Surprising Salon Session No 7: Die Grüne Fee

„Die Grüne Fee“

So wurde dieser quietschgrüne Flascheninhalt früher genannt: Absinth galt einst als begehrtes Heilelixier, dem van Gogh, Gauguin und Toulouse-Lautrec ebenso frönten wie Poe, Crowley oder Hemingway. Alles herausragende Künstler, die an die Grenzen des Bekannten – oder ihrer selbst gingen. Und darüber hinaus. Thujon heißt die spannende Essenz, die der Grünen Fee ihre Flügel verleiht. Das Nervengift ist ein Bestandteil des ätherischen Öls des Wermuts und ruft in höherer Dosierung vor allem Verwirrtheit und epileptische Krämpfe hervor. Im 19. Jahrhundert waren es Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die der Grünen Fee ihren illustren Beigeschmack gaben. Dafür wird heute die damalige schlechte Qualität des Alkohols verantwortlich gemacht.

Blicke ich auf die zauberhaft schimmernde Flasche auf meinem Glaskasten – ein Überbleibsel meines letzten runden Geburtstages – so haucht mir aber weniger eine Welle brachialen Anisdufts als vielmehr eine leise Ahnung von Laudanum entgegen. In meinen Gehirnwindungen hat sich vor Jahrzehnten das Bild des im Film Gothic als giftgrün dargestellten Wundermittels festgekrallt. In jedem Fall umgibt auch den Absinth der heutigen sachlich-nüchternen Zeit noch eine Idee von Wahnsinn und exzessivem Rausch. Der „Wahn-Sinn“ im Sinne eines „Außer-sich-Seins“ scheint in unseren Tagen jedoch weniger zum Vergnügen der Erwachsenen beizutragen als vielmehr Bestandteil jugendlicher Ausschweifungen zu sein. In Pillenform etc.

Erwachsene hingegen belohnen sich nach vollbrachtem Tagewerk eher mit einem Bier oder mehreren guten Gläsern Wein. Ich erinnere mich noch an die Generation meiner Eltern, in der unbeschränkter Alkoholgenuss und ausschweifende Trinkgelage irgendwie fast zum täglichen Leben gehörten. Vom Zigarettenrauchen mal ganz abgesehen. Dagegen sind wir mittlerweile eine langweilig nüchterne Gesellschaft geworden. Ich habe den Eindruck, dass das feuchtfröhliche „Feiern“ früher integraler Bestandteil des Alltags war – und dass es tatsächlich in mehr Fröhlichkeit mündete als es das heute tut. Sofern heute überhaupt noch gefeiert und nicht nur getrunken wird.

Abstinenz total

Frohsinn, wo bist du hin? Nicht dass ich glaube, dass Alkohol wirklich froh macht. Aaaaber. Irgendwie scheinen die Menschen heute nicht und nicht glücklich im Sinne von leicht und wohlgestimmt werden zu können. Oder zu wollen. Mit oder ohne Hilfsmittel. Schade eigentlich. Da könnten wir doch gleich den Kopf in den Sand – oder in die Flasche – stecken. Oder?

Nicht wirklich. Denn dadurch wird nichts besser, nur vernebelt, verdrängt, wir bekommen für ein paar Momente scheinbar mehr Raum für uns und die guten Gefühle in uns. Sie vergehen aber so schnell, meist schon am selben Abend, dass man ob der fehlenden Nachhaltigkeit des Frohsinns zurecht an der Güte dieses beseelten Zustandes zweifeln kann. Gerade in der Fastenzeit finden so manche wieder zu einem klaren Kopf. Dann stellt sich eine andere Frage: Wollen wir in aller nüchternen Klarheit und emotionalen Empfindungsfähigkeit tatsächlich sehen und fühlen, was sich so rund um uns herum tut?

