SUNNY SIDE STEP 9 – Living in the Meantime

Magnetismus der Zielverfehlung

Können Sie sich erinnern, als „Warten“ noch unangenehm war? Als man im Arztzimmer oder an der Supermarktkasse nicht wusste, wohin mit sich vor lauter innerer Unruhe, weil nichts weitergeht? Als man noch keine Möglichkeit hatte, die dringenden Emails, Nachrichten und Anrufe vor Ort und auf der Stelle per Smartphone abzuarbeiten? Als das Warten auf Züge und Flüge, Ärzte und Handwerker nervenzerreißend wirkte und zeitraubend schien, weil es uns im Erledigen unserer dringenden oder wichtigen Aufgaben aufzuhalten drohte?

Alles anders ist ganz normal

Was sich heute Alltag nennt, ist stattdessen zur Routine des nervtötend Unbekannten geworden. Nichts kommt mehr so wie erwartet, aber wir haben uns daran gewöhnt. Wir können damit umgehen, denn wir haben einen Trick gelernt: Wir lenken uns einfach und erfolglos ab. Auf jede Erwartungsenttäuschung folgt eine Belohnung, die nicht wirklich hilft. Um das Nichterfüllende daran nicht zu bemerken, vergraben wir uns noch tiefer im vermeintlichen Spaßfaktor der Ablenkung. Die Spannung des Lebens vegetiert heute in den Abgründen des Immergleichen Ewiganderen von den meisten unbemerkt vor sich hin. Dysfunktion und Desinformation waren vielleicht gestern en vogue. Ent-Fokussierung ist die Wahldroge der Zeit.

Kein Ziel rechtfertigt dieses Resultat

Zugegeben: Weder in der Planung noch im Abarbeiten von Aufgaben (von Aufstehen, Zähneputzen, Putzen im Allgemeinen über die Schulpflicht bis hin zur Arbeitspflichten) liegt heutzutage noch Zufriedenheit. Das Spannende verströmt gerade jener Hauch von Seltsamkeit, der Routinetätigkeiten diese Tage durchdringt: Jegliches Abarbeiten geht mit dieser „je-ne-sais-quoi“-Unruhe des „Falschseins“, des „am Leben -Vorbeilebens“ einher. Nichts, was „einfach nur erledigt“ gehört, hat mehr einen Wert. Das Hakerl, das hinter der inneren oder äußeren To-Do-Liste gesetzt wird, bringt keine Erfüllung (mehr) mit sich.

Ich erinnere mich, dass dies einst anders war. Ein guter Tag, war ein leerer Tag, also ein Tag, der sich durch eigene Aktivität geleert hatte. So ein Tag erfüllte mich einst mit innerer Zufriedenheit. Ein Tag, an dem man alles erledigt hatte, was man sich vorgenommen hatte, war genug. Gab Anlass zur inneren Ruhe. Diese Tage gibt es nicht mehr, schon lange nicht mehr. Es ist nicht mehr genug, es ist nie genug.

Warum wir niemals ankommen

Wer zu sich kommt, wer zu sich findet, erkennt, dass routinemäßige Arbeiten im Allgemeinen und Pflichten-Erledigen im Besonderen oft wenig mit der eigenen Sinnfrage zu tun haben. „Warum?“ ist daher die alles entscheidende Frage. Problematisch ist jedoch die Vielzahl an möglichen Antworten und die Beliebigkeit derselben. „42“ würde Douglas Adams als Antwort geben. Wer zu wissen glaubt „warum“ belügt sich entweder selbst oder ist sich der Fragilität der eigenen Arbeitshypothese bewusst. Denn es ist ja nie genug. Natürlich höhlt steter Tropfen nahezu jeden Stein. Aber der Stein ist unendlich groß.

Wer hingegen nicht weiß, „warum“ ist schlicht unzufrieden in seinem Alltag und beginnt im Anderswo zu leben. In der ewigen Ablenkung. Unsere Zeit fördert diese Entwicklung, sie schafft Mechanismen und Strukturen, die unsere Aufmerksamkeit aufsaugen wie der effizienteste Staubsauger aller Zeiten. Dieses Problem stellt allerdings weder die Digitalisierung, die Globalisierung noch die Konsumgesellschaft bereit. Die Quelle des Problems liegt viel, viel näher. Wir sind das Problem. Wir sind süchtig nach dem entweder-oder, nach Pflicht oder Ablenkung.

Wo also steckt sie, die Lösung?

Leben im Zwischenraum und in der Zwischenzeit

Dort, wo keine Bedürfnisse herrschen, keine Zwänge regieren, keine Anforderungen drängen, da spielt die Musik des Lebens. Dieser unendliche Freiraum, der in der Zwischenzeit existiert, wäre eigentlich stets vorhanden und zugänglich. Wir verstellen uns nur permanent die Tür dorthin. Nein, noch wahrer: Wir sind die Tür dorthin, geben aber anderen und den Umständen die Schlüssel in die Hand. Wir reden uns erfolgreich aus, die Tür zum Himmel auf Erden zu sein.

Und nein, es geht dabei nicht um „Freizeit“, welch perverses Konzept. Das Leben will als Ganzes gelebt und nicht gespalten in unzureichende Teile werden. Der Freiraum und die Zwischenzeit harren hinter allen Aufgaben und Ablenkungen unserer Aufmerksamkeit, bereit zu spielen.

Die Macht der Umwege

Wir können also nicht anders, als an der Härte der Realität so lange zu scheitern, bis wir zur Einsicht ihrer inneren Bedingtheit gelangen. Diese Erkenntnis markiert das Ende des Irrweges. Wir irren solange, bis wir nichts mehr erledigen wollen und uns nicht mehr ablenken müssen.

Auf dem Weg dorthin, tief im abhängigen Herumirren, hilft uns jeder dem Geist des Erledigens oder der Lust auf Ablenkungen zutiefst verhasste Umweg. Denn die eigenartige Anziehungskraft des Abwegigen sorgt dafür, dass wir über unsere Planungen und Vorannahmen, Hoffnungen und Befürchtungen stolpern. Wir fallen aus unseren Routinen der Ablenkung vom Unvorhergesehenen und landen.

