Special Screen Script 2: SO geht anders!

Viel zu oft stehen wir uns nicht nur selbst im Weg. Wir bereiten uns auch gegenseitig eine Menge Kopfzerbrechen und Herzleid. Wenn es uns Menschen gelänge, mit unterschiedlichen Sichtweisen sozialverträglich umzugehen, wäre die Welt definitiv ein besserer Ort. Aber warum fällt es so schwer, gut miteinander umzugehen, wenn wir anderer Meinung sind? Worüber streiten wir besonders gern und oft – meist lautstark und voll unangenehmer Emotionen? Welche Verhaltensweisen sind eigentlich sinnlos, obwohl sie uns nahezu tagtäglich begleiten? Und vor allem: (Wie) Geht es auch anders?

Der Beitrag „Streit oder Diskussion?“ wurde am 27.02.2018 auf ORF 2 in „Mittag in Österreich“ ausgestrahlt: http://tvthek.orf.at/profile/Mittag-in-Oesterreich/13887636/Mittag-in-Oesterreich/13967537/Nana-Walzer-Kommunikationsexpertin-Streit-oder-Diskussion/14253276

Und für alle, die das Zeitfenster der TV-Thek verpasst haben oder die gleich lieber nachlesen:

Worüber streiten wir uns, wenn nicht um des Kaisers Bart?

Gründe für Konflikte gibt es scheinbar wie Sand am Meer, aber eigentlich sind es nur drei Bereiche, die uns schnell einmal aufregen: Wir streiten uns besonders gern, wenn es um Unterschiede in den Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen und Zielsetzungen zwischen zwei Menschen oder Menschengruppen geht. „Wer bekommt, was er will?“ lautet bei diesen Konflikten die Grundfrage.

Zweitens sind wir vielfach über die Methoden, also über den besten Weg zu einem gewissen Ziel zu kommen, uneins. Hier kommen unsere Einstellungen und Werte ins Spiel: Was empfinden wir als fair und was als unfair? Wie definieren wir richtig und falsch? Welches Vorgehen funktioniert am allerbesten? Welche möglicherweise untragbaren Konsequenzen können im Zuge einer Entscheidung entstehen? Unsere unterschiedlichen Erfahrungen und Prägungen liefern uns den Hintergrund für weit auseinanderklaffende Ansichten. Leider sind an sie individuelle Hoffnungen und Ängste geknüpft, die einem selbst oft selbstverständlich erscheinen, aber für andere nur schwer nachzuvollziehen sind – vor allem dann, wenn diese darunterliegenden Gefühle nicht ausgesprochen werden. Solche divergierenden Ausgangspositionen verleiten uns dazu, mitunter heftig am eigentlichen Thema vorbei zu streiten. Oft würde es an der Stelle darum gehen, angehört und in den eigenen Sichtweisen und Empfindungen anerkannt zu werden. Dann erst kann der Inhalt wieder in den Mittelpunkt rücken.

Und zu guter Letzt sind es auseinanderdriftende Prioritäten oder Hierarchien, die Differenzen verursachen. Dem einen ist etwa die Beziehung wichtiger, dem anderen die Arbeit. Einem die Familienzeit, anderen die Freizeit alleine oder mit Freunden. Und wer wo in der Hackordnung steht, das ist ein Thema, das wohl die meisten in Beziehungen aller Art, sei es in der Familie oder der Arbeit, auf Trab hält. Wer darf entscheiden? Wer kann wem etwas anschaffen? Wer muss gehorchen und darf nicht mitreden?

All diese Themen lassen sich gar nicht so einfach ruhig diskutieren und verleiten uns leicht zum miteinander Streiten.

Worin liegt der Unterschied zwischen einem Streit und einer Diskussion?

Beim Streiten kochen die Gefühle leicht einmal über oder es wird schnell untergriffig. Wir fühlen uns vom anderen angegriffen, abgewertet oder ignoriert. Das Resultat ist, dass wir „aus der Haut“ fahren, „rot sehen“, uns aggressiv oder defensiv verhalten.

Beim Diskutieren stehen es aber weniger die Gefühle, weniger die eigene Stellung als Person oder das Selbstwertgefühl der Beteiligten im Zentrum. Vielmehr geht es in einer Diskussion ums recht(er) haben auf Basis des besseren Arguments.

Was macht eine gepflegte Diskussion aus?

Wer nicht nur streiten kann, sondern zu diskutieren versteht, vermischt die Beziehungs- und die Sachebene nicht so leicht, wie es beim Streiten fast automatisch passiert. Es stehen eher die Inhalte als die Gefühle eines Menschen oder die Beziehung zueinander im Zentrum. Dabei geht es nicht darum, das Persönliche, sämtliche Gefühle und die Beziehungsebene zu ignorieren oder zu verdrängen. All diese Komponenten gehören ebenso wahrgenommen, sie sollten aber die sachorientierte Unterhaltung nicht so stören, dass das Gespräch aus dem Ruder läuft. Dazu braucht es eine gewisse emotionale Reife: Wahrnehmungsvermögen nach innen und außen, den Willen zur ungeschönten Selbsterkenntnis und die Fähigkeit zur Gefühlsregulation.

Wenn eine Diskussion in diesem Sinne gelingt, also sachlich geführt werden kann, dann hört man dies auch am Tonfall. Er kann zwar aufgeregt sein, muss aber nicht aggressiv oder anklagend werden.

Was genau versteht man unter einer Diskussion?

Diskutieren bedeutet schlicht „seine Meinung austauschen“, etwa um ein Problem oder einen Vorschlag aus verschiedenen Blickwinkeln zu erörtern. Es geht dabei primär um ein Thema, das untersucht wird, indem jede Seite ihre Argumente dazu beiträgt. Ein Argument ist übrigens eine Aussage zur Begründung oder Wiederlegung einer Behauptung. Es können für eine nachvollziehbare Begründung zum Beispiel wirtschaftliche, technische, menschliche, organisatorische und Umweltaspekte herangezogen werden. Also alles, was etwa finanzielle Faktoren oder die Machbarkeit betrifft, den sozialen Nutzen, die Zeitersparnis oder Nachhaltigkeit uvm.

