Significant Soul Sample No 6: How To Deal With Confusion

Gedanken zum Umgang mit Verwirrung anlässlich Corona-bezogenen Abwehrverhaltens

Die „Gedanken“ gliedern sich in 2 Abschnitte:

1. Erkennen von Abwehrverhalten

2. Umgang mit Abwehrverhalten

Ad 1. Abwehrverhalten…

…zeigt sich etwa so:

  • Versuche des Selbstschutzes vor Überforderung durch Verleugnung der Existenz des Virus
  • Versuche des Selbstschutzes vor Angst durch Vergleichgültigung und Verharmlosung der Folgen von Infektionen
  • Versuche der eigenen Angst vor der Sterblichkeit und Unberechenbarkeit des Lebens, vor der Abhängigkeit von (Gesundheits-/Versorgungs-)Systemen und dem unberechenbar scheinenden Verhalten der Politik, vor der potenziell übergriffigen Macht von Polizei und Rechtssystem etc. durch Zorn zu entkommen
  • Versuche die eigene Angst unter Kontrolle zu bringen, indem klare Feindbilder definiert werden, auf die man die eigene Wut zur Abreaktion projizieren kann (siehe „Schuldige“ wie „Bill Gates“ oder „die Impflobby“)
  • Versuche die Undurchschaubarkeit der komplexen Zusammenhänge auf einfache Nenner zu bringen, ihnen Namen zu geben und Absicht zu unterstellen (Stichwort Verschwörungstheorien)
  • Versuche, die eigene Weltsicht in der allgemeinen Verwirrung zu bestätigen, indem sich bevorzugt in Resonanzblasen zur Bestätigung eigener Vorurteile aufgehalten wird (im Netz, bei Demonstrationen etc.), wobei andere Informationsquellen oder Perspektiven abgewertet werden (Stichworte: Lügenpresse, Schlafschafe)
  • Versuche, die allgemeine Verwirrung für eigene Zwecke zu nutzen (siehe Rechtsextreme, Heilsversprecher, Wundermittelverkäufer, Anerkennungssuchende etc.)

Ad 2. Umgangsmöglichkeiten…

…sehen etwa so aus:

  • Wenn die eigenen Emotionen hochgehen die Auslöser im eigenen System hinterfragen („Welche meiner Leitüberzeugungen und Leitwerte werden gerade in Frage gestellt?“, „Warum fühle ich mich angegriffen?“)
  • Die Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen (wenn ich wütend bin, sagt dies etwas über mich aus – sobald ich die Botschaft verstanden habe, kann ich adäquat darauf reagieren. Solange ich meinen eigenen Anteil nicht verstehe, reagiere ich mustergetrieben und agiere nach verinnerlichten Reiz-Reaktions-Schleifen, die gar nichts lösen, sondern die Situation solange intensivieren -oder ähnliche Situationen immer wieder hervor provozieren- bis man den eigenen Anteil erkannt hat)
  • Im Angesicht der scheinbaren Verantwortungslosigkeit und Verwirrung anderer (Stichwort Berlin-Demo) weder verzweifeln noch aufregen. Vielmehr hinter die Vorgänge schauen: Wer mobilisiert hier wen und zu welchem Zweck – und warum lassen sich Menschen offenbar derzeit besonders einfach manipulieren? Und sich die Fragen stellen: Wie kann man Menschen bestmöglich bei der Selbstreflexion, also dem Erkennen ihrer Gefühlswelt, Bedürfnisse, Ängste, Hoffnungen, Muster und Verhaltensweisen bestmöglich begleiten?
  • Im Angesicht der offenbar in vielen Menschen vorhandenen verzweifelten Suche nach klaren Antworten, einfachen Lösungen und positiven Gefühlen der Gegenwart und Zukunft gegenüber diese Menschen nicht abwerten. Ambiguitätstoleranz, also das Aushalten von Unklarheiten und Widersprüchen ist eine psychische Fähigkeit, die Menschen lernen können – und gerade lernen müssen. Es gilt, sie dabei zu begleiten!
  • Stabilität, Sicherheit, Vertrauen – das sind die Gefühle und Zustände, die verwirrte Menschen brauchen. Versuchen wir solche „geschützten“ Atmosphären zu schaffen, um Menschen langsam an die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz heranzuführen. Eine solche Gesprächsatmosphäre zu schaffen gelingt im Netz genauso wie über mediale Kommunikation aller Art oder im persönlichen Gespräch. Dies ist wichtig zu tun, egal ob wir Führungskräfte sind oder Freunde, Familienmitglieder oder Arbeitskolleginnen, und natürlich wären Influencer prädestiniert für diese Vorgehensweise. Obacht: nicht blindes Gutgläubigentum oder reines Wunschdenken sind hier gefragt, sondern die richtige Einstellung und Gefühlswelt, um kritische Fragen realistisch und differenziert zu beantworten! Das Zuhören gelingt erst, wenn aufgeregte Menschen sich ent-stresst haben und genügend „Speicherplatz“ für andere Sichtweisen frei geworden ist. Im Panikmodus geht gar nichts.
  • Die wichtigsten Punkte einer sinnvollen Haltung nochmals zum Schluss herausgestellt: Wertfrei bleiben, so schwer es fällt. Konstruktiv bleiben, so schwer es fällt. Positiv gestimmt bleiben, so schwer es fällt. Klar bleiben, so schwer es fällt. Verantwortung für die eigene Gefühlswelt übernehmen, Verständnis für andere aufbringen. Basically: DIE VERWIRRUNG DER ANDEREN AUSHALTEN UND SIE STÜCK FÜR STÜCK DURCH DA SEIN, FRAGEN STELLEN, PERSPEKTIVEN ANBIETEN UND WOHLWOLLEN LANGSAM IN DIE KOMPLEXE WIRKLICHKEIT ZURÜCKBEGLEITEN. Mit ihnen in der Vielschichtigkeit der Realität da sein, statt zu kämpfen, zu ignorieren oder recht haben zu wollen. Menschliche Verbundenheit und innere Stabilität vorleben, anstatt sie zu verlangen.
  • Dies alles kann nur bei Menschen gelingen, die keine eigene Agenda verfolgen – also keine Weltanschauung durchpeitschen wollen, sich nicht durchs „Dagegensein“ selbst aufwerten wollen und nichts verkaufen wollen
  • Dies kann ebenso nur bei Menschen gelingen, die sich ein gewisses Minimum an Offenheit bewahrt haben. Wer sich völlig in seiner Abwehr eingegraben hat, sodass er/sie sich nur noch in der eigenen Blase vor der eigenen Angst sicher fühlt, braucht vielleicht professionelle Begleitung

SPECIAL SCREEN SCRIPT 20: WIR SIND EUROPA(STAATSPREIS)!

Danke

Einen Preis verliehen zu bekommen ist definitiv etwas Besonderes. Ihn für eine Truppe engagierter Menschen für einen gute Zweck übernehmen zu dürfen, sogar tatsächlich eine große Ehre. Stolz erfüllt mich, nicht weil ich den in der Tat physisch durchaus mächtigen Preis (er)halten darf, sondern vielmehr, weil sich für europa.cafe so viele Freiwillige zusammengefunden haben, um in der Welt da draußen einen Unterschied zu machen.