Im unendlichen Zwischenraum der Freude, im ewigen Frieden der Übergangszeit

Sunny Side Step 3: Mehr Mensch – Mehr Leben

Das Wunder Menschlichkeit

Jeder von uns hat eine persönliche Sammlung an Erlebnissen, die uns unter die Haut gehen. Im besten aller Sinne. Erlebnisse, in denen Menschen uns unvermutet gut getan oder uns nahe gekommen sind – oder in denen wir anderen tiefe Verbundenheit vermittelt haben. Solche Augenblicke der Menschlichkeit haben etwas gemeinsam: es geht in ihnen nicht um konventionelle Höflichkeit, nicht um professionelle Dienstleitung, nicht um reine Verhaltensgewohnheit, nicht um Charity und sie sind auch nicht auf den Familien- und Freundeskreis beschränkt. Wundervolle menschliche Begegnungen holen uns aus dem Alltag, aus jeder Mühsal und aus unserem Fokus auf das zu-Erledigende heraus und reconnecten uns mit uns selbst, mit anderen, mit Unbekannten und Unbekanntem.

Menschlichkeit verbindet

Menschlichkeit vereint uns in der Tat, egal wie unterschiedlich wir sind. Wir erkennen gelebte Menschlichkeit an einer gewissen Präsenz, am Da Sein, am wachen Aufmerksamsein, an der Wertschätzung, an der respektvollen und einfühlsamen Begegnung auf gleicher Ebene, an dem Nichts-dafür-Wollen, also an der Erwartungslosigkeit, an der Selbstlosigkeit, an einer unverkrampften Selbstverständlichkeit, am Einssein mit dem, was gerade ist, und natürlich am wirksamen Tun – auch wenn es bedeutet, nichts zu tun, jemandem vielleicht nur in die Augen zu sehen, zuzuhören oder eine Hand hin zu halten.

Momente der Menschlichkeit machen das Leben erst lebenswert

Aber reife Menschen und mitmenschliches Verhalten sind leider keine Selbstverständlichkeit. Oft wird beklagt, dass es früher viel besser war, dass sich früher die Menschen noch zu verhalten wussten. Menschlichkeit darf aber m.E. nicht mit dem „richtigen“ Verhalten, mit rein äußerlicher, erlernter Höflichkeit und Angepaßtsein verwechselt werden. Die heutige Welt verlangt weit mehr. Die wechselhaften Lebensumstände und die vielen Möglichkeiten, sich in verschiedenen Umwelten aufzuhalten, verlangen von jedem Menschen sein persönliches Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Umwelt zu entwickeln. Und zwar immer wieder neu. Wir alle brauchen ein tief empfundenes, für uns selbst wahres, eigenes Verständnis von etwa Respekt und Gleichbehandlung. Konventionen sind aus dieser Sicht quasi der Vorläufer des friedlichen Miteinanders. Menschlichkeit ist lebendiger als die Konvention, flexibler und stabiler zugleich: Es ist die bewusste Form und Fähigkeit, auch in den schwierigsten Umständen bei sich zu bleiben und eine Verbindung zu anderen herzustellen. Wer sich auf sich verlassen kann, weil er sich gut kennt, kann sich auch ein Stück weit verlassen, um sich dann auf andere tatsächlich einlassen zu können – und zwar ohne stets nur seine Sichtweisen und die eigene Geschichte überall zu sehen und auf jeden drüberzulegen, also ohne seine ungelösten Fragen und Themen auf alle anderen zu projizieren, um sie im Bestenfall im Diskurs erst zu erkennen.

Gelebte Menschlichkeit könnte das Ende von Kulturkämpfen bedeuten…

…und den Anfang einer Weltgesellschaft. Weil sich in jeder Verschiedenartigkeit das Menschliche finden lässt. So weit möchte ich gerne denken und so eine Entwicklung möchte ich gerne fördern. Als Herausgeberin dieser beiden Bücher habe ich ein Ziel vor Augen: Eine gelingende Gesellschaft, bestehend aus reifen Menschen. Die Reifung des Menschen geschieht ja sowieso im Umgang mit seinen Mitmenschen. Vorbilder, Regulative, Spiegel – wir können alles Mögliche für unsere Mitmenschen sein. Aber eines steht fest: wir lernen voneinander und miteinander, in der Begegnung, im Tun und Sein. Das ist vielleicht sogar die effektivste Art zu lernen. Unser Umfeld prägt uns und wir prägen es.  In dem Moment, wo ein Mensch die Verantwortung für den Umgang mit sich selbst und anderen übernimmt, kann es losgehen. Jeder kann mithelfen, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen miteinander reifen können.

Um ein gesundes Umfeld zu gestalten, brauchen wir heute keine blutige Revolution, wie es früher zur Zeit der Aufklärung vielleicht notwendig war. Vielmehr brauchen wir eine sanfte aber beständige Evolution der Menschlichkeit, um in einer rundum lebenswerten Welt anzukommen

Die Evolution der Menschlichkeit

Genau vor 2 Jahren, im März 2017, kam „Die Evolution der Menschlichkeit“, ebenfalls im Braumüller Verlag und unter dem Schirm des DRI – Human and Global Development Research Institute, heraus. Es ist ein grundlegendes Werk, in dem sich 20 WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen mit der Entwicklung von Mensch und Gesellschaft hin zu mehr (Mit-)Menschlichkeit auseinandersetzen. Im Nachwort kündigten wir eine vertiefende und vor allem praxisorientierte Fortsetzung an. Und nun ist es soweit: „Die Bildung der Menschlichkeit“ lehrt ein Leben der emotionalen Intelligenz, der sozialen Kompetenz, der Selbstverantwortung, der Reflexionsfähigkeit, des Handlungsspielraums im Angesicht des Unerwarteten und auch Unangenehmen – eben der menschlichen Reife. Wir brauchen heute ganz bestimmte Kompetenzen, um mit den ständigen Unterbrechungen und unplanbaren Veränderungen anders umzugehen, als gestresst zu sein und in die Abwehr, die Ignoranz oder den Kampf zu kippen.

Auch unsere Lebenswelt, das gemeinsame Europa, braucht reife Menschen 

Wir brauchen europäische BürgerInnen, deren Identitätsverständnis und Verantwortungsbewusstsein über die althergebrachten und gewohnten Grenzen hinausgewachsen ist. Und nicht nur im Sinne Europas, auch im Sinne der hoffentlich werdenden Weltgesellschaft meine ich: Wir alle wollen gesehen und behandelt werden als der Mensch, der wir tatsächlich sind. Wir wollen nicht mit unserer Schale, dem Äußeren verwechselt werden. Wir wollen nicht als Klischee eines Geschlechts oder Alters, als Stereotyp einer Hautfarbe oder Berufes, mit den Vorurteilen eines Herkunftslandes, einer Sprache oder an Hand von Kleidung oder Besitz beurteilt und behandelt werden. Nicht die Vorstellung von jemandem zählt, sondern der Mensch hinter aller Äußerlichkeit. Jemanden aber überhaupt so sehen zu können, durch die Äußerlichkeit aber auch durch die eigenen inneren vorgefertigten Schablonen hindurchsehen zu können, braucht menschliche Reife. Eine reife Gesellschaft, die friedlich in aller Vielfalt leben und miteinander wachsen möchte, braucht reife Menschen, die allzeit bereit und dazu in der Lage sind, zu sich zu finden und über ihre Vorannahmen hinauszuwachsen.

