Surprising Salon Session No 6: Blubbern in der Blase

Life in a Fishbowl

Leben wir nicht alle in unserer eigenen Blase? Notgedrungen – oder auch selbstgewählt – tun wir das, ganz von Selbst. Im wahrsten Wortsinn: Die Blase geht ganz von uns alleine aus. Weil wir unsere eigene Lebenssicht aufgrund ihrer deutlich spürbaren Erfahrbarkeit für vorrangig gültig erachten. Aber selbst im Resonanzraum mit anderen lässt es sich wunderbar in der eigenen Sichtweise einigeln: Im sozialen Netzwerk geht das wahrlich ganz automatisch. Durch automatisierte Algorithmen werden uns nur solche Nachrichten gezeigt, die unseren likes, shares und Surfgewohnheiten entsprechen. Je weniger Kontakt zur Außenwelt wir haben, desto ungestörter können wir letztendlich in unserer eigenen Welt umherblubbern. Je weniger wir uns der rauen Andersartigkeit der un-fassbar Anderen stellen, umso geschmeidiger lässt sichs im eigenen Dunstkreis leben. Scheints. Bis wir dann mit Wahlergebnissen oder frisch gebackenen Despoten, die offenbar niemand aufhalten kann, konfrontiert werden. Sie führen uns unleugbar vor Augen: Die Welt kann auch anders. Gewaltig anders.

Seemannsgarn

Was ist schon wirklich wahr und was ist völlig falsch? Auf diese Frage gibt Die Blase nur vordergründig eine Antwort. Sie sagt: „Hier drin ist alles wahr! Da draußen sind die Übeltäter, die Deppen, die manipulierenden Wirklichkeitsverzerrer und die dem Wahnsinn der vielfältigen Variationen der Wirklichkeitsbetrachtung und verwirrend kompizierten Realitätsdarstellung Verfallenen!“ Dann ist von Den Linken, Den Rechten, Der EU oder Den Politikern, sogar Den „Experten“– je nachdem, welchen Namen man dem aktuellen Feindbild seines Gustos gibt, die Rede. Interessanterweise identifizieren sich von den vermeintlich „Rechten“ gar nicht mal so wahnsinnig viele mit aggressivem Rechtsextremismus. Und die vermeintlichen „Linken“ sind bei Weitem nicht alle Ökofreaks, anarchish-asozial oder Alternative. Die EU sind sogar alle  Staaten gemeinsam, jeder einzelne macht die EU insgesamt aus. Das will schon gar niemand hören. Was aber alle hören wollen ist: Das sie selbst richtig liegen und die anderen nicht. Die Anderen sind Schuld an Der Tragödie der Welt. Am drohenden Untergang. An der Unfairness. An der trüben Zukunft. An der Bereicherung der Reichen, am Verlust der Demokratie etc…

Sirenengesang

Eine gültige Antwort auf die Frage nach Der Wahren Wirklichkeit kann man sich leider (sprichwörtlich leider, weil mit leidvoller Mühsal der Auseinandersetzung und Selbst-Relativierung verbunden) nur im Diskurs, im Vergleichen, im Prüfen und im Forschen, im Austausch – und viel zu oft eigentlich erst im Nachhinein – selbst erarbeiten. Denn Die Wirklichkeit, sie hat einen Haken. Sie ist für jeden von uns einzigartig. Wir sind es, die mit unseren Augen und Ohren das, was ist und so, wie es uns erscheint, für wahr nehmen. Dazu kommt aber dass das, was wir erfahren und wie wir das Erfahrene aufnehmen und empfinden, empfindlich davon mitgeprägt wird, wie andere agieren, reagieren und mit uns interagieren. Wir sind ungeachtet unserer direkten Erlebnisüberzeugung absolut nicht autark in unserem Urteils- und Entscheidungsverfahren. Wir sind zutiefst abhängig von der Meinung anderer. Hören wir immer nur dasselbe von allen Seiten, so sollten wir daher höchst aufmerksam werden. Denn es gibt sie nicht, Die Eine Wahrheit. Wer sie verspricht, der will etwas von uns. Wir sollen mit unserer Stimme bezahlen, mit klicks und Daten, mit Wahlkreuzchen und Freundesmanipulation. Das alles geschieht oft unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle und wir handeln oft ohne, dass wir uns bewusst dafür entscheiden.

Pfui Teufel!

Na geh. Blöd. Wonach suchen wir dann, wenn es Die Eine Wahre Wirklichkeit nicht gibt? Und vor allem: Was finden wir, wenn wir nach Der Wahrheit suchen? Wir finden stets – egal ob wir suchen oder nicht – in jedem Moment unseres Lebens eine Bestätigung oder Abweichung unserer Erwartungen. Aus der Unterscheidung zwischen innerem Ideal und Erlebnis formen wir Sinn und Bedeutung, unsere Selbst- und Weltsicht. Da kann die Mathematik noch so eine logische Wissenschaft sein. Da können die Naturwissenschaften noch so strengen Regeln der Überprüfbarkeit, des versuchsmäßigen Widerholbarkeit, des argumentativen Nachvollzugs aufweisen. Und die Meinungsforschung oder Wirtschaftswissenschaft (geschweige denn die Finanzwelt) kann mit noch so schönen Zahlen protzen, mit statistischen Wahrscheinlichkeit, mit Risikoberechnungen und Unwahrscheinlichkeitsfaktoren daher kommen. Alle, wirklich alle Zugänge zur Wirklichkeitsdarstellung sind selbstreferenziell: Sie überprüfen immer nur eigens angefertigte Annahmen. Und dennoch kommen sie, die selbstbezüglichen Wissenschaften, Der Realität etwas näher als es Der Glauben vermag. Denn eine reine Beurteilung des Erlebten auf Basis von angenommenen Ideen schränkt die Diskursfähigkeit maximal ein. Da ist nicht mal mehr Platz für Verifikation, Testergebnisse, Zweifel oder relative Gültigkeit, Beobachterbezüglichkeit & Co. Dann ist alles vom Dogma Abweichende Der Teufel. Bloss machen solche absoluten Beurteilungen die Wirklichkeit nicht weniger komplex. Sie limitieren nur die möglichen Betrachtungswinkel und Handlungsoptionen… Und daran zu glauben, dass es Einen Anderen Feind gibt, den es zu bekämpfen gilt, damit dann Alles Besser wird, ist nichts anderes als zu Glauben. Glauben, Hoffen und Ver-Teufeln passen irgendwie zusammen. Doch wie durchbrechen wir die selbstbezüglichen Zirkel? Wir kommen wir hinaus aus unserer Haut, aus unseren Ängsten und Hoffnungen und hinein in die unendlich komplexe, vielfältige Welt voller ungeahnter Möglichkeiten?