Für alle, die nicht wissen warum und wozu es für uns einen Preis gab: Das europa.cafe ist eine Initiative von und für BürgerInnen, die strikt non-profit orientiert ist und von ehrenamtlichem Engagement lebt. Ein eigens zu einem mobilen europa.cafe umgebautes Kleinfahrzeug ermöglicht einen österreichweiten BürgerInnen-Dialog zu Europa. So können Gesprächssituationen über Europa dort stattfinden, wo die Menschen tatsächlich sind. Sie müssen nicht extra zu einer Diskussionsveranstaltung gehen – zu der sie vielleicht nie gegangen wären – und sie bekommen einen persönlichen guten Eindruck von Menschen, die sich pro-europäisch einsetzen. Bei einer guten Tasse Kaffee lässt es sich zudem ohne moralischem Zeigefinger ganz entspannt diskutieren. Freiwillige laden PassantInnen zu einem Gespräch über Europa ein, hören zu, nehmen Hoffnungen und Bedenken ernst und reden darüber, was Europa für sie ausmacht. Auch geben sie Auskunft darüber, wie Europa eigentlich funktioniert – wenn das gewünscht wird.

Das Konzept hinter dem Projekt lautet „Europa ist auch Dein Kaffee!“. Meiner Meinung nach gibt es kein Europa ohne Europäische BürgerInnen. Dazu ist wichtig, dass wir alle uns als solche verstehen (lernen) und die gemeinsame Verantwortung für eine gelingende Zukunft übernehmen (lernen). Das gesamte Projekt wurde von Daniel Gerer, Leiter von Europe Direct Wien, und mir entwickelt. Es ist der Zusammenarbeit von Europe Direct Wien, dem Europe Direct Netzwerk Österreich und vielen pro-europäischen NGOs zu verdanken, dass europa.cafe den Europa-Staatspreis 2018 erhalten hat. Einen der wichtigsten Beiträge, nämlich das Stellen von Freiwilligen für die Diskussionen auf der Strasse, haben die Jungen Europäischen Förderalisten und ihre Mitgliedsorganisationen AIESEC, Europäisches Jugendparlament und DebattierKlub geleistet.

Bitte

Es ist schlichtweg fatal, wenn sich die europäische Bevölkerung als Opfer und als durch „die EU“ fremdbestimmt empfindet,

  • ohne zu verstehen, wie das gemeinsame Europa eigentlich genau funktioniert
  • ohne anzuerkennen, dass alle Staaten zusammen „die EU“ ausmachen, und
  • ohne etwas dazu beizutragen, Europa aktiv nach ihrem Wunsch zu gestalten.

Unsere Ziele liegen daher im Fördern von Verständnis und Identifikation für und mit Europa. Wir bieten bei einem Becher Kaffee unaufdringlich Hilfestellung zur Entwicklung eines Europäischen Selbstverständnisses und unterstützen die Selbst- und Mitverantwortung für unser Europa durch seine/ihre BürgerInnen. Wobei es nicht darum gehen kann, „die EU“ zu bewerben oder zu verteidigen. Jedes große Projekt ist in einem ständigen Prozess der Weiterentwicklung zu verstehen. Und wir können dabei helfen, etwas Gutes daraus zu machen oder das im Werden Begriffene für egozentrische Zwecke missbrauchen, konstruktive Schritte blockieren und bisher Erlangtes zerstören. Wir BürgerInnen bestimmen massiv mit, welcher Weg beschritten wird. Wir treffen sprichwörtlich die Wahl.

Es sind auch die einfach hingenommene Selbstverständlichkeit eines funktionierenden gemeinsamen Europas oder die unreflektierte Ignoranz der gemeinsamen Herausforderungen, ein vielfach  gewohnheitsmäßig aus dem Umfeld übernommenes Gefühl der Abwehr oder das Misstrauen gegen ein „neues“ größeres Ganzes sowie die Einfachheit des „Feindbildes EU“, dem man alle unangenehmen Entwicklungen in die Schuhe schieben kann, denen mit fundierter Information und positiver Emotion entgegenzutreten sind. Es geht um unsere Welt, unser Europa, unseren Lebensraum, unser gutes Miteinander, unsere gemeinsame Zukunft! Europa braucht uns Europäische BürgerInnen.

Für unser gemeinsames Europa einzutreten ist nicht nur der Drive für dieses Projekt, sondern auch noch für viele weitere, etwa im Rahmen einer neuen Initiative namens Europe United, der ich vorstehen darf (check it out: www.europeunited.eu)….

