Surprising Salon Session No 21: Es b(r)öckelt…

Ein Bock ist ein Bock ist ein Bock

Und mitunter geil. Wer triebgesteuert durchs Leben geht, der hat es aber mittlerweile zumindest nicht mehr ganz so einfach. Obwohl Frauen es diesbezüglich ja nie wirklich einfach hatten. Wollten sie „zu viel“, mit „zu vielen“ verschiedenen Partnern oder abseits der gesellschaftlichen Konventionen ihren Trieben frönen, so galten/gelten sie als (beliebiges weibliche Genitalien oder Sexarbeiterinnen betreffendes Schimpfwort einfügen). Sie wurden und werden in weiten Kreisen der Gesellschaft massiv abgewertet.

Männer hatten es diesbezüglich zumindest früher viel einfacher. Ein Klatsch auf den Kellnerinnen-Po, die Sekretärin am Schreibtisch nehmend und die aufstrebenden Karriere-Damen ihren Leistungswillen beweisen lassen – das war/ist offenbar, was viele Männer woll(t)en. (Mancher) Mann will sich einfach nehmen, was Mann „braucht“: Viel zu oft werden Autoritätsverhältnisse an Schulen missbraucht und Übergriffe zu Hause ignoriert. Viel zu lange, wahrscheinlich ein Männer-Menschengedenken lang, war Missachtung, Missbrauch und Misshandlung aller Art eine totgeschwiegene und damit geduldete Selbstverständlichkeit. Die klassischen Abwehr- und Rechtfertigungshaltungen sind seitens vieler Männer zumindest unbewusst das Patriarchat – also die scheinbare gott- oder natur- oder kulturgegebene Überlegenheit der Männer über die Frauen. Viele Frauen sind mit solchen Verhaltensmustern aufgewachsen und nehmen ihre unterlegene Rolle als gegebenen Umstand an – ein besonders heikler Punkt, wenn es um die „Die ist ja selber Schuld“-Argumentation geht.

Wobei einfach nur festzuhalten ist: Ein geiler Bock ist ein geiler Bock. Und wenn er seine Triebe ausleben will, müsste er sich nur an eine Regel halten. Erlaubt ist, was erlaubt wird (also im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen stattfindet), von beiden gewollt wird und beiden Spaß macht.

Sex und Macht

Wer Sex hat, fühlt sich danach meist besser. Wer gerne sexuelle Handlungen vollzieht, die verboten sind, erfährt einen besonderen Kick. Wer Grenzen überschreitet, beweist sich und anderen damit, etwas Besonderes zu sein. Sex und Selbstwert sind bei vielen Menschen untrennbar miteinander verbunden. Im positiven Fall entspannen sich die Muskeln, Stresshormone werden abgebaut und Bindungshormone ausgeschüttet. Im negativen, übergriffigen Fall, wird dem gegenüber Gewalt angetan – einer erhöht und befriedigt sich auf Kosten der/des anderen.

Wenn die Fassade b(r)öckelt

Machoismus war früher, im letzten Jahrhundert wohl tatsächlich en vogue. Er ist es nicht mehr. Andere Kulturen pflegen ihn noch, ältere Semester sind darin sozialisiert. „Wo die Männer die Chefs sind und die Frauen zuarbeiten, da ist die Welt noch in Ordnung“ – dieser Ansicht sind tatsächlich immer noch viele. Aber wenn durch Unterdrückung ein Vorteil entsteht, sei es psychisch (Selbstwertgefühl), emotional (Überlegenheitsgefühl), physisch (Druck abbauen), sowie wirtschaftlich (höheres Gehalt, Aufstieg auf der Karriereleiter, mehr Entscheidungsmacht), warum sollten sie damit aufhören? Weil es ihnen mehr Nutzen und höheres Ansehen bringen sollte, wenn sie damit aufhören würden.