Was brauchen wir also, um diese Entwicklung anzustossen und zu fördern

Einen breit angelegten Reifungsprozess mit Hilfe ganz bestimmter menschlicher Kompetenzen, die man lernen kann und lehren sollte – und zwar geht das vom Mutterleib bis zum Sterbebett. Es ist nie zu früh und nie zu spät für mehr Menschlichkeit. Mit unserem Buch liefern wir daher Lern- und Lehrinhalte für alle Altersstufen und viele Lebenslagen – für sich selbst und für andere. Wie beim ersten Buch haben sich wieder gut 20 AutorInnen zusammengefunden um in „Die Bildung der Menschlichkeit“ Auszüge ihres großen Erfahrungsschatzes und ihrer besten Übungen und zur Verfügung stellen. Ob der Fülle des Materials und mit Blick auf die Ausrichtung an allen Lebensphasen, sind es letztlich zwei wunderschöne Teile geworden:

Teil I, „Die Bildung der Menschlichkeit für junge Menschen“…

…beleuchtet das Menschwerden von der Kindheit über die Jugendzeit bis zum beginnenden Erwachsenenalter, kurz gesagt von ca. 3-18 Jahren. Die Beiträge bieten praktisches Material für den Kindergarten und die Schulzeit und richten sich besonders an PädagogInnen und Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen der Elementar-, Primar- und Sekundarstufe arbeiten – und natürlich auch an Eltern. Die Lehrmaterialien können direkt im pädagogischen Umfeld angewandt werden. Die AutorInnen sind selbst erfahrene PädagogInnen und ExpertInnen und stellen best practise Beispiele, wirksame Übungen und bewährte Methoden zur Verfügung.

Teil IIDie Bildung der Menschlichkeit für Erwachsene“…

…befasst sich mit dem Menschsein im Erwachsenenalter. Die Beiträge liefern praktisches Material zur Bildung von (Mit)Menschlichkeit im Bereich humanitäres Engagement und Freiwilligenarbeit, in der Eltern- und Erwachsenenbildung, im Medienkontext, für den Umgang mit sich und anderen im Arbeitsleben, für effektives Selbstcoaching in kritischen Lebensphasen bis zum Umgang mit dem Sterben und mit Sterbenden. Auch hier bieten renommierte ExpertInnen und PraktikerInnen ein „Best of“ ihrer bewährtesten Methoden, Einsichten in die Essenz ihrer Lebens- und Arbeitserfahrung und natürlich eine Vielzahl praktischer und spannender Übungen. Letztere eröffnen effiziente Wege zum Selbststudium, für den Umgang mit sich und anderen in heiklen Lebensphasen, und im Trainings- und Bildungsbereich. Hierin legt der große Unterschied zu Teil I, der sich eher an PädagogInnen und Lehrende richtet. Teil II ist vollgepackt mit Material für jedermann und jede Frau, die mehr Menschlichkeit, eine bessere Verbundenheit zu sich, zu anderen und zur Umwelt erleben und leben will. Die Themen sind auch hier nach Lebensphasen geordnet und reichen von der vorgeburtlichen Phase über den menschlichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen im oft anstrengenden (Eltern-)Alltag, über mediale Verantwortung und die Bildung von interkultureller Kompetenz hin zur Achtsamkeit in der Arbeitswelt und zur Reifung des Selbst. Besonderes Augenmerk wird der Menschlichkeit an Hand der Herausforderungen ab der Lebensmitte, etwa mit dem Altern oder der Pensionierung, sowie am Lebensende gewidmet.

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen, beim Leben und beim Schenken :-)!

Und hier geht’s direkt zum Kuppitsch (mit versandkostenfreier Lieferung): https://www.kuppitsch.at/list?quick=nana+walzer&cat=&sendsearch=suchen

 

SPECIAL SCREEN SCRIPT 16: Dompteur der Dominanz

Den Platzhirsch entthronen

Kennen Sie das? Sie kommen in eine Besprechung oder in ein Lokal und werden von oben bis unten abschätzig gemustert. Plötzlich bekommen Sie das Gefühl, abgewogen und bewertet zu werden – und zwar nicht zu Ihren Gunsten. Dominante Menschen geben durch ihre Körpersprache, ihre Haltung, ihren Gesichtsausdruck und ihren Blickkontakt zu verstehen, wer hier der Platzhirsch ist. Und das ist beileibe nicht angenehm. Aber das muss nicht sein! Die wesentliche Entscheidung, die wir dominanten Menschen gegenüber treffen müssen, ist zunächst die folgende: Spielen wir mit oder nicht? Also wollen wir beweisen, dass wir selbst stärker, klüger, schneller, besser – mit einem Wort: überlegen sind? Oder ist es vielleicht ratsamer, solche Menschen ganz zu ignorieren? Und gibt es noch eine dritte Möglichkeit? Um diese Entscheidung treffen zu können und sich entsprechend zu verhalten, macht es Sinn, sich zunächst über 3 Dinge klar zu werden:

  1. Die erste Reaktion: Was löst dominantes Verhalten in Ihnen aus?
  2. Der anschließende Automatismus: Welche Reaktionsweise sind Sie gewohnt?
  3. Die richtige Wahl: Wie verhalten Sie sich am besten?

Dominanz stresst

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, machen wir ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich nun vor, Sie gehen des Abends auf einer Straße, um eine Ecke und stehen plötzlich einem dominant wirkenden Menschen gegenüber. Sein starrer Blick ist direkt auf Sie gerichtet, die Augen leicht zusammengekniffen, die Mimik nicht freundlich – die ganze Haltung wirkt intensiv und irgendwie herausfordernd.  Was tut sich in Ihnen?

  1. Sind Sie gestresst, spannen sich Ihre Muskeln an, halten Sie den Blick?
  2. Oder wechseln Sie die Straßenseite, blicken Sie weg, gehen schneller?

Die eine Variante signalisiert Ihre Bereitschaft zum Kampf, die andere Ihre Bereitschaft zur Flucht. Beide Reaktionsweisen, also Kampf und Flucht, sind klassische Stressreaktionen. Denn genau das lösen dominante Menschen aus: Sie stressen uns schlichtweg. Wir reagieren sofort darauf, und zwar ohne es bewusst zu wollen und auf Basis unserer Gewohnheit. Je nach Persönlichkeit und Geschichte neigt jeder von uns eher zum Kampf oder zur Flucht. Mit diesen beiden Reaktionen sind wir aber im Geschäftsalltag, im Privatleben oder in der Disko höchstwahrscheinlich nicht glücklich. Wunderbarerweise gibt es noch eine dritte Möglichkeit auf dominante Menschen zu reagieren. Sie liegt darin, sich nicht stressen zu lassen.

