Surprising Salon Session No 2: DIE TRUMPETE UND DER KNICK

Das Trumm des Tages

In meinem „Salon“ – dem großen Raum, in dem ich täglich schreibe und niemals schlafe, selten feiere und noch seltener fernsehe, meistens sitze und friere oder alternativ sitze und schwitze – da steht so allerlei herum. Wie auch dieses Trumm: Es tönt gar grässlich, wenn man darauf bläst. Daher hatte es meine Großmutter konsequenterweise auch einst aus dem Fenster geschmissen. Das war zu einer Zeit, als mein Vater noch ein des Trompetenspiels hartnäckigst unkundiger und zum lauten Getöse höchst williger Bub war.

Seither hat es, das Trumm, einen eleganten Knick im Rüssel, für den es sicher einen Fachbegriff gibt (für den Rüssel, nicht den Knick). Der Knick ist definitiv irgendwie cool. Wie eine wohlverdiente Narbe oder ein richtig böses Tattoo auf einer seidenzarten Pobacke. Er erinnert mich aus dem Augenwinkel – denn dort ist die Trompete platziert, schief stehend auf dem unbeachteten Flügel – ständig subtil daran, dass nichts im Leben wirklich glatt läuft. Mit einem Augenzwinkern sagt er, dass der Knick im Sein quasi mit eingebaut ist, serienmässig. Das Feature schlechthin, wenn man so will. Denn wer einen Knick hat, dem wird nicht fad. Und wer laut ist, der muss mit noch mehr Knicken rechnen. Der Lebensweg wird geradezu erst von Knicken ausgestaltet. Knicke werden Dingen und Menschen, Konzepten und Plänen, Erwartungen und Hoffnungen, Höhenflügen und Perfektionsvorstellungen immer wieder zugefügt. Knicke leiten hinein in die Realität, in den Tiefgang, ins Unglaubliche. Sie formen uns zu dem Menschen, der wir sind. Jeder Knick in unserer Optik bleibt erhalten – und sei es nur als Erinnerung. Ein Knick in der eigenen Optik, im Selbstbild und im Bild, das andere von uns haben, wird sukzessive eins mit dem Material, das uns ausmacht. Das muss uns nicht stören, das kann uns auch ehren.

Knickomat

Wir sind und wir werden immer wieder geknickt. Unser Blick fällt von ganz alleine auf die Knicke. In uns, um uns, bei anderen. Nicht das Gerade, Erwartbare fällt uns auf. Es ist das Außergewöhnliche, das uns unter Strom stellt, das die Alarmglocken zum Klingeln bringt. Es ist das nahende Ungeahnte, der nächste Knick im Lebenslauf, in der Gesundenakte, auf der Karriereleiter, im Beziehungsleben, der unsere Aufmerksamkeit magnetisch anzieht – weil er kommt. Und er kommt, weil er kommen muss. Der Fehlschlag ist der Große Bruder des Erfolges. Er lässt jeden Erfolg verblassen und damit zugleich über sich selbst hinaus wachsen. Wir überhöhen, was nicht (mehr) der Fall ist. Und wir konzentrieren uns auf das Unvollständige, das, was nicht sein soll. Meine Tante würde an dieser Stelle ihre Großtante und deren legendär einfache und zeitlos wahre Worten zitieren: „Immer is wos!“

Tröööt

Das Ding der Woche ist also ein(e) Trumm-Pete. Interessanterweise heißt mein Vater Peter. Er war einst also ein Trom-Peter. Aber zurück zum Eigentlichen. Der Knick und sein Grund. Der Grund war das Besonders Übel Laut Tönen, das Stören, das Unerträgliche Geräusch, das alle Aufmerksamkeit auf sich wie ein schwarzes Loch des So-Soll-Es-Nicht-Sein zog. Auch heute noch tönt es an allen Ecken und Enden unerträglich laut. In der Realität, im virtuellen Netz, in den Medien, in der Arbeit, in der Schule, zuhause beim Streiten. Menschen mit eigenen Meinungen haben die Macht, laut zu tönen. Aber sie nutzen diese Macht auffallend oft zum reinen Spaßhaben an der Lautstärke, zum puren Generieren von Aufmerksamkeit für sich anstatt zur Kommunikation hilfreicher Inhalte. Sie Trump-eten. Ja, auch der amerikanische Präsident stellt einen gewaltigen Knick in der Optik dar. Nicht nur der Optik Amerikas. Laut ist er, irgendwie verstörend. Aber aus dem Fenster werfen kann man ihn nicht. Er selbst hat wahrscheinlich auch den einen oder anderen Knick weg – oder vielleicht gerade nicht? Vielleicht ist er so ein lautes Trumpeltier, weil ihm noch niemand einen echten Knick verpasst hat, der ihn von der oberflächlichen Sucht nach Aufmerksamkeit in die Tiefe der Selbstbetrachtung geführt hätte? Oder bekam er ganz im Gegenteil schon ganz früh seinen Knick ab? Und versucht jetzt sich und der Welt zu beweisen, dass er die größte und lauteste Trompete von allen ist? Koste es, was es wolle – Fakten, Geld, Versprechen, Integrität, Zukunft – der Lauteste gewinnt. Und laut ist nicht nur, was eine hohe Dezibelanzahl hat (in der Sprache moderner Gesellschaften: viel gesellschaftlich-mediale Frequenz und Reichweite, sowie (gesellschafts-)politischen Einfluss). Laut sind auch besondere Störfrequenzen: Angst, Hass, Wut, Neid, Ekel – alle besonders unangenehmen Gefühle lösen das Gefühl, schwer irritiert und höchst unangenehm berührt zu werden aus. Störenfriede stressen uns. Sie zwingen uns zu reagieren.

Der Trick mit dem Knick

Und hier kommt der Trick mit dem Trump-Knick: Das unbestreitbar Störende, das offensichtlich Unglaubliche, das unfasslich Bedrohliche zwingt uns aus unserer eigenen Komfortzone hinaus und hinein in die Auseinandersetzung mit uns und der Welt. Indem die Trumpete selbst offenbar keinerlei Selbstreflexion, kaum einen Plan für die Zukunft und wenig Vertrauenswürdigkeit in die Welt trötet, löst sie in anderen all dies aus: Die Fragen nach dem „Wer sind wir und wer wollen wir sein?“, dem „Wo entwickelt sich die Welt hin und wo wollen wir überhaupt hin?“ und „Wie vermeiden wir den nächsten Knick?“ drängen sich uns geradezu auf. Und das ist gut so. Denn Die Menschheit hat jetzt noch die Chance, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen und den Knick zu verstehen, zu sehen und zu ehren. Als Zeichen dafür, dass es anders geht und dass jeder, auch der nächste, Knick zu mehr Erfahrung und vertiefender Erkenntnis führen kann – wenn man dies denn so sehen will. Wir können auch einfach nur geknickt sein. Knick oder nicht Knick: wir haben (immer noch und immer wieder) die Wahl.