Es grünt nicht mehr so grün

Die Wege zum Glück scheinen heutzutage weniger grün, weniger erfolgsversprechend zu sein als früher. Der Wirtschaft geht es nicht gut, das Elend der Welt dringt in unsere ehemals geschützten vier Wände ein. Obwohl die Armut weltweit weniger wird, bekommen wir jetzt viel mehr davon mit. Waren der Hunger und der Krieg in der guten alten Fernseh- und Zeitungszeit vorwiegend über Nachrichten aus fernen Ländern vorhanden, so bringt unsere Informations(flut)gesellschaft und die Mobilität der Welt alles, was wir ehemals als „fernab“ von uns gesehen haben, quasi vor unsere Haustüre, in unsere Handys, in unseren Gefühlshaushalt. Aber was tun damit? Wohin orientieren wir uns, wenn die Welt scheinbar zugrunde geht (was sie ja nicht tut – wir bekommen nur mehr mit von den brennenden Themen und ungelösten Aufgaben auf der ganzen Welt)? Und wenn wir uns nicht mehr in kurzfristigen Räuschen eine heile Welt vorgaukeln können oder wollen: Was tun wir stattdessen sinnvollerweise? Wie gehen wir mit der Großen Nüchternheit, mit der Ernüchterung unserer Zeit und dem Bewusstsein über die überlebensgroßen Aufgaben auf und in unserer Welt um?

Der Flaschenhals unserer Zeit

Während die einen versuchen als Gegenwegung zur Ablenkung in vermehrter Achtsamkeit zu schwelgen, aber nur selten überschäumend glücklich sind, weil es so wenige Gleichgesinnte ohne Moralisierungsdrang zu geben scheint, laufen die anderen immer noch irgendwelchen vermeintlichen äußeren Heilsbringern nach: Geld, Macht Karriere. Dritte wollen ein klares Gefühl von Sinn und Wert, Vierte von Zugehörigkeit und Sicherheit. Was Menschen heute suchen, oft ohne es zu wissen, ist ein Zaubermittel gegen die Hilflosigkeit unserer Zeit. Ein Rezept gegen die Überforderung durch die unendlich vielen offenen Baustellen. Ein Elixier, dass uns rausbeamt aus dem unübersichtlichen Grau von Alltag und unbewältigter Welt. Es handelt sich beim Gesuchten um ein Wundermittel, nach dem wir uns tief drinnen sehnen: Einem grünen, weil vielversprechenden Weg zu mehr Vertrauen. Zu tiefer Zuversicht. Zu echter Zufriedenheit im Sinne von: im Frieden mit sich sein. Was führt uns bloß dorthin? Wo sind sie, Friede und Freude in uns, diese beiden wonniglichen Hochgefühle. Das eine ist still und weit. Das andere hoch und ekstatisch. Vertrauen, Zuversicht, Zufriedenheit – und enthusiastische Höhenflüge. Das ist eine Mischung, an die man sich vielleicht mit viel Glück noch aus der Jugend- und Studentenzeit erinnert.

Auf und Ab

Aber gibt es die unbändige und ungezügelte Macht der Intensität ohne unerwünschte Nebenwirkungen? Was sagt der Beipackzettel des Lebens? Nein. Mit der Zeit wird man klüger, aber auch müder. Wacher, aber auch langsamer. Man kommt von ganz alleine an. Nämlich dort, wo einen die Entscheidungen seines Lebens hinführen. Der Lebensweg liegt jetzt nicht mehr frühlingsgrün und unberührt von einem. Hier dominiert bei manchen dann der fade Geschmack des Alltags schon das morgendliche Aufwachen. Er zieht sich durch, bis zum abendlichen Belohnungsgläschen. Der vertrocknende Weg des Immergleichen versetzt selbst den Versuch, das Leben zu feiern oder sich zumindest für seine täglichen Anstrengungen zu belohnen, mit hauchzarter Bitterkeit. Wo das überschäumende Feiern fehlt, da gibt es wenigstens kein Kopfweh danach. Sollte man meinen. Aber sind wir deshalb glücklicher, nur weil wir vorauseilend die Nachwirkungen zu vermeiden suchen?

Kein Weg zurück

St. Patricks Day war diese Woche. Ein ehemals freudvoll grüner Tag. Ein traditioneller Anlass für ein kollektives fröhliches Besäufnis. Wie viele „Feiernde“ waren aber auch dieses Jahr dabei nicht happy, sondern wurden mit jedem Bier zunehmend trübsinnig oder aggressiv? Die Grüne Fee bzw. das Grüne Bier wirken nicht mehr. Die Zeit der Ablenkung, des Verdrängens ist vorbei. Wir stehen heute vor der immensen Aufgabe, die Last unseres Lebens und der Welt in voller Nüchternheit zu tragen, ohne uns effektiv davon ablenken zu können.