Raus aus dem Aquarium

Es führt einfach kein Weg vorbei. An der Auseinandersetzung mit all dem, was wir nicht wissen und was sonst noch alles sein kann. Außer wir betrügen uns selbst und belügen einander, um unseren inneren Frieden aufrechtzuerhalten. Was aber nicht funktioniert. Da wir, um unsere eigene Sichtweise entgegen die der Anderen aufrechterhalten zu können anfangen, dafür – und gegen die Anderen – vehement zu kämpfen. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ (man weiß leider nicht, ob dieser Satz tatsächlich von Sokrates stammt, oder aber auf Platons oder Ciceros Kappe geht), heißt es so schön. Aber hilft das im Alltag? Ja, dieser Satz hilft, sich nicht im Käfig der eigenen Sichtweisen, Erwartungen und Glaubenssätze selbst einzusperren. Aber was dann?

Jump!

Zeit für einen Sprung ins Ungewisse. Zeit für eine Relativierung aller Annahmen. Zeit für grenzenlose Wahr-Nehmung von Anderen. Ich habe zum Beispiel einige „Freunde“ auf Facebook, die völlig andere Dinge posten, als ich. Deren Meinung ich überhaupt nicht teile. Nur um zu wissen, wie diese Weltsicht argumentiert und „tickt“. Damit ich mich mit dieser Sichtweise auseinandersetzen kann. Es gibt Freunde, die dies ebenso handhaben. Und es gibt Freunde, die Die Anderen lieber verteufeln. Mit diesem Urteil ist aber nur ihnen selbst geholfen, denn es führt nicht zu einer echten Auseinandersetzung. Um zum Diskurs zu kommen, muss man sich wohl hineinbegeben in die Welt, die Gefühle, die Argumente Der Anderen. Unangenehm. Aber auch erhellend.

Vorsicht Falle

Das besonders Unangenehme ist das Hetzerische, Angstschürende, Reißerische, Schwarz-Weiße an den Postings Der Anderen. Sie zielen darauf ab, dass Menschen sich angegriffen fühlen, sich aufregen, sich bedroht oder hilflos ausgeliefert fühlen. Wer Angst schürt erntet Menschen, die daraufhin entweder in die Autoaggression (=Depression, Ohnmacht, Ignoranz, Starre à la „man kann eh nix machen“) oder in die Aggression gehen (abwehrend, laut und angriffig werden). In beiden Stressreaktionsmustern kann man evolutionär bedingt nicht gut denken, da handelt dann der Instinkt. Und der fühlt sich immer richtig an! Denn er will uns ja nur schützen. Fight or flight. Wenn wir uns also mit der Dunklen Seite der Macht, die zum Teil noch kommunikationstechnisch äußerst geschult ist, auseinandersetzen, sollten wir besonders auf unsere eigenen Gefühle achten: Regen wir uns auf, fühlen wir uns in unseren Werten angegriffen, wollen wir uns selbst oder jemanden beschützen? DANN GEHT DEREN KOMMUNIKATIONSSTRATEGIE AUF. So einfach ist das. Aber daran sind wir dann nicht unbeteiligt. So viel Wahrheit muss sein!

Achtung Ausweg

Das Wichtigste ist jetzt, nicht in Saft zu gehen, denn sonst verstärken wir die Negativität, schüren weiter Angst und Wut. In uns und außerhalb. Trotz und im Angesicht emotionaler Manipulationstechniken gilt es, einen kühlen Kopf, ein offenes Herz und ein tatkräftiges Wesen zu behalten. Und dann? Dann gilt es, Das Richtigste zu tun, wozu wir in der Lage sind. Das kann ein direktes und souveränes „Nein, der Ansicht bin ich nicht“ sein. Das kann Nachdenken und eine innere Auseinandersetzung sein. Das kann der Versuch sein, durch Nachfragen, was jemandem persönlich nahe geht, eine Verbindung herzustellen, um herauszufinden, welches Bedürfnis Der Andere eigentlich wirklich hat. Aber in the long run läuft alles auf eine größere Bewegung hinaus, geht über uns selbst hinaus. Es gilt, die Ängste und Frustrationen, die Aggression und fehlenden Zukunftsaussichten von so vielen in sinnvolle und konstruktive Tätigkeit für uns alle statt gegen andere zu kanalisieren. Der Kampf der Zukunft wird sich genau um die Frage drehen, wer mehr Menschen für seine Sache aktivieren kann. Für oder Gegen – das ist hier die Frage. Und seien wir uns einer Tatsache sicher: Unsere eigene Blase wird uns stets ihre Sicht der Dinge subtil und kaum wahrnehmbar vermitteln. Wer letztendlich hinter Den Meldungen des Tages steckt und was er damit bezweckt, dessen können wir uns wahrscheinlich nicht immer sicher sein. Nur wie wir selbst agieren und auf Andere reagieren liegt weitgehend in unserer eigenen Hand. Reich mir die Hand fürs Leben, flüstert der kleine Fisch in seiner Blubberblase. Und bringt mich zum Lächeln.

Advertisements

Surprising Salon Session No 5: Ein Gedicht, dieses Leben

Das Gedicht meines Lebens…

…hängt gleich hier bei mir, über meinem Schreibtisch. Dieser wunderbar von der Zeit zermürbte Zettel begleitet mich schon ziemlich genau mein halbes Leben lang. Er kam mit, wo auch immer ich war. Nun sieht er tatsächlich etwas mitgenommen aus. Das Gedicht hat schon einiges gesehen, es hat ein Eigenleben, eine Eigenfarbe. Es gibt mir Rat und Inspiration. Danke Peter Handke. Danke Natalie, Du Wunderbare, von der ich diesen Zettel anno dazumals in Hamburg in die Hand – nein: in mein Leben gedrückt bekam.