Die Beweisführung sollte dabei aus richtigen, belegbaren Zahlen, Daten, Fakten und Aussagen bestehen. Diese sollten aus einer qualitativ hochwertigen Quelle stammen (etwa aus Wissenschaft, Qualitätspresse, Fachliteratur, Expertenmeinungen, gesellschaftlichen Normen oder natürlich auch aus eigener praktischer Erfahrung und mit eigenen Augen beobachtbaren Entwicklungen). Die Nacherzählung der Meinung eines anderen liefert kein starkes Argument. Die Güte eines Argumentes bestimmt zum Ersten genau diese nachweisbare Realitätsabbildung, zum Zweiten das nachvollziehbare Vorbringen des Arguments und zum Dritten das Fehlen von überschäumenden Gefühlsinterpretationen oder anderen unzulässigen Bedeutungsauslegungen.

Wie sehen die „Goldenen Grundregeln des Diskutierens“ aus?

  1. Die erste Regel besteht darin anzuerkennen, dass zwei Menschen unterschiedliche Sichtweisen, Erfahrungen und Meinungen haben können – und dass dies völlig normal ist. Es kann sogar ein einzelner Mensch verschiedene Standpunkte und Perspektiven einnehmen, die sich widersprechen. Man selbst bzw. die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, muss daher nicht immer recht haben oder richtigliegen. Je nach Situation und Bezugsrahmen können unterschiedliche Sichtweisen nachvollziehbar werden. Natürlich wollen wir alle Bestätigung und Anerkennung erleben und nicht kritisiert werden oder mit der Nase darauf gestoßen werden, dass wir Unrecht haben. Aber genau diese Fähigkeit zur Selbstkritik, zum Anerkennen, dass wir nur eine Meinung unter vielen möglichen vertreten, macht uns erst diskussionstauglich. Wir können erst an dieser Stelle von der Frage des Selbstwertes absehen und zugeben, dass wir auch mal danebenliegen können. Wir müssen also nicht Recht haben, nicht Gewinnen, nichts beweisen. Ab hier kann die persönliche Ebene von der inhaltlichen gut getrennt werden. Man kann einen Interessenskonflikt lautstark oder über einen langen Zeitraum austragen, und einander zugleich mögen. Oder man kann einander nicht leiden und zugleich derselben Meinung sein.
  2. Sobald diese grundsätzliche Erkenntnis bei zwei Menschen oder in einer Gruppe angekommen ist, ist es Zeit für die zweite Regel: Beide Seiten sind bereit, die Meinungen des anderen anzuhören und durchzudenken. Die Diskussionspartner gehen nicht sofort in die innere Abwehr, suchen weder Rechtfertigungen noch Gegenargumente. Sie sind offen für neue Perspektiven und versuchen den dazugehörigen Bezugsrahmen – etwa Hintergründe, Zusammenhänge und historische Entwicklungen – nachzuvollziehen.
  3. Die dritte Regel: Es werden sinnvolle Begründungen vorgetragen und am besten mit Beispielen erläutert. Ein starkes Argument lässt sich gut belegen und ist nachvollziehbar.
  4. Viertens: Der Verzicht von unfairen Kommunikationsmitteln. Keine unzulässigen Verallgemeinerungen oder Verkürzungen, keine spekulativen Interpretationen, schon gar keine Drohungen, leere Versprechungen, verzerrende Gefühlsfärbungen oder andere Formen des manipulativen Verbiegens eines Inhaltes, nur um zu Gewinnen oder zu Überzeugen.
  5. Fünftens: Es muss keine Einigung erzielt werden und keine Lösung herauskommen. Auch muss kein Kompromiss geschlossen werden. Die Diskutanten können unterschiedlicher Meinung bleiben. In jedem Fall haben am Ende einer gut geführten Diskussion alle Beteiligten über den eigenen Tellerrand geblickt, ihren Horizont erweitert und etwas dazu gelernt. Daher ist es auch so wichtig, an vielen Diskussionen aktiv oder als Zuhörer teilzunehmen. Sich mit mehreren Zugängen zu einem Problem auseinanderzusetzen fördert unter anderem die Fähigkeit, mit der Vielschichtigkeit der Wirklichkeit besser umgehen zu können. Wir werden dann weniger anfällig für Manipulationen aller Art, etwa für leere Versprechungen, Angstmacherei oder simple Lösungsvorschläge für komplexe Probleme.

 

 

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Special Screen Script No 1: Über dem Brillenrand

2018 wird anders. Ganz anders. In diesem Blog dreht sich nun alles ums Nach-lesen zum Fern-Sehen. Denn dieses Jahr sind so einige TV-Beiträge mit meiner Wenigkeit geplant. Um der Schnelllebigkeit des Mediums Rechnung zu tragen, sowie um den mitunter hintergründigen Inhalten gerechter zu werden, können hier nun die Beiträge in aller Ruhe und in ihrer ursprünglichen Form erlesen werden…

Den ersten Artikel liefert das Interview über „Erwartung und Enttäuschung“ in Daheim in Österreich vom 04. Jänner 2018. Einige Tage noch hier zu sehen: http://tvthek.orf.at/profile/Daheim-in-Oesterreich/13887572/Daheim-in-Oesterreich/13959808/Talk-mit-Kommunikationsexpertin-Nana-Walzer/14210602

Und dies ist das originale, dem Interview zugrunde liegende Skript dazu:

Warum erwarten wir überhaupt etwas? Und wozu sind Enttäuschungen gut?

Unsere Erwartungen schenken uns Orientierung im Alltag. Sie sind der Maßstab, mit dessen Hilfe wir beurteilen, ob uns etwas gefällt oder nicht, angenehm ist oder nicht, wir es gut finden oder nicht. Und mitunter bescheren sie uns auch Enttäuschungen. Ja, das eine bedingt das andere. Ohne Erwartungen gäbe es auch keine Enttäuschungen. Dabei ist interessant, dass unsere Erwartungen stets auf einem von 2 Gefühlen basieren: sie werden entweder von Angst oder von Hoffnung gespeist.