 

 

Surprising Salon Session 1: FLÜGEL, WERT & SCHÄTZUNG

Das Überraschungselement, mal 27

Da steht ein Trumm herum, das ich nicht wahr nehme, geschweige denn wert schätze. Es steht wie selbstverständlich, unbeachtet da – und ist doch ein Teil meiner Wirklichkeit. Ein Teil, der mich innerlich reich fühlen macht, ohne dass er mir bewusst ist.

Die Surprising Salon Sessions widmen sich dem Prozess der Umwandlung vom unbeachteten Stroh des Alltags in das durch das Licht der Bewusstheit erstrahlende Gold des Besonderen. Diese manchmal magisch anmutende Transformation wird in den kommenden 27 Blogbeiträgen von einem ganz speziellen Raum inspiriert, dem Raum, in dem ich diesen Blog verfasse. Dieser Raum und sein Inhalt sind mein Alltag. Jeder Blog in diesem Jahr verwandelt die unbetrachtet herum stehenden, liegenden, bloß da seienden Dinge in leuchtende Wesenheiten voll tieferer Bedeutung. Der Raum, wie jeder Raum, birgt Begleiter des Lebens, ungeahnte Möglichkeiten des Wohlgefühls, Quellen der Weisheit. Ganz nebenbei erfahren im Vorgang der intensiveren Betrachtung viele nur scheinbar ein-deutige Worte eine Frischzellenkur, ihre Bedeutung vermehrt sich und sie bilden auf 1 Mal eine VielZahl überraschender Perspektiven aus sich heraus. Den Anfang einer solchen räumlichen und wörtlichen Offen-Barung machen ein Ding namens „Flügel“ und das Wort wie die be-Deutungen von „Wertschätzung“…

 Wer Flügel hat, sieht

Da steht also dieses Trumm herum, in meinem Salon. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht woher. Alt, verstimmt und wohlgeformt, massiv und klobig. Wert-voll oder wert-los – wer weiß das schon.

Seit Generationen schon bewohnt es den „Salon“. Hier wohnen überhaupt so allerlei seltsam anmutende Dinge. Angespült vom Meer der Zeit. Alles, was mich beim Schreiben umspült, bringt die Aura seiner Zeit mit sich. Die Dinge sind einfach hier gestrandet, übriggeblieben, verschmäht oder für alle Ewigkeit geliehen, weil sie sonst nirgends hinpassen. Dinge aus den Strudeln der Lebenszeiten von Verwandten, Freunden und Bekannten haben hier ihr eigenes Auge des Zyklons der Zeitlosigkeit gefunden. Es ist still hier. Immer. Nur Einer war „schon immer da“. Der Flügel. Um ihn herum hat sich das Universum des Salons gebildet. Fällt sein Deckel herunter, knallt es urigst durch den Raum.

Die Gegenstände, die ich bewusst und extra für diesen Raum angeschafft habe, lassen sich an einem Finger abzählen. Alles andere passiert(e) diesem Raum und mir, als seinem Bewohner. Alles hier ist gebraucht, geschenkt, geblieben, hat seine eigene Geschichte. So richtig geschichtsneutral ist vielleicht nur der Computer, auf dem ich tippe. Er ist das Fenster zu den Geschichten in mir, zu der Geschichte, die ich in diesem Leben zu schreiben versuche. Aber er ist nicht das einzige Fenster. Nur das einzige, durch das es nicht zieht oder ab und zu herein regnet. Wenn ich aus dem Fenster blicke ist es, als könnten meine Gedanken fliegen. Und damit sind wir wieder bei ihm. Dem Flügel.

Ich schätze die alltäglichen Überraschungen, die dieser Raum bereit hält. Solange ich ihren Wert nicht sehe, ja, sie gar nicht wahr nehme, solange erfahren die Dinge keine Wert-Schätzung – und ebenso lange empfinde ich keine Dankbarkeit. Wert und Dank hängen zusammen. WERT existiert nicht an sich, sondern erst durch den Akt des SCHÄTZENS. Was eingeschätzt wurde und als Schatz betrachtet wird, gibt Grund für Dank. Er-Füllt uns. Reichtum und Fülle entstehen erst im Akt der Betrachtung, durch unsere Sicht auf die Dinge. Bist Du hungrig, schätzt Du Brot. Bist Du müde, schätzt Du Bett. Bist Du unzufrieden, schätzt Du Ablenkung. Bist Du aber wunschlos zufrieden, schätzt Du… Ja was denn? Das Unerreichte? Das Unerreichbare? Das, was noch nicht der Fall ist? Oder das, was der Fall ist. Das Alltägliche. Für selbstverständlich Erachtete. Im Unbewussten verankerte. Demokratie, Mütter, Heizung. Wir schätzen es erst, wenn es weg ist.

Das Schatzfinden

Aber was ist uns tatsächlich heilig, was ist ein richtiger „Schatz“? „My preciuos“ giert Gollum nach der Quelle seiner Sehnsucht. Was wir begehren hat einen offensichtlichen, uns bewussten Wert. Den Wert der in seine Abwesenheit hinein gelegten Begierde. Das Wert-Verleihen scheint ein selbstreferenzieller Zirkel zu sein – ein solcher Schatz-Wert weist auf beGierde.

Was hingegen immer schon da war, kann uns eine Quelle für geisterweiternde Denkbarkeit, für herzerwärmende Dankbarkeit, für dauerhafte Zufriedenheit, für tiefwurzelnde Sicherheit sein. Und werden. Im Gewahrwerden dessen, was IST, fällt die Last der Welt in sich zusammen. Im Gewahrwerden dessen, was ist, fällt der Druck der Getriebenen weg. Im Gewahrwerden, derer, die ihrerseits ihrer selbst und des Seins gewahr sind, fällt die knallharte Unausweichlichkeit der Einsamkeit in die weichen Arme der Sehenden.