Es ist für mich eine Art Lebensratgeber. Mutspender. Aufrichter. Weg-Weiser. Es streicht das Wirklich Wichtige hervor, ohne das Wunderbar Unwichtige auszulassen. Es erinnert mich daran, dass das Leben ist, was wir daraus machen. Noch so ein Spruch, der in meiner Wohnung herumhängt. Eine Postkarte aus meiner Lieblingsbar. Öfter mal schreibe ich mir Briefe an mein zukünftiges, potenzielles Ich auf eine solche Postkarte. Nach dem einen oder anderen Bier. Da stehen dann Sachen drauf wie „Hold the One and Only Space“ oder so. Dinge, die wahrscheinlich (fast) nur ich verstehe. Aber…

Wer versteht einen schon wirklich?

Seien wir uns mal ehrlich. Wir glauben, einander zuzuhören, einander nachvollziehen zu können. Aber niemand steckt in unserer Haut, hat erlebt, was wir erlebt haben, sieht die Welt, so wie wir selbst. Daher ist es ja so wichtig, in seinen Eigenfarben zu erstrahlen, wie Handke so schön schreibt. Erst wenn wir uns zeigen, das Einzigartige sichtbar machen, uns so ausdrücken, dass wir uns nicht anpassen, um zu gefallen, sondern verfassen, was uns gefällt, werden wir greifbar. Angreifbar. Natürlich auch kritisierbar. Sich zu zeigen kann dazu führen, dass wir uns noch unverstandener fühlen als je zuvor. Der Kitt der Konvention zerbröselt. Die Schutzschicht des Selbstverständlichen blättert ab. Die nackte Soheit übernimmt das Ruder. So ohne Panzer kann das Leben dann auch hart und kalt sein. Wollen wir nicht alle irgendwie irgendwo dazu gehören?

Nein.

Wir wollen nicht irgendwie oder irgendwo hin gehören. Wir wollen Menschen um uns, die uns so sehen, wie wir sind und so nehmen, wie wir uns geben und so verstehen, wie wir es tatsächlich meinen. So gut, so wahr. Aber wo sind solche Menschen? Gibt es sie überhaupt?

Ja.

Warum? Weil ich es weiß. Sie sind überall. Aber sie zeigen sich erst, wenn wir uns zeigen. Sie nehmen uns erst wahr, wenn wir uns offenbaren. Eben auch auf die Gefahr hin, enttäuscht, verraten und verkauft zu werden. No risk, no joy. Besser noch: No openness, no connectedness. Aber reicht es, von anderen wirklich nur wahrgenommen zu werden?

Ja und Nein.

Denn noch viel schwieriger ist es, andere zu sehen, wie sie sind – und sein zu lassen, wer sie sind. Ohne einzugreifen, zu kommentieren, besserzuwissen, zu regulieren. Ohne zu bewerten und sich einzumischen. Verbundenheit entsteht weniger durch die Diskussion um das Eine oder Andere. Sie entsteht vielmehr im Zwischenraum des Sprachlosen. Im Augenblick, der nicht verrinnt. Im Raum der höchst aufmerksamen und zugleich absichtslosen Gedankenfreiheit. Im Zustand der Weite und der Druckfreiheit. Dort und dann, wo und wann wir nichts mehr wollen. Nicht für uns, nicht für andere.

Echt jetzt?

Echt. Jetzt.

Surprising Salon Session No 4: WOHL & WOLLEN

Die Oma im Schafspelz

Da liegt ein Schaffell in meinem großen Zimmer und wohl-wollt so vor sich hin.

Meine Oma weich-wärmte frühmorgens ihr Wesen darauf an, was ihr ein strahlendes Lächeln bescherte. Jeden Tag am frühen Morgen, als sie aus ihrem Schrankbett im „Kabinett“ aufstand, war es soweit: Die Luft war ausgekühlt in ihrer winzigen Wohnung, die zumeist nur von einem kleinen Kohlenofen beheizt wurde. Sie streckte die Füße über den Bettrand herunter. Und dann kam dieser kostbare Moment, als sie eben noch nicht den harten kalten Boden der Realität berührte. Der Moment, in dem sie ihre Seele an der Weichheit des Fells erwärmte. Über ihre neugierig in das Fell vorfühlenden Fusssohlen übertrug sich ein immenses Wohlgefühl auf ihren ganzen Körper. Es landete über einen ausgiebigen Zwischenstopp in ihrem Herzen, der mit einem zufriedenen Seufzer quittiert wurde, sodann in ihrem liebevoll-lustigen Gesicht. Worauf sie einen weiteren Tag mit ihrem unvergleichlich sonnigen Lächeln begrüßen konnte. Dem Schaf sein Dank.

Die gute alte Zeit?

Kleine Dinge wie dieses Schaffell hatten mal große Bedeutung. Bevor der Konsumwahn unsere Sensorien für das bereits Existierende abstumpfen ließ. Bevor das „immer mehr, immer intensiver, immer neu(er)“ das „es ist einfach wunderbar, so wie es ist“ verdrängte. Nicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Um beim Beispiel meiner Oma zu bleiben: Sie hatte bereits so viel Gräuel im Leben gesehen, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als das Schöne und Weiche in und um sich zu erspüren, denn Zerbrechen war keine Option. Das Leben was zu kostbar. Dieses tief empfundene Wissen brachte sie dazu, aus einem weit offenen Herz heraus zu strahlen. Sie wirkte auf ihre eigene Art höchst eindringlich. Ihr ganzes Wesen sprach: Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen, seelenlosen, herzlosen Dingen zu verschwenden. Das Schaffell erinnert mich daran, dass auch Engel gern mal ihre Seele wärmen.