Im entscheidenden Moment gelassen bleiben

Es kann einige Übung brauchen, sich in Gegenwart dominanter Menschen nicht bedroht, angegriffen oder runtergemacht zu fühlen. Atmen Sie in solchen Situationen zunächst tief aus, entspannen Sie Ihre Muskeln, richten Sie sich auf, öffnen Sie den Brustkorb leicht und blicken Sie den anderen direkt und neutral an, einfach interessiert und ohne zu starren. Spüren Sie, was sich in Ihnen tut, bleiben Sie bei sich, lächeln Sie vielleicht mal kurz und freundlich und sehen Sie was passiert. Auf diese Weise erhalten Sie die Chance, anders als bisher und adäquater zur tatsächlichen Situation zu reagieren. Lassen Sie sich von den ungeahnten Möglichkeiten überraschen und genießen Sie Ihre eigene Souveränität…

Den ORF-Beitrag zum Thema können Sie in der TV-Thek unter „Daheim in Österreich“ vom 25.06.2018 eine Woche lang nachsehen: https://tvthek.orf.at/profile/Daheim-in-Oesterreich/13887572/Daheim-in-Oesterreich/13980992/Kommunikationstipps-bei-dominanten-Menschen/14322892

Surprising Salon Session No 21: Es b(r)öckelt…

Ein Bock ist ein Bock ist ein Bock

Und mitunter geil. Wer triebgesteuert durchs Leben geht, der hat es aber mittlerweile zumindest nicht mehr ganz so einfach. Obwohl Frauen es diesbezüglich ja nie wirklich einfach hatten. Wollten sie „zu viel“, mit „zu vielen“ verschiedenen Partnern oder abseits der gesellschaftlichen Konventionen ihren Trieben frönen, so galten/gelten sie als (beliebiges weibliche Genitalien oder Sexarbeiterinnen betreffendes Schimpfwort einfügen). Sie wurden und werden in weiten Kreisen der Gesellschaft massiv abgewertet.

Männer hatten es diesbezüglich zumindest früher viel einfacher. Ein Klatsch auf den Kellnerinnen-Po, die Sekretärin am Schreibtisch nehmend und die aufstrebenden Karriere-Damen ihren Leistungswillen beweisen lassen – das war/ist offenbar, was viele Männer woll(t)en. (Mancher) Mann will sich einfach nehmen, was Mann „braucht“: Viel zu oft werden Autoritätsverhältnisse an Schulen missbraucht und Übergriffe zu Hause ignoriert. Viel zu lange, wahrscheinlich ein Männer-Menschengedenken lang, war Missachtung, Missbrauch und Misshandlung aller Art eine totgeschwiegene und damit geduldete Selbstverständlichkeit. Die klassischen Abwehr- und Rechtfertigungshaltungen sind seitens vieler Männer zumindest unbewusst das Patriarchat – also die scheinbare gott- oder natur- oder kulturgegebene Überlegenheit der Männer über die Frauen. Viele Frauen sind mit solchen Verhaltensmustern aufgewachsen und nehmen ihre unterlegene Rolle als gegebenen Umstand an – ein besonders heikler Punkt, wenn es um die „Die ist ja selber Schuld“-Argumentation geht.

Wobei einfach nur festzuhalten ist: Ein geiler Bock ist ein geiler Bock. Und wenn er seine Triebe ausleben will, müsste er sich nur an eine Regel halten. Erlaubt ist, was erlaubt wird (also im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen stattfindet), von beiden gewollt wird und beiden Spaß macht.

Sex und Macht

Wer Sex hat, fühlt sich danach meist besser. Wer gerne sexuelle Handlungen vollzieht, die verboten sind, erfährt einen besonderen Kick. Wer Grenzen überschreitet, beweist sich und anderen damit, etwas Besonderes zu sein. Sex und Selbstwert sind bei vielen Menschen untrennbar miteinander verbunden. Im positiven Fall entspannen sich die Muskeln, Stresshormone werden abgebaut und Bindungshormone ausgeschüttet. Im negativen, übergriffigen Fall, wird dem gegenüber Gewalt angetan – einer erhöht und befriedigt sich auf Kosten der/des anderen.

Wenn die Fassade b(r)öckelt

Machoismus war früher, im letzten Jahrhundert wohl tatsächlich en vogue. Er ist es nicht mehr. Andere Kulturen pflegen ihn noch, ältere Semester sind darin sozialisiert. „Wo die Männer die Chefs sind und die Frauen zuarbeiten, da ist die Welt noch in Ordnung“ – dieser Ansicht sind tatsächlich immer noch viele. Aber wenn durch Unterdrückung ein Vorteil entsteht, sei es psychisch (Selbstwertgefühl), emotional (Überlegenheitsgefühl), physisch (Druck abbauen), sowie wirtschaftlich (höheres Gehalt, Aufstieg auf der Karriereleiter, mehr Entscheidungsmacht), warum sollten sie damit aufhören? Weil es ihnen mehr Nutzen und höheres Ansehen bringen sollte, wenn sie damit aufhören würden.

Ins Bockshorn jagen

#MeToo hat bislang Verborgenes an die Öffentlichkeit gebracht und eine Menge Vorurteile an die Oberfläche geschwemmt. Positiv an einer breiten Auseinandersetzung sind das Bewusstmachen der immer noch weitest verbreiteten geil-bockigen Handlungsweisen und das Rausholen derselben aus der gesellschaftlichen Verdrängung, aus der Unsichtbarkeit und dem Toleranzrahmen. Zum einen können Frauen, die sich bisher vieles gefallen ließen, eine klare Grenze setzen und erhalten dafür auch gesellschaftlichen Rückenwind. Zum anderen müsste Männern langsam bewusst werden, dass übergriffiges Verhalten aller Grade nicht nur „nicht politisch korrekt“, sondern ein absolutes Tabu ist.

Es gilt, das Tabu des „nicht-darüber-Redens“ in ein Tabu des „nicht-Tuns“ zu verwandeln.

Es gilt, das Stillschweigen zu jeder Form des Eingriffs in die psychische, emotionale oder körperliche Intimsphäre eines anderen (und natürlich sind davon nicht nur Frauen betroffen, sondern auch Kinder oder Männer) auf beiden Seiten zu brechen. „Täter“ müssen sich bewusst sein, dass sie dies nicht nur „eigentlich nicht tun sollten, sondern absolut nicht tun dürfen. Ihre innere Hemmschwelle muss steigen, auch unter Alkoholeinfluss oder Arbeitsstress. Und potenzielle „Opfer“ müssen sich bewusst sein, dass sie ein Recht auf Abgrenzung haben, sich beileibe nichts gefallen lassen müssen.