Wir alle wollen unsere Erwartungen erfüllt wissen – und zwar egal, ob sich damit unsere Ängste oder unsere Hoffnungen bestätigen. Gehen unsere Erwartungen in Erfüllung, so haben wir das Gefühl der Kontrolle, das Gefühl, dass unsere Sicht von uns selbst und der Welt richtig ist, das alles „stimmt“.

Da wir uns selbst unseren Erwartungen, insbesondere den Gefühlen dahinter, also der Angst und der Hoffnung gemäß verhalten, beeinflussen wir unsere Wirklichkeit mit. Sind wir oftmals ängstlich, machen wir uns viele Sorgen, dann sehen wir auch sprichwörtlich schwarz: wir erleben die Welt bedrohlicher und machen negativere Erfahrungen. Suchen wir hingegen nach Hoffnung, sind wir optimistisch eingestellt, dann leben wir auch glücklicher (dies wurde in vielen Studien bewiesen). Man kann sich aber nun nicht einfach einbilden, ab jetzt positiver zu denken und „einfach“ hoffnungsfroher zu werden. Erwartungen erwachsen aus zum Teil lebenslangen Gewohnheiten, sie sitzen tief. Um sie zu verändern brauchen wir die Erwartungsenttäuschung!

Werden unsere Erwartungen nämlich nicht bestätigt – egal ob positive oder negative  – so sind wir enttäuscht, da wir das Gefühl haben, unsere Wirklichkeit nicht mehr zu kennen. Es kommt anders, als wir denken. Wir merken, dass wir uns getäuscht haben. Das irritiert, verstört. Im besten Fall ist dieses Gefühl der Dissonanz zwischen der eigenen Weltwahrnehmung und der Welt an sich eine gute Gelegenheit, die eigenen Gewohnheiten zu reflektieren und zu erkennen, was man vielleicht in seiner Selbst- und Weltsicht verändern möchte. Meistens aber ärgern wir uns, werden frustriert, traurig oder fühlen uns schlicht einsam. Wir gehen in den Rückzug oder in die Abwehr, sind enttäuscht von der Welt und den Menschen statt animiert, etwas an uns selbst zu verändern.

Warum schrauben viele Menschen ihre Erwartungshaltung so hoch, dass sie von der Realität fast nur enttäuscht werden können?

In unseren Erwartungen spiegelt sich unser Wertesystem – und damit kommen auch unsere Idealvorstellungen ins Spiel. Was wir für besonders schön, anziehend, attraktiv, sprich: wünschenswert halten, das wollen wir auch erleben. Wir vergleichen uns mit ewig jungen und schlanken Supermodels, wollen wie Spitzensportler durchtrainiert und leistungsfähig sein, wären gern Wirtschaftsbosse oder Helden unserer eigenen Filmreihe. Das „sich-nach-oben-ausrichten“ kann uns durchaus einen Energieschub geben, wir stecken uns Ziele, haben durch die anvisierten Vorgaben eine Richtung und einen gewissen Druck und Schub, diesen Weg zu gehen und die Zielsetzungen zu erreichen.

Aber wenn die Ideale allzu weit von unseren realen Möglichkeiten und den Umständen, in denen wir leben entfernt sind, dann wird der Weg zum Ideal sehr hart, ist von Enttäuschungen gezeichnet oder aber wir handeln, um etwas Bestimmtes zu erreichen, völlig gegen unsere eigenen Wertvorstellungen – und sind dann von uns selbst enttäuscht.

Doch wer hätte es für möglich gehalten: genau hierin liegt der Nutzen von zu hohen Erwartungen! Denn was zum einen eine Wunschvorstellung ist, ist zum anderen ein Ziel, dass es absichtlich, wenn auch unbewusst, nicht zu erreichen gilt. Unsere Erwartungen werden nämlich von unserem Selbstbild getragen. Wir leben nach Leit- und Glaubenssätzen, die uns nicht immer bewusst sind. Sätze wie „das kann ich nicht“, „ich bin nicht klug/schön/dünn genug“ oder „das ist mir zuviel“, „ich schaffe das soundso nicht“ etc. flüstern uns aus dem Unterbewusstsein wie Souffleusen beim Theater ein und beeinflussen unser Verhalten stärker als die Wunschvorstellungen es vermögen. Auch hier können Enttäuschungen wie der x-te nicht gelungene Versuch abzunehmen ein Wegweiser sein, unsere Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster in der Tiefe unseres Seins zu erkennen. Wer glauben wir zu sein? Welches Selbstbild glauben wir immer und immer wieder bestätigen zu müssen?

Fazit ist: Indem wir unsere unrealistischen Erwartungen nicht erfüllen können, bestätigt sich unser (in diesem Fall negatives) Selbstbild. Wir gewinnen dadurch den Eindruck, die Welt ist „in Ordnung“, weil alles so ist, wie wir es unterbewusst erwarten. Wir glauben zu wissen, wer wir sind, bloß weil das Ergebnis für uns „intuitiv“ vorhersehbar war.

Geht es vielleicht auch ganz ohne Erwartungen? Können wir „wunschlos glücklich sein“? 

Ja, Erwartungsenttäuschungen lassen sich durch Erwartungslosigkeit vermeiden. Erwartungen sind wie eine Brille, durch die wir das Leben sehen – mit einem schwarzen und einem rosa gefärbten Brillenglas. Je nach Persönlichkeit und Prägung sehen Menschen öfter angstbesetzt (durch die dunkle Seite der Brille) oder hoffnungsfroh (durch die rosa Seite der Brille) auf sich und die Welt. Diese Brille wird von vielen nicht einmal wahrgenommen. Aber sie bestimmt zum größten Teil, was wir wahrnehmen und wie wir es sehen, also welche Bedeutung wir dem Erlebten verleihen. Die Welt an sich spielt sich jedoch zu 99,999% außerhalb unserer eigenen Brille ab – ob wir dies nun wollen oder nicht. Man muss innerlich erst einmal dazu bereit sein, die eigene Brille wahrzunehmen und abzunehmen um zu entdecken, was tatsächlich der Fall ist. Im Gegensatz zu alldem, was man bisher erlebt hat, weil man es so seinen Erwartungen gemäß sehen wollte.