Weicher als Wolle(n)

Weich ist es, das Fell – und eigentlich ganz klein. Vielleicht von einem Lamm? Wurde es verspeist, damals, vor erahnten Ewigkeiten? Nur seine Weichheit ist geblieben. Ganz anders, als wenn es verarbeitet worden wäre, zu Wolle etwa. Warum ist ein ganzes Schaffell weicher als Schafwolle? Kann es daran liegen, dass in der Wolle, im aktiven Akt der Umwandlung des lebendigen Einen in ein nutzbares Anderes die reine Intention zur „Ver-Wert-ung“ zu fühlbarer Härte, zu Steifheit führt? Zugegeben, das scheint weich, äh: weit hergeholt. Dennoch steht fest: Das Fell ist unvergleichlich weich, und wärmt auch noch ohne dem Schaf darin. Es liegt und lockt hier in meinem Salon so vor sich und mich hin. Meine Augen berühren es, wenn ich am Computer sitzend nach links vorne blicke und unbewusst nach Inspiration suche. Oder nach Halt. Es strahlt selbst auf diese Distanz seine unvergleichliche Wärme aus, fast wie ein Kamin. „Weich und warm“ gehören zum gefühlten Anblick eines Schafspelzes schlicht dazu. Nur wo sich das Wollen unter der verführerischen Weichheit tarnt, da ist der Wolf nicht weit…

Weh und Wo(h)l(f)

Wohl-Wollen muss man zwar schon auch wollen. Aber nicht aus einem Zielbewusstsein heraus, nicht als Aufgabe, nicht als Mittel zum Zweck. Das wäre dann der Wolf im Schafspelz: egoistisch am eigenen Vorteil interessiert. Das Wohl der anderen vorschiebend, um das eigene Wollen zu rechtfertigen. „Es geschieht ja nur zu ihrem Besten!“ lautet so ein Satz wohl-wollender Machtbesessener. Mir fallen da etwa jene harten, herrischen Damen ein, die in karitativen Einrichtungen die Stimmung aller Frei-Willigen ordentlich mit Missmut, Aggression und Rechthaberei vermiesen. Oder jene selbstsüchtigen Herren in gewissen Schlüsselpositionen, die sich ihre „Hilfsbereitschaft“ in Form von Genehmigungen, Empfehlungen an den „richtigen“ Stellen, wesentlichen Informationen, Vor-Reihungen etc. ordentlich „bar auf die Kralle“ oder á la „eine Hand wäscht die andere“ vergüten lassen. Bei diesen Menschen wiegt das Wollen schwerer als das Wohl. Und die Weichheit weicht der Härte.

Wohltuendes Wollen

Echtes, wohliges Wohlwollen kommt aus der unendlichen Tiefe eines weit offenen Herzens. Das Herz öffnet sich aber erst dann mutig und letztendlich, wenn es nach vielen Erlebnissen, positiven wie negativen, mit einem Mal grenzenlos wird, weil es offen gelassen bleibt. Es spürt dann alles mit. Innen und Außen fliessen in einander, ganz ohne Sollen und Wollen. Diese Fähigkeit zu erlangen und mit ihr umzugehen bedarf zum einen der Erfahrung und zum anderen einer Entscheidung: Statt einen Schutzzaun aus Stacheldraht um das Verletzlichste in sich zu ziehen, erwächst wesen-tliche Verbundenheit auf dem weichen Boden der verinnerlichten Einsicht: Erst Mit-Gefühl wärmt die Seele. Die eigene und die anderer. Das zu lernen, braucht manchmal eine gehörige Portion an leidvoller Erfahrung.

So hat der Krieg das Herz meines Großvaters schwer getroffen. Manche haben in dieser Zeit ihr Herz ganz dem Schrecken geopfert. Andere haben überlebt, innerlich wie äußerlich. Sie leben Dankbarkeit und Freude, inneren Frieden und eben auch Mit-Gefühl. Ohne letzteres wäre wohl nur Vergessen möglich. Das Große, weil weit offene Herz vermag zu verzeihen, selbst wenn – nein, gerade weil es keinen Grund dazu hat. Denn das Herz selbst ist grund-los, seine Tiefe unergründlich, sein Raum unermesslich. Mit-Gefühl entspringt nicht nur dem Verständnis über die Wirren und Winkel des Menschlichen, Allzumenschlichen. Es entspringt auch dem Unwillen, sich zu verschließen. Und dem Wissen, dass man sich im Verschliessen vor der Welt auf einen harten Kern beschränken, sich selbst verkleinern, seine Möglichkeiten schrumpfen lassen würde. Mit-Gefühl erwächst schlussendlich auch aus dem Unvermögen wegzusehen, weil das Weg-Fühlen nicht (mehr) geht.

Wohl-Wollen ohne Ende?

Aber immer mitfühlend, unablässig Sorge für andere tragend, ständig für andere da seiend zu sein – das ist ein schwere Übung. Sind wir müde, haben uns einen Tag (oder viele Tage) lang um die Bürden und Nöte anderer gekümmert, sie aufgemuntert oder ihnen geholfen, sich selbst wieder zu finden, so können wir an einen Punkt kommen, an dem aus dem fruchtbaren Boden des Mitgefühls in uns die Erde mangels Aufmerksamkeit auf uns selbst schon mal kalt und hart wird. Wenn es zu viel war, wir ausgebrannt sind, echte Ruhe brauchen, dann scheint das un-eingeschränkte Mitgefühl zusätzlich unseren Energiehaushalt abzusaugen. Bodenlose Trauer, Depression, Ohnmacht oder Wut, Ablenkungen, fanatisches Abgrenzen, Schuldzuweisen oder Süchte können die Folgen sein. Spätestens dann wird es Zeit, die Füße auf ein warmes, weiches Schaffell zu stellen und zu lächeln.

Danke an all die Schafe dieser Welt…

…und an all die unzähligen liebevollen Wesen, die mit ihrer Wärme dafür sorgen, dass wir in lichten wie in schlechten Zeiten unsere Herzen öffnen können. Auf dass wir durch ihre Weichheit unser Wollen loslassen und wohlig in uns ankommen.

 

 

Surprising Salon Session No 3: WENN DER STEIN VOM HERZEN FÄLLT

Wie schwer wiegt die Liebe?

Da liegt ein großes, schweres Trumm aus Stein in meinem Heim. Es schallt im Stillen lauthals vor sich hin: Die Große Liebe! Es gibt sie! So sicher wie die Unverwüstlichkeit, die Unsterblichkeit, die Leblosigkeit selbst – eben wie: das Ewige am Stein. Das Herz aus Stein ist ziemlich groß, nicht zu übersehen, nicht leicht zu tragen. Nimmt man ihn auf, so zieht er einen runter.

Was sagt uns das?

Die Große Liebe

Ja, es gibt sie. Doch sie sie zu finden ist nicht leicht, sagt schon das Märchen und lehrt das Leben. Obwohl es das doch eigentlich sein sollte, seien wir uns mal ehrlich: Wie schön wäre ein Leben in liebevoller Verbundenheit, wo jeder Mensch glücklich mit anderen verbunden ist. Garten Eden, oder? Die Schwierigkeit, also das Schwere daran ist, dass die Große Liebe für jeden von uns gravierend anders aussieht. Die unüberbrückbare Unterschiedlichkeit unserer Vorstellungen zieht uns im Alltag des Erlebens runter. Wir wissen, dass es, das Große Lieben, möglich ist. Aber irgendwie will‘s nie so richtig passen. Ja sind denn alle rund um uns ver-rückt? Oder gar aus Stein? Nein!