Miteinander ins Neue Zeitalter

Für ein gutes Miteinander braucht es Menschen, Männer wie Frauen, der Neuzeit. Sie verhalten sich allen Menschen gegenüber respektvoll, haben ihre Triebe im Griff und setzen sich gegen übergriffiges Verhalten aller Art ein. Sie verhalten sich allen Menschen gegenüber selbstbewusst, lassen sich nicht zum Opfer machen und behandeln andere nicht als mehr oder weniger wertvoll als sich selbst. Sie setzen Grenzen und handeln vorbildhaft für Mitmenschen aller Generationen, leiten andere in ihrer Entwicklung an, verdienen und bekommen entsprechendes Ansehen.

Das kann doch nicht so schwer sein, oder?

 

Surprising Salon Session No 13: Raumzeit – Das Maß aller Dinge

Raum: Der reine Luxus

In meinem großen Zimmer ruht eine uralte Wasserwaage. Sie liegt einfach so vor sich und mich hin. Doch ich weiß nicht wirklich, was sie misst. Da sollte wohl ein Luftbläschen anzeigen, wo die totale Mitte, die absolute Gerade, das eigentliche Soll  zu finden ist. Tut es aber nicht. Zumindest nicht, solange ich nicht die Perspektive wechsle und das Ding selber in die Hand nehme. Aus diesem einen, ersten Blickwinkel eröffnet sich mir folgender Gedankengang: Das Maß aller geradlinigen Dinge – das Bläschen heißer oder kalter Luft – dürfte über die Zeit hinweg irgendwie abhandengekommen sein. Wie im echten Leben. Immer weniger scheint uns mit fortschreitender Zeit klar zu sein, worin das Optimum, die ideale Gerade, der perfekte Zustand zwischen zu viel links oder rechts, zu viel vom einen und zu wenig von anderem liegt. Die Antwort liegt nahe: im Hier. Doch wo ist „Hier“? Und wie viel Platz ist im „Hier“ verfügbar? Wer kaum Raum zur Verfügung hat, dessen Gefühl für die eigene Mitte wird stark gefordert. Sei es das Gedränge in einem asiatischen Markt, die Enge in der economy class auf einem Langstreckenflug, das Behindertwerden im Weiterkommen durch einen Stau beim Autofahren oder auch der fehlende Rückzugsraum in einer geteilten Wohnung. Aber nicht nur fehlender Raum zur Bewegung oder zum Ankommen bringt uns aus der eigenen Mitte. Auch ein Raum, dessen Lebensqualität beschränkt ist verhindert, dass wir aus dem vollen Ganzen unserer Kräfte und Möglichkeiten schöpfen.

Ich schreibe diese Zeilen in einer Business Lounge am Flughafen von Bangkok. Der reinste Luxus. Nach massivem Stau auf den verstopften Straßen, dichten Menschenmengen in ewig langen Schlangen, die einen durch behördliche Irrwege und technisch-logistische Umwege quälen, nach fehlenden Sitzgelegenheiten zum Ausrasten und unendlich langen Gehwegen zum Nirgendwo-Ankommen ist die Business Lounge eine Oase all dessen, was schön und gut zu sein scheint: Leise, entspannt, kühl, leer, mit weichen Sesseln und vollem Büffet, sauberen Toiletten und lächelndem Personal. Daran könnte man sich schon gewöhnen. Doch ist das auch real? Wieviel Raumlosigkeit muss man erlebt haben, um eine solche Raumfülle ohne schlechtes Gewissen genießen zu können? Wo doch so viele andere kaum einen echten Lebensraum haben, sich keinen hochqualitativen Eigenraum leisten können – und nicht mal temporär, quasi auf der Durchreise ihres Lebens, jemals in den Genuss von sorgsam geschütztem individuell verfügbarem Raum kommen. Eigenraum ähnelt insofern den luxuriösesten materiellen Ressourcen – beide scheinen an Geld gebunden zu sein. Natürlich gibt es da noch den öffentlichen Raum, die Parks und Gärten, die Berge und Seen, Wälder und Wiesen. Vorübergehend können wir dort ankommen, uns an der Natur ausrichten und in unsere Mitte finden. Aber irgendwann mal müssen wir wieder zurück. In den mehr oder weniger vorhandenen Eigenraum, in unser eigenes Leben…

Zeitlosigkeit: Die reine Freude

Viel einfacher ist es da schon, dem Luxus der Zeit zu frönen. Zeit hat jeder, gehört jedem. Dafür brauchen wir kein Geld. Im Gegensatz zum Raum hat jeder Zeit, der gar kein Geld hat. Und natürlich jeder, der über ganz viel Geld verfügt. Doch gerade diese Zeitbesitzer – und zwar auf beiden Seiten – wissen nicht immer etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzufangen. Viele verzweifeln richtiggehend an zu viel freier Zeit, an zu viel Eigenzeit, an einem übervollen Zeitbudget, das gerade nicht fremdbestimmt, vorbestimmt, verplant und eingeteilt ist. Diese Menschen zerbrechen mit der Zeit an sinnentleert erlebter Zeit (nicht nur in der Arbeit), oder aber an beziehungsloser Zeit (im Privatleben wie im Berufsumfeld). Zuviel Zeit in der Einöde des Eigenraums ist vielen Menschen ein Gräuel. Mir nicht. Ganz im Gegenteil. Das liegt aber daran, dass Zeit für mich ein nicht immer verfügbarer Luxus ist – wie für die allermeisten Menschen, die arbeiten, um zu leben. Als selbstständig erwerbstätiger Mensch habe ich einen gewissen Eigenraum und eine gewisse Eigenzeit zur Verfügung. Beide werden regelmäßig durch Verpflichtungen aller Art so eingeschränkt, dass ich die Zeiten ohne Aufgaben und den Raum ohne Menschen auch so richtig genießen kann. Wenn die Zeit fließt und ich mit ihr, dann ist das Leben ideal. Wenn der Raum wirkt und ich in ihm, dann bin ich nicht nur in meiner Mitte, sondern in der Mitte des Seins.

