir ein Stück weit mehr innere Freiheit und Selbstakzeptanz erlangen. Wollen wir darüber hinaus unsere Gewohnheiten, alles eher düster oder zu zuckerlrosa zu sehen verändern, so gilt es, die Brille, durch die wir wie selbstverständlich schauen, Stück für Stück zu erkennen. Werden wir uns unserer Erwartungen bewusst, gewinnen wir Freiraum fürs so-Sein. Wunschlos Sein…

 

 

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Surprising Salon Session No 5: Ein Gedicht, dieses Leben

Das Gedicht meines Lebens…

…hängt gleich hier bei mir, über meinem Schreibtisch. Dieser wunderbar von der Zeit zermürbte Zettel begleitet mich schon ziemlich genau mein halbes Leben lang. Er kam mit, wo auch immer ich war. Nun sieht er tatsächlich etwas mitgenommen aus. Das Gedicht hat schon einiges gesehen, es hat ein Eigenleben, eine Eigenfarbe. Es gibt mir Rat und Inspiration. Danke Peter Handke. Danke Natalie, Du Wunderbare, von der ich diesen Zettel anno dazumals in Hamburg in die Hand – nein: in mein Leben gedrückt bekam.

Es ist für mich eine Art Lebensratgeber. Mutspender. Aufrichter. Weg-Weiser. Es streicht das Wirklich Wichtige hervor, ohne das Wunderbar Unwichtige auszulassen. Es erinnert mich daran, dass das Leben ist, was wir daraus machen. Noch so ein Spruch, der in meiner Wohnung herumhängt. Eine Postkarte aus meiner Lieblingsbar. Öfter mal schreibe ich mir Briefe an mein zukünftiges, potenzielles Ich auf eine solche Postkarte. Nach dem einen oder anderen Bier. Da stehen dann Sachen drauf wie „Hold the One and Only Space“ oder so. Dinge, die wahrscheinlich (fast) nur ich verstehe. Aber…

Wer versteht einen schon wirklich?

Seien wir uns mal ehrlich. Wir glauben, einander zuzuhören, einander nachvollziehen zu können. Aber niemand steckt in unserer Haut, hat erlebt, was wir erlebt haben, sieht die Welt, so wie wir selbst. Daher ist es ja so wichtig, in seinen Eigenfarben zu erstrahlen, wie Handke so schön schreibt. Erst wenn wir uns zeigen, das Einzigartige sichtbar machen, uns so ausdrücken, dass wir uns nicht anpassen, um zu gefallen, sondern verfassen, was uns gefällt, werden wir greifbar. Angreifbar. Natürlich auch kritisierbar. Sich zu zeigen kann dazu führen, dass wir uns noch unverstandener fühlen als je zuvor. Der Kitt der Konvention zerbröselt. Die Schutzschicht des Selbstverständlichen blättert ab. Die nackte Soheit übernimmt das Ruder. So ohne Panzer kann das Leben dann auch hart und kalt sein. Wollen wir nicht alle irgendwie irgendwo dazu gehören?

Nein.

Wir wollen nicht irgendwie oder irgendwo hin gehören. Wir wollen Menschen um uns, die uns so sehen, wie wir sind und so nehmen, wie wir uns geben und so verstehen, wie wir es tatsächlich meinen. So gut, so wahr. Aber wo sind solche Menschen? Gibt es sie überhaupt?

Ja.

Warum? Weil ich es weiß. Sie sind überall. Aber sie zeigen sich erst, wenn wir uns zeigen. Sie nehmen uns erst wahr, wenn wir uns offenbaren. Eben auch auf die Gefahr hin, enttäuscht, verraten und verkauft zu werden. No risk, no joy. Besser noch: No openness, no connectedness. Aber reicht es, von anderen wirklich nur wahrgenommen zu werden?

Ja und Nein.

Denn noch viel schwieriger ist es, andere zu sehen, wie sie sind – und sein zu lassen, wer sie sind. Ohne einzugreifen, zu kommentieren, besserzuwissen, zu regulieren. Ohne zu bewerten und sich einzumischen. Verbundenheit entsteht weniger durch die Diskussion um das Eine oder Andere. Sie entsteht vielmehr im Zwischenraum des Sprachlosen. Im Augenblick, der nicht verrinnt. Im Raum der höchst aufmerksamen und zugleich absichtslosen Gedankenfreiheit. Im Zustand der Weite und der Druckfreiheit. Dort und dann, wo und wann wir nichts mehr wollen. Nicht für uns, nicht für andere.