Schätzungs-Weise

Wer sieht, der schätzt. Aber was ist das Geschätzte an der Wert-Schätzung? Es ist irgendwie nur ungenau erahnt. Wird ungefähr ein-geschätzt. Den Wert von etwas einschätzen bedeutet zunächst, ihn nicht genau zu wissen. Vielleicht sogar, sich seines Wertes überhaupt nicht bewusst zu sein. Im Zwischen-Raum zwischen Wert und Schätzung entsteht ein zusätzlicher Bedeutungshorizont, eine gewisse Ahnung. Die Ahnung eines Schatzes, der uns mit Reichtum und Dankbarkeit er-füllt.

Wenn wir Menschen wert-schätzen, dann legen wir in unsere Gefühle für sie ein gewisses Maß an positivem Wunschdenken, an wert-voll-machen hinein. Wir schätzen den Wert eines Menschen für uns – und die Welt ein. Was macht einen Menschen wert-voll? Bei einem Gegenstand wie dem Klavier scheint diese Frage einfach zu beantworten: Jemand ist gewillt mehr oder weniger dafür zu bezahlen. Je nach Seltenheit, Funktionsfähigkeit und Schönheit der Erhaltung. Aber sind wir Menschen ebenso leicht ein-zu-schätzen? Wahrscheinlich schon: Seltenheit im Sinne von wünschenswert herausragender Besonderheit (etwa große Talente oder strahlende Persönlichkeiten), gute Funktionsfähigkeit (in der Gesellschaft, im Beruf) oder die Schönheit des Körpers sind allemal Grunde, jemanden im Marktwert hoch einzuschätzen. Aber meinen wir diesen Marktwert, der etwa an der Beziehungsbörse gehandelt wird, wenn wir von wert-schätzen sprechen? Ich meine: nein.

Meiner Meinung nach verdienen Menschen mit einer positiven Einstellung dem Leben gegenüber, obwohl sie schon viele Schicksalsschläge überstanden haben, eine hohe Wert-Einschätzung. Menschen, die anderen offen und unvoreingenommen begegnen, egal, wer ihnen gegenübersteht, verdienen Wert-Schätzung. Und Menschen, die mit weisen, weil umsichtigen und nachhaltigen Entscheidungen dafür sorgen, dass es uns allen Stück für Stück etwas besser, friedlicher und aussichtsreicher geht, sollten einen hohen Stellen-Wert bekommen. Also etwa hohe Ämter und Stellen bekleiden. Wer vorbildhaft handelt, ohne sich darauf etwas einzubilden oder nach Anerkennung zu lechzen und wer es schafft, auf andere und auf sich selbst gut Acht zu geben, der ist ein Wert-voller Mensch.

Und wie kann man Wert-Schätzung zeigen? Lob, Anerkennung, Komplimente oder Geschenke sind natürlich mögliche Mittel zum Ausdruck von Dankbarkeit und Hoch-Achtung. Letztendlich ist aber keine Geste stärker als das zur Verfügung-Stellen von höchst wertvoller Lebens-Zeit und ungeteilter Aufmerksamkeit: Wer tatsächlich voll und ganz da ist, der zeigt ganz ein-deutig seine Wertschätzung. Und damit sage ich „Danke“ ans Klavier und die Unbekannten, die es hier gelassen haben.

Das Wert-Volle

Denn der Flügel hat mich darauf aufmerksam gemacht. Er steht hier einfach nur so rum. Durch die Brille des potenziellen Wiederverkäufers mag er wert-voll oder wert-los sein, doch das ist einerlei. Seine bloße Existenz ist eine stille Quelle reiner Freude – selbst wenn ich mir seines Daseins gar nicht bewusst bin. Es ist die Aura dieses Raumes, die er beeinflusst und bereichert. Die wiederum meine Gedanken beflügelt…

Legen wir das Bild des stummen Flügels auf die Menschen, die uns einfach so umgeben, die uns umspülen, umspielen, einfach da sind. Sie machen den Raum aus, die Atmosphäre in der wir uns fühlen. Sie selbst sind vielleicht nicht spektakulär. Ganz im Gegenteil, ihre Präsenz wirkt eher selbstverständlich. Der Alltag mit ihnen fließt vor sich und uns einfach so dahin. Und nur das Un-Übliche, Herausragende, Abwechslungsreiche, Fehlende fällt uns wirklich auf. Durch einen solchen Blickwinkel sind wir dazu verdammt, das Abwesende zu suchen, anstatt das Anwesende zu finden. Wir ersehnen den nächsten Kick während wir das Vorhandene vernachlässigen. Dabei ist es das Grundrauschen des Seienden, das die Ideen und Gefühle, den Körper und die Seele beflügelt. Ohne Luft kein Auftrieb, ohne Aufrieb kein Fliegen.

So will dieser Blog wie die kommenden 26 dem Alltag selbst Flügel verleihen. Indem wir der scheinbar selbstverständlichen Bedeutung des Begriffs Alltag eine Abfuhr erteilen. Denn kein Tag ist wie der andere, kein Mensch selbstverständlich, das Leben ein Wunder, jeder Atemzug eine Bewegung des Unwahrscheinlichen selbst. Das All liegt in jedem Tag. Sehen wir, so wachsen Flügel.

 

SUPER SIMPLE SOLUTION No 27 – Das Ende wird der Anfang sein

Wie geht’s Ihnen eigentlich?

So wirklich, innen drinnen. Ohne die verklärende Maske des „das wird schon“ oder des „früher war’s schon irgendwie besser„. Haben Sie nicht schon genug? Genug vom Stress, vom Verbiegen, vom Versuchen? Vom Hoffen und Enttäuschtsein. Vom Gewinnen und vom Scheitern. Vom Anrennen, Loskommen, zum x-ten Mal Aufraffen. Vom Dinge erledigen, vom Laufen und vom müde sein? Ja? Na dann ist gut: Willkommen beim letzten Blog dieses Jahres – einem Beitrag für jene mit unbeugsamer Lust auf das Aufhören mit all dem Sinnlosen oder Unsinnlichen.

Sollten Sie hingegen rundum glücklich, lustig, zufrieden und eins mit sich und der Welt sein: Schön! Fühlen Sie sich ebenso willkommen und scrollen Sie einfach bis zum letzten Absatz vor…

Todesmutig

Sind wir, die wir nicht mehr mitspielen und uns nicht wirklich anpassen wollen, denn zum Aussteigen verurteilt? Heißt Anderssein, eigen sein, den eigenen Weg gehen, gar einsam sein? Nein, das kann nicht sein! Dafür gibt es zu viele von uns. Wir sind überall. Es gibt definitiv einen Weg der höchsten Freiheit, der zugleich tiefe Verbundenheit ermöglicht. Dieser Weg ist nur nicht unbedingt einfach zu finden. Aber was ist schon einfach im Leben. Vielleicht müssen wir zunächst sterben, um zu leben. Unsere Vorstellungen und Hoffnungen sollten wir begraben, um unser wahres Selbst zu verwirklichen. So heißt es zumindest in diversen mystischen Lehren. „Stirb bevor du stirbst“ sagen die Sufis. Nun gut. Also dann. Auf geht’s. Oder?