Um den Mut aufzubringen, die Brille abzunehmen und um die Wirklichkeit auszuhalten, die so völlig eigenständig ohne unser Zutun ist, wie sie ist, braucht es nur eine Fähigkeit. Die hat es aber in sich. Ich nenne sie „Urteilsfreiheit“. Es ist die Fähigkeit, Dinge und Menschen nicht zu bewerten. Wenn sie alle Menschen entwickelt hätten, so wären die von uns, die zum Glücklichsein fähig sind, weil sie darin geübt sind, wunschlos glücklich. Die unter uns, die es gewohnt sind, die dünkleren Farben der Gefühlswelt stärker zu spüren, würden sich dieser, ihrer Eigenart bewusst. Aber beide Seiten der Menschheit, die Frohgemuteren und die Zweifelnderen müssten ihre Erlebnisse und sich selbst – egal ob sie ihren Vorstellungen entsprechen oder nicht – nicht (mehr) bewerten, weder ab- noch aufwerten. Der Kampf ums Rechthaben, vor sich selbst und mit anderen, hätte ein Ende.

Über Urteilsfreiheit können wir ein Stück weit mehr innere Freiheit und Selbstakzeptanz erlangen. Wollen wir darüber hinaus unsere Gewohnheiten, alles eher düster oder zu zuckerlrosa zu sehen verändern, so gilt es, die Brille, durch die wir wie selbstverständlich schauen, Stück für Stück zu erkennen. Werden wir uns unserer Erwartungen bewusst, gewinnen wir Freiraum fürs so-Sein. Wunschlos Sein…

 

 

Surprising Salon Session No 21: Es b(r)öckelt…

Ein Bock ist ein Bock ist ein Bock

Und mitunter geil. Wer triebgesteuert durchs Leben geht, der hat es aber mittlerweile zumindest nicht mehr ganz so einfach. Obwohl Frauen es diesbezüglich ja nie wirklich einfach hatten. Wollten sie „zu viel“, mit „zu vielen“ verschiedenen Partnern oder abseits der gesellschaftlichen Konventionen ihren Trieben frönen, so galten/gelten sie als (beliebiges weibliche Genitalien oder Sexarbeiterinnen betreffendes Schimpfwort einfügen). Sie wurden und werden in weiten Kreisen der Gesellschaft massiv abgewertet.

Männer hatten es diesbezüglich zumindest früher viel einfacher. Ein Klatsch auf den Kellnerinnen-Po, die Sekretärin am Schreibtisch nehmend und die aufstrebenden Karriere-Damen ihren Leistungswillen beweisen lassen – das war/ist offenbar, was viele Männer woll(t)en. (Mancher) Mann will sich einfach nehmen, was Mann „braucht“: Viel zu oft werden Autoritätsverhältnisse an Schulen missbraucht und Übergriffe zu Hause ignoriert. Viel zu lange, wahrscheinlich ein Männer-Menschengedenken lang, war Missachtung, Missbrauch und Misshandlung aller Art eine totgeschwiegene und damit geduldete Selbstverständlichkeit. Die klassischen Abwehr- und Rechtfertigungshaltungen sind seitens vieler Männer zumindest unbewusst das Patriarchat – also die scheinbare gott- oder natur- oder kulturgegebene Überlegenheit der Männer über die Frauen. Viele Frauen sind mit solchen Verhaltensmustern aufgewachsen und nehmen ihre unterlegene Rolle als gegebenen Umstand an – ein besonders heikler Punkt, wenn es um die „Die ist ja selber Schuld“-Argumentation geht.

Wobei einfach nur festzuhalten ist: Ein geiler Bock ist ein geiler Bock. Und wenn er seine Triebe ausleben will, müsste er sich nur an eine Regel halten. Erlaubt ist, was erlaubt wird (also im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen stattfindet), von beiden gewollt wird und beiden Spaß macht.

Sex und Macht

Wer Sex hat, fühlt sich danach meist besser. Wer gerne sexuelle Handlungen vollzieht, die verboten sind, erfährt einen besonderen Kick. Wer Grenzen überschreitet, beweist sich und anderen damit, etwas Besonderes zu sein. Sex und Selbstwert sind bei vielen Menschen untrennbar miteinander verbunden. Im positiven Fall entspannen sich die Muskeln, Stresshormone werden abgebaut und Bindungshormone ausgeschüttet. Im negativen, übergriffigen Fall, wird dem gegenüber Gewalt angetan – einer erhöht und befriedigt sich auf Kosten der/des anderen.

Wenn die Fassade b(r)öckelt

Machoismus war früher, im letzten Jahrhundert wohl tatsächlich en vogue. Er ist es nicht mehr. Andere Kulturen pflegen ihn noch, ältere Semester sind darin sozialisiert. „Wo die Männer die Chefs sind und die Frauen zuarbeiten, da ist die Welt noch in Ordnung“ – dieser Ansicht sind tatsächlich immer noch viele. Aber wenn durch Unterdrückung ein Vorteil entsteht, sei es psychisch (Selbstwertgefühl), emotional (Überlegenheitsgefühl), physisch (Druck abbauen), sowie wirtschaftlich (höheres Gehalt, Aufstieg auf der Karriereleiter, mehr Entscheidungsmacht), warum sollten sie damit aufhören? Weil es ihnen mehr Nutzen und höheres Ansehen bringen sollte, wenn sie damit aufhören würden.

Ins Bockshorn jagen

#MeToo hat bislang Verborgenes an die Öffentlichkeit gebracht und eine Menge Vorurteile an die Oberfläche geschwemmt. Positiv an einer breiten Auseinandersetzung sind das Bewusstmachen der immer noch weitest verbreiteten geil-bockigen Handlungsweisen und das Rausholen derselben aus der gesellschaftlichen Verdrängung, aus der Unsichtbarkeit und dem Toleranzrahmen. Zum einen können Frauen, die sich bisher vieles gefallen ließen, eine klare Grenze setzen und erhalten dafür auch gesellschaftlichen Rückenwind. Zum anderen müsste Männern langsam bewusst werden, dass übergriffiges Verhalten aller Grade nicht nur „nicht politisch korrekt“, sondern ein absolutes Tabu ist.