Ins Bockshorn jagen

#MeToo hat bislang Verborgenes an die Öffentlichkeit gebracht und eine Menge Vorurteile an die Oberfläche geschwemmt. Positiv an einer breiten Auseinandersetzung sind das Bewusstmachen der immer noch weitest verbreiteten geil-bockigen Handlungsweisen und das Rausholen derselben aus der gesellschaftlichen Verdrängung, aus der Unsichtbarkeit und dem Toleranzrahmen. Zum einen können Frauen, die sich bisher vieles gefallen ließen, eine klare Grenze setzen und erhalten dafür auch gesellschaftlichen Rückenwind. Zum anderen müsste Männern langsam bewusst werden, dass übergriffiges Verhalten aller Grade nicht nur „nicht politisch korrekt“, sondern ein absolutes Tabu ist.

Es gilt, das Tabu des „nicht-darüber-Redens“ in ein Tabu des „nicht-Tuns“ zu verwandeln.

Es gilt, das Stillschweigen zu jeder Form des Eingriffs in die psychische, emotionale oder körperliche Intimsphäre eines anderen (und natürlich sind davon nicht nur Frauen betroffen, sondern auch Kinder oder Männer) auf beiden Seiten zu brechen. „Täter“ müssen sich bewusst sein, dass sie dies nicht nur „eigentlich nicht tun sollten, sondern absolut nicht tun dürfen. Ihre innere Hemmschwelle muss steigen, auch unter Alkoholeinfluss oder Arbeitsstress. Und potenzielle „Opfer“ müssen sich bewusst sein, dass sie ein Recht auf Abgrenzung haben, sich beileibe nichts gefallen lassen müssen.

Miteinander ins Neue Zeitalter

Für ein gutes Miteinander braucht es Menschen, Männer wie Frauen, der Neuzeit. Sie verhalten sich allen Menschen gegenüber respektvoll, haben ihre Triebe im Griff und setzen sich gegen übergriffiges Verhalten aller Art ein. Sie verhalten sich allen Menschen gegenüber selbstbewusst, lassen sich nicht zum Opfer machen und behandeln andere nicht als mehr oder weniger wertvoll als sich selbst. Sie setzen Grenzen und handeln vorbildhaft für Mitmenschen aller Generationen, leiten andere in ihrer Entwicklung an, verdienen und bekommen entsprechendes Ansehen.

Das kann doch nicht so schwer sein, oder?

 

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Surprising Salon Session No 13: Raumzeit – Das Maß aller Dinge

Raum: Der reine Luxus

In meinem großen Zimmer ruht eine uralte Wasserwaage. Sie liegt einfach so vor sich und mich hin. Doch ich weiß nicht wirklich, was sie misst. Da sollte wohl ein Luftbläschen anzeigen, wo die totale Mitte, die absolute Gerade, das eigentliche Soll  zu finden ist. Tut es aber nicht. Zumindest nicht, solange ich nicht die Perspektive wechsle und das Ding selber in die Hand nehme. Aus diesem einen, ersten Blickwinkel eröffnet sich mir folgender Gedankengang: Das Maß aller geradlinigen Dinge – das Bläschen heißer oder kalter Luft – dürfte über die Zeit hinweg irgendwie abhandengekommen sein. Wie im echten Leben. Immer weniger scheint uns mit fortschreitender Zeit klar zu sein, worin das Optimum, die ideale Gerade, der perfekte Zustand zwischen zu viel links oder rechts, zu viel vom einen und zu wenig von anderem liegt. Die Antwort liegt nahe: im Hier. Doch wo ist „Hier“? Und wie viel Platz ist im „Hier“ verfügbar? Wer kaum Raum zur Verfügung hat, dessen Gefühl für die eigene Mitte wird stark gefordert. Sei es das Gedränge in einem asiatischen Markt, die Enge in der economy class auf einem Langstreckenflug, das Behindertwerden im Weiterkommen durch einen Stau beim Autofahren oder auch der fehlende Rückzugsraum in einer geteilten Wohnung. Aber nicht nur fehlender Raum zur Bewegung oder zum Ankommen bringt uns aus der eigenen Mitte. Auch ein Raum, dessen Lebensqualität beschränkt ist verhindert, dass wir aus dem vollen Ganzen unserer Kräfte und Möglichkeiten schöpfen.

Ich schreibe diese Zeilen in einer Business Lounge am Flughafen von Bangkok. Der reinste Luxus. Nach massivem Stau auf den verstopften Straßen, dichten Menschenmengen in ewig langen Schlangen, die einen durch behördliche Irrwege