Wohin geht ES mit Ihnen?

Auf oder ab? Und wer ist überhaupt das ES, das geht? Das Leben? Das Werden? Das Sterben? Alle zusammen?

Ja, natürlich!“, werden Sie sagen „Alle drei machen unser Sein aus“. Manche wollen ES noch genauer wissen, kennen, lernen: Wer bestimmt denn nun wirklich, ob die Hochschaubahn des Lebens und Sterbens, des Sein und Werdens, uns Freude oder Leid bringt? „Wir selbst“ werden Sie sagen. Und sich selbst vielleicht nicht bis in die allerletzte Konsequenz hinein glauben. Denn Alter, Krankheit, Jobfrust, generelle Aussichtslosigkeit, ungelöste Partnerfragen – die liegen doch nicht nur in uns, oder? Resonanzgesetz hin oder her. Das ist wie mit Bio-Essen. Es reicht einfach nicht, nur Bio zu essen, um ein gutes Gewissen zu haben. Wir müssten konsequent auf Strom, Gas und Autos verzichten, auf billige Waren aller Art, auf fast jede Form von Mobilität, auf Technik, Entertainment u.v.m. Allein schon irgendetwas zu essen, verursacht wahrscheinlich mehr (Umwelt-)Kosten, als es Nutzen bringt. Eigentlich ist unsere reine Existenz bereits umweltschädlich. Was wir, jeder einzelne von uns, an Müll verursachen und Ressourcen verbrauchen, geht wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten auf keine Kuhhaut mehr. Vielleicht hatten die alten Christen doch recht mit ihrer Erbschuld, halt nur anders. Absolut keine Frage von Mann oder Frau, außer, dass der geborene Umweltsünder immer aus dem Schoß einer Frau kommt, woran aber wiederum nie ein Mann völlig unbeteiligt ist. Die Geschlechterfrage hebt sich also von alleine auf. Aber wie ist das nun mit der untilgbaren Schuld, die alleine schon unser Am-Leben-Sein mit sich bringt? Wer ist also Schuld am Leiden dieser Welt – und nicht nur am Umweltleiden, sondern am Leiden der gesamten Welt um uns herum, inklusive unserer selbst? Sind es unsere Triebe, unsere Begierden, unsere (Sehn)Süchte? Er, sie , ES – oder wir, alle gemeinsam?

Hätten wir kein Gewissen, oder keine Verantwortung, wäre alles viel einfacher. Aber noch leidvoller. Das Verweigern von menschlicher Reife, das Ignorieren dieser Fragen der Zuständigkeit für Leid, ist also „leider“ keine Lösung. An der Selbstverantwortung führt kein Weg vorbei, schon gar nicht für jene, die gerade am sich-Befreien von Fremdvorstellungen sind. Wie können wir also frei werden und zugleich keine Last hinterlassen, kein Leiden verursachen? Wie können wir guten Gewissens in aller Freiheit und Verbundenheit leben, werden und vergehen – ohne ignorant zu sein?

Sünden, Fall und Fliegen lernen

Wer wirklich völlig reinen Gewissens ist, werfe den ersten Stein.

Unmöglich.

Die Steine bleiben schön da, wo sie sind.

Niemand ist völlig unschuldig.

Kinder!“ werden Sie einwerfen. „Sie können doch nichts dafür!

Ja, so betrachtet kann niemand von uns etwas dafür, dass er/sie hier auf Erden wandelt. Das einzige, wofür wir etwas können ist, wie wir hier auf Erden wandeln. Und wir können zugleich, im vollen Angesicht unserer eigentlich zu großen, nie völlig ausreichenden Verantwortung, fatalistisch sagen: „Ist doch eh alles egal, nie reicht es, die Welt geht so oder so unter, irgendwann stürzen wir in die Sonne“ etc. Ja, stimmt. Wir können dem gegenüber aber auch sagen: „Jeder Tropfen höhlt den Stein, machen wir das Beste draus!“. Ja stimmt auch. Es ist wie mit Licht und Dunkelheit, beide bedingen einander. Die Pessimisten brauchen die Optimisten (und umgekehrt), um sich selbst zu sehen – und vor allem: zu spüren. Wir bestärken und verstärken jene, die ähnlich „ticken“ wie wir. Wir kämpfen gegen das andere, die „Lüge“, die „Dunkelheit“ (die je nach Perspektive andere Formen annimmt). Wir schaffen dadurch Stimmung(en), Bilder, Vorstellungen, Erwartungen. Schaffen Lebenswelt. Schaffen die Welt, in der wir leben. Leben in dieser von uns erschaffenen Welt. Wir beklagen sie und wollen sie dennoch zumeist nicht verlassen. Darin liegt unsere „Schuld“, unsere „Mittäterschaft“.

Lust auf den Absprung?

Es wird Zeit, Fliegen zu lernen. Raus aus der Schuld, dem schlechten Gewissen, dem nicht-Genügen, dem endlosen Nachlaufen irgendwelcher Vorstellungen, dem Kreieren von Erwartungen, dem Tragen von Schuld und dem Aufbürden von untragbarer Verantwortung. Damit beginnt nicht einfach die Zeit fürs Zurücklehnen und ins Endlose hinein Konsumieren. Wer fliegen will, muss schon seine Flügel auspacken und kräftig damit schlagen, sie benutzen lernen. Und dann, nicht zu vergessen: Springen

Nichts festhalten, Alles lockerlassen

… und im Leben surfen, wie auf einer einzigen großen Welle, die zugleich aus vielen besteht – im Wissen um ihr Einssein nach unten hin, zum Meer des Ganzen. Den Zusammenhang während jeder Bewegung spürend, in der Dynamik des Auf und Ab, des Hin und Her. Mit offener Einstellung und mit allen Sinnen das meisternd, was da ist, was kommt und geht. Hier und jetzt Sein, Werden und Sterben. Völlig bewusst und doch wie im Rausch. Intensiv und expressiv. Impulsiv und reflexiv. Im Dialog mit der Welt und im Verzicht auf alles, was nicht ins Herz passt, was keinen Zusammenhang zur Tiefe der See(le) findet. Geistige Höhen erklimmend, seelische Abgründe erkundend. Die Wirklichkeit einfach komplex sein lassend. Die Wahrheit im Auge des Betrachters sehend. Im Angesicht der Gefahr, sich zu verlieren, mitten hinein tauchend. Immer wieder. Sich der Lächerlichkeit preisgebend. Sich zeigend. Sich folgend.