Es gilt, das Tabu des „nicht-darüber-Redens“ in ein Tabu des „nicht-Tuns“ zu verwandeln.

Es gilt, das Stillschweigen zu jeder Form des Eingriffs in die psychische, emotionale oder körperliche Intimsphäre eines anderen (und natürlich sind davon nicht nur Frauen betroffen, sondern auch Kinder oder Männer) auf beiden Seiten zu brechen. „Täter“ müssen sich bewusst sein, dass sie dies nicht nur „eigentlich nicht tun sollten, sondern absolut nicht tun dürfen. Ihre innere Hemmschwelle muss steigen, auch unter Alkoholeinfluss oder Arbeitsstress. Und potenzielle „Opfer“ müssen sich bewusst sein, dass sie ein Recht auf Abgrenzung haben, sich beileibe nichts gefallen lassen müssen.

Miteinander ins Neue Zeitalter

Für ein gutes Miteinander braucht es Menschen, Männer wie Frauen, der Neuzeit. Sie verhalten sich allen Menschen gegenüber respektvoll, haben ihre Triebe im Griff und setzen sich gegen übergriffiges Verhalten aller Art ein. Sie verhalten sich allen Menschen gegenüber selbstbewusst, lassen sich nicht zum Opfer machen und behandeln andere nicht als mehr oder weniger wertvoll als sich selbst. Sie setzen Grenzen und handeln vorbildhaft für Mitmenschen aller Generationen, leiten andere in ihrer Entwicklung an, verdienen und bekommen entsprechendes Ansehen.

Das kann doch nicht so schwer sein, oder?

 

Surprising Salon Session No 20: Zum Kuckuck nochmal

Kuckurucku

Wenn er könnte würde er kucku-en, der Kuckuck in meiner ungewollt ererbten Kuckucksuhr.  Kann er aber nicht. Irgendwann hat sich der Akt des Aufziehens in sich selbst verstrickt. Kenner werden erkennen, was mir verborgen bleibt: Wie genau Pendel und Kette, Gewicht und Schwerkraft miteinander zusammen-hängen und als in die Tiefe ziehende wirksame Einheit dem Kuckuck seine ruckizuckelnde Krähfähigkeit verleihen.

Wenn er könnte wie er sollte, würde er überraschend tief kukurucku-en. Daran kann ich mich erinnern. Doch nun herrscht Piepstille. Stört an sich nicht weiter. Außer man bleibt mal an der reinen Existenz, der puren akustik-versprechenden Optik hängen und fragt sich: Wozu das alles? Definitiv eine  Frage, die inaktive Kuckucksuhren mit Vorzüglichkeit auszulösen wissen. Aktive allerdings auch. Meiner Meinung nach zumindest. Eine Kernfrage, die nicht zu kurz kommen sollte in kuckurucku-mal-was-nicht-noch-alles-geschehen-kann-Zeiten wie diesen.

Wolkenkuckucksheim

Also: Wozu das alles? Wozu in regelmäßigen Abständen Krähen oder nicht Krähen, das ist hier die Frage. Wozu bloggen? Wozu arbeiten? Wozu wählen? Wozu sich engagieren? Wozu… egal was eigentlich?

Kuckurucku.

Ohne Ziel kein Sinn. Ohne Ziel keine Richtung. Ohne Ziel kein Weg, der Sinn macht. Klar kann der un-sinnige Weg das richtungsweisende Ziel an sich sein. Kuckuck. Aber wer weiß das schon, zum Kuckuck nochmal.

Vielleicht krähen Kuckucksuhr-Kuckucke sehnsüchtig nach ihrem höchstpersönlichen (höchstkuckuckigen) Wolkenkuckucksheim. Nach einem über den Wolken schwebenden Ziel, nach einem wolkennebelschwaden-durchbrechenden Weg dorthin, nach einerm jenseits aller Wolken existierenden Kuck-in-crime–Partner, nach einem wolkenweichen Zuhause. Nach einem „dort, wo alles gut ist“. Kuckuuuck?

Oder auch nicht: Kommentieren sie einfach nur in einer Tonlage zwischen komisch und bedeutungsleer das Verstreichen der Zeit? Kuckuck!?

Wonach krähen wir denn so, tagein, tagaus? Wonach strecken wir uns gerne ruckartig aus, wo wollen wir mit dem Drive unseres Herzen hin und was lässt uns den Abstand zwischen hier und eben nicht dort in regelmäßigen Abständen, lautstark oder durch unsere pure Anwesenheit, durch den Ausdruck unseres Wesens, beanstanden? Wohin geht die Reise, wenn das Ziel nicht Urlaub ist, sondern Leben heißt?

Bei Dir piepst‘s wohl

Was piepst im Hinterkopf ständig vor sich, vor Dich hin…? Was schiebt und zerrt, kettet uns an die Schwerkraft des Verkörpertseins, verleiht dem Pendel unseres wiederkehrenden Strebens seinen unaufhaltsamen Schwung? Sind wir nichts anderes, als der Vogel im Kasten eines anderen? Haben oder sind wir (schon) unser eigener Vogel…? Fragen über Fragen. Willkommen im Rasthaus „Zum Kuckuck“.

Kuck mal, wer da spricht

Monkey-Mind“ nennen manche das kuckureske vor-sich-und-uns-hin-Krähen der Stimme in unserem Kopf. Könnte eigentlich auch“Kuckuck-Geist“ heißen. Wer da spricht ist klar: Die Maschine in uns. Die Gewohnheit. Die von uns zusammengereimte Interpretation unserer Erfahrungen als unsere Lebensgeschichte, die aufrechterhalten und immer wieder erzählt werden will, damit wir wissen, wer wir sind. Stoppt die Stimme, stoppt der Kuckuck, wirkt die Leere oftmals bedrohlich. Dabei ist sie der notwendige Raum, um überhaupt wahrnehmen zu können, was sonst so in der Welt los ist. Der Kuckuck hört nur sich selbst, er fährt entlang eingefahrener Schienen vor sich hin und kann nicht anders, da die Schwerkraft dies zu der größten aller Selbstverständlichkeit macht.