Wo ist er hin, der Weg ins Grüne? Diese Frage hilft nicht weiter, denn das Bemängeln des Fehlens der von Sentimentalität verzerrten Vergangenheit eröffnet uns keinen neuen Weg. Wollen wir wieder zuversichtlich sein und die Intensität des Lebens in vollen Zügen genießen, so müssen wir anders denken, anders handeln, anders erleben als bisher. Wir sind heute dazu aufgefordert, Grün in uns zu pflanzen. Damit wir selbst Grün werden. Wir sollten uns am Leben berauschen. Einen tiefen Lungenzug von jedem Moment der Existenz nehmen. Mit jedem Gedanken einen Schluck vom Glück des Daseins genießen. In jede Entscheidung einen großen Schuss Mut und Liebe mixen. In jeden Schritt ein champagnerperliges Gefühl von Aufregung, Anregung, Rührung legen. Suchen wir nicht mehr in der Vergangenheit oder in Ablenkung unser Glück. Blühen wir statt dessen grundlos auf. Denn heute sind wir die Grünen Feen. Und alles wird, nein ist, gut.

SUPER SIMPLE SOLUTION No 8 – Die Wahl, das Alter und das Ego

Identität – oder die Wahl: Wer bin ich?

Wenn unsere Vergangenheit die Wahl unserer Identität bestimmt, dann ist unser „Ich“ die Summe unserer Prägungen, Erfahrungen, Bedürfnisse und Vorlieben/Abneigungen.

Wenn die Gegenwart die Wahl unseres Selbstbildes trifft, dann drückt unser „Ich“ unsere Erwartungen, Ängste wie Hoffnungen im Hier und Jetzt – verbal und nonverbal, bewusst und unbewusst – aus.

Wenn wir auf Basis der Vergangenheit und des aktuellen Zustandes unser Wesen definieren, dann wird unser „Ich“ niemand anderes als das Ergebnis unserer bisherigen und aktuellen Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen in Reaktion auf unsere Umgebung sein.

Aber wo bleibt da die freie Wahl? Sie liegt genau hier: im Erkennen unserer Funktionsweise.

Wer bin ICH also? ICH ist das Resultat der erinnerten Vergangenheit und der antizipierten Zukunft. Ich bin mein Alter, meine Geschichte – und mein Ego erzeugt mICH in jedem Augenblick.

Doch es herrscht ein immenser Unterschied zwischen dem ICH, das aus der Angst vor der Zukunft geboren wird und dem ICH, das dem erlebten Vertrauen erwächst.

Und genau diese Wahl, die wir tatsächlich täglich aufs Neue treffen können, entscheidet über unser Selbsterleben und über die Welt, in der wir leben. Auch morgen. Es geht darum, ob wir in Angst leben oder Vertrauen bilden. Aber haben wir wirklich die Wahl?

Identität zwischen Einheit und Unterscheidung

Ohne Akt der Unterscheidung, was Ich bin und was Ich nicht bin, gibt es mIch nicht. Das klingt banal, hat aber eine schwerwiegende Auswirkung: Erst durch Unterscheidung gibt es mich als nach innen hin definierte und nach außen (wieder)erkennbare Einheit.

Eins mit sich sein, über die Zeit hinweg konsequent stimmig sein – bedarf zunächst der Abgrenzung.

Im Unterschied zwischen innen und außen, zwischen mir und anderen erkenne ich mICH selbst.Und von hier aus kann ICH den nächsten Schritt gehen: ICH kann erkennen, wer WIR sein können und was uns zusammenhält, wenn wir diese Grenzen zwischen uns nicht ziehen.

Verzichten wir auf Unterscheidungen, können wir unser All-Eins-Sein erkennen und spüren.

Identität, verstanden als der stabile Kern unseres Selbstempfindens, verlangt nach Abgrenzung. Solange zumindest, bis wir lernen, in der grenzenlosen Offenheit zu Hause zu sein. Und das kann ein Leben lang dauern, oder auch nie geschehen.

In dem Moment aber, in dem ich mein ICH, also meine Vorstellung von mir und der Welt für wahrhaftig, für gegeben, für unabänderlich und einzig wahr halte, wird alles ANDERE zur potenziellen Bedrohung. ICH will Stimmigkeit mit seiner Vorstellung. ICH will nicht, dass seine Bedürfnisse und Ansichten, Hoffnungen und Weltbilder ignoriert oder konterkariert werden.