Zeitlosigkeit: Die reinste Qual

Andere hingegen haben schlicht gar keine Zeit. Das pure Überleben frisst sie auf. Für jene, die zugleich kaum eigenen Raum zu ihrer Verfügung haben, sollten soziale Programme greifen. Hier können die Mindestsicherung, Steuererleichterungen, Wohnprogramme, Arbeitnehmerschutz uvm zu mehr Zeit und Raum verhelfen. Für all jene aber, die sehr wohl über Raum aber kaum über Zeit verfügen, stellen sich andere Fragen: Wovor laufen sie weg, wenn sie sich im Eigenraum einigeln? Was versuchen sie zu erreichen oder zu beweisen, wenn sie ihr Zeitbudget ständig gnadenlos überziehen? Warum müssen und wollen sie ihren Lebensstandard mit ihrer Lebenszeit bezahlen? Und allen voran: Ist es das tatsächlich wert? Welchen Themen müssen wir uns stellen, sobald uns die Stille und die Leere eine Innenschau gewähren? Erst sobald gesehen und gefühlt wurde, warum das Laufen attraktiver als das Stehenbleiben wirkt, können sich neue Tore öffnen. Tore, die einen anderen Film laufen lassen. Unseren Film. Ein Film, in dem wir nicht nur Hauptdarsteller sind, sondern auch die Drehbuchautoren, Regisseure und Kameraführenden.

Möglichkeitsraum – Tatsächlichkeitszeit

Raum und Zeit nach eigenem Ermessen zur Verfügung zu haben – das sind die Luxusartikel unserer Tage. Raum zum Reisen, Zeit zum Schweigen. Raum zum Ruhen, Zeit zum Träumen. Raum zum Wirken, Zeit zum Reifen. Raum und Zeit, um Visionen zu entwickeln und zu realisieren.

Doch wer gibt uns diesen Raum, diese Zeit? Wieviel Geld brauchen wir für ein hochqualitatives Leben? Wieviel Ungerechtigkeit geht mit dem Vereinnahmen von Eigenraum und Eigenzeit einher? Mit anderen Worten: Wieviel soziale Verantwortung balanciert das Verweilen in der eigenen Mitte und das Auskosten der raumzeitlichen Möglichkeiten? Was kostet der Konsum von Raumzeit? Müssen dafür andere enger und schneller leben, haben sie weniger Möglichkeiten, wird ihr faktisches Leben tatsächlich beschränkter durch die Freiheit anderer? Wer trägt für die Zustände und Umstände dieser Welt, für die entgrenzten und die begrenzten Erlebniswelten in ihr eigentlich die Verantwortung?

Möglichkeit versus Geschwindigkeit

Die essenzielle Entscheidung zum Erleben von höchstmöglicher persönlicher Freiheit in Balance mit tragfähiger sozialer Verantwortung ist zweigestaltig. Die eine Hälfte betrifft das höchstpersönliche Erleben: Hier ist der Wunsch, die eigenen Grenzsetzungen zu erkennen  und neue Horizonte zu eröffnen ausschlaggebend. Die andere Hälfte betrifft die im persönlichen Einflussbereich befindliche Umwelt: Hier zählt der Wunsch, die inneren und äußeren Grenzen für andere zu verringern und ihnen ein Leben mit mehr Möglichkeiten als vorher zu eröffnen – in welcher Form auch immer. Es kann der Abbau geistiger, emotionaler oder physischer Limitationen sein, der mehr Raum für eine gesteigerte Erlebensqualität schafft. Etwa Bildungsmaßnahmen zur Persönlichkeitsentwicklung, die wiederum neue Türen im Inneren und Äußeren sichtbar machen. Natürlich kann auch das Verändern systemischer Strukturen dabei helfen, das Überlebensproblem besser lösen zu können. Den Möglichkeiten, die eigenen und die Begrenzungen anderer zu überschreiten bzw. aufzulösen sind keine Grenzen gesetzt. Auch keine zeitlichen. Es geht hierbei weniger darum, die Welt schnellstmöglich zu verbessern, als darum, die Perspektiven möglichst vieler Menschen, die zur Entgrenzung ihrer selbst und anderer bereit sind, zu verändern. Es geht also darum, einen sozialpolitischen Auftrag zu definieren – und zu erfüllen, nämlich Multiplikatoren der Entgrenzung zum Besten aller zu finden, wenn nötig auszubilden und bei der Verwirklichung zu unterstützen.

Lebensraum und Lebenszeit

Worum geht es in diesem Leben? Um Erfolg oder Erfüllung? Um minimale Leiderfahrung oder maximale Liebesempfindung? Um Wachstum oder Wirkung? Um Freiheit oder Verantwortung? Vielleicht um ein Leben ohne „oder“. Einmal Alles bitte. Und das für Alle. In Freiheit und Verantwortung für sich und andere, für Umwelt und Nachwelt.

Klingt aus dieser Perspektive doch gar nicht so unmöglich, oder?

 

Surprising Salon Session No 2: DIE TRUMPETE UND DER KNICK

Das Trumm des Tages

In meinem „Salon“ – dem großen Raum, in dem ich täglich schreibe und niemals schlafe, selten feiere und noch seltener fernsehe, meistens sitze und friere oder alternativ sitze und schwitze – da steht so allerlei herum. Wie auch dieses Trumm: Es tönt gar grässlich, wenn man darauf bläst. Daher hatte es meine Großmutter konsequenterweise auch einst aus dem Fenster geschmissen. Das war zu einer Zeit, als mein Vater noch ein des Trompetenspiels hartnäckigst unkundiger und zum lauten Getöse höchst williger Bub war.

Seither hat es, das Trumm, einen eleganten Knick im Rüssel, für den es sicher einen Fachbegriff gibt (für den Rüssel, nicht den Knick). Der Knick ist definitiv irgendwie cool. Wie eine wohlverdiente Narbe oder ein richtig böses Tattoo auf einer seidenzarten Pobacke. Er erinnert mich aus dem Augenwinkel – denn dort ist die Trompete platziert, schief stehend auf dem unbeachteten Flügel – ständig subtil daran, dass nichts im Leben wirklich glatt läuft. Mit einem Augenzwinkern sagt er, dass der Knick im Sein quasi mit eingebaut ist, serienmässig. Das Feature schlechthin, wenn man so will. Denn wer einen Knick hat, dem wird nicht fad. Und wer laut ist, der muss mit noch mehr Knicken rechnen. Der Lebensweg wird geradezu erst von Knicken ausgestaltet. Knicke werden Dingen und Menschen, Konzepten und Plänen, Erwartungen und Hoffnungen, Höhenflügen und Perfektionsvorstellungen immer wieder zugefügt. Knicke leiten hinein in die Realität, in den Tiefgang, ins Unglaubliche. Sie formen uns zu dem Menschen, der wir sind. Jeder Knick in unserer Optik bleibt erhalten – und sei es nur als Erinnerung. Ein Knick in der eigenen Optik, im Selbstbild und im Bild, das andere von uns haben, wird sukzessive eins mit dem Material, das uns ausmacht. Das muss uns nicht stören, das kann uns auch ehren.