Menschen, die sich mit dem Kuckuck in sich identifizieren, sehen dies als die größte Selbstverständlichkeit an. Dabei krähen sie sich lautstark und sinnentleert durch ihre Welt des Vorhersehbaren. Solange, bis das Pendel still steht.

Und was passiert, wenn das Ticken aufhört? Das war‘s dann mit dem Schwung und dem Krähen und dem Schweben über den Wolken im sicheren Heim der eigenen Überzeugung. Dann bleibt nur noch ein Hauch von: Wozu das alles? übrig. Das lautstarke Vorbeisein überstimmt das Krähen nach dem und über das Ewiggleiche. Das schweigende Antlitz der bewegungslosen Uhr antwortet in aller Stille: Da Sein zählt. Gerade dann, wenn es nicht kommentiert wird.

Surprising Salon Session No 19: Wenn Drachen lachen

Mittendrin statt nur dabei

In meinem Wohnzimmer wohnt ein Drache. Viel mehr mythologisches Getier sollte meiner Meinung nach in Wohnzimmern wohnen. Sie bevölkern dann nicht nur die dunkelsten Ecken unseres Unterbewusstseins, sondern finden ihren ganz eigenen Weg ans Licht, wenn sie ein unbedachter Seitenblick aus ihrer Leblosigkeit heraus streift. Denn warum machen wir das Fern-Sehen, Wein-Trinken, Arbeiten (arbeiten Sie auch in Ihrem Wohnzimmer? Oder anders rum gesagt: Wohnen Sie auch in Ihrem Arbeitszimmer, so wie ich?) so viel realitäts-näher als die tiefen Wälder unserer unbemannten Seelenweiten? Nein, ich will nicht in die langweilige Diskussion, ob das Leben nur ein selbsterzeugter Traum ist. Langweilig, weil so schwer beantwortbar, denn wir sind nun mal nicht außerhalb von uns selbst, um dies jemals mit absoluter Bestimmtheit sagen zu können. Wo ich hinwill, da wildert das Unbekannte wüstest vor sich und in uns hin…

Wenn Drachen Sachen machen

Also, mein Drache schlüpfte aus einem Überraschungsei. Und seither wohnt er im Gemäldewald von Gerhart dem Großen Maler, in dem auch ein Einhorn meiner einen Tochter und eine wanderfreudige Palme meiner anderen Tochter wohnen. Allesamt bevölkern sie gemeinsam meinen Couchtisch. Wald, Palme und Einhorn unter einer Glasplatte, Drache unter einer Glas-ja-was? Einem Glassturz eigentlich. Mein Drache ist der umgekehrte Elefant im Porzellanladen. Er wirkt erschüttern klar durch die zarte Glasdecke durch, als wäre sie eine Unterbewusstseins-Satelliten-Schüssel. Was bewirkt er denn, fragen Sie? Er stupst zart an, pupst vor sich hin und speit Feuer. Er rebelliert im Blätterwald. Er weiß genau, dass sein Glasdach ihn nicht gefangen hält, sondern ihn vergrößert wie ein Brennglas. Er brennt sich durch, hinein in die unbekannten Wunderwelten meiner Klienten, die an diesem Tisch regelmäßig in sich und konsequenterweise dann aus sich heraus gehen. Dort spendet er Kraft und rührt um, rütteln auf, lacht sich eins.

Drachen lachen anders

Wenn Drachen lachen, dann vibriert‘s tief drin im hintersten Winkel der verdrängten, vergessenen, lang schon überlebt gedachten Glaubenssätze, die es sich einstweilen längst schon auf der bedeutungsschwangeren aber wortkargen Intensivstation existenziellster Urerfahrungen gemütlich gemacht hatten. Sie wachen auf aus ihrem mitunter unruhigen Schlummer, rühren sich, strecken sich – was in der Folge das limbische System ordentlich durcheinander-kitzelt. Das Drachenlachen schwingt sich daraufhin auf den Hippocampus auf und saust in unendliche Weiten, in denen noch nie ein (bewusster) Mensch gewesen ist (Soundtrack: Star Track). Dieser wilde Ritt sorgt dafür, dass Gedächtnisinhalte irgendwie anders aufeinanderprallen als gewohntermaßen. Glaubensgefährdende Gedankenblitze durchzucken den drachengebeutelten Menschen, ohne dass er etwas über den Verursacher, den lachenden Drachenwachmacher wüsste. Ja, das kann er gut, der rote Drache.

Vom Morgen danach zum Ritt in den Sonnenuntergang

Und dann? Ist etwas anders. Etwas Grundlegendes. Die Grundfesten der bislang als nur-so-seiend angenommenen Wirklichkeit wackeln un-ordentlich. Wände haben sich auf einmal abgebaut, Fenster tun sich auf, malerische Wege werden sichtbar, der Sonnenaufgang küsst die neugeborene Lebenslandschaft. Wer bereit ist, schwingt sich auf, in den Sattel seines eigen-willigen Wesens und wagt den Ritt hinein ins Sein.

Epilog

Naja, vielleicht braucht es zu all dem auch einen Drachenflüsterer. Ich gestehe…

Surprising Salon Session No 18: Spieglein, Spieglein an der Wand…

Was flüstert uns das Spiegelbild?

Ich gehe auf der Straße und blicke auf die eigene Silhouette im Schaufenster, versuche mich so zu sehen, wie es andere vielleicht tun würden, versuche mich „objektiv“ (ha!) einzuschätzen: Wie alt, wie attraktiv, welche Ausstrahlung, müde, kraftvoll – ob wohl sichtbar ist, wie ich mich fühle? Wie fühle ich mich eigentlich? Ich weiß, dass alles, was ich sehe, meinem eigenen Kopf entspringt, mir nur bestätigt, was ich bereits in mir trage, ahne, fühle oder gar bestätigt haben möchte. Warum tue ich es dennoch?