Sie fühlen sich bereit?

Die Flügel, die uns tragen

Ein jeglicher will fliegen, ehe dann die Flügel gewachsen sind.

Paracelsus

Woraus erwachsen uns Flügel? Flügel wachsen aus Mut und Demut, aus Wissen im Unwissen, aus Liebe trotz Vergänglichkeit. Jeder ihrer Schläge verursacht Tsunamis am anderen Ende unserer Welt, im Unsichtbaren, außerhalb unserer Wahrnehmung, weit jenseits des Striches unter unserer Lebensrechnung. Und wenn uns das Leben kitzelt, so erleben wir zumeist die Flügelschläge anderer, nur zu oft uns Unbekannter.

Wichtig ist nicht, wer was wann tut und wie gut wir darin sind. Diese Zeiten sind vorbei.

Wichtig ist, dass wir unsere Flügel entfalten und fliegen.

Und das neue Jahr kann kommen…

 

SUPER SIMPLE SOLUTION No 26 – BeziehungsWeiser

In der Beziehungsfalle

Es gibt viele Anzeichen dafür, dass eine Beziehung einfach nicht klappen will. Ständige Missverständnisse, unangenehme Unverbindlichkeit, lästiges Misstrauen oder berechenbare Unzuverlässigkeit sind nur einige davon. Auch am Menschen selbst kann man die fehlende Begeisterung für eine Beziehung leicht erkennen: Auf der geistigen Ebene gibt es dann kaum Fragen, kaum Austausch, kaum Interesse für den anderen. Auf der Gefühlsebene zeigt sich eine gewisse Kälte, eine dauerhafte Distanz, jeder bleibt in seinem geschützten Eigenraum. Die Partner freuen sich nicht von Herzen darauf, einander zu sehen. Es wird nicht über die eigenen Gefühle gesprochen und es werden kaum gefühlvolle Zeichen gesetzt oder zweisame, romantische Aktivitäten geplant. Auch im Körperlichen gibt es dann wenig einfühlsame Begegnungen, selten liebevollen Körperkontakt, kaum ein echtes Lächeln oder tiefe Augen-Blicke.

Die Grundfrage: Was will ich eigentlich?

Eine Möglichkeit, warum Menschen einfach nicht langfristig miteinander können, sind ihre unterschiedlichen Erwartungen. Die einen suchen vielleicht die/den Mutter/Vater ihrer Kinder, wollen eine Familie aufbauen, quasi das „ganze Paket“, bis zum gemeinsamen „Haus und Hund“. In diesem Fall müssen die Vorstellungen beider über die gemeinsame Zukunft zusammenpassen. Tun sie dies nicht, dann „funkt“ es einfach nicht langfristig. Da können sich zwei Menschen noch so gut verstehen. Eine solche Beziehung, die auf gemeinsamen Zukunftsvorstellungen und dem gemeinsamen Funktionieren in der Welt beruht, nenne ich Funktionsbeziehung.

Andere wollen eher die schönen Seiten des Lebens mit einem Partner teilen: Essen, Trinken, Sex, Spaß, Unterhaltung, Kunst und Kultur, Reisen etc. Sie suchen dann so etwas wie einen Spielgefährten fürs Leben. Ich nenne diese Form der Beziehung eine Bedürfnisgemeinschaft, weil gemeinsam die eigenen Bedürfnisse gestillt werden.

Und Dritte wollen vielleicht alles das – und mehr: Sie wollen miteinander durch Dick und Dünn, wollen sich selbst verändern und miteinander wachsen können. Diese Menschen möchten eine Entwicklungsgemeinschaft. Hier werden etwa Streit und Spannung zum aneinander Lernen genutzt. Solche Partner machen mit einander einen Prozess durch und werden durch die Erfahrungen letztlich reifer. Auch das Gefühl der Verbundenheit steigt, während sich jeder einzelne mit den anstehenden Themen auseinandersetzt und die Verantwortung für seine Handlungen und Gefühle übernimmt.

Manch anderen ist aber genau das, dieses „Darüber-Reden“ oder das Selbstreflektieren ein Gräuel. Manche wollen keine Familie gründen, ja nicht einmal zusammen wohnen. Dritten ist das „nur Spaß miteinander haben“ einfach „zu wenig“.

Wissen wir, welche Form von Beziehung wir selbst wollen, so können wir besser erkennen, warum ein anderer nicht zu uns passt. Oft suchen wir in einem Partner auch einen „alten“ Typus Mann oder Frau zu finden, einen, den wir unseren Eltern gewünscht hätten oder der gar ähnlich wie ein Elternteil ist. Wenn uns die unterschiedlichen Erwartungen an eine Beziehung bewusst werden und wir uns von alten, nicht mehr passenden Vorstellungen lösen können, fangen wir an, für andere Menschen offener zu werden, die eher unserem Innersten entsprechen. Voraussetzung dafür ist auch, dass wir in Anwesenheit des anderen zu 100% wir selbst sein können – und es auch sind.

Ist es der/die Richtige? Ein Tipp für alle Fälle

Sollten Sie sich nicht sicher sein, ob es mit Ihrem aktuellen Partner „nicht doch noch etwas wird“, so suchen Sie am besten zunächst nach Gemeinsamkeiten in ihren Vorstellungen und Bedürfnissen (siehe die drei Gemeinschaftsformen oben: will der andere eine Funktions-, Bedürfnis- oder Entwicklungsgemeinschaft – und was wollen Sie?). Sind gemeinsame Ziele nur marginal vorhanden, dürfte es auf Dauer schwierig miteinander werden. Finden Sie jedoch eine gewisse Basis an ähnlichen Werten und Wünschen, dann sehen Sie sich genau an, welche prinzipiellen Unterschiede in ihren Vorstellungen vorhanden sind. Nicht, um sie zu ändern, sondern um sie zu nutzen. Beispielsweise, indem Sie vorhandene Differenzen als wiederkehrenden Grund für Spannungen und Aufregungen anerkennen. Auch Reibungswärme lässt sich nutzen, am einfachsten ist sie durch körperliche Nähe abzubauen. Aber auch die Erweiterung des eigenen Horizonts durch geistigen Austausch bietet sich an, wobei nicht das Recht-haben, sondern das Verstehen im Mittelpunkt stehen sollte. Respektieren Sie die Vorlieben des anderen auch in Bezug auf seine Nähe- und Distanzbedürfnisse (etwa wenn der andere „seine Ruhe“ möchte und Sie seine Nähe suchen). Wenn Sie all das getan haben, fragen Sie sich: Will ich ganz ich selbst sein in dieser Beziehung, will ich mich öffnen und zeigen, was in mir vorgeht?