Wonach wir suchen, und warum wir nicht finden

Die einen haben Idealvorstellungen und finden daher – völlig folgerichtig – die  Große Liebe nur in jemandem Unerreichbaren, Perfekten, Erträumten. Das ist ein Mensch (?), der den Traum durch seine lebendige Präsenz nicht zerstört. Indem er/sie nicht wirklich Da ist, kann er/sie ewig und drei Tage König, Königin unseres Luftschlosses bleiben. Mit einer solchen schönen Vorstellung lebend kann man ungestört von jeglicher öden Realität und vom lähmenden Alltag gem-einsam alt werden. Das Subjekt der Begierde braucht nicht einmal von seiner „Auserkohrenheit“ zu wissen. Praktisch eigentlich. Nur ein bisschen einseitig vielleicht ab und an…

Für die anderen ist die Große Liebe ein Mensch auf der gleichen Wellenlänge. Er/sie hat die gleichen Wertvorstellungen oder ähnliche Probleme oder gleiche Interessen. Solange sich nichts an dieser gleichen Ausrichtung und an den ähnlichen Prioritäten im Leben verändert, kann so eine Beziehung ein Leben lang halten. Dass sich aber tatsächlich in einer Lebensspanne nichts ändert, ist höchst unwahrscheinlich. Schweren Herzens schlägt das Erkennen der tiefen Kluft zwischen gewohnheitsmäßiger Erwartung eines ewigen „Wir“ und alltäglicher Einsamkeit der „jeder tut, was ansteht“ irgendwann mit aller Macht zu. Wir ist eine Illusion, sobald der Bezug zum Ich verloren geht und die beiden Dus einander nicht mehr begegnen.

Dritte wiederum ergänzen einander in ihren Bedürfnissen und Mustern. So ist einer vielleicht bestimmend, der andere lässt sich bestimmen. Auch das kann sehr befriedigend sein und lange Zeit einen großen Reiz ausüben. Man passt zusammen, wie zwei Hälften ein Ganzes ergeben. Bis andere Bedürfnisse auftauchen oder die Persönlichkeiten sich wo anders hin entwickeln…

Der Stein, der auf dem Herzen liegt

Der Stein lebt ewig, er harrt so vor sich hin. Er ist. Auch wir sind. Und wir warten. Wir leben in Erwartung. Er-warten vielleicht die Liebe auf den ersten Blick, ein Gefühl, als würde, „der Blitz einschlagen“. Oder auf den Einen Seelenverwandten „da draussen“, auf jemanden mit dem wir in alle Ewigkeit untrennbar tief verbunden sind. Andere warten darauf, zu Zweit endlich Eins zu sein. Aber ganz egal, welche Vorstellung jemand von der Große Liebe hat: Sie ist jedenfalls exklusiv, geschieht nur selten und wenn man sie gefunden hat, dann ist die Suche vorbei. Dann sind wir angekommen und es beginnt der „Ernst des Lebens“…

Irgendwie nicht sehr verlockend, oder? Was ist, wenn das Suchen mehr Spaß macht, als das Finden? Was ist, wenn das Gefundene nicht Das Richtige war? Was ist, wenn das Warten mehr ewige Wahrheit verspricht als das…ja was ist eigentlich das Gegenteil von Warten? Das Tun? Das Sein? Das Werden? Klingt dann doch irgendwie anstrengend. Warten und Tee trinken, träumen und sehnsüchteln. Hach, ungetrübte Freuden des Lebens. Sie können nicht enttäuscht werden. Nur mit der Einsamkeit gilt es ab und an noch umzugehen. Wem es gelingt, dem fällt ein Stein vom Herzen. Oder?

Wahre Liebe

Wenn der Stein, der hier in meinem Salon mit seinen Assoziationswelten so gemein schwer vor sich hin wiegt, seine zeitlose Wahrheit spricht, so flüstert er hinein ins Unbewusste: Liebe. Ja! Groß. Gerne! Aber Vorsicht: Harte Schale. Das Herz gibt’s nur als Form. Der Inhalt? Ist aus Stein.

So ist das mit der Großen Liebe, der Vorstellung und der Erwartung. Schöne Form, lebloser Inhalt. Es wird Zeit für eine neue Deutung der Großen Liebe. Zeit, die Zeichen lebhafter, lebbarer zu deuten. Nicht herzlos, schwer und belastend soll die Liebe sein. Vielmehr herzlich, lebendig und leicht – das ist es doch, worum es geht. Es gilt, die Liebe aus ihrem engen, unbeweglichen Korsett unserer Hoffnungen und Ängste heraus zu entlassen. Damit sie echt, wahr, wirklich werden kann. Damit wir sie atmen können wie Luft, anstatt sie in eine Form zu pressen, sie in Stein zu meisseln.Es wird Zeit für die Wahre Liebe.

Der Funke Wahrheit

Das Zeichen der Wahren Liebe ist nicht das Miteinander-Funktionieren oder das gegenseitige Erwartungen-Erfüllen und auch nicht das gemeinsam Bedürfnisse-Befriedigen. Sondern, dass Es Funkt. So ein Funke fährt uns durch und durch, aktiviert unseren Körper, berührt unser Herz, inspiriert unseren Geist. Entweder nur auf einer dieser Ebenen (Körper, Gefühl oder Geist). Oder der Funke bringt doch glatt unser gesamtes Wesen, also alle Ebenen zusammen zum Aufflackern und zum Lodern.