Sieht man im Spiegel jemals etwas anderes, als was man unbewusst erwartet? Kann man tatsächlich „anders“ hinsehen, wahrhaft Neues im eigenen Spiegelbild entdecken? Klar, wer kennt das nicht: ungeahnte Adern, neue Falten, seltsame Flecken, Haare, wie und wo sie nicht sein sollten. Wer zu genau hinsieht, den überrascht das Leben allemal. Aber solche Beobachtungen meine ich nicht. Es sind die allzu leicht (be-/ab-/auf)wertenden, die sich von Minute zu Minute ändern können, je nach Befindlichkeit, die mich beschäftigen. Was suchen wir im eigenen Spiegelbild? Bestätigung? Welche Frage wollen wir in der Reflexion einer U-Bahntür erhaschen? „Die Wahrheit“ über uns?

Der Spiegel stellt die Frage!

Was suchen wir, wenn wir uns selbst  anschauen? Eine Einschätzung? Unser wahres Ich? Unsere Wesenheit? Die Wirklichkeit? Wollen wir einen Blick in unsere Seele werfen oder unsere Passung zur Umwelt checken? Ich spreche nicht von Selfies hier. Selfies sind Inszenierungen des eigenen Glücks, Versuche uns selbst (und erst nachher andere) von einer Realität zu überzeugen, wie wir sie gerne hätten. Selfies sind banal. Blicke in die spiegelglatten Flächen des Lebens sind es nicht. Wir wollen in der Oberfläche etwas erkennen. Wir wollen tiefer blicken, ohne darüber nachdenken zu müssen. Der Blick soll tausend Worte ersetzen. Aber gibt es da im Selbstbild überhaupt irgendetwas von Wert zu finden?

Der Spiegel blickt zurück.

In jeder Interpretation jeden Momentes, in jedem Gedanken und Gefühl steckt ein kleiner Rückspiegel. Manchmal auch ein großer. Er zeigt uns an, wo wir herkommen, was wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit heraus im Hier und Jetzt für die Zukunft suchen. Und er macht uns bei näherem Hinsehen klar, dass wir immer nur das finden können, was wir auch (zu bestätigen oder zu wiederlegen) suchen. Im Erkennen selbst liegt ein eingebauter blinder Fleck, die Einschränkung auf den Lichtkegel unseres Bewusstseins. Wir erkennen, was wir (er)kennen (können). Keine besondere Erkenntnis so gesehen, ich weiß. Spannend wird sie nur im Angesicht von Rechthaberei und Besserwisserei, von Kritik, Lob und Tadel – von Wert(ein)schätzung aller Art. Denn alle diese Bevormundungen, Bevorzugungen bestimmter Sichtweisen und Wertungen, zeigen auf nichts anderes als auf den Bewertenden, den die Aussagen Treffenden. Wieder nichts Neues. Oder doch? Warum zur Hölle (zum Himmel? Zur Erde und zu Wasser?) fällt diese Selbstverständlichkeit bloß nie den Bewertenden selbst auf? Nicht mal mir selbst, wenn ich mir in ehrlichen Momenten hinter die stressgeplagte und auf Automatismus-umgeschaltene Fassade blicke? Der Spiegel blickt zurück. Er blickt mir hinter die Oberfläche. Er zeigt mir, was ich sehen kann, worauf ich gepolt bin, welche Engen und Perspektiven in meinem Selbstbild herrschen und mein Weltbild beherrschen.

Schön und gut?

Ist es das, was ich aus meinem Spiegelbild herauslesen will? Oder will ich gar was „Echtes“ sehen? Was ist überhaupt „echt“, nicht nur optisch gesehen? Ist „echtes Verhalten“ das ungezügelte Rausposaunen seiner Erfahrungen und Erwartungen? Das freifließende Rauslassen der eigenen unreflektierten Meinungen, das Offenbaren unzensierter Gedanken? Das alleine reicht irgendwie noch nicht. Das reine ungeschminkte (auf) uns-Zeigen heißt ja noch lange nicht, dass wir damit unser echtes Wesen zeigen. Denn wer noch nicht weiß, wer er selbst überhaupt ist und wer zugleich noch nicht weiß, dass er nichts (über sich) weiß, der zeigt in seinem Verhalten nur auf seine Vergangenheit und auf daraus Extrapoliertes. In jeder Interpretation werden stets nur die eigenen Vorurteile klar. Aber wird das Wesentliche überhaupt jemals nach außen hin sichtbar?

Geist – das Wesen in der Reflexion

Ich gefalle mir in der Vorstellung, dass das Gegenüber im Spiegel ein anderes Ich ist, das einen anderen Möglichkeitsraum erkundet und zurückblickt. Neugierig auf mich in dieser, meiner mir bekannten Dimension und mir unbekannte Fragen stellt. So bleibe ich also offen für die Fragen meines Spiegelbildes. Und lasse mich überraschen von seinem sich stets verändernden Äußeren, das auch immer eine andere Sichtweise mit sich bringt. Ich erkenne nicht mich im Spiegel, ich lasse mich erkennen. Scannen, berühren von Aspekten, die mir noch nicht bekannt, bewusst sind. Spieglein, Spieglein an der Wand: Wen siehst Du heut in diesem Land?

Surprising Salon Session No 17: Frei Sein

Freiheit versus Sicherheit

Ich liebe dieses Bild. Es erinnert mich daran, dass die Freiheit einer Entscheidung bedarf: Mutig ins Unbekannte zu springen. Wer frei sein will, verlässt das sichere Nest, lässt sich ein – aufs durchs Leben Fliegen, Gleiten, Schweben, die Welle-Reiten.

Was hält uns eigentlich zurück? Was bindet uns an die Vergangenheit, kettet uns an die Erfüllung aller möglicher Erwartungen, von den monatlichen Rechnungen über die Steuer bis hin zu Familie und FreundInnen, ArbeitskollegInnen, PartnerInnen & Co? Warum fällt uns das frei Sein so schwer? Weil wir es nicht gewohnt sind? Weil wir es noch gar nicht kennengelernt haben? Weil uns niemand vorlebt, wie das geht?