Und überhaupt…

Meine Motivation in der Europafrage aktiv zu werden, resultiert aus der Beobachtung der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre. Wir alle, jeder einzelne von uns, scheinen schon seit einigen Jahre zunehmend an einem Scheideweg zu stehen – die gesellschaftliche Spaltung zeugt eindrucksvoll bei jeder Wahl von dieser Entwicklung:

Entweder wir sind für einen Regress, etwa den Rückschritt zur Nation, für die Abschottung von der Welt, für die Ignoranz von Leid oder gar für Gewaltanwendung zur Abwehr von Neuem und (menschlich) Notwendigem. So landen wir auf Dauer (wieder) in einer Welt, die nach dem Motto „jeder gegen jeden“ funktioniert.

ODER wir sind für Progress, für Weiter-Entwicklung, in Offenheit, mit einer Haltung der Konstruktivität und Lösungsorientierung – und treten so für ein Miteinander und eine gemeinsame Zukunft ein.

Das scheint heute die fundamentale Grundsatzentscheidung zu sein, die die Geister scheidet. Regress oder Progress. Wir haben die Wahl. Und genau diese Wahl bewusst zu treffen, Menschen zur aktiven Auseinandersetzung anzuregen, damit sie verstehen, dass sie

  1. eine Wahl haben und
  2. was diese Wahl für die Gegenwart und die Zukunft bedeutet – für die Rahmenbedingungen, in denen wir alle leben, für unsere tägliche Lebenswelt –

treibt meinen freiwilligen Einsatz für Europa an.

…jetzt aber!

Wir alle sind Europa, das muss uns bewusst sein.

Wir bestimmen, in welcher Welt wir leben wollen, welche Rahmenbedingungen wir zulassen, und diese Verantwortung sollten wir, die Europäischen BürgerInnen, offenen Auges annehmen.

Handeln wir danach.

 

Inhalte aus Interviews im Zuge der Preisverleihung zum Europa-Staatspreis 2018, am 16.10.2018 im Österreichischen Außenministerium

SUPER SIMPLE SOLUTION No 16 – WIRRLICHTER

Wer sind „WIR“?

Und wer gehört zu „UNS“? Welche Grenzen definieren eine Zugehörigkeit, etwa zum westlichen Kulturkreis, um nicht zu sagen: zu Europa oder gar zu Österreich? Der Wohnort alleine macht es ja offenbar nicht aus.

Klassischerweise definieren wir das WIR durch unsere GeWOHNheiten. Sprache, Aussehen, Verhalten, Erwartungen. Wir möchten uns friedlich im Altbekannten bewegen können und möglichst nicht in unserem Dunstkreis gestört werden. Vor allem nicht, ohne dass wir das „Andere“, Neue, das IHR proaktiv dazu einladen, uns zu besuchen (von Bleiben ist da vorerst noch keine Rede). Unser Rechtsverständnis, unsere höchsteigene Weltsicht, unser selbst-zentriertes historisches Verständnis – und natürlich die uns gewohnten Werthaltungen: alle diese identitäts-stiftenden Faktoren sollten am besten von allen rund um UNS gelebt werden. Oder die anderen Menschen rundherum sollen zumindest kompatibel mit unseren Gewohnheiten sein. Dann kennen wir uns aus, müssen uns selbst nicht relativieren, müssen keine neuen Bezüge zur Umwelt und zu uns selbst herstellen.

Manches hingegen dürft IHR, dürfen die anderen, aber trotz aller Hoffnung auf das Erwartbare nicht: Bestimmte Dinge sollen nicht „so wie WIR es tun“ gemacht werden. Bestimmte Dinge sollen nicht gleich erreicht oder besessen werden können. Denn dann würde UNS vielleicht etwas weggenommen, im Schlimmsten Fall ist das etwas, was das „UNS“ überhaupt erst ausmacht.