ICH wehrt sich gegen jede Bedrohung.

Indem es seinen inneren Schutzschirm hochfährt, sich abschottet – oder nach außen hin aggressiv wird oder ANDERE(S) zu kontrollieren versucht. Mit Gewalt, durch Machtausübung.

Orientierung und Stabilität

Ordnung und Sicherheit, Kontrolle und Planbarkeit – sie alle zielen auf eines ab: auf tatsächlich erlebte Stimmigkeit der äußeren Wirklichkeit mit der eigenen Selbst- und Weltsicht. Hier treibt uns die Hoffnung auf gefühlten Frieden durch Aufrechterhalten des Alten und des Ego.

In Zeiten des Wandels und unter der Prämisse der Freiheit kann der Eindruck von Chaos vorherrschend werden. Wo Strukturen aufbrechen und neue noch nicht in Sicht sind, greift das Gefühl von Instabilität gnadenlos um sich. Die Frage nach Orientierung wird vorherrschend.

Wir Menschen sind – evolutionsgeschichtlich – gesehen auf die Wahr-Nehmung von Angst spezialisiert (das haben wir im Überlebenskampf tausende von Jahren lang trainiert). Daher werden wir in solchen als kritisch und unplanbar empfundenen Zeiten leicht aggressiv, ignorant oder abweisend. ICH will sich schützen, es hält an Altem und Ego fest.

Haben wir uns hingegen unser Leben lang mit den Mechanismen von Kreation, Innovation und Wachstum beschäftigt, so wissen wir, dass Irritationen und Wechselphasen zu Entwicklung und Fortschritt dazugehören. Unser Selbstbild ist durch diese Erkenntnis nicht gefährdet, ein derartiges Ich, das um ein kollektives Wir im Wandel erweitert ist, schöpft die Orientierung aus dieser Ausrichtung und im Prozess selbst.

Keine Henne ohne Ei. Und kein Ei ohne Henne. In beiden Fällen. Angst oder Vertrauen: Unsere Wahl zählt!

Ident und Täter

Wir haben die Wahl. Jeder einzelne von uns. In jedem Moment. Wo sehen wir hin, wie handeln wir, wem schenken wir unsere Aufmerksamkeit, wen wählen wir zum Präsidenten.

Wir können dabei zwei emotionalen Leitlinien folgen:

  1. Gleichmachen und Angstschüren.
  2. Unterschiede sehen und Vertrauen.

Wofür entscheiden wir uns: Werden wir zu Triebtätern der blinden Angst oder zu Wohltätern des sehenden Vertrauens?

Angst versus Vertrauen

Angst ist der Gegenpol zu Vertrauen.

Vertrauen braucht innere Sicherheit, Angst sucht die Sicherheit in starren Systemen. Aus der Angst heraus existieren evolutionsbiologisch gesehen nur 2 Reaktionsmöglichkeiten: fight or flight. Panikreaktion und Totstellen oder Wut und Hass.

Vertrauen wiederum bedarf einer gehörigen Portion Mut.

Nicht umsonst heißt es ver-trauen. Es ist der Mut, der sich der Realität stellt, ohne wegzuschauen. Wir trauen uns zu sehen, was auch immer da ist, ohne zuzuschlagen oder abzustumpfen. Vertrauen heißt verletzlich sein und zu bleiben, empfänglich für die unendlich vielen Facetten des Lebens. SIch zu trauen. Sich und anderen, der Welt und der Zukunft zu vertrauen, bedeutet in Offenheit zu erleben, was da ist und in Ruhe zu tun, was getan gehört, um noch mehr Vertrauen ins Leben zu rufen. Vertrauen zu verbreiten ist so viel schwieriger als das Angsthaben zu schüren…

Faites vos jeux

Die vermeintliche Sicherheit der Vergangenheit ist eine Illusion, die Planbarkeit der Zukunft ein vermeintliche Sicherheit spendender Traum. Aber Angst erzeugt nur noch mehr Angst.

Was bleibt übrig? Das Vertrauen in die Vernunft. Auch und gerade jetzt. Seien wir uns bewusst, dass wir unser aller Leben durch unsere Wahl mitbestimmen.

Zeigen wir Courage. Wählen wir den Mut, uns und einander zu vertrauen.