Klar, es gibt die Außenseiter und Aussteiger, jene Menschen, die manchmal mehr und allzu oft eher minder frei-willig nicht „mitspielen“ im Spiel des Lebens. Aber sind sie wirklich frei, zu tun, was sie tun wollen? Oder entziehen sie sich nur den gesellschaftlichen Verpflichtungen, dem „System“? Und gewinnen sie durch dieses „außerhalb“-Stehen mehr Wahlmöglichkeiten oder eher weniger?

Ich behaupte, dass es nur ganz wenige wirklich freie Menschen auf unserem Planeten gibt. Sie haben erkannt, was sie einst zurückgehalten hat: Ihr Streben nach Sicherheit. Nach Kontrolle. Nach einem umsorgten Dasein, nach einem geregelten Ablauf, einem planbaren Leben, einer ausreichenden Pension. Wer emotional, mental oder körperlich auf der sicheren Seite sein will, ist automatisch unfrei. Denn er muss sich den Regeln anpassen, ständig aufpassen und seinen eigenen Plänen unterwerfen. Er leidet, wenn es anders kommt. Er fühlt sich unsicher, wenn er die Welt seiner Vorstellungen verlässt und sich auf die unendlichen Möglichkeiten des „was sonst noch existiert“ einlassen soll.

Freiheit und Verantwortung

Aber ist das nicht gut so? Macht uns nicht unser Streben nach Sicherheit zu verantwortungsvollen Wesen, zu Menschen, die einhalten, was sie versprechen, deren Wort gilt und Meinung zählt? Oder andersrum gefragt: Macht uns das Tragen von Verantwortung nicht automatisch unfrei? Wer Kinder oder Hypotheken, ein Business oder auch nur einen ehrenamtlichen Nebenjob hat weiß, dass damit eine Tretmühle der Fremdbestimmung einhergeht. Und dass wir die meisten unserer Verpflichtungen selbst gewählt haben, macht uns noch lange nicht freier. Ewiges Ab-Arbeiten im Job, ständiges Da-Sein-Müssen im Business, regelmäßiges Überweisen-Müssen, um zu überleben. Zahlen wir da nicht drauf, nur um zu leben?

Ich bin so frei

Was macht uns eigentlich zu freien Menschen? Ich meine, dass wir eine Wahl haben. Wenn auch manchmal nicht dabei, was wir tun (müssen), aber immer das Wie betreffend. Wer die Wahl hat, hat vielleicht die Qual, jedenfalls aber das Gefühl der Selbstbestimmung. Und das fühlt sich frei an. Freiheit fühlt sich offen, möglich, leicht und all-verbunden an. Ich bin mal so frei, die Freiheit so zu umreißen. Frei Sein bedeutet auch, der Wirklichkeit außerhalb des eigenen Vorstellungsvermögens mehr Raum zu geben, als dem Versuch, die Welt nach eigenen Vorstellungen zu verbiegen.

Nix is fix

Klar wollen wir vieles ändern. Vieles an der Wirklichkeit ist kaum zu ertragen, da muss man nicht einmal an Krieg und Hungersnöte, an Ungerechtigkeiten und Aussichtslosigkeit denken. Viele von uns wollen die Umstände, in denen wir oder andere leben, zum Besseren verändern. Ein hehres Anliegen, zugleich der Stein des Sisyphus schlechthin. Denn es ist nie genug. Gerade die „Guten“, die „Helfer“ in unserer Gesellschaft sind vom Burnout bedroht, vom Ausbrennen und Verzweifeln an der schieren Unendlichkeit der Aufgabe, die Welt zu einer besseren zu machen. Aber auch jene, die nur versuchen, sich selbst zu helfen, die versuchen die Welt um sich ihren eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen anzupassen, sind unfrei.

Der Freie Wille 

Freiheit bedeutet nicht, sich schlicht zu nehmen, was man will. Auch nicht, alles zu geben, was man will. Spürbare Freiheit liegt viel näher, nämlich im Raum des nicht mehr Strebens, nicht mehr Sehnens und Wollens. Wenn wir unsere Vor-Stellungen los lassen, hören wir auf alles und jeden irgendwohin zu schieben oder uns selbst und andere zu (unter)drücken, wie hören auf, an der Wirklichkeit zu zerren und uns zu (ver)biegen, und wir entgehen der Gefahr, zu brechen oder uns auch nur zu beugen. Wir sind. Frei.

Frei Sein

Das heißt aber nicht dass wir in einem solchen Zustand des frei Seins alles hinnehmen müssen oder für gut halten sollen, was so passiert. Aux contraire: Wer nicht mehr festhält an Sollens-Bildern, der kann sich neuer Mittel und Wege bedienen, um zu tun, was tatsächlich nötig ist.

Und was ist wirklich nötig, wenn wir frei sind? Noch mehr freie Menschen.

Nein, freie Menschen leben nicht auf Kosten von anderen und plündern Land und Leute, weil ihnen alles egal ist. Wieder ganz im Gegenteil: Wer frei ist, der tut, was frei macht. Sich selbst und andere. Das Streben nach Selbstbereicherung oder Selbstüberhöhung macht unfrei. Freie Menschen hingegen sind einfach da. Präsent, ohne Auftrag. Offen, ohne schwammig zu sein. Neugierig, ohne der Gier auf Neues zu verfallen.

Jump, baby, jump

Was braucht es, um aus dem Paradies der hehren Versprechungen rauszufinden? Einen Schritt. Einen simplen Schritt. Hinaus aus der Komfortzone. Hinein ins Unbekannte. Hinaus aus dem Vergleichen und Bewerten, hinein ins Erleben und Horizont-Erweitern .

Es ist nie zu früh, sich selbst einfach sein zu lassen und alles andere endlich los zu lassen.

It’s now or never

Wann? Dann? Wie? Nie?

Nein. Jetzt, und so: Ausatmen, Muskeln entspannen, Einatmen, Aufrichten.

Das Sein lassen.

Da Sein.