Was nur „Wir“ dürfen

Ein Österreicher nörgelt, ein Wiener motschgert. So war es schon immer, das braucht man nicht persönlich zu nehmen, das ist Teil der Kultur. Echte Kaffeehauskellner sind grantig. Punkt. Man nennt das dann „authentisches Flair“ oder „Lokalkolorit“. Wenn aber ein hier ansässiger Mensch mit Migrationshintergrund jammert, so wollen wir das nicht hören. Der soll gefälligst froh sein, dass er hier sein darf. Hier öffnet sich ein seltsamer und teilweise noch gar nicht weithin sichtbarer Graben: Wir wollen zwar integrierte Menschen, Menschen, die durch ihr Verhalten nicht auffallen. Sie sollen sich auch an die Regeln halten: an unsere Rechts-, Moral- und Wertvorstellungen. Sie sollen „unsere“ Kultur verstehen, sie aber zugleich nicht wirklich völlig übernehmen, das verwirrt nur. Womit wir bei den „Wirrlichtern“ des Titels wären. Andere sollen zwar nicht anecken, dürfen aber zugleich nicht so sein wie wir. Ein deutscher Kellner mit Wiener Schmäh? Hm. Eigenartig. Wohin also mit ihnen? Wie sollen sie sich denn verhalten, die Zu-Gezogenen, dass sie von UNS akzeptiert werden? Geben WIR IHNEN überhaupt eine Chance, dazuzugehören, anerkannt zu werden?

Wo gehört ein Mensch hin?

Heimat, Zuhause, Zugehörigkeit: Scheinbar eine klare Sache für all jene, die irgendwo leben, wo sie geboren sind. Oder die sich freiwillig den Ort aussuchten, an dem sie leben. Aber was ist mit den „anderen“, die das Schicksal irrgendwohin gespült hat? Sie träumen von der verlassenen Zugehörigkeit oder von einer besseren neuen Welt –  und finden in der Realität kaum Anschluss. Zuhause ist man da, wo man willkommen ist. Dieses Gefühl des Aufgenommenseins, des Dazugehörens ist für uns Menschen als soziale Wesen sogar zentraler, als eine uns vertraute Umgebung (soviel zur GeWOHNheit als Basis für ein WIR-Gefühl). Werden wir akzeptiert, so wie wir sind, dann fühlen wir uns sicher. Leben wir aber in einer Umgebung, die vielleicht sogar „wie immer“ aussieht, aber von Menschen bevölkert wird, die uns nicht sehen, nicht wollen, nicht für gut (genug) befinden, dann werden wir unsicher. Und aus Unsicherheit heraus verhalten wir uns abwehrend, unangenehm, aggressiv.

Unser Eigenraum als Zentrum für das Wir-Gefühl

Kaum etwas wirkt stärker Unfrieden-stiftend, als wenn Menschen abgewertet, ausgegrenzt, ignoriert oder gar aktiv bekämpft werden. Die Haltung der Toleranz ist so betrachtet keine menschliche Schwäche oder Zeichen von idealisierendem Gutmenschentum. Aus der Konfliktursachen betrachtenden Perspektive wird sie zur Notwendigkeit für sozialen Frieden. Eine warmherzige Umgebung, ein Gefühl der Verbundenheit, das von allen Seiten her geteilt wird, bietet den einzig fruchtbaren Boden für konstruktive Auseinandersetzungen. Für die Verwandlung von Reibung in Lösung.

Das Gefühl einer prinzipiellen Verbundenheit kann vom Grundverständnis ausgelöst werden, dass wir alle unleugbar Menschen sind. Dies vereint uns nun wirklich und tatsächlich. Eine solche Haltung wird zunächst auf Basis kultureller Gewohnheiten entwickelt („Gastfreundschaft“, „Liebe Deinen Nächsten“,…), das WIR-Gefühl ist dabei aber trotzdem auf Bekannte beschränkt. Es muss erst gelernt werden, das WIR-Empfinden auf alle Menschen hin zu übertragen, verALLgemeinern. Es braucht einen gewissen Grad an Verständnis für das Mensch sein an sich, für die in uns allen angelegte Menschlichkeit, für UNS vereinende Gemeinsamkeiten in und trotz aller Unterschiedlichkeit. Der Wunsch nach Zugehörigkeit kann ein solches grundlegend verbindendes Element sein.