Knickomat

Wir sind und wir werden immer wieder geknickt. Unser Blick fällt von ganz alleine auf die Knicke. In uns, um uns, bei anderen. Nicht das Gerade, Erwartbare fällt uns auf. Es ist das Außergewöhnliche, das uns unter Strom stellt, das die Alarmglocken zum Klingeln bringt. Es ist das nahende Ungeahnte, der nächste Knick im Lebenslauf, in der Gesundenakte, auf der Karriereleiter, im Beziehungsleben, der unsere Aufmerksamkeit magnetisch anzieht – weil er kommt. Und er kommt, weil er kommen muss. Der Fehlschlag ist der Große Bruder des Erfolges. Er lässt jeden Erfolg verblassen und damit zugleich über sich selbst hinaus wachsen. Wir überhöhen, was nicht (mehr) der Fall ist. Und wir konzentrieren uns auf das Unvollständige, das, was nicht sein soll. Meine Tante würde an dieser Stelle ihre Großtante und deren legendär einfache und zeitlos wahre Worten zitieren: „Immer is wos!“

Tröööt

Das Ding der Woche ist also ein(e) Trumm-Pete. Interessanterweise heißt mein Vater Peter. Er war einst also ein Trom-Peter. Aber zurück zum Eigentlichen. Der Knick und sein Grund. Der Grund war das Besonders Übel Laut Tönen, das Stören, das Unerträgliche Geräusch, das alle Aufmerksamkeit auf sich wie ein schwarzes Loch des So-Soll-Es-Nicht-Sein zog. Auch heute noch tönt es an allen Ecken und Enden unerträglich laut. In der Realität, im virtuellen Netz, in den Medien, in der Arbeit, in der Schule, zuhause beim Streiten. Menschen mit eigenen Meinungen haben die Macht, laut zu tönen. Aber sie nutzen diese Macht auffallend oft zum reinen Spaßhaben an der Lautstärke, zum puren Generieren von Aufmerksamkeit für sich anstatt zur Kommunikation hilfreicher Inhalte. Sie Trump-eten. Ja, auch der amerikanische Präsident stellt einen gewaltigen Knick in der Optik dar. Nicht nur der Optik Amerikas. Laut ist er, irgendwie verstörend. Aber aus dem Fenster werfen kann man ihn nicht. Er selbst hat wahrscheinlich auch den einen oder anderen Knick weg – oder vielleicht gerade nicht? Vielleicht ist er so ein lautes Trumpeltier, weil ihm noch niemand einen echten Knick verpasst hat, der ihn von der oberflächlichen Sucht nach Aufmerksamkeit in die Tiefe der Selbstbetrachtung geführt hätte? Oder bekam er ganz im Gegenteil schon ganz früh seinen Knick ab? Und versucht jetzt sich und der Welt zu beweisen, dass er die größte und lauteste Trompete von allen ist? Koste es, was es wolle – Fakten, Geld, Versprechen, Integrität, Zukunft – der Lauteste gewinnt. Und laut ist nicht nur, was eine hohe Dezibelanzahl hat (in der Sprache moderner Gesellschaften: viel gesellschaftlich-mediale Frequenz und Reichweite, sowie (gesellschafts-)politischen Einfluss). Laut sind auch besondere Störfrequenzen: Angst, Hass, Wut, Neid, Ekel – alle besonders unangenehmen Gefühle lösen das Gefühl, schwer irritiert und höchst unangenehm berührt zu werden aus. Störenfriede stressen uns. Sie zwingen uns zu reagieren.

Der Trick mit dem Knick

Und hier kommt der Trick mit dem Trump-Knick: Das unbestreitbar Störende, das offensichtlich Unglaubliche, das unfasslich Bedrohliche zwingt uns aus unserer eigenen Komfortzone hinaus und hinein in die Auseinandersetzung mit uns und der Welt. Indem die Trumpete selbst offenbar keinerlei Selbstreflexion, kaum einen Plan für die Zukunft und wenig Vertrauenswürdigkeit in die Welt trötet, löst sie in anderen all dies aus: Die Fragen nach dem „Wer sind wir und wer wollen wir sein?“, dem „Wo entwickelt sich die Welt hin und wo wollen wir überhaupt hin?“ und „Wie vermeiden wir den nächsten Knick?“ drängen sich uns geradezu auf. Und das ist gut so. Denn Die Menschheit hat jetzt noch die Chance, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen und den Knick zu verstehen, zu sehen und zu ehren. Als Zeichen dafür, dass es anders geht und dass jeder, auch der nächste, Knick zu mehr Erfahrung und vertiefender Erkenntnis führen kann – wenn man dies denn so sehen will. Wir können auch einfach nur geknickt sein. Knick oder nicht Knick: wir haben (immer noch und immer wieder) die Wahl.

 

 

SUPER SIMPLE SOLUTION No 9 – Krieg und Frieden

Umbruch – Abbruch – Aufbruch

So kann es nicht weitergehen“, hört man diese Tage allerorts. Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Bildung, Sozialwesen, Gesundheitswesen, Pensionen etc. – lauter offensichtlich weder einfach noch schnell zu klärende Dauerbaustellen. Und im Verweilen inmitten eines scheinbar ewigen Prozesses, der ebenso scheinbar niemals zur Kraft einer notwendigen Erneuerung findet, klopft schon  ab und an die Frage an: Können systemisch notwendige Weichenstellungen überhaupt herbeigeführt werden, solange hauptsächlich systemerhaltende Kräfte an der Macht sind?

Doch braucht es tatsächlich ein „blaues Wunder“, das einer Kriegserklärung an die Vernunft und Menschlichkeit gleichkommt, um frisches Wasser auf die stockenden Mühlen der sukzessiven Veränderung zu gießen?

Noch pointierter gefragt: Brauchen wir unbedingt die Emotionen von Hass und Angst, um dem real vorhandenen Frust in der Bevölkerung, dem medial geschürten Eindruck der Hoffnungslosigkeit und vor allem der generell zu beobachtenden Orientierungslosigkeit lautstark Ausdruck zu verleihen?

Wer hat Macht?

Brauchen wir wirklich eine Art gewalt(tät)igen „Reset-Button“?