Das Schöne hierbei ist: Die Kunst des Funkenflugs kann gelernt werden. Bleiben Menschen sich selbst verbunden und in Bewegung (körperlich, emotional und geistig), so können sie das Feuer zwischen einander auch immer wieder entzünden, über die Zeit hinweg. Und noch eine frohe Botschaft: Auf diese Weise müssen und können wir nicht nur Den Einen Menschen lieben. Selbst im Angesicht von Treuegelöbnissen und anderen schwer wiegenden Gewissensfragen können wir die Funken auf Herzens- und  Geistesebene getrost weiter fliegen lassen. Wer sagt, dass die Liebe in unserem Herzen, wenn wir einander wirklich vertrauen, tief im Inneren berühren, uns zu Tränen bewegen oder freudvoll stimmen, nur auf einen Menschen beschränkt sein muss? Warum im Himmels Willen (wessen Wille das auch immer sein mag), soll die Liebe des Lebens nicht mit vielen lieben und des Liebens fähigen Menschen teilbar sein?  Da geht es nicht ums Körperliche. Sondern eben ums Herz und den Geist. Und wenn es geistig „funkt“, dann inspirieren, verstehen oder erweitern wir einander in unseren Horizonten. Warum sollte diese Form des Leichter L(i)ebens nur mit einer Person geschehen oder machbar sein? Wozu ist das Leben denn da, wenn nicht, um die Kunst der Liebe auf allen Ebenen zu lernen und zu leben?

Eben. Und schon fällt er, der Stein vom Herzen…

Surprising Salon Session No 2: DIE TRUMPETE UND DER KNICK

Das Trumm des Tages

In meinem „Salon“ – dem großen Raum, in dem ich täglich schreibe und niemals schlafe, selten feiere und noch seltener fernsehe, meistens sitze und friere oder alternativ sitze und schwitze – da steht so allerlei herum. Wie auch dieses Trumm: Es tönt gar grässlich, wenn man darauf bläst. Daher hatte es meine Großmutter konsequenterweise auch einst aus dem Fenster geschmissen. Das war zu einer Zeit, als mein Vater noch ein des Trompetenspiels hartnäckigst unkundiger und zum lauten Getöse höchst williger Bub war.

Seither hat es, das Trumm, einen eleganten Knick im Rüssel, für den es sicher einen Fachbegriff gibt (für den Rüssel, nicht den Knick). Der Knick ist definitiv irgendwie cool. Wie eine wohlverdiente Narbe oder ein richtig böses Tattoo auf einer seidenzarten Pobacke. Er erinnert mich aus dem Augenwinkel – denn dort ist die Trompete platziert, schief stehend auf dem unbeachteten Flügel – ständig subtil daran, dass nichts im Leben wirklich glatt läuft. Mit einem Augenzwinkern sagt er, dass der Knick im Sein quasi mit eingebaut ist, serienmässig. Das Feature schlechthin, wenn man so will. Denn wer einen Knick hat, dem wird nicht fad. Und wer laut ist, der muss mit noch mehr Knicken rechnen. Der Lebensweg wird geradezu erst von Knicken ausgestaltet. Knicke werden Dingen und Menschen, Konzepten und Plänen, Erwartungen und Hoffnungen, Höhenflügen und Perfektionsvorstellungen immer wieder zugefügt. Knicke leiten hinein in die Realität, in den Tiefgang, ins Unglaubliche. Sie formen uns zu dem Menschen, der wir sind. Jeder Knick in unserer Optik bleibt erhalten – und sei es nur als Erinnerung. Ein Knick in der eigenen Optik, im Selbstbild und im Bild, das andere von uns haben, wird sukzessive eins mit dem Material, das uns ausmacht. Das muss uns nicht stören, das kann uns auch ehren.

Knickomat

Wir sind und wir werden immer wieder geknickt. Unser Blick fällt von ganz alleine auf die Knicke. In uns, um uns, bei anderen. Nicht das Gerade, Erwartbare fällt uns auf. Es ist das Außergewöhnliche, das uns unter Strom stellt, das die Alarmglocken zum Klingeln bringt. Es ist das nahende Ungeahnte, der nächste Knick im Lebenslauf, in der Gesundenakte, auf der Karriereleiter, im Beziehungsleben, der unsere Aufmerksamkeit magnetisch anzieht – weil er kommt. Und er kommt, weil er kommen muss. Der Fehlschlag ist der Große Bruder des Erfolges. Er lässt jeden Erfolg verblassen und damit zugleich über sich selbst hinaus wachsen. Wir überhöhen, was nicht (mehr) der Fall ist. Und wir konzentrieren uns auf das Unvollständige, das, was nicht sein soll. Meine Tante würde an dieser Stelle ihre Großtante und deren legendär einfache und zeitlos wahre Worten zitieren: „Immer is wos!“

Tröööt

Das Ding der Woche ist also ein(e) Trumm-Pete. Interessanterweise heißt mein Vater Peter. Er war einst also ein Trom-Peter. Aber zurück zum Eigentlichen. Der Knick und sein Grund. Der Grund war das Besonders Übel Laut Tönen, das Stören, das Unerträgliche Geräusch, das alle Aufmerksamkeit auf sich wie ein schwarzes Loch des So-Soll-Es-Nicht-Sein zog. Auch heute noch tönt es an allen Ecken und Enden unerträglich laut. In der Realität, im virtuellen Netz, in den Medien, in der Arbeit, in der Schule, zuhause beim Streiten. Menschen mit eigenen Meinungen haben die Macht, laut zu tönen. Aber sie nutzen diese Macht auffallend oft zum reinen Spaßhaben an der Lautstärke, zum puren Generieren von Aufmerksamkeit für sich anstatt zur Kommunikation hilfreicher Inhalte. Sie Trump-eten. Ja, auch der amerikanische Präsident stellt einen gewaltigen Knick in der Optik dar. Nicht nur der Optik Amerikas. Laut ist er, irgendwie verstörend. Aber aus dem Fenster werfen kann man ihn nicht. Er selbst hat wahrscheinlich auch den einen oder anderen Knick weg – oder vielleicht gerade nicht? Vielleicht ist er so ein lautes Trumpeltier, weil ihm noch niemand einen echten Knick verpasst hat, der ihn von der oberflächlichen Sucht nach Aufmerksamkeit in die Tiefe der Selbstbetrachtung geführt hätte? Oder bekam er ganz im Gegenteil schon ganz früh seinen Knick ab? Und versucht jetzt sich und der Welt zu beweisen, dass er die größte und lauteste Trompete von allen ist? Koste es, was es wolle – Fakten, Geld, Versprechen, Integrität, Zukunft – der Lauteste gewinnt. Und laut ist nicht nur, was eine hohe Dezibelanzahl hat (in der Sprache moderner Gesellschaften: viel gesellschaftlich-mediale Frequenz und Reichweite, sowie (gesellschafts-)politischen Einfluss). Laut sind auch besondere Störfrequenzen: Angst, Hass, Wut, Neid, Ekel – alle besonders unangenehmen Gefühle lösen das Gefühl, schwer irritiert und höchst unangenehm berührt zu werden aus. Störenfriede stressen uns. Sie zwingen uns zu reagieren.