Bewusstseinsevolution

Die Reife der Menschheit, die sich aus jener einzelner Menschen zusammensetzt, stellt heute das Zünglein an der Waage zwischen dem Tiefen Mittelalter und einer zeitgemäßen Social Reality dar. Viele Komponenten unserer Zeit – in Amerika klingend unter dem Titel „VUCA-Reality“ zusammengefasst (eine Wirklichkeit, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität bestimmt wird) – fordern diesen Entwicklungssprung zu einem neuen, umfassenden WIR-Verständnis vehement ein. Andernfalls, so wirrkt es, landen wir im Krieg oder Chaos. Wer „Wir“ sind gehört heute neu definiert.

Auf der Schwelle zu einem veränderten gesellschaftlichen Selbstverständnis

Die Identitätskrise ist akut. Denn die Spaltung von WIR und IHR betrifft nicht nur „Alteingesessene“ und „Flüchtlinge“ oder „Menschen mit Migrationshintergrund“ oder schlicht „von woanders Zugezogene“. Nein, es ist die innere Spaltung in gesellschaftliche „Verlierer“ und „Gewinner“, die derzeit so viel Sprengstoff in sich birgt. Menschen, die sich früher einer Gesellschaft zugehörig gefühlt haben, die einen gesicherten sozialen Status zu haben glaubten oder sich zu erarbeiten hoffen konnten.  Sie wehren sich gegen den drohenden Verlust von Akzeptanz, Aufstiegschancen und – natürlich – Wohlstand. Soziale Sicherheit scheint derzeit DER Spaltstein der westlichen Welt zu sein. Auf Flüchtlinge und kulturell anders Geborene wird dieser Konflikt oft nur verschoben, sie werden zu Sündenböcken. Der an sich inner-systemische Konflikt wird auf sie verlagert, es wird ein Scheinkampf, ein Stellvertreterkrieg geführt. Daher ist er auch so aussichtslos. Dieser Kampf löst nichts, weil er sich nicht mit den Ursachen der drohenden und bedrohlichen Nicht-Zugehörigkeit befasst.

Identität im Übergang

Wir sind Menschen. So viel ist klar. Wir sollten uns auch danach verhalten. Nur hat der Mensch dazu 2 Möglichkeiten: Folgen wir im „Menschlich-sein“ unseren  körperlichen Trieben, unreflektierten Gefühlen und alten Gewohnheiten? Oder entwickeln wir ein Sensorium dafür, was wir selbst, andere, eine Gemeinschaft, die Gesellschaft gerade braucht, um sich den Fragen der Gegenwart konstruktiv zu stellen? In diesem, zweiteren Verständnis, sind „Wir“ wer wir sein müssen, damit eine Situation vom Problem zur Lösung voranschreiten kann. Mit der Einstellung „Was braucht es, um die anstehenden Themen aufnehmen und an und mit ihnen wachsen zu können?“ kommen wir voran. Mit der Einstellung „Alles soll so sein wir immer“ bleiben wir stecken.

Wer sind „Wir“ aber, wenn alles im Fluss ist, anders wird, sich in einem permanenten Veränderungsprozess befindet?

Sicherheit in Zentrum

Wir sind Menschen. Immer noch. Aber wir sind erst dann effektiv am Wachstumsprozess der Menschheit beteiligt, wenn wir Mitmenschlichkeit leben, Inseln der Kooperation aufbauen, miteinander am gemeinsamen Wohl-Gefühl – statt Wohl-Stand –  arbeiten. Wollen wir in Sicherheit leben und innere Sicherheit erfahren, brauchen wir dazu andere. Menschen, die uns unterstützen, Menschen, die wir unterstützen. Es sind diese positiven Erfahrungen, die zu starken Erinnerungen werden. Aus ihnen schöpfen wir die nötige Kraft, wenn die Gegenwart uns herausfordert. Indem wir für einander da sind gewinnen wir Vertrauen in uns und andere.  Aus dem Vertrauen erwächst die so nötige Zuversicht der offenen, offenbar unkontrollierbaren Zukunft gegenüber.