Sehen Sie, ob dieses auf-den-anderen-Eingehen Sie einander vertrauter macht und sich die Beziehung vertieft – oder ob Ihr Gefühl und Ihr Körper Ihnen signalisieren, von der Beziehung Abstand zu nehmen, weil Ihre Vorstellungen, Bedürfnisse oder Entwicklungswünsche zu kurz kommen…

Kleine Werbeeinschaltung

Sind Sie bereit für eine gelingende Beziehung und spannend-entspannende Begegnungen?

Wünschen Sie Menschen in Ihrem Umfeld ein besseres Miteinander, eine wunder-volle Partnerschaft?

Dann wird es Zeit für eine Super Simple Solution!

Nana Walzer: „Die Kunst der Begegnung“. ISBN 978-3-99100-171-3. Erhältlich auch als Hörbuch. Versandkostenfrei lieferbar auf http://www.kuppitsch.at/list?quick=nana+walzer

 

 

 

 

 

SUPER SIMPLE SOLUTION No 25 – Wie Wünsche Wahr Werden

Wünschel-Route

Welchen Weg müssen wir gehen, damit sich unsere Wünsche erfüllen, jetzt wo es das Christkind doch schon etwas länger nicht mehr gibt (schade eigentlich)? Was oder wer bestimmt, ob unsere Wünsche Wirklichkeit werden? Sollen wir es mithilfe des Gesetzes der Resonanz versuchen, also indem wir die Schwingung unseres Bedürfnisses mit der Schwingung einer andernorts vorhandenen Überfülle zu vereinen suchen? Sollen wir auf den günstigen Zufall hoffen oder ist doch eher das Schicksal der Vater aller Wunscherfüllung? Sollte gar die sagenumwobene Synchronizität die Mutter aller Verwirklichungskräfte sein? Mit ihr ist jene gleichzeitige und gegenseitige Verstärkung von menschlicher Fokussierung, sowie räumlichen, zeitlichen und situativen Gegebenheiten gemeint, die zu schwer nachvollziehbaren komplexen Ursache-Wirkungs-Interferenzen führt. Klingt alles samt irgendwie kompliziert, oder?

Ist denn wirklich wichtig, wodurch unsere Wünsche in die Realität transferiert werden? Ja, es ist. Denn wozu sollte ein Wunsch gut sein, wenn er unserer Kontrolle entrinnen, unserer berechtigten Hoffnung entfleuchen kann und wir letzten Endes enttäuscht werden? Wäre es unter diesen Umständen nicht viel einfacher, „einfach wunschlos glücklich“ zu sein, weil wir uns damit viele Frustrationen ersparen würden – und uns das Leben quasi aus dem Nichts heraus eines ums andere Mal positiv überraschen könnte? Nein, wäre es nicht. Wir sind Menschen, uns liegt das Hoffen, Wünschen und Sehnen im Blut, in den Genen: Wir streben nach mehr, nach angenehmer, weiter, schöner, gescheiter, jünger, besser, anders, nach unerreichbar. Wünschen ist wichtig, gerade weil wir unsere Wünsche niemals völlig befriedigen können. Unsere Unzufriedenheit ist eine starke Triebfeder für Entwicklung, für Neugierde. Die Spannung macht Lust auf Lösung, die Leere ruft nach der Fülle. Die Fülle schreit nach mehr, nach anders. Nicht nur zu Weihnachten. Aber wie sollen wir richtig wünschen, sodass wir nicht enttäuscht, sondern erfüllt, beglückt und überaus angenehm überrascht werden, und zwar immer wieder?

Der Weihnachtsmann oder das Christkind

Wer – wenn schon nicht was, also welche Methode – ist eigentlich für die Wunscherfüllung zuständig? Ist der Staat verpflichtet, alle seine Bürger lebensfähig zu erhalten? Sind die Eltern dazu verpflichtet, Kindern alle Träume zu erfüllen? Muss der Partner den Vorstellungen seines Gegenübers entsprechen? Wer macht uns froh und zufrieden und: muss er/sie das?

Auf diese Frage gibt es zweierlei Antworten, beide machen uns zumindest auf den ersten Blick nicht unbedingt rundum happy. Erstens: Es sind andere Menschen und ganze Systeme für das höchsteigene Wohl zuständig. Das ist schön, wenn diese die Verantwortung tatsächlich übernehmen. Es macht uns jedoch zugleich hochgradig abhängig von ihnen. Zweitens: Wir sind es selbst, die für unser Wohl und Weh zuständig sind. Das macht die Wunscherfüllung planbarer und überschaubarer, aber der Zufallseffekt ist wohl eher limitiert, ebenso wie alles, das außerhalb unseres naheliegenden Wirkungskreises aktiviert werden müsste. Und es ist durchaus befriedigend, Ziele zu erreichen, sich Geschenke zu kaufen, Wohnträume zu verwirklichen. Fühlt sich alles gut und richtig an, sofern es uns gelingt, unsere Vorstellungen in die Realität umzusetzen. Viel zu oft hinterlassen aber gerade die hart erarbeiteten Ziele eher das schale Gefühl eines abgehakten Etappenziels auf dem Weg ins Nirgendwo. Wie also richtig wünschen?

Wunscherfüllung, aber richtig

Praktisch wäre folgende Einstellung:

Nichts von anderen erwarten und sich über alles freuen, was da kommt.

Alles von sich selbst erwarten und sich stets wundern, wenn es anders kommt.