Echt jetzt?

Echt. Jetzt.

SUPER SIMPLE SOLUTION No 24 – Glück und Seligkeit

Nur ein Stück vom Glück?

Was macht uns wirklich glücklich? Ist es, dass wir Glück haben, also der sprichwörtliche „Lottogewinn“ in all seinen von uns erträumten Varianten? Oder sind es doch bestimmte, noch zu erlangende Umstände, die uns glücklich werden lassen: der Ring am Finger oder das eigene Baby, der coolste Job auf Erden oder massig Ruhm und Ehre? Lässt unsere Herzen vielleicht die pure Vorfreude (etwa auf den Urlaub, das romantische Dinner, das perfekte Weihnachtsfest) oder die Lust an der Sehnsucht (nach der nächsten Liebesnacht, dem idealen Partner, dem schönsten aller Zuhauses) höher schlagen? Mit größter Wahrscheinlichkeit führen alle diese Faktoren zu vorübergehenden Glücksmomenten. Was aber hält uns auf Dauer zentriert im richtigen Hormoncocktail, in der runden Stimmung, im geistigen Reichtum? Die „glücklichen Umstände“ vermögen genau dies nicht zu leisten. Dauerhaftes Glück entfaltet sich vielmehr entlang einer bunten Farbpalette ineinander übergehender Aspekte der tiefen Verbundenheit: Mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt – und mit dem Großen Ganzen.

Solche Augenblicke tiefer Verbundenheit entstehen im inneren Freiraum, im aufgabenfreien Zwischenraum, im Unverplanten, in den Lücken zwischen allem und jedem. Diese Lücken sind die Tore zum Ungeahnten, sie bilden die Brücken zum Einssein.

Worauf blicken wir, wenn wir durch diese Spalten in unserer gewohnten Realität hindurch schauen? Und was lassen wir von dort an uns heran, was kommt bei uns an?

Eine kleine Geschichte

Unlängst besuchte ich eine Lesung des Autors Daniel Kehlmann. Das Gespräch auf der Bühne begann damit, rund um Trumps Wahlsieg und die Unglaublichkeit desselben zu kreisen. Ich wollte innerlich schon abschalten, dachte ich hätte bereits alles darüber gelesen, gehört, gesagt, auch ausreichend eigenen Senf dazu geschrieben. Kurz davor, enttäuscht aufzustehen und zu gehen, kippte das Gespräch. Es kippte hinein in die Novelle Kehlmanns. Seine Geschichte handelt von der Auflösung der Wirklichkeit. Von der Unsicherheit, die einen Menschen völlig gefangen nehmen kann, von der Unentrinnbarkeit der Lücken im Leben. Alles dreht sich um die völlige Bemächtigung der Sichtweise, der Wahrnehmungsfähigkeit und des Wesens des Ich-Erzählers durch das, was außerhalb seines Horizonts liegt. Die Öffnungen zu anderen Erlebniswelten pirschen sich an ihn heran, färben seinen Gefühlshaushalt neu ein und vereinnahmen ihn dadurch Stück für Stück. Die Novelle macht auch beim Zuhören Angst. Weil sie jene Möglichkeiten unfassbar spürbar schildert, die eigentlich ungreifbar sein müssten und dennoch zu präsent sind, als dass sich der Protagonist noch an seine bisherige Realität klammern könnte.

Mitten in dieser Lesung war ich mitten in einer Lücke gelandet, in jenem Bruch, der unsere Welt derzeit erschüttert. Mehr noch: ich war nicht nur mitten im Erleben der Bruches, von dem sich noch nicht zeigt ob er der Anfang eines Zusammenbruchs oder der Aufruf zum Aufbruch ist. Ich war zudem in Mitten des Reflektierens darüber, des Redens über das Lückenhafte, das Unglaublich Reale, das Neue Andere im derzeitigen gesellschaftlichen Bewusstsein gelandet. Das irgendwie noch Unwirklich Wirkende aber zugleich Tatsächlich Geschehende wird von Kehlmann dabei nicht als aussichtsreicher Möglichkeitsraum dargestellt, sondern de facto als Horrorszenario. Das trifft den Nagel auf den Kopf, nämlich auf den Kopf jener Menschen, die derzeit nicht so recht wissen, wie sie mit den Brüchen in ihrer, in unserer Wirklichkeit umgehen sollen.