Irrlichter im Trubel der Welt

Wer nicht kooperiert, der konkurriert. Kaum jemand kann sich völlig heraushalten. Was heute passiert ist, dass sich die – im sog. Westen lebende – Menschheit spaltet. Die einen wollen mit-einander, die anderen gegen die anderen sein. Diese beiden Haltungen scheinen unvereinbar. Viele lenken sich von dem schwelenden inner-gesellschaftlichen Konflikt ab, viele fühlen sich betroffen und werden zunehmend negativ eingestellt. Interessanterweise fühlen sich beide Seiten angegriffen. Und hier liegt eine andere tiefere Gemeinsamkeit in der Differenz. Die Zugehörigkeit und die Bedrohung derselben sind die beiden Seiten derselben Medaille. Auf welcher Seite die Münze zum Liegen kommt, bestimmen wir selbst. Jeder einzelne von uns.

Den tiefen Graben sehen und nutzen: Von der Isolation zur Inspiration

Wo eröffnet sich hier eine echte, einfache Lösung? Sie liegt im Sichtbarmachen der Gräben, die wir zwischen uns aufziehen.

Solange wir für UNS und gegen die ANDEREN – egal von welcher Perspektive aus (links, rechts, mitte, außen) – sind, vertiefen wir den Graben und finden keine Lösung, keine Brücke, keinen Ausweg. Wollen wir UNS nicht noch tiefer eingraben heißt es: Kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Abwertungen („alles Vergewaltiger“, „alles Nazis“, „alles Gutmenschen“) und Anschuldigungen sollten ins Leere laufen. Dadurch geht dem Grabenbau der Treibstoff aus. Dies gelingt, sobald alle Vorwürfe, Opferhaltungen und Schuldzuweisungen gegen die Koalition der Menschlichkeit wie ein Blatt im Wind wirken.

Wie geht das? Weg vom Angriff, hin zur Öffnung, zur Achtung, zur Achtsamkeit. Nicht aus esoterischer Überzeugung oder glaubender Moralität heraus. Aus dem Wissen heraus, das die Reibungsenergien, die heute so spürbar sind, in konstruktive Gestaltungsenergie transformiert werden können und müssen. Nur wer hinsieht kann diese Veränderungsleistung erbringen. Solche „Agenten des neuen Wir“, die ein umfassendes Verständnis von Menschlichkeit vorleben, sollten in der Lage sein, (E)Un-Einigkeit auszuhalten. Aber Spannungen wahrnehmen, ohne darauf abwehrend zu reagieren ist eine Kunst. Sich angegriffen fühlen, ohne die Verbindung zueinander zu kappen, also ohne in eine entweder-oder Haltung und in die Aggression oder Regression zu kippen, ist keine Selbstverstänndlichkeit, aber eine tiefe Notwendigkeit: Beide Abwehrhaltungen (Aggression und Regression) verstärken das alte Muster WIR gehen IHR, sie vertiefen den Graben, festigen die Aussichtslosigkeit (im Graben ist es bekanntlich dunkel).

Verbundenheit in der Un-Stimmigkeit aufrechtzuerhalten zeigt echte menschliche Größe. Sie hat auch eine immense Strahlkraft. Alles, was wir heute brauchen ist ein Netzwerk von derartig agierenden Menschen, von menschlichen WIR-Agenten. Dann ist tatsächlich alles gut, denn die Zugehörigkeit und die Akzeptanz sind erst im Auge der Menschlichkeit gesichert.

Bleibt nur noch eine Frage, die zugleich die simple Lösung  bietet: Wer macht mit?