Aber wer lebt schon so? Erwarten wir nicht immer mehr von anderen, als diese uns bieten oder liefern (können)? Das Resultat sind wiederkehrende Ent-Täuschungen. Und erwarten wir andererseits nicht meist mehr von uns selbst, als wir in der Lage sind zu erfüllen? Wobei uns das meist sauer auf uns selbst macht. Beides, die Frustration und die Unzufriedenheit mit oder sogar Wut auf sich selbst und andere, sind Gefühlszustände, die weitab von der wunschverwirklichenden Strahlkraft liegen, wie sie etwa in „The Secret“ beschrieben wird. Spüre dein Wunschziel in dir – dann geht es in Erfüllung, magisch angezogen durch deine Ausstrahlung. Hach schön wär‘s. Denken wir aber beim Wünschen versehentlich eher an den Mangel als an das Ziel (und das geschieht leider viel zu oft), dann wird das Mangelbewusstsein gestärkt und uns zu noch mehr Mangelzustand führen (in beiden Fällen wirkt das „Gesetz der Bestätigung eigener Vorannahmen“, vulgo: die selffulfilling-prophecy). Wünschen wir uns mehr Geld oder endlich den richtigen Partner? Schwupps, schon sind wir in der Mangelfalle. Tun wir hingegen so, als hätten wir alles Geld der Welt, werden sich voraussichtlich unsere Schulden erhöhen. So will das mit dem Wünschen irgendwie nicht klappen.

Was wirklich wirkt

Wollen wir ein Leben in der Fülle, im Wohlgefühl mit uns selbst und der Welt führen, dann gilt es, diesen Zustand in uns selbst herzustellen. Punkt. Alles andere, also Wunscherfüllung und Wohlgefühl von außen und anderen und in Form bestimmter Dinge ist ein Geschenk, das wir dankbar annehmen oder ablehnen können. Hilfreich dabei ist es anzuerkennen, dass der Mensch nicht auf dauerhafte Zufriedenheit und Glücks-Hochs gepolt ist. Wir leben recht gut und vor allen gewohnheitsmäßig in der Qualität des Auf und Ab, des Angenehmen und Unangenehm, des Kalt-Warm. Ohne das eine wäre das Erkennen und Wahrnehmen des anderen gar nicht möglich. Wären wir keine Wesen der Polarität, der Hochs und Tiefs, dann würden wir in der ewigen Mitte, in der reinen Gelassenheit, in der völligen Unberührbarkeit verweilen. Seien wir uns ehrlich, wer will das schon? Also: Rein in die breite Farbpalette des Lebens, der Gefühle, des Wünschen und Sehnens, Freuen und wieder Loslassens.

In einem Zustand der erwartungsfreien Offenheit wird es möglich, so tief in sich hinein zu spüren, dass wir herausfinden, was wir gerade brauchen, nicht was wir wollen. Unsere Wünsche verdecken unsere Bedürfnisse nur allzu oft. Wir können mit etwas Einfühlung auch leicht erkennen, welche unsere ureigenen Wünsche sind und welche wir von anderen übernommen haben (von Menschen aus unserer Vergangenheit, aus Medien, von unserer Umgebung). So viele Wünsche gehören uns gar nicht. Welch unglaubliche Erleichterung!

Wir können uns in dieser frischen Unvoreingenommenheit dazu entscheiden, den Wunsch eines anderen Menschen für ihn wirklich werden zu lassen – wir sind dann sein Christkind, Schicksal, Zufallsmoment. Wir müssen aber nicht. Früher oder später führt ein solches Handeln zur Erfahrung, dass das eigene Wünschen reiner, schöner Selbstzweck sein kann. Das Wünschen selbst macht dann Freude, unabhängig von der Form oder der Art und Weise der Wunscherfüllung: Im Spagat zwischen dem tatsächlich Machbaren (etwa einem Wochenende in einem schönen Hotel) und dem idealen, unerreichbaren Zielbild (beispielsweise einem Schloss in Südfrankreich) liegt ein freudvolles Reich an Möglichkeiten und Varianten, die Palette der Annäherung und Distanzierung vom Idealwunsch auszukosten. Sich für keine Möglichkeit zu verschließen („das geht ja eh nicht“) und sich an keine Variante zu klammern („Es muss unbedingt das Wasserschloss an der Loire sein“) hält uns im prickelnden Zwischenraum des Aussichtsreichen, ohne in die Sehnsucht des Abwesenden zu kippen. Hier, in diesem Zwischenreich mit 360 Grad Panoramablick in alle Realisierungsrichtungen erleben wir das Wünschen als Wunder-voll. Hier macht es tatsächlich nur Spaß und liefert fruchtbare Inspirationen für den tagträumenden Alltag und für die vorfreudige Planung der tatsächlichen Zukunft. Wunsch-voll glücklich lächeln wird dann aus der Fülle des Abwesenden, Vorgestellten und Realisierten heraus – alles und mehr kann kommen, so oder anders…

SUPER SIMPLE SOLUTION No 24 – Glück und Seligkeit

Nur ein Stück vom Glück?

Was macht uns wirklich glücklich? Ist es, dass wir Glück haben, also der sprichwörtliche „Lottogewinn“ in all seinen von uns erträumten Varianten? Oder sind es doch bestimmte, noch zu erlangende Umstände, die uns glücklich werden lassen: der Ring am Finger oder das eigene Baby, der coolste Job auf Erden oder massig Ruhm und Ehre? Lässt unsere Herzen vielleicht die pure Vorfreude (etwa auf den Urlaub, das romantische Dinner, das perfekte Weihnachtsfest) oder die Lust an der Sehnsucht (nach der nächsten Liebesnacht, dem idealen Partner, dem schönsten aller Zuhauses) höher schlagen? Mit größter Wahrscheinlichkeit führen alle diese Faktoren zu vorübergehenden Glücksmomenten. Was aber hält uns auf Dauer zentriert im richtigen Hormoncocktail, in der runden Stimmung, im geistigen Reichtum? Die „glücklichen Umstände“ vermögen genau dies nicht zu leisten. Dauerhaftes Glück entfaltet sich vielmehr entlang einer bunten Farbpalette ineinander übergehender Aspekte der tiefen Verbundenheit: Mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt – und mit dem Großen Ganzen.

Solche Augenblicke tiefer Verbundenheit entstehen im inneren Freiraum, im aufgabenfreien Zwischenraum, im Unverplanten, in den Lücken zwischen allem und jedem. Diese Lücken sind die Tore zum Ungeahnten, sie bilden die Brücken zum Einssein.

Worauf blicken wir, wenn wir durch diese Spalten in unserer gewohnten Realität hindurch schauen? Und was lassen wir von dort an uns heran, was kommt bei uns an?