Der Trick mit dem Knick

Und hier kommt der Trick mit dem Trump-Knick: Das unbestreitbar Störende, das offensichtlich Unglaubliche, das unfasslich Bedrohliche zwingt uns aus unserer eigenen Komfortzone hinaus und hinein in die Auseinandersetzung mit uns und der Welt. Indem die Trumpete selbst offenbar keinerlei Selbstreflexion, kaum einen Plan für die Zukunft und wenig Vertrauenswürdigkeit in die Welt trötet, löst sie in anderen all dies aus: Die Fragen nach dem „Wer sind wir und wer wollen wir sein?“, dem „Wo entwickelt sich die Welt hin und wo wollen wir überhaupt hin?“ und „Wie vermeiden wir den nächsten Knick?“ drängen sich uns geradezu auf. Und das ist gut so. Denn Die Menschheit hat jetzt noch die Chance, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen und den Knick zu verstehen, zu sehen und zu ehren. Als Zeichen dafür, dass es anders geht und dass jeder, auch der nächste, Knick zu mehr Erfahrung und vertiefender Erkenntnis führen kann – wenn man dies denn so sehen will. Wir können auch einfach nur geknickt sein. Knick oder nicht Knick: wir haben (immer noch und immer wieder) die Wahl.

 

 

Surprising Salon Session 1: FLÜGEL, WERT & SCHÄTZUNG

Das Überraschungselement, mal 27

Da steht ein Trumm herum, das ich nicht wahr nehme, geschweige denn wert schätze. Es steht wie selbstverständlich, unbeachtet da – und ist doch ein Teil meiner Wirklichkeit. Ein Teil, der mich innerlich reich fühlen macht, ohne dass er mir bewusst ist.

Die Surprising Salon Sessions widmen sich dem Prozess der Umwandlung vom unbeachteten Stroh des Alltags in das durch das Licht der Bewusstheit erstrahlende Gold des Besonderen. Diese manchmal magisch anmutende Transformation wird in den kommenden 27 Blogbeiträgen von einem ganz speziellen Raum inspiriert, dem Raum, in dem ich diesen Blog verfasse. Dieser Raum und sein Inhalt sind mein Alltag. Jeder Blog in diesem Jahr verwandelt die unbetrachtet herum stehenden, liegenden, bloß da seienden Dinge in leuchtende Wesenheiten voll tieferer Bedeutung. Der Raum, wie jeder Raum, birgt Begleiter des Lebens, ungeahnte Möglichkeiten des Wohlgefühls, Quellen der Weisheit. Ganz nebenbei erfahren im Vorgang der intensiveren Betrachtung viele nur scheinbar ein-deutige Worte eine Frischzellenkur, ihre Bedeutung vermehrt sich und sie bilden auf 1 Mal eine VielZahl überraschender Perspektiven aus sich heraus. Den Anfang einer solchen räumlichen und wörtlichen Offen-Barung machen ein Ding namens „Flügel“ und das Wort wie die be-Deutungen von „Wertschätzung“…

 Wer Flügel hat, sieht

Da steht also dieses Trumm herum, in meinem Salon. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht woher. Alt, verstimmt und wohlgeformt, massiv und klobig. Wert-voll oder wert-los – wer weiß das schon.

Seit Generationen schon bewohnt es den „Salon“. Hier wohnen überhaupt so allerlei seltsam anmutende Dinge. Angespült vom Meer der Zeit. Alles, was mich beim Schreiben umspült, bringt die Aura seiner Zeit mit sich. Die Dinge sind einfach hier gestrandet, übriggeblieben, verschmäht oder für alle Ewigkeit geliehen, weil sie sonst nirgends hinpassen. Dinge aus den Strudeln der Lebenszeiten von Verwandten, Freunden und Bekannten haben hier ihr eigenes Auge des Zyklons der Zeitlosigkeit gefunden. Es ist still hier. Immer. Nur Einer war „schon immer da“. Der Flügel. Um ihn herum hat sich das Universum des Salons gebildet. Fällt sein Deckel herunter, knallt es urigst durch den Raum.

Die Gegenstände, die ich bewusst und extra für diesen Raum angeschafft habe, lassen sich an einem Finger abzählen. Alles andere passiert(e) diesem Raum und mir, als seinem Bewohner. Alles hier ist gebraucht, geschenkt, geblieben, hat seine eigene Geschichte. So richtig geschichtsneutral ist vielleicht nur der Computer, auf dem ich tippe. Er ist das Fenster zu den Geschichten in mir, zu der Geschichte, die ich in diesem Leben zu schreiben versuche. Aber er ist nicht das einzige Fenster. Nur das einzige, durch das es nicht zieht oder ab und zu herein regnet. Wenn ich aus dem Fenster blicke ist es, als könnten meine Gedanken fliegen. Und damit sind wir wieder bei ihm. Dem Flügel.

Ich schätze die alltäglichen Überraschungen, die dieser Raum bereit hält. Solange ich ihren Wert nicht sehe, ja, sie gar nicht wahr nehme, solange erfahren die Dinge keine Wert-Schätzung – und ebenso lange empfinde ich keine Dankbarkeit. Wert und Dank hängen zusammen. WERT existiert nicht an sich, sondern erst durch den Akt des SCHÄTZENS. Was eingeschätzt wurde und als Schatz betrachtet wird, gibt Grund für Dank. Er-Füllt uns. Reichtum und Fülle entstehen erst im Akt der Betrachtung, durch unsere Sicht auf die Dinge. Bist Du hungrig, schätzt Du Brot. Bist Du müde, schätzt Du Bett. Bist Du unzufrieden, schätzt Du Ablenkung. Bist Du aber wunschlos zufrieden, schätzt Du… Ja was denn? Das Unerreichte? Das Unerreichbare? Das, was noch nicht der Fall ist? Oder das, was der Fall ist. Das Alltägliche. Für selbstverständlich Erachtete. Im Unbewussten verankerte. Demokratie, Mütter, Heizung. Wir schätzen es erst, wenn es weg ist.