Eine solche Frage in Zeiten wie diesen zu stellen, klingt für viele leider gar nicht utopisch. Und das macht die Frage an sich durchaus gefährlich, was unseren lieben Frieden betrifft. Aber wäre eine alternative „sanfte Revolution“ ausreichend, um jene Funktionsweisen der auf kurzfristigen Profit ausgerichteten Finanzwelt und des auf kurz- und mittelfristigen Wählergewinn ausgerichteten Politzirkus, effektiv und grundlegend in Richtung Nachhaltigkeit und Menschlichkeit umzuformen? Es darf gezweifelt werden…

Im Zweifel jedoch liegt eine oft unbeachtete Kraft: Die Kraft zu hinterfragen, in welchen Händen die Macht liegt und liegen sollte. Liegt sie dort, wo sie bisher war, können viele davon ausgehen, dass ihre Interessen durch jene, die die Strukturen so wie sie sind mit aufgebaut und erhalten haben, gewahrt bleiben – und sich daher nicht allzu viel verändert. Logisch. Man kann nicht beides haben – alt und neu. Der Vorteil des „alten Systems“ liegt auch noch auf einer anderen Hand: Man darf darauf hoffen, dass sich die „alten Hasen“ auskennen, wie unser Staat denn so funktioniert und was daher „geht“ und was nicht. Viele bezweifeln aber zugleich und berechtigter Maßen, dass die seit Jahrzehnten schon als notwendig erachteten Reformen unter solcher Führung tatsächlich angegangen, geschweige denn umgesetzt werden. Der liebe Friede schürt also den brodelnden Kriegswillen.

Was anders wird, wenn nichts anders wird

Wenn es bloß so bleibt wie jetzt“ lautet die ängstliche Einstellung derer, denen es recht gut geht. „Frieden um jeden Preis!“ heißt für viele zwischen Optimismus und Pessimismus Unentschlossene das prinzipielle Motto, an dem sie sich orientieren. Für wiederum andere zeigt aber das Zünglein an der Waage zwischen Vertrauen und Aggression eindeutig nach rechts. Wenn nichts anders wird, werden diese Menschen mehr. „Jetzt ist Schluss!“ fordern sie, die nach Veränderung hin zu mehr Sicherheit und Klarheit streben. Aber welche Veränderung vermag diese Resultate zu erzielen? Zurück zur „guten alten Zeit“? Eine Illusion. Zeit läuft nicht rückwärts. Diese Menschen wollen eigentlich ein Gefühl von Sicherheit, und das um jeden Preis. Aber womit sie sich zufriedengeben ist leider bereits das Versprechen von Sicherheit. Denn es funktioniert auf der Gefühlsebene. Der Kopf allerdings kann nur schütteln: Ein solches Versprechen in veränderungsintensiven, wenig planbaren Zeiten! Reine Bauernfängerei. Oder? Starre Ideologien geben die entsprechenden Heilsversprechen ab – und sie können durchaus Systeme verändern. Hin zu weniger individueller Freiheit, weniger demokratischer Mitbestimmung, weniger Mitmenschlichkeit. Freiheit, Gleichheit und Mitmenschlichkeit sind keine relevanten Größen totalitärer Weltanschauungen. Sicherheit durch Kontrolle, Planbarkeit durch Ausgrenzung und Orientierung basierend auf Abwehr hingegen schon.

Daumen hoch für Daumenschrauben

Und obwohl viele wissen, dass die neuen alten Kräfte des blauäugigen Nationalismus oder des grünäugigen Weltverbessertums  neben frust-entlastenden Emotionen und vielversprechenden Grundsatzforderungen nur selten alltagstaugliche, praktikable Lösungen liefern, nutzen sie ihre Macht, den alten Nicht-Veränderern durch ihre Stimme zu drohen. Das ist ihr gutes Recht. Und es zwingt sogar alteingesessene Regierende in die Knie. Niemand kann sagen, wo uns das hin führt. Krieg oder Frieden?

Revolution und Evolution

Wo ist also eine Lösung in Sicht? Erst da, wo wir eine Lösung auch tatsächlich suchen. Jede Problemstellung braucht zunächst eine Zielvorstellung, um von beiden Punkten ausgehend einen Weg zur Lösung zu finden. Die Frage, die sich uns Wählern diese Tage stellt lautet weniger: „Blau oder Grün?“ In dieser Frage finden sich weder praktikable Zielvorstellungen, geschweige denn alltagstaugliche Lösungen.

Kehren wir also zunächst zum Ausgangspunkt zurück, indem wir fragen: „Was ist das Problem?“ Und auf einmal liegt die Antwort klar auf der Hand: Unsicherheit, Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit. Erlebt etwa am Arbeitsmarkt, geschürt vor allem durch das Feuer der Medien.

Daran anschließend stellt sich die entscheidende Frage: „Wie können wir in unserer Gesellschaft Stabilität, Aussichtsreichtum und klare Ausrichtung entwickeln?“ Ohne dazu das Blaue vom Himmel zu versprechen.

Wenn das Problem der vermeintliche Stillstand in allen eingangs erwähnten  Feldern ist – liegt dann das Ziel nicht erst recht in einer spürbaren Weiterentwicklung? Nicht im Rückschritt, nicht im Festhalten, sondern im lösungsorientierten Weiterdenken und Weitergehen? Aber wo sind sie, die Vordenker, die Systemwandler, die „gesellschaftsgenetischen Mutanten“ – die zugleich wissen, „wie der Hase läuft“? Wo sind die tatkräftigen Visionäre mit Systemerfahrung, die energiegeladenen „Start-ups“, geleitet von den „Business-Angels“ unserer Gesellschaft?  Sie existieren, aber oft sind sie Einzelkämpfer oder medial wenig beachtete Organisationen, jedenfalls nur selten öffentlich sichtbar in politischen Parteien oder Interessensverbänden organisiert.

Zukunftssicherung durch Vergesellschaftung

Wir miteinander!“ sollte nicht nur das Motto all jener lauten, die unsere Gesellschaft zum nachhaltig Besseren im Sinne der Menschlichkeit verändern möchten. Sie mögen sich zusammenschließen, medialen Einfluss gewinnen und politische Strukturen formen – vielleicht eine Art Zukunftsministerium gründen, in dem Arbeitskreise aus praxiserprobten nachhaltig-visionären Experten vereint und verschränkt arbeiten. Ein think- und do-tank. Hier können die notwendigen systemischen Veränderungen strategisch geplant werden. Notwendige Veränderungen sind jene, die zu mehr Menschlichkeit, mehr Gleichberechtigung und mehr Miteinander führen. Ein besseres Leben für alle ermöglichen. Sozial-ökologisch-ökonomischer Fortschritt. Und von dieser Positionierung aus sollte auch die Umsetzung konsequent inhaltlich und kommunikativ begleitet werden. Von unseren Politikern und Medien. Und das alles geschieht unter Einbezug der zur Mitgestaltung willigen Bevölkerung. So würden wir die manchmal kriegerisch anmutende Lust auf Veränderung in die friedliche Kraft der Erneuerung zum Besten aller kanalisieren. Simpel? Solutions!