Eine kleine Geschichte

Unlängst besuchte ich eine Lesung des Autors Daniel Kehlmann. Das Gespräch auf der Bühne begann damit, rund um Trumps Wahlsieg und die Unglaublichkeit desselben zu kreisen. Ich wollte innerlich schon abschalten, dachte ich hätte bereits alles darüber gelesen, gehört, gesagt, auch ausreichend eigenen Senf dazu geschrieben. Kurz davor, enttäuscht aufzustehen und zu gehen, kippte das Gespräch. Es kippte hinein in die Novelle Kehlmanns. Seine Geschichte handelt von der Auflösung der Wirklichkeit. Von der Unsicherheit, die einen Menschen völlig gefangen nehmen kann, von der Unentrinnbarkeit der Lücken im Leben. Alles dreht sich um die völlige Bemächtigung der Sichtweise, der Wahrnehmungsfähigkeit und des Wesens des Ich-Erzählers durch das, was außerhalb seines Horizonts liegt. Die Öffnungen zu anderen Erlebniswelten pirschen sich an ihn heran, färben seinen Gefühlshaushalt neu ein und vereinnahmen ihn dadurch Stück für Stück. Die Novelle macht auch beim Zuhören Angst. Weil sie jene Möglichkeiten unfassbar spürbar schildert, die eigentlich ungreifbar sein müssten und dennoch zu präsent sind, als dass sich der Protagonist noch an seine bisherige Realität klammern könnte.

Mitten in dieser Lesung war ich mitten in einer Lücke gelandet, in jenem Bruch, der unsere Welt derzeit erschüttert. Mehr noch: ich war nicht nur mitten im Erleben der Bruches, von dem sich noch nicht zeigt ob er der Anfang eines Zusammenbruchs oder der Aufruf zum Aufbruch ist. Ich war zudem in Mitten des Reflektierens darüber, des Redens über das Lückenhafte, das Unglaublich Reale, das Neue Andere im derzeitigen gesellschaftlichen Bewusstsein gelandet. Das irgendwie noch Unwirklich Wirkende aber zugleich Tatsächlich Geschehende wird von Kehlmann dabei nicht als aussichtsreicher Möglichkeitsraum dargestellt, sondern de facto als Horrorszenario. Das trifft den Nagel auf den Kopf, nämlich auf den Kopf jener Menschen, die derzeit nicht so recht wissen, wie sie mit den Brüchen in ihrer, in unserer Wirklichkeit umgehen sollen.

Die Tücke der Lücke

Dass wir in unsicheren Zeiten leben, wissen wir. Sicherheitslücken soweit das Auge reicht. Dass die Gesellschaft sich selbst nicht mehr zu verstehen glaubt, bekommen wir mit jedem „unerklärlichen“ Wahlerfolg und in den diesbezüglichen Kommentaren vermittelt. Vertrauenslücken wohin das Auge blickt.

Im Laufe der Lesung wurde mir die absolute Unentrinnbarkeit, die unsere emotionale Sicht auf das Vage unserer Realität in Bezug auf unsere Erfahrung der Wirklichkeit hat, richtig deutlich vor Augen geführt. Das Problem mit der Offenheit ist, dass wir nicht kontrollieren können, was durch sie hindurch tritt. Die Herausforderung liegt also darin, anzuerkennen, dass unsere Sichtweise auf die Brüche unserer Welt mitbestimmt, was durch sie auf uns zukommt. Dadurch gestalten wir im Hier und Jetzt unsere Zukunft, selbst wenn wir nicht einmal verstehen, was im Hier und Jetzt geschieht. Nennen wir es der Einfachheit halber self-fullfilling-prophecy: Wir sehen, was wir sehen können (wollen) und kreieren damit, was wir erleben werden. Und offenbar sehen derzeit viele Menschen die Zukunft – also was durch die Risse in unserer Wirklichkeit auf uns zukommt – eher schwarz. Nur wenige Menschen sehen strahlend weiß und völlig unbekannt viele sehen bunt.

Bunt sehen zu können heißt, die Lückenhaftigkeit als Teil des Gemäldes seines Lebens wahrzunehmen. Wer bunt sieht, der kann die Bruchlinien in der eigenen Realität, aus denen das Leben mittlerweile nicht mehr nur an den Rändern des Scheinwerfers unseres Blickwinkels besteht, zum ersten einmal erkennen. Buntseher sind zweitens dazu in der Lage, die mit der eigenen Selbst- und Welt-Wahrnehmung interferierenden, reinsickernden Wirklichkeiten anzuerkennen. Und sie können noch mehr. Sie sind drittens dazu im Stande, von rein Sehenden zu den Malern der Wirklichkeit zu werden, indem sie ihre Fähigkeit, durch ihre Wahrnehmung die Form der Interferenzen zu beeinflussen, entwickeln.

Kennzeichen der Seligkeit

Selig sind die, die bunt sehen.

Denn sie lassen sich überraschen. Von Angst, von Lust, von Freude, von Frust.

Selig sind die, die das Leben als das sehen, was es ist.

Als Wunder und Wahnsinn, einzigartig und bedeutungslos angesichts der Weite des Raums und der Vergänglichkeit der Zeit.

Selig sind die, aus deren Lücken Licht strömt.

Denn sie werden die Zukunft auf eine Art beeinflussen, die das Leben lebenswerter macht.

Glückskinder

Glückskinder leben jenseits vom Glauben und diesseits der Angst.

Wer ist ein solches Kind des Glücks? Das Bild meiner alten Großmutter kommt mir in den Sinn. Besonders ihre Augen. Sie war als Jugendliche nahezu blind gewesen. Seither (und nach dem Krieg) erfüllte sie eine unerschütterliche Freude am Leben zu sein und das Leben zu sehen. Diese Freude strahlte durch ihre Augen. Sie waren stets hellblau und zugleich tiefdunkel. Denn sie sah mit ihnen durch die Oberfläche hindurch. Sie erkannte das Lückenhafte in Menschen, sah die Bruchstellen in Selbstbildern, die Ungereimtheiten der Welt, die Unbestimmtheit der Zukunft. Und was sie sah bewegte sie zutiefst. Ihre Augen waren glänzend vor Mitgefühl mit all jenen, die die Großartigkeit zu Sein und zu Sehen nicht spürten und daher sich und anderen Leid zufügten. Sie tat nichts mehr, nichts anderes, nichts Besonderes, außer zu sehen und zu lächeln und ab und zu aus vollem Herzen leise zu singen. Sie war kugelrund und liebte das Leben. Und weil sie rund mit sich war, liebte das Leben sie zurück.

Die Welt ist rund und wir sind am Leben.

Was siehst Du, Glückskind?