Die Tücke der Lücke

Dass wir in unsicheren Zeiten leben, wissen wir. Sicherheitslücken soweit das Auge reicht. Dass die Gesellschaft sich selbst nicht mehr zu verstehen glaubt, bekommen wir mit jedem „unerklärlichen“ Wahlerfolg und in den diesbezüglichen Kommentaren vermittelt. Vertrauenslücken wohin das Auge blickt.

Im Laufe der Lesung wurde mir die absolute Unentrinnbarkeit, die unsere emotionale Sicht auf das Vage unserer Realität in Bezug auf unsere Erfahrung der Wirklichkeit hat, richtig deutlich vor Augen geführt. Das Problem mit der Offenheit ist, dass wir nicht kontrollieren können, was durch sie hindurch tritt. Die Herausforderung liegt also darin, anzuerkennen, dass unsere Sichtweise auf die Brüche unserer Welt mitbestimmt, was durch sie auf uns zukommt. Dadurch gestalten wir im Hier und Jetzt unsere Zukunft, selbst wenn wir nicht einmal verstehen, was im Hier und Jetzt geschieht. Nennen wir es der Einfachheit halber self-fullfilling-prophecy: Wir sehen, was wir sehen können (wollen) und kreieren damit, was wir erleben werden. Und offenbar sehen derzeit viele Menschen die Zukunft – also was durch die Risse in unserer Wirklichkeit auf uns zukommt – eher schwarz. Nur wenige Menschen sehen strahlend weiß und völlig unbekannt viele sehen bunt.

Bunt sehen zu können heißt, die Lückenhaftigkeit als Teil des Gemäldes seines Lebens wahrzunehmen. Wer bunt sieht, der kann die Bruchlinien in der eigenen Realität, aus denen das Leben mittlerweile nicht mehr nur an den Rändern des Scheinwerfers unseres Blickwinkels besteht, zum ersten einmal erkennen. Buntseher sind zweitens dazu in der Lage, die mit der eigenen Selbst- und Welt-Wahrnehmung interferierenden, reinsickernden Wirklichkeiten anzuerkennen. Und sie können noch mehr. Sie sind drittens dazu im Stande, von rein Sehenden zu den Malern der Wirklichkeit zu werden, indem sie ihre Fähigkeit, durch ihre Wahrnehmung die Form der Interferenzen zu beeinflussen, entwickeln.

Kennzeichen der Seligkeit

Selig sind die, die bunt sehen.

Denn sie lassen sich überraschen. Von Angst, von Lust, von Freude, von Frust.

Selig sind die, die das Leben als das sehen, was es ist.

Als Wunder und Wahnsinn, einzigartig und bedeutungslos angesichts der Weite des Raums und der Vergänglichkeit der Zeit.

Selig sind die, aus deren Lücken Licht strömt.

Denn sie werden die Zukunft auf eine Art beeinflussen, die das Leben lebenswerter macht.

Glückskinder

Glückskinder leben jenseits vom Glauben und diesseits der Angst.

Wer ist ein solches Kind des Glücks? Das Bild meiner alten Großmutter kommt mir in den Sinn. Besonders ihre Augen. Sie war als Jugendliche nahezu blind gewesen. Seither (und nach dem Krieg) erfüllte sie eine unerschütterliche Freude am Leben zu sein und das Leben zu sehen. Diese Freude strahlte durch ihre Augen. Sie waren stets hellblau und zugleich tiefdunkel. Denn sie sah mit ihnen durch die Oberfläche hindurch. Sie erkannte das Lückenhafte in Menschen, sah die Bruchstellen in Selbstbildern, die Ungereimtheiten der Welt, die Unbestimmtheit der Zukunft. Und was sie sah bewegte sie zutiefst. Ihre Augen waren glänzend vor Mitgefühl mit all jenen, die die Großartigkeit zu Sein und zu Sehen nicht spürten und daher sich und anderen Leid zufügten. Sie tat nichts mehr, nichts anderes, nichts Besonderes, außer zu sehen und zu lächeln und ab und zu aus vollem Herzen leise zu singen. Sie war kugelrund und liebte das Leben. Und weil sie rund mit sich war, liebte das Leben sie zurück.

Die Welt ist rund und wir sind am Leben.

Was siehst Du, Glückskind?