Das Schatzfinden

Aber was ist uns tatsächlich heilig, was ist ein richtiger „Schatz“? „My preciuos“ giert Gollum nach der Quelle seiner Sehnsucht. Was wir begehren hat einen offensichtlichen, uns bewussten Wert. Den Wert der in seine Abwesenheit hinein gelegten Begierde. Das Wert-Verleihen scheint ein selbstreferenzieller Zirkel zu sein – ein solcher Schatz-Wert weist auf beGierde.

Was hingegen immer schon da war, kann uns eine Quelle für geisterweiternde Denkbarkeit, für herzerwärmende Dankbarkeit, für dauerhafte Zufriedenheit, für tiefwurzelnde Sicherheit sein. Und werden. Im Gewahrwerden dessen, was IST, fällt die Last der Welt in sich zusammen. Im Gewahrwerden dessen, was ist, fällt der Druck der Getriebenen weg. Im Gewahrwerden, derer, die ihrerseits ihrer selbst und des Seins gewahr sind, fällt die knallharte Unausweichlichkeit der Einsamkeit in die weichen Arme der Sehenden.

Schätzungs-Weise

Wer sieht, der schätzt. Aber was ist das Geschätzte an der Wert-Schätzung? Es ist irgendwie nur ungenau erahnt. Wird ungefähr ein-geschätzt. Den Wert von etwas einschätzen bedeutet zunächst, ihn nicht genau zu wissen. Vielleicht sogar, sich seines Wertes überhaupt nicht bewusst zu sein. Im Zwischen-Raum zwischen Wert und Schätzung entsteht ein zusätzlicher Bedeutungshorizont, eine gewisse Ahnung. Die Ahnung eines Schatzes, der uns mit Reichtum und Dankbarkeit er-füllt.

Wenn wir Menschen wert-schätzen, dann legen wir in unsere Gefühle für sie ein gewisses Maß an positivem Wunschdenken, an wert-voll-machen hinein. Wir schätzen den Wert eines Menschen für uns – und die Welt ein. Was macht einen Menschen wert-voll? Bei einem Gegenstand wie dem Klavier scheint diese Frage einfach zu beantworten: Jemand ist gewillt mehr oder weniger dafür zu bezahlen. Je nach Seltenheit, Funktionsfähigkeit und Schönheit der Erhaltung. Aber sind wir Menschen ebenso leicht ein-zu-schätzen? Wahrscheinlich schon: Seltenheit im Sinne von wünschenswert herausragender Besonderheit (etwa große Talente oder strahlende Persönlichkeiten), gute Funktionsfähigkeit (in der Gesellschaft, im Beruf) oder die Schönheit des Körpers sind allemal Grunde, jemanden im Marktwert hoch einzuschätzen. Aber meinen wir diesen Marktwert, der etwa an der Beziehungsbörse gehandelt wird, wenn wir von wert-schätzen sprechen? Ich meine: nein.

Meiner Meinung nach verdienen Menschen mit einer positiven Einstellung dem Leben gegenüber, obwohl sie schon viele Schicksalsschläge überstanden haben, eine hohe Wert-Einschätzung. Menschen, die anderen offen und unvoreingenommen begegnen, egal, wer ihnen gegenübersteht, verdienen Wert-Schätzung. Und Menschen, die mit weisen, weil umsichtigen und nachhaltigen Entscheidungen dafür sorgen, dass es uns allen Stück für Stück etwas besser, friedlicher und aussichtsreicher geht, sollten einen hohen Stellen-Wert bekommen. Also etwa hohe Ämter und Stellen bekleiden. Wer vorbildhaft handelt, ohne sich darauf etwas einzubilden oder nach Anerkennung zu lechzen und wer es schafft, auf andere und auf sich selbst gut Acht zu geben, der ist ein Wert-voller Mensch.

Und wie kann man Wert-Schätzung zeigen? Lob, Anerkennung, Komplimente oder Geschenke sind natürlich mögliche Mittel zum Ausdruck von Dankbarkeit und Hoch-Achtung. Letztendlich ist aber keine Geste stärker als das zur Verfügung-Stellen von höchst wertvoller Lebens-Zeit und ungeteilter Aufmerksamkeit: Wer tatsächlich voll und ganz da ist, der zeigt ganz ein-deutig seine Wertschätzung. Und damit sage ich „Danke“ ans Klavier und die Unbekannten, die es hier gelassen haben.

Das Wert-Volle

Denn der Flügel hat mich darauf aufmerksam gemacht. Er steht hier einfach nur so rum. Durch die Brille des potenziellen Wiederverkäufers mag er wert-voll oder wert-los sein, doch das ist einerlei. Seine bloße Existenz ist eine stille Quelle reiner Freude – selbst wenn ich mir seines Daseins gar nicht bewusst bin. Es ist die Aura dieses Raumes, die er beeinflusst und bereichert. Die wiederum meine Gedanken beflügelt…

Legen wir das Bild des stummen Flügels auf die Menschen, die uns einfach so umgeben, die uns umspülen, umspielen, einfach da sind. Sie machen den Raum aus, die Atmosphäre in der wir uns fühlen. Sie selbst sind vielleicht nicht spektakulär. Ganz im Gegenteil, ihre Präsenz wirkt eher selbstverständlich. Der Alltag mit ihnen fließt vor sich und uns einfach so dahin. Und nur das Un-Übliche, Herausragende, Abwechslungsreiche, Fehlende fällt uns wirklich auf. Durch einen solchen Blickwinkel sind wir dazu verdammt, das Abwesende zu suchen, anstatt das Anwesende zu finden. Wir ersehnen den nächsten Kick während wir das Vorhandene vernachlässigen. Dabei ist es das Grundrauschen des Seienden, das die Ideen und Gefühle, den Körper und die Seele beflügelt. Ohne Luft kein Auftrieb, ohne Aufrieb kein Fliegen.

So will dieser Blog wie die kommenden 26 dem Alltag selbst Flügel verleihen. Indem wir der scheinbar selbstverständlichen Bedeutung des Begriffs Alltag eine Abfuhr erteilen. Denn kein Tag ist wie der andere, kein Mensch selbstverständlich, das Leben ein Wunder, jeder Atemzug eine Bewegung des Unwahrscheinlichen selbst. Das All liegt in jedem Tag. Sehen wir, so wachsen Flügel.