Surprising Salon Session No 9: Einmal Entwicklung mit Erfüllung bitte!

Das vollendete Werk

Macht stolz. Und ist doch nur ein neuer Anfang. Es ist nie genug. Solange die Menschheit sich nicht in Frieden ihres Daseins freut gibt es noch unendlich viel zu tun. Sisyphos lässt grüßen. Wenn ich unser Buch so betrachte, dann stellt sich mir als erstes die Frage: Wird es wohl gelesen werden? Und wenn ja – was wird daraus erwachsen? Das Werk ist tatsächlich erst vollendet, wenn es ankommt. Aber was genau soll ankommen, wenn es um einen Prozess geht? Den Prozess der Menschwerdung im Sinne der Entwicklung von Mitmenschlichkeit im Einzelnen und einer auf Miteinander basierenden Gesellschaft im Ganzen. Ist dieser Prozess jemals zu Ende? Kann er das überhaupt sein? Kann es jemals so viele „reife“ Menschen geben, dass sich „das Blatt wendet“?

Füllhorn der Menschlichkeit

Eigentlich dreht sich alles um die Antwort auf die Frage: Wann ist menschliche Entwicklung tatsächlich erfüllend? Also Raum und Zeit sinnlich ansprechend und sinnvoll füllend. Ich spreche hier nicht von vorübergehenden Zuständen des Glücks, der Dankbarkeit, der Zufriedenheit. Ich spreche hier von einem tiefen Grundgefühl, auf dem „richtigen Weg“ zu sein. Und davon, diesen nicht alleine zu gehen, sondern mit vielen anderen und zum Besten aller. Friedlich, freudvoll, frei. Ist das Utopie? Falsche Frage.

Denn: Zahlt es sich denn überhaupt aus, für weniger als für diese Utopie zu leben? Ab wann ist eine Utopie unrealistisch? Meiner Ansicht nach dann, wenn sie entkoppelt von den Vorstellungen und Bedürfnissen der Menschen ein abstraktes Dasein führt und Menschen dazu zwingt, ihre Menschlichkeit starren Regeln zu unterwerfen. Die Verwirklichung von Ideen und Idealen muss jedenfalls bei der Wirklichkeit ansetzen. Aber es gibt so viele Wirklichkeiten… So viele wie Menschen.

Evolution gut und schön

Aber wohin? Wohin schreiten wir, als „Menschheit“, fort? Wer ist „die Menschheit“ wenn nicht eine Ansammlung aus Individuen, die sich in formbaren Gemeinschaften aus Gründen der sozialen Stabilität formieren. Haben Menschen überhaupt ein Gefühl dafür, Teil „der Menschheit“ zu sein und deren Entwicklung mitzugestalten? Und haben wir überhaupt einen Einfluss auf die weitere Entwicklung? Ja, wir haben. Synchronisation heißt das Zauberwort. Menschen wirken auf sich und auf andere in jedem Augenblick ihres Seins. Manche wirken stark, so stark, dass sie als Vorbilder Veränderungen initiieren oder kanalisieren können. Andere Menschen wirken gemeinsam, wirken zusammen und können dadurch großen Einfluss nehmen, größere Menschenmengen bewegen. „Der Schwarm“. Aber ob der immer intelligent ist…? Wer stellt sicher, dass sich die Menschen und die Menschheit in die „richtige“ Richtung fort bewegt? Moral, Ethik, Glaube? Nicht als abstrakte Schrift, nicht als normative Regel, nicht als bebilderter Buchtext oder langweiliger Bildungsinhalt. Bleibt etwas reine Theorie oder wertende Handlungsanweisung, so wird es selten gern gelebt. Klar wäre es vielleicht sinnvoll. Aber es ist in dieser Form nicht sexy, nicht attraktiv, schlicht nicht sinnlich.

Reicht es andererseits, auf negative Mobilisierung zu setzen? Auf die drastische und dramatische Darstellung diverser Katastrophenszenarien? Sollten wir verstärkt auf die Bedrohungen durch Klimawandel über Ressourcenerschöpfung, Radikalisierung bis Krieg, Finanzcrashs oder Verrohung von Einzelnen, Bildungsabbau der Gesellschaft und Emotionalisierung der Politik setzen, sie immer mehr und emotionsgeladener ins Feld zu führen, um Menschen zu aktivieren? Um die Notwendigkeit einer anderen Entwicklung zu unterstreichen? Nein. Angst und Bedrohung reichen nicht. Da muss was Stärkeres her.

Was motiviert zum Mitmenschlichsein?

Die Fähigkeit zur bewussten Wahrnehmung von Körperzuständen, Gefühlen und Gedanken wie Verhalten unterscheidet den Mensch vom Tier. Solange er aber noch unreflektiert von seinen Trieben, Begierden und Gewohnheiten in seinem Verhalten angefeuert wird, ist der Unterschied zur Tierwelt nicht allzu groß. Erst mit der bewussten Wahl, nicht nur auf das eigene Wohl zu sehen, sondern „Ich“ und „Du“ gleichberechtig zu behandeln, entsteht ein neuer Raum, der verändertes Handeln ermöglicht. Warum ist dieser Raum so wichtig? Weil uns heutzutage sowohl der Raum als auch die Zeit abhandenkommen. Wir werden immer mehr Menschen, die einander zunehmend wahrnehmen. Ja, wahrnehmen müssen, weil sie nicht mehr auszublenden sind. Auf den Straßen, im Internet, in den Schulen und Universitäten, am Arbeitsmarkt, am Markt der Waren und Dienstleistungen generell. Die Fülle ist überwältigend. Wer „mitmenschlich“ agieren will muss scheinbar zum selbstlosen Heiligen mutieren angesichts dieser schieren Überzahl. „Wer kommt und kettet sich die Welt ans Bein – möge die Macht, mit ihm sein…“ singen SEEED. Aber schönerweise heißt der Songtitel „Deine Zeit“: „Diese Zeit, ist Deine Zeit, und Du meinst, Du seist noch nicht so weit – doch jeder Tag, ruft Deinen Namen, Du weißt, Du hast keine Wahl!“ Und damit sind wir schon bei der „Moral von der Geschichte“: Wer, wenn nicht wir? Mehr Motivation gibt es nicht.

Surprising Salon Session No 8: Die Macht des Happy Peppi

Und golden glänzt der Plastikgott

Mit jedem kurzen Blick auf den kleinen lachenden Buddha ploppt ein anderes unerwartetes Gefühl auf. Oftmals sind es widersprüchliche Signale, die er zugleich aussendet: Wie die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings ihren direkten Weg zum Herzen finden und es höher schlagen lassen, so lockt im selben Augenblick die bittersüsse Unerfüllbarkeit tiefster Wunschträume. Wie das Lachen unmittelbar wirkt, so schleicht sich doch der Zweifel sogleich ein. Wie das wertlose Gold seiner Hülle an den eigentlichen Wert der kleinen Dinge erinnert, so sehr zerfließen die wabbelweichen Konturen der kleinen Staute in die unformige Masse eines Massenproduktes.

Er lacht jeden aus, der glaubt, Glück und Fröhlichkeit kaufen zu können. Und er peitscht seine Überzeugung, in jeder Lebenslage vollkommen sein zu können, quälend in die Bedenken der Hoffnungslosen. Er ist viel zu beliebig, um ihn ernst zu nehmen. Und er ist viel zu wirksam, um ihm seine höchst eigenartige Qualität abzusprechen. Wie kommt es, das ein kitschtriefendes Symbol für den zeitlosen Zustand höchster Freude solch bunte Wellen vielfältiger Deutungen spürbar zu machen versteht? Der Kleine kann was. Happy Peppi verkörpert die Macht des grenzenlos Guten – und lacht jeden aus, der daran glauben will, statt das leise Lachen, am Leben zu sein, in sich spüren zu wollen.

Das Lichte am Göttlichen

Das Gute am Gottesglauben ist die unendliche Projektionsfläche, die er uns bietet. Wer suchet, der kann in seiner aufs Göttliche hin ver-äusserten Vorstellung auch tatsächlich, weil fühlbar, finden. All das Unglaubliche findet in der Gottesvorstellung ebenso viel Raum wie all das Ideale. Natürlich nur in der unzensierten Version, einer Variante, die nicht vor institutioneller, die unendlichen Möglichkeiten limitierenden, Regeln strotzt. Nun unterscheidet sich der geschmeidigglatte asiatische Buddha fundamental von der Sorte mit mächtigem Bartwuchs, die weiter westwärts vorherrscht. Seine Bedeutung als Repräsentant der Möglichkeiten in uns macht andere Türen auf als der klassisch abend- oder morgenländische Gott mit maßloser Allmacht über uns. Aber als Projektionsfläche für alles Wünschenswerte können prinzipiell beide gleichermaßen dienen. Betonung auf „dienen“: Als Mittel zum Zweck der Selbsterhellung, zur effektiven Erleichterung des Daseins, als großer, warmer Rahmen, indem man sich als Bestandteil eingebettet sehen und fühlen kann. Oder auch zur klaren Orientierung für eigene Entscheidungen, etwa durch die Beantwortung moralischer und ethischer Gewissensfragen, trägt eine Gottesvorstellung wunderbar zum besseren Leben bei. „Besser“ im Sinne von lichter, leichter, heller, liebender, lächelnder. So macht Glauben tatsächlich, weil erlebbar, Sinn. Das lächelt mir zumindest der kleine Plastikbuddha in diesem Moment zu. Happy Peppi kann aber noch mehr. Er strahlt zugleich das Wissen aus, das all das Glauben, Wissen und entsprechende Sein aus dem Tiefen meinerselbst kommen. Wobei „meinerselbst“ größer, weiter und breiter zu lokalisieren ist, als die Stimme meiner Gedanken oder die Haut meines Körpers dem „Ich“ an Form und Ausdruck verleihen. Wenn das Ich aber so entgrenzt definiert und empfunden wird, wo hört da das Wissen auf und fängt dann das Glauben an? Anders gefragt: Was hilft gegen die schleichende Verlockung des Fanatismus?

Friede, Freude, Freiheit!

Gegen den Wahnsinn des Fanatismus, also der felsenfesten Überzeugung mit der eigenen Sichtweise rechter als alle anderen zu haben – und diese Sichtweise mit Gewalt allen anderen vermitteln zu müssen – hilft kein sachliches Argumentieren. Fanatismus ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach Anerkennung, Zugehörigkeit, klaren Regeln, sinnhaftem Leben in einer überschaubaren Welt mit eindeutigem Richter (der strengen Gottesfigur oder dem absoluten Ideal). Unter Fanatismus fällt aber auch schon die drohende Enge von fixen Ideen und das starre Regelwerk aus unterdrückenden Verhaltensvorschriften. Gegen alles, was uns selbst und andere klein macht und machen will, unterdrückt und unterdrücken will, verletzen, schlagen und verängstigen will, hilft vor allem eines: Vorbilder. Starke friedvolle, freudvolle Freigeister. Nicht nur im Umkreis von Fanatismus-gefährdeten Menschen. Unsere (europäische/westliche) Gesellschaft befindet sich derzeit in einem allseits wahrnehmbaren Phasenübergang. Von der Starre – aber auch Planbarkeit und Überschaubarkeit – der Vergangenheit in einen entgrenzten Möglichkeitsraum. Manche wollen zurück. Und weil das Zeitreisen in die Vergangenheit nicht geht, landen sie im Fanatismus ihrer ersehnten Vorstellung einer Goldenen Zeit.

Let it shine

Wir haben unsere Zukunft mit jedem Atemzug in unserer eigenen Hand. Wir sind es, die uns mehr oder weniger Möglichkeiten einräumen, die der einen oder anderen Vorstellung eine Goldene Aura verleihen. Wir sind es, die einander im friedlichfröhlichfrei-Sein bestärken oder aber behindern. Wir sind es, die einander vertrauen, uns einander zu-muten, so wie wir sind. Mit all dem Happy Peppi in uns. Lange Zeit war es verpöhnt und galt es als unseriös, einfach strahlend oder glücklich zu sein. Wer Verantwortung trägt, hat gefälligst ernst, vom Ernst der Lage erschüttert, in seinen Bewegungen von der Schwere der Situation eingeschränkt zu sein. Schluss damit. Verantwortung kann auch anders aussehen. Friedlich, fröhlich und frei im Geist, in Herz und Handlung. Machen wir uns nicht mehr lächerlich und kleiner als wir sind, indem wir Angst davor haben, uns mit unseren guten Gefühlen lächerlich zu machen. Enge führt nur zu mehr Enge – oder zum Kettensprengen, das meist mit einer Form von Gewalt zu tun hat. Vielleicht gibt es deshalb selbstmöderische Attentäter. Weil sie selbst keinen Ausweg aus der Enge des starren Gaubenssystems sehen, als sich selbst mit Haut und Haar und Gewissen den strengen Regeln hinzugeben. Wer die innere Weite und Größe, das unfassbare Geschenk des Lebens nicht spüren kann (da geht es absolut nicht ums Glauben), der ist für die harte Kälte des Kleingeistes – und ein solcher Geist ist immer klein, weil er klein macht, ganz egal wie großspurig und allmacht-heischend er daher kommt – empfänglich. Lassen wir diese Welt spüren, worum es geht. Heute, morgen, den Rest unseres Lebens. Egal, was da kommt.

Simply: Göttlich

Der winzige Plastikgott leuchtet aus dem gemütlichen Mittenrund eines güldenen Kerzenquadrats heraus. Quasi als Flammenersatz erhebt er sich strahlend aus ihrem Zentrum. Die Kerze selbst ist aus einem zersplitterten, alten, spröden Kerzengold, das in starkem Gegensatz zur Weichheit des wohlgerundeten Happy Peppi steht. Das Trockene der Kerze und das Saftige am Buddha, die podesthaft luftige  Höhe, in der er in der erdigen Mulde thront, bilden eine sinnlich mehrdimensionale Einheit. So Banal, so willkürlich, so ohne Preis. So voller. Voll von

Surprising Salon Session No 7: Die Grüne Fee

„Die Grüne Fee“

So wurde dieser quietschgrüne Flascheninhalt früher genannt: Absinth galt einst als begehrtes Heilelixier, dem van Gogh, Gauguin und Toulouse-Lautrec ebenso frönten wie Poe, Crowley oder Hemingway. Alles herausragende Künstler, die an die Grenzen des Bekannten – oder ihrer selbst gingen. Und darüber hinaus. Thujon heißt die spannende Essenz, die der Grünen Fee ihre Flügel verleiht. Das Nervengift ist ein Bestandteil des ätherischen Öls des Wermuts und ruft in höherer Dosierung vor allem Verwirrtheit und epileptische Krämpfe hervor. Im 19. Jahrhundert waren es Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die der Grünen Fee ihren illustren Beigeschmack gaben. Dafür wird heute die damalige schlechte Qualität des Alkohols verantwortlich gemacht.

Blicke ich auf die zauberhaft schimmernde Flasche auf meinem Glaskasten – ein Überbleibsel meines letzten runden Geburtstages – so haucht mir aber weniger eine Welle brachialen Anisdufts als vielmehr eine leise Ahnung von Laudanum entgegen. In meinen Gehirnwindungen hat sich vor Jahrzehnten das Bild des im Film Gothic als giftgrün dargestellten Wundermittels festgekrallt. In jedem Fall umgibt auch den Absinth der heutigen sachlich-nüchternen Zeit noch eine Idee von Wahnsinn und exzessivem Rausch. Der „Wahn-Sinn“ im Sinne eines „Außer-sich-Seins“ scheint in unseren Tagen jedoch weniger zum Vergnügen der Erwachsenen beizutragen als vielmehr Bestandteil jugendlicher Ausschweifungen zu sein. In Pillenform etc.

Erwachsene hingegen belohnen sich nach vollbrachtem Tagewerk eher mit einem Bier oder mehreren guten Gläsern Wein. Ich erinnere mich noch an die Generation meiner Eltern, in der unbeschränkter Alkoholgenuss und ausschweifende Trinkgelage irgendwie fast zum täglichen Leben gehörten. Vom Zigarettenrauchen mal ganz abgesehen. Dagegen sind wir mittlerweile eine langweilig nüchterne Gesellschaft geworden. Ich habe den Eindruck, dass das feuchtfröhliche „Feiern“ früher integraler Bestandteil des Alltags war – und dass es tatsächlich in mehr Fröhlichkeit mündete als es das heute tut. Sofern heute überhaupt noch gefeiert und nicht nur getrunken wird.

Abstinenz total

Frohsinn, wo bist du hin? Nicht dass ich glaube, dass Alkohol wirklich froh macht. Aaaaber. Irgendwie scheinen die Menschen heute nicht und nicht glücklich im Sinne von leicht und wohlgestimmt werden zu können. Oder zu wollen. Mit oder ohne Hilfsmittel. Schade eigentlich. Da könnten wir doch gleich den Kopf in den Sand – oder in die Flasche – stecken. Oder?

Nicht wirklich. Denn dadurch wird nichts besser, nur vernebelt, verdrängt, wir bekommen für ein paar Momente scheinbar mehr Raum für uns und die guten Gefühle in uns. Sie vergehen aber so schnell, meist schon am selben Abend, dass man ob der fehlenden Nachhaltigkeit des Frohsinns zurecht an der Güte dieses beseelten Zustandes zweifeln kann. Gerade in der Fastenzeit finden so manche wieder zu einem klaren Kopf. Dann stellt sich eine andere Frage: Wollen wir in aller nüchternen Klarheit und emotionalen Empfindungsfähigkeit tatsächlich sehen und fühlen, was sich so rund um uns herum tut?

Es grünt nicht mehr so grün

Die Wege zum Glück scheinen heutzutage weniger grün, weniger erfolgsversprechend zu sein als früher. Der Wirtschaft geht es nicht gut, das Elend der Welt dringt in unsere ehemals geschützten vier Wände ein. Obwohl die Armut weltweit weniger wird, bekommen wir jetzt viel mehr davon mit. Waren der Hunger und der Krieg in der guten alten Fernseh- und Zeitungszeit vorwiegend über Nachrichten aus fernen Ländern vorhanden, so bringt unsere Informations(flut)gesellschaft und die Mobilität der Welt alles, was wir ehemals als „fernab“ von uns gesehen haben, quasi vor unsere Haustüre, in unsere Handys, in unseren Gefühlshaushalt. Aber was tun damit? Wohin orientieren wir uns, wenn die Welt scheinbar zugrunde geht (was sie ja nicht tut – wir bekommen nur mehr mit von den brennenden Themen und ungelösten Aufgaben auf der ganzen Welt)? Und wenn wir uns nicht mehr in kurzfristigen Räuschen eine heile Welt vorgaukeln können oder wollen: Was tun wir stattdessen sinnvollerweise? Wie gehen wir mit der Großen Nüchternheit, mit der Ernüchterung unserer Zeit und dem Bewusstsein über die überlebensgroßen Aufgaben auf und in unserer Welt um?

Der Flaschenhals unserer Zeit

Während die einen versuchen als Gegenwegung zur Ablenkung in vermehrter Achtsamkeit zu schwelgen, aber nur selten überschäumend glücklich sind, weil es so wenige Gleichgesinnte ohne Moralisierungsdrang zu geben scheint, laufen die anderen immer noch irgendwelchen vermeintlichen äußeren Heilsbringern nach: Geld, Macht Karriere. Dritte wollen ein klares Gefühl von Sinn und Wert, Vierte von Zugehörigkeit und Sicherheit. Was Menschen heute suchen, oft ohne es zu wissen, ist ein Zaubermittel gegen die Hilflosigkeit unserer Zeit. Ein Rezept gegen die Überforderung durch die unendlich vielen offenen Baustellen. Ein Elixier, dass uns rausbeamt aus dem unübersichtlichen Grau von Alltag und unbewältigter Welt. Es handelt sich beim Gesuchten um ein Wundermittel, nach dem wir uns tief drinnen sehnen: Einem grünen, weil vielversprechenden Weg zu mehr Vertrauen. Zu tiefer Zuversicht. Zu echter Zufriedenheit im Sinne von: im Frieden mit sich sein. Was führt uns bloß dorthin? Wo sind sie, Friede und Freude in uns, diese beiden wonniglichen Hochgefühle. Das eine ist still und weit. Das andere hoch und ekstatisch. Vertrauen, Zuversicht, Zufriedenheit – und enthusiastische Höhenflüge. Das ist eine Mischung, an die man sich vielleicht mit viel Glück noch aus der Jugend- und Studentenzeit erinnert.

Auf und Ab

Aber gibt es die unbändige und ungezügelte Macht der Intensität ohne unerwünschte Nebenwirkungen? Was sagt der Beipackzettel des Lebens? Nein. Mit der Zeit wird man klüger, aber auch müder. Wacher, aber auch langsamer. Man kommt von ganz alleine an. Nämlich dort, wo einen die Entscheidungen seines Lebens hinführen. Der Lebensweg liegt jetzt nicht mehr frühlingsgrün und unberührt von einem. Hier dominiert bei manchen dann der fade Geschmack des Alltags schon das morgendliche Aufwachen. Er zieht sich durch, bis zum abendlichen Belohnungsgläschen. Der vertrocknende Weg des Immergleichen versetzt selbst den Versuch, das Leben zu feiern oder sich zumindest für seine täglichen Anstrengungen zu belohnen, mit hauchzarter Bitterkeit. Wo das überschäumende Feiern fehlt, da gibt es wenigstens kein Kopfweh danach. Sollte man meinen. Aber sind wir deshalb glücklicher, nur weil wir vorauseilend die Nachwirkungen zu vermeiden suchen?

Kein Weg zurück

St. Patricks Day war diese Woche. Ein ehemals freudvoll grüner Tag. Ein traditioneller Anlass für ein kollektives fröhliches Besäufnis. Wie viele „Feiernde“ waren aber auch dieses Jahr dabei nicht happy, sondern wurden mit jedem Bier zunehmend trübsinnig oder aggressiv? Die Grüne Fee bzw. das Grüne Bier wirken nicht mehr. Die Zeit der Ablenkung, des Verdrängens ist vorbei. Wir stehen heute vor der immensen Aufgabe, die Last unseres Lebens und der Welt in voller Nüchternheit zu tragen, ohne uns effektiv davon ablenken zu können.

Wo ist er hin, der Weg ins Grüne? Diese Frage hilft nicht weiter, denn das Bemängeln des Fehlens der von Sentimentalität verzerrten Vergangenheit eröffnet uns keinen neuen Weg. Wollen wir wieder zuversichtlich sein und die Intensität des Lebens in vollen Zügen genießen, so müssen wir anders denken, anders handeln, anders erleben als bisher. Wir sind heute dazu aufgefordert, Grün in uns zu pflanzen. Damit wir selbst Grün werden. Wir sollten uns am Leben berauschen. Einen tiefen Lungenzug von jedem Moment der Existenz nehmen. Mit jedem Gedanken einen Schluck vom Glück des Daseins genießen. In jede Entscheidung einen großen Schuss Mut und Liebe mixen. In jeden Schritt ein champagnerperliges Gefühl von Aufregung, Anregung, Rührung legen. Suchen wir nicht mehr in der Vergangenheit oder in Ablenkung unser Glück. Blühen wir statt dessen grundlos auf. Denn heute sind wir die Grünen Feen. Und alles wird, nein ist, gut.

Surprising Salon Session No 6: Blubbern in der Blase

Life in a Fishbowl

Leben wir nicht alle in unserer eigenen Blase? Notgedrungen – oder auch selbstgewählt – tun wir das, ganz von Selbst. Im wahrsten Wortsinn: Die Blase geht ganz von uns alleine aus. Weil wir unsere eigene Lebenssicht aufgrund ihrer deutlich spürbaren Erfahrbarkeit für vorrangig gültig erachten. Aber selbst im Resonanzraum mit anderen lässt es sich wunderbar in der eigenen Sichtweise einigeln: Im sozialen Netzwerk geht das wahrlich ganz automatisch. Durch automatisierte Algorithmen werden uns nur solche Nachrichten gezeigt, die unseren likes, shares und Surfgewohnheiten entsprechen. Je weniger Kontakt zur Außenwelt wir haben, desto ungestörter können wir letztendlich in unserer eigenen Welt umherblubbern. Je weniger wir uns der rauen Andersartigkeit der un-fassbar Anderen stellen, umso geschmeidiger lässt sichs im eigenen Dunstkreis leben. Scheints. Bis wir dann mit Wahlergebnissen oder frisch gebackenen Despoten, die offenbar niemand aufhalten kann, konfrontiert werden. Sie führen uns unleugbar vor Augen: Die Welt kann auch anders. Gewaltig anders.

Seemannsgarn

Was ist schon wirklich wahr und was ist völlig falsch? Auf diese Frage gibt Die Blase nur vordergründig eine Antwort. Sie sagt: „Hier drin ist alles wahr! Da draußen sind die Übeltäter, die Deppen, die manipulierenden Wirklichkeitsverzerrer und die dem Wahnsinn der vielfältigen Variationen der Wirklichkeitsbetrachtung und verwirrend kompizierten Realitätsdarstellung Verfallenen!“ Dann ist von Den Linken, Den Rechten, Der EU oder Den Politikern, sogar Den „Experten“– je nachdem, welchen Namen man dem aktuellen Feindbild seines Gustos gibt, die Rede. Interessanterweise identifizieren sich von den vermeintlich „Rechten“ gar nicht mal so wahnsinnig viele mit aggressivem Rechtsextremismus. Und die vermeintlichen „Linken“ sind bei Weitem nicht alle Ökofreaks, anarchish-asozial oder Alternative. Die EU sind sogar alle  Staaten gemeinsam, jeder einzelne macht die EU insgesamt aus. Das will schon gar niemand hören. Was aber alle hören wollen ist: Das sie selbst richtig liegen und die anderen nicht. Die Anderen sind Schuld an Der Tragödie der Welt. Am drohenden Untergang. An der Unfairness. An der trüben Zukunft. An der Bereicherung der Reichen, am Verlust der Demokratie etc…

Sirenengesang

Eine gültige Antwort auf die Frage nach Der Wahren Wirklichkeit kann man sich leider (sprichwörtlich leider, weil mit leidvoller Mühsal der Auseinandersetzung und Selbst-Relativierung verbunden) nur im Diskurs, im Vergleichen, im Prüfen und im Forschen, im Austausch – und viel zu oft eigentlich erst im Nachhinein – selbst erarbeiten. Denn Die Wirklichkeit, sie hat einen Haken. Sie ist für jeden von uns einzigartig. Wir sind es, die mit unseren Augen und Ohren das, was ist und so, wie es uns erscheint, für wahr nehmen. Dazu kommt aber dass das, was wir erfahren und wie wir das Erfahrene aufnehmen und empfinden, empfindlich davon mitgeprägt wird, wie andere agieren, reagieren und mit uns interagieren. Wir sind ungeachtet unserer direkten Erlebnisüberzeugung absolut nicht autark in unserem Urteils- und Entscheidungsverfahren. Wir sind zutiefst abhängig von der Meinung anderer. Hören wir immer nur dasselbe von allen Seiten, so sollten wir daher höchst aufmerksam werden. Denn es gibt sie nicht, Die Eine Wahrheit. Wer sie verspricht, der will etwas von uns. Wir sollen mit unserer Stimme bezahlen, mit klicks und Daten, mit Wahlkreuzchen und Freundesmanipulation. Das alles geschieht oft unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle und wir handeln oft ohne, dass wir uns bewusst dafür entscheiden.

Pfui Teufel!

Na geh. Blöd. Wonach suchen wir dann, wenn es Die Eine Wahre Wirklichkeit nicht gibt? Und vor allem: Was finden wir, wenn wir nach Der Wahrheit suchen? Wir finden stets – egal ob wir suchen oder nicht – in jedem Moment unseres Lebens eine Bestätigung oder Abweichung unserer Erwartungen. Aus der Unterscheidung zwischen innerem Ideal und Erlebnis formen wir Sinn und Bedeutung, unsere Selbst- und Weltsicht. Da kann die Mathematik noch so eine logische Wissenschaft sein. Da können die Naturwissenschaften noch so strengen Regeln der Überprüfbarkeit, des versuchsmäßigen Widerholbarkeit, des argumentativen Nachvollzugs aufweisen. Und die Meinungsforschung oder Wirtschaftswissenschaft (geschweige denn die Finanzwelt) kann mit noch so schönen Zahlen protzen, mit statistischen Wahrscheinlichkeit, mit Risikoberechnungen und Unwahrscheinlichkeitsfaktoren daher kommen. Alle, wirklich alle Zugänge zur Wirklichkeitsdarstellung sind selbstreferenziell: Sie überprüfen immer nur eigens angefertigte Annahmen. Und dennoch kommen sie, die selbstbezüglichen Wissenschaften, Der Realität etwas näher als es Der Glauben vermag. Denn eine reine Beurteilung des Erlebten auf Basis von angenommenen Ideen schränkt die Diskursfähigkeit maximal ein. Da ist nicht mal mehr Platz für Verifikation, Testergebnisse, Zweifel oder relative Gültigkeit, Beobachterbezüglichkeit & Co. Dann ist alles vom Dogma Abweichende Der Teufel. Bloss machen solche absoluten Beurteilungen die Wirklichkeit nicht weniger komplex. Sie limitieren nur die möglichen Betrachtungswinkel und Handlungsoptionen… Und daran zu glauben, dass es Einen Anderen Feind gibt, den es zu bekämpfen gilt, damit dann Alles Besser wird, ist nichts anderes als zu Glauben. Glauben, Hoffen und Ver-Teufeln passen irgendwie zusammen. Doch wie durchbrechen wir die selbstbezüglichen Zirkel? Wir kommen wir hinaus aus unserer Haut, aus unseren Ängsten und Hoffnungen und hinein in die unendlich komplexe, vielfältige Welt voller ungeahnter Möglichkeiten?

Raus aus dem Aquarium

Es führt einfach kein Weg vorbei. An der Auseinandersetzung mit all dem, was wir nicht wissen und was sonst noch alles sein kann. Außer wir betrügen uns selbst und belügen einander, um unseren inneren Frieden aufrechtzuerhalten. Was aber nicht funktioniert. Da wir, um unsere eigene Sichtweise entgegen die der Anderen aufrechterhalten zu können anfangen, dafür – und gegen die Anderen – vehement zu kämpfen. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ (man weiß leider nicht, ob dieser Satz tatsächlich von Sokrates stammt, oder aber auf Platons oder Ciceros Kappe geht), heißt es so schön. Aber hilft das im Alltag? Ja, dieser Satz hilft, sich nicht im Käfig der eigenen Sichtweisen, Erwartungen und Glaubenssätze selbst einzusperren. Aber was dann?

Jump!

Zeit für einen Sprung ins Ungewisse. Zeit für eine Relativierung aller Annahmen. Zeit für grenzenlose Wahr-Nehmung von Anderen. Ich habe zum Beispiel einige „Freunde“ auf Facebook, die völlig andere Dinge posten, als ich. Deren Meinung ich überhaupt nicht teile. Nur um zu wissen, wie diese Weltsicht argumentiert und „tickt“. Damit ich mich mit dieser Sichtweise auseinandersetzen kann. Es gibt Freunde, die dies ebenso handhaben. Und es gibt Freunde, die Die Anderen lieber verteufeln. Mit diesem Urteil ist aber nur ihnen selbst geholfen, denn es führt nicht zu einer echten Auseinandersetzung. Um zum Diskurs zu kommen, muss man sich wohl hineinbegeben in die Welt, die Gefühle, die Argumente Der Anderen. Unangenehm. Aber auch erhellend.

Vorsicht Falle

Das besonders Unangenehme ist das Hetzerische, Angstschürende, Reißerische, Schwarz-Weiße an den Postings Der Anderen. Sie zielen darauf ab, dass Menschen sich angegriffen fühlen, sich aufregen, sich bedroht oder hilflos ausgeliefert fühlen. Wer Angst schürt erntet Menschen, die daraufhin entweder in die Autoaggression (=Depression, Ohnmacht, Ignoranz, Starre à la „man kann eh nix machen“) oder in die Aggression gehen (abwehrend, laut und angriffig werden). In beiden Stressreaktionsmustern kann man evolutionär bedingt nicht gut denken, da handelt dann der Instinkt. Und der fühlt sich immer richtig an! Denn er will uns ja nur schützen. Fight or flight. Wenn wir uns also mit der Dunklen Seite der Macht, die zum Teil noch kommunikationstechnisch äußerst geschult ist, auseinandersetzen, sollten wir besonders auf unsere eigenen Gefühle achten: Regen wir uns auf, fühlen wir uns in unseren Werten angegriffen, wollen wir uns selbst oder jemanden beschützen? DANN GEHT DEREN KOMMUNIKATIONSSTRATEGIE AUF. So einfach ist das. Aber daran sind wir dann nicht unbeteiligt. So viel Wahrheit muss sein!

Achtung Ausweg

Das Wichtigste ist jetzt, nicht in Saft zu gehen, denn sonst verstärken wir die Negativität, schüren weiter Angst und Wut. In uns und außerhalb. Trotz und im Angesicht emotionaler Manipulationstechniken gilt es, einen kühlen Kopf, ein offenes Herz und ein tatkräftiges Wesen zu behalten. Und dann? Dann gilt es, Das Richtigste zu tun, wozu wir in der Lage sind. Das kann ein direktes und souveränes „Nein, der Ansicht bin ich nicht“ sein. Das kann Nachdenken und eine innere Auseinandersetzung sein. Das kann der Versuch sein, durch Nachfragen, was jemandem persönlich nahe geht, eine Verbindung herzustellen, um herauszufinden, welches Bedürfnis Der Andere eigentlich wirklich hat. Aber in the long run läuft alles auf eine größere Bewegung hinaus, geht über uns selbst hinaus. Es gilt, die Ängste und Frustrationen, die Aggression und fehlenden Zukunftsaussichten von so vielen in sinnvolle und konstruktive Tätigkeit für uns alle statt gegen andere zu kanalisieren. Der Kampf der Zukunft wird sich genau um die Frage drehen, wer mehr Menschen für seine Sache aktivieren kann. Für oder Gegen – das ist hier die Frage. Und seien wir uns einer Tatsache sicher: Unsere eigene Blase wird uns stets ihre Sicht der Dinge subtil und kaum wahrnehmbar vermitteln. Wer letztendlich hinter Den Meldungen des Tages steckt und was er damit bezweckt, dessen können wir uns wahrscheinlich nicht immer sicher sein. Nur wie wir selbst agieren und auf Andere reagieren liegt weitgehend in unserer eigenen Hand. Reich mir die Hand fürs Leben, flüstert der kleine Fisch in seiner Blubberblase. Und bringt mich zum Lächeln.

Surprising Salon Session No 5: Ein Gedicht, dieses Leben

Das Gedicht meines Lebens…

…hängt gleich hier bei mir, über meinem Schreibtisch. Dieser wunderbar von der Zeit zermürbte Zettel begleitet mich schon ziemlich genau mein halbes Leben lang. Er kam mit, wo auch immer ich war. Nun sieht er tatsächlich etwas mitgenommen aus. Das Gedicht hat schon einiges gesehen, es hat ein Eigenleben, eine Eigenfarbe. Es gibt mir Rat und Inspiration. Danke Peter Handke. Danke Natalie, Du Wunderbare, von der ich diesen Zettel anno dazumals in Hamburg in die Hand – nein: in mein Leben gedrückt bekam.

Es ist für mich eine Art Lebensratgeber. Mutspender. Aufrichter. Weg-Weiser. Es streicht das Wirklich Wichtige hervor, ohne das Wunderbar Unwichtige auszulassen. Es erinnert mich daran, dass das Leben ist, was wir daraus machen. Noch so ein Spruch, der in meiner Wohnung herumhängt. Eine Postkarte aus meiner Lieblingsbar. Öfter mal schreibe ich mir Briefe an mein zukünftiges, potenzielles Ich auf eine solche Postkarte. Nach dem einen oder anderen Bier. Da stehen dann Sachen drauf wie „Hold the One and Only Space“ oder so. Dinge, die wahrscheinlich (fast) nur ich verstehe. Aber…

Wer versteht einen schon wirklich?

Seien wir uns mal ehrlich. Wir glauben, einander zuzuhören, einander nachvollziehen zu können. Aber niemand steckt in unserer Haut, hat erlebt, was wir erlebt haben, sieht die Welt, so wie wir selbst. Daher ist es ja so wichtig, in seinen Eigenfarben zu erstrahlen, wie Handke so schön schreibt. Erst wenn wir uns zeigen, das Einzigartige sichtbar machen, uns so ausdrücken, dass wir uns nicht anpassen, um zu gefallen, sondern verfassen, was uns gefällt, werden wir greifbar. Angreifbar. Natürlich auch kritisierbar. Sich zu zeigen kann dazu führen, dass wir uns noch unverstandener fühlen als je zuvor. Der Kitt der Konvention zerbröselt. Die Schutzschicht des Selbstverständlichen blättert ab. Die nackte Soheit übernimmt das Ruder. So ohne Panzer kann das Leben dann auch hart und kalt sein. Wollen wir nicht alle irgendwie irgendwo dazu gehören?

Nein.

Wir wollen nicht irgendwie oder irgendwo hin gehören. Wir wollen Menschen um uns, die uns so sehen, wie wir sind und so nehmen, wie wir uns geben und so verstehen, wie wir es tatsächlich meinen. So gut, so wahr. Aber wo sind solche Menschen? Gibt es sie überhaupt?

Ja.

Warum? Weil ich es weiß. Sie sind überall. Aber sie zeigen sich erst, wenn wir uns zeigen. Sie nehmen uns erst wahr, wenn wir uns offenbaren. Eben auch auf die Gefahr hin, enttäuscht, verraten und verkauft zu werden. No risk, no joy. Besser noch: No openness, no connectedness. Aber reicht es, von anderen wirklich nur wahrgenommen zu werden?

Ja und Nein.

Denn noch viel schwieriger ist es, andere zu sehen, wie sie sind – und sein zu lassen, wer sie sind. Ohne einzugreifen, zu kommentieren, besserzuwissen, zu regulieren. Ohne zu bewerten und sich einzumischen. Verbundenheit entsteht weniger durch die Diskussion um das Eine oder Andere. Sie entsteht vielmehr im Zwischenraum des Sprachlosen. Im Augenblick, der nicht verrinnt. Im Raum der höchst aufmerksamen und zugleich absichtslosen Gedankenfreiheit. Im Zustand der Weite und der Druckfreiheit. Dort und dann, wo und wann wir nichts mehr wollen. Nicht für uns, nicht für andere.

Echt jetzt?

Echt. Jetzt.

Surprising Salon Session No 4: WOHL & WOLLEN

Die Oma im Schafspelz

Da liegt ein Schaffell in meinem großen Zimmer und wohl-wollt so vor sich hin.

Meine Oma weich-wärmte frühmorgens ihr Wesen darauf an, was ihr ein strahlendes Lächeln bescherte. Jeden Tag am frühen Morgen, als sie aus ihrem Schrankbett im „Kabinett“ aufstand, war es soweit: Die Luft war ausgekühlt in ihrer winzigen Wohnung, die zumeist nur von einem kleinen Kohlenofen beheizt wurde. Sie streckte die Füße über den Bettrand herunter. Und dann kam dieser kostbare Moment, als sie eben noch nicht den harten kalten Boden der Realität berührte. Der Moment, in dem sie ihre Seele an der Weichheit des Fells erwärmte. Über ihre neugierig in das Fell vorfühlenden Fusssohlen übertrug sich ein immenses Wohlgefühl auf ihren ganzen Körper. Es landete über einen ausgiebigen Zwischenstopp in ihrem Herzen, der mit einem zufriedenen Seufzer quittiert wurde, sodann in ihrem liebevoll-lustigen Gesicht. Worauf sie einen weiteren Tag mit ihrem unvergleichlich sonnigen Lächeln begrüßen konnte. Dem Schaf sein Dank.

Die gute alte Zeit?

Kleine Dinge wie dieses Schaffell hatten mal große Bedeutung. Bevor der Konsumwahn unsere Sensorien für das bereits Existierende abstumpfen ließ. Bevor das „immer mehr, immer intensiver, immer neu(er)“ das „es ist einfach wunderbar, so wie es ist“ verdrängte. Nicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Um beim Beispiel meiner Oma zu bleiben: Sie hatte bereits so viel Gräuel im Leben gesehen, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als das Schöne und Weiche in und um sich zu erspüren, denn Zerbrechen war keine Option. Das Leben was zu kostbar. Dieses tief empfundene Wissen brachte sie dazu, aus einem weit offenen Herz heraus zu strahlen. Sie wirkte auf ihre eigene Art höchst eindringlich. Ihr ganzes Wesen sprach: Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen, seelenlosen, herzlosen Dingen zu verschwenden. Das Schaffell erinnert mich daran, dass auch Engel gern mal ihre Seele wärmen.

Weicher als Wolle(n)

Weich ist es, das Fell – und eigentlich ganz klein. Vielleicht von einem Lamm? Wurde es verspeist, damals, vor erahnten Ewigkeiten? Nur seine Weichheit ist geblieben. Ganz anders, als wenn es verarbeitet worden wäre, zu Wolle etwa. Warum ist ein ganzes Schaffell weicher als Schafwolle? Kann es daran liegen, dass in der Wolle, im aktiven Akt der Umwandlung des lebendigen Einen in ein nutzbares Anderes die reine Intention zur „Ver-Wert-ung“ zu fühlbarer Härte, zu Steifheit führt? Zugegeben, das scheint weich, äh: weit hergeholt. Dennoch steht fest: Das Fell ist unvergleichlich weich, und wärmt auch noch ohne dem Schaf darin. Es liegt und lockt hier in meinem Salon so vor sich und mich hin. Meine Augen berühren es, wenn ich am Computer sitzend nach links vorne blicke und unbewusst nach Inspiration suche. Oder nach Halt. Es strahlt selbst auf diese Distanz seine unvergleichliche Wärme aus, fast wie ein Kamin. „Weich und warm“ gehören zum gefühlten Anblick eines Schafspelzes schlicht dazu. Nur wo sich das Wollen unter der verführerischen Weichheit tarnt, da ist der Wolf nicht weit…

Weh und Wo(h)l(f)

Wohl-Wollen muss man zwar schon auch wollen. Aber nicht aus einem Zielbewusstsein heraus, nicht als Aufgabe, nicht als Mittel zum Zweck. Das wäre dann der Wolf im Schafspelz: egoistisch am eigenen Vorteil interessiert. Das Wohl der anderen vorschiebend, um das eigene Wollen zu rechtfertigen. „Es geschieht ja nur zu ihrem Besten!“ lautet so ein Satz wohl-wollender Machtbesessener. Mir fallen da etwa jene harten, herrischen Damen ein, die in karitativen Einrichtungen die Stimmung aller Frei-Willigen ordentlich mit Missmut, Aggression und Rechthaberei vermiesen. Oder jene selbstsüchtigen Herren in gewissen Schlüsselpositionen, die sich ihre „Hilfsbereitschaft“ in Form von Genehmigungen, Empfehlungen an den „richtigen“ Stellen, wesentlichen Informationen, Vor-Reihungen etc. ordentlich „bar auf die Kralle“ oder á la „eine Hand wäscht die andere“ vergüten lassen. Bei diesen Menschen wiegt das Wollen schwerer als das Wohl. Und die Weichheit weicht der Härte.

Wohltuendes Wollen

Echtes, wohliges Wohlwollen kommt aus der unendlichen Tiefe eines weit offenen Herzens. Das Herz öffnet sich aber erst dann mutig und letztendlich, wenn es nach vielen Erlebnissen, positiven wie negativen, mit einem Mal grenzenlos wird, weil es offen gelassen bleibt. Es spürt dann alles mit. Innen und Außen fliessen in einander, ganz ohne Sollen und Wollen. Diese Fähigkeit zu erlangen und mit ihr umzugehen bedarf zum einen der Erfahrung und zum anderen einer Entscheidung: Statt einen Schutzzaun aus Stacheldraht um das Verletzlichste in sich zu ziehen, erwächst wesen-tliche Verbundenheit auf dem weichen Boden der verinnerlichten Einsicht: Erst Mit-Gefühl wärmt die Seele. Die eigene und die anderer. Das zu lernen, braucht manchmal eine gehörige Portion an leidvoller Erfahrung.

So hat der Krieg das Herz meines Großvaters schwer getroffen. Manche haben in dieser Zeit ihr Herz ganz dem Schrecken geopfert. Andere haben überlebt, innerlich wie äußerlich. Sie leben Dankbarkeit und Freude, inneren Frieden und eben auch Mit-Gefühl. Ohne letzteres wäre wohl nur Vergessen möglich. Das Große, weil weit offene Herz vermag zu verzeihen, selbst wenn – nein, gerade weil es keinen Grund dazu hat. Denn das Herz selbst ist grund-los, seine Tiefe unergründlich, sein Raum unermesslich. Mit-Gefühl entspringt nicht nur dem Verständnis über die Wirren und Winkel des Menschlichen, Allzumenschlichen. Es entspringt auch dem Unwillen, sich zu verschließen. Und dem Wissen, dass man sich im Verschliessen vor der Welt auf einen harten Kern beschränken, sich selbst verkleinern, seine Möglichkeiten schrumpfen lassen würde. Mit-Gefühl erwächst schlussendlich auch aus dem Unvermögen wegzusehen, weil das Weg-Fühlen nicht (mehr) geht.

Wohl-Wollen ohne Ende?

Aber immer mitfühlend, unablässig Sorge für andere tragend, ständig für andere da seiend zu sein – das ist ein schwere Übung. Sind wir müde, haben uns einen Tag (oder viele Tage) lang um die Bürden und Nöte anderer gekümmert, sie aufgemuntert oder ihnen geholfen, sich selbst wieder zu finden, so können wir an einen Punkt kommen, an dem aus dem fruchtbaren Boden des Mitgefühls in uns die Erde mangels Aufmerksamkeit auf uns selbst schon mal kalt und hart wird. Wenn es zu viel war, wir ausgebrannt sind, echte Ruhe brauchen, dann scheint das un-eingeschränkte Mitgefühl zusätzlich unseren Energiehaushalt abzusaugen. Bodenlose Trauer, Depression, Ohnmacht oder Wut, Ablenkungen, fanatisches Abgrenzen, Schuldzuweisen oder Süchte können die Folgen sein. Spätestens dann wird es Zeit, die Füße auf ein warmes, weiches Schaffell zu stellen und zu lächeln.

Danke an all die Schafe dieser Welt…

…und an all die unzähligen liebevollen Wesen, die mit ihrer Wärme dafür sorgen, dass wir in lichten wie in schlechten Zeiten unsere Herzen öffnen können. Auf dass wir durch ihre Weichheit unser Wollen loslassen und wohlig in uns ankommen.

 

 

Surprising Salon Session No 3: WENN DER STEIN VOM HERZEN FÄLLT

Wie schwer wiegt die Liebe?

Da liegt ein großes, schweres Trumm aus Stein in meinem Heim. Es schallt im Stillen lauthals vor sich hin: Die Große Liebe! Es gibt sie! So sicher wie die Unverwüstlichkeit, die Unsterblichkeit, die Leblosigkeit selbst – eben wie: das Ewige am Stein. Das Herz aus Stein ist ziemlich groß, nicht zu übersehen, nicht leicht zu tragen. Nimmt man ihn auf, so zieht er einen runter.

Was sagt uns das?

Die Große Liebe

Ja, es gibt sie. Doch sie sie zu finden ist nicht leicht, sagt schon das Märchen und lehrt das Leben. Obwohl es das doch eigentlich sein sollte, seien wir uns mal ehrlich: Wie schön wäre ein Leben in liebevoller Verbundenheit, wo jeder Mensch glücklich mit anderen verbunden ist. Garten Eden, oder? Die Schwierigkeit, also das Schwere daran ist, dass die Große Liebe für jeden von uns gravierend anders aussieht. Die unüberbrückbare Unterschiedlichkeit unserer Vorstellungen zieht uns im Alltag des Erlebens runter. Wir wissen, dass es, das Große Lieben, möglich ist. Aber irgendwie will‘s nie so richtig passen. Ja sind denn alle rund um uns ver-rückt? Oder gar aus Stein? Nein!

Wonach wir suchen, und warum wir nicht finden

Die einen haben Idealvorstellungen und finden daher – völlig folgerichtig – die  Große Liebe nur in jemandem Unerreichbaren, Perfekten, Erträumten. Das ist ein Mensch (?), der den Traum durch seine lebendige Präsenz nicht zerstört. Indem er/sie nicht wirklich Da ist, kann er/sie ewig und drei Tage König, Königin unseres Luftschlosses bleiben. Mit einer solchen schönen Vorstellung lebend kann man ungestört von jeglicher öden Realität und vom lähmenden Alltag gem-einsam alt werden. Das Subjekt der Begierde braucht nicht einmal von seiner „Auserkohrenheit“ zu wissen. Praktisch eigentlich. Nur ein bisschen einseitig vielleicht ab und an…

Für die anderen ist die Große Liebe ein Mensch auf der gleichen Wellenlänge. Er/sie hat die gleichen Wertvorstellungen oder ähnliche Probleme oder gleiche Interessen. Solange sich nichts an dieser gleichen Ausrichtung und an den ähnlichen Prioritäten im Leben verändert, kann so eine Beziehung ein Leben lang halten. Dass sich aber tatsächlich in einer Lebensspanne nichts ändert, ist höchst unwahrscheinlich. Schweren Herzens schlägt das Erkennen der tiefen Kluft zwischen gewohnheitsmäßiger Erwartung eines ewigen „Wir“ und alltäglicher Einsamkeit der „jeder tut, was ansteht“ irgendwann mit aller Macht zu. Wir ist eine Illusion, sobald der Bezug zum Ich verloren geht und die beiden Dus einander nicht mehr begegnen.

Dritte wiederum ergänzen einander in ihren Bedürfnissen und Mustern. So ist einer vielleicht bestimmend, der andere lässt sich bestimmen. Auch das kann sehr befriedigend sein und lange Zeit einen großen Reiz ausüben. Man passt zusammen, wie zwei Hälften ein Ganzes ergeben. Bis andere Bedürfnisse auftauchen oder die Persönlichkeiten sich wo anders hin entwickeln…

Der Stein, der auf dem Herzen liegt

Der Stein lebt ewig, er harrt so vor sich hin. Er ist. Auch wir sind. Und wir warten. Wir leben in Erwartung. Er-warten vielleicht die Liebe auf den ersten Blick, ein Gefühl, als würde, „der Blitz einschlagen“. Oder auf den Einen Seelenverwandten „da draussen“, auf jemanden mit dem wir in alle Ewigkeit untrennbar tief verbunden sind. Andere warten darauf, zu Zweit endlich Eins zu sein. Aber ganz egal, welche Vorstellung jemand von der Große Liebe hat: Sie ist jedenfalls exklusiv, geschieht nur selten und wenn man sie gefunden hat, dann ist die Suche vorbei. Dann sind wir angekommen und es beginnt der „Ernst des Lebens“…

Irgendwie nicht sehr verlockend, oder? Was ist, wenn das Suchen mehr Spaß macht, als das Finden? Was ist, wenn das Gefundene nicht Das Richtige war? Was ist, wenn das Warten mehr ewige Wahrheit verspricht als das…ja was ist eigentlich das Gegenteil von Warten? Das Tun? Das Sein? Das Werden? Klingt dann doch irgendwie anstrengend. Warten und Tee trinken, träumen und sehnsüchteln. Hach, ungetrübte Freuden des Lebens. Sie können nicht enttäuscht werden. Nur mit der Einsamkeit gilt es ab und an noch umzugehen. Wem es gelingt, dem fällt ein Stein vom Herzen. Oder?

Wahre Liebe

Wenn der Stein, der hier in meinem Salon mit seinen Assoziationswelten so gemein schwer vor sich hin wiegt, seine zeitlose Wahrheit spricht, so flüstert er hinein ins Unbewusste: Liebe. Ja! Groß. Gerne! Aber Vorsicht: Harte Schale. Das Herz gibt’s nur als Form. Der Inhalt? Ist aus Stein.

So ist das mit der Großen Liebe, der Vorstellung und der Erwartung. Schöne Form, lebloser Inhalt. Es wird Zeit für eine neue Deutung der Großen Liebe. Zeit, die Zeichen lebhafter, lebbarer zu deuten. Nicht herzlos, schwer und belastend soll die Liebe sein. Vielmehr herzlich, lebendig und leicht – das ist es doch, worum es geht. Es gilt, die Liebe aus ihrem engen, unbeweglichen Korsett unserer Hoffnungen und Ängste heraus zu entlassen. Damit sie echt, wahr, wirklich werden kann. Damit wir sie atmen können wie Luft, anstatt sie in eine Form zu pressen, sie in Stein zu meisseln.Es wird Zeit für die Wahre Liebe.

Der Funke Wahrheit

Das Zeichen der Wahren Liebe ist nicht das Miteinander-Funktionieren oder das gegenseitige Erwartungen-Erfüllen und auch nicht das gemeinsam Bedürfnisse-Befriedigen. Sondern, dass Es Funkt. So ein Funke fährt uns durch und durch, aktiviert unseren Körper, berührt unser Herz, inspiriert unseren Geist. Entweder nur auf einer dieser Ebenen (Körper, Gefühl oder Geist). Oder der Funke bringt doch glatt unser gesamtes Wesen, also alle Ebenen zusammen zum Aufflackern und zum Lodern.

Das Schöne hierbei ist: Die Kunst des Funkenflugs kann gelernt werden. Bleiben Menschen sich selbst verbunden und in Bewegung (körperlich, emotional und geistig), so können sie das Feuer zwischen einander auch immer wieder entzünden, über die Zeit hinweg. Und noch eine frohe Botschaft: Auf diese Weise müssen und können wir nicht nur Den Einen Menschen lieben. Selbst im Angesicht von Treuegelöbnissen und anderen schwer wiegenden Gewissensfragen können wir die Funken auf Herzens- und  Geistesebene getrost weiter fliegen lassen. Wer sagt, dass die Liebe in unserem Herzen, wenn wir einander wirklich vertrauen, tief im Inneren berühren, uns zu Tränen bewegen oder freudvoll stimmen, nur auf einen Menschen beschränkt sein muss? Warum im Himmels Willen (wessen Wille das auch immer sein mag), soll die Liebe des Lebens nicht mit vielen lieben und des Liebens fähigen Menschen teilbar sein?  Da geht es nicht ums Körperliche. Sondern eben ums Herz und den Geist. Und wenn es geistig „funkt“, dann inspirieren, verstehen oder erweitern wir einander in unseren Horizonten. Warum sollte diese Form des Leichter L(i)ebens nur mit einer Person geschehen oder machbar sein? Wozu ist das Leben denn da, wenn nicht, um die Kunst der Liebe auf allen Ebenen zu lernen und zu leben?

Eben. Und schon fällt er, der Stein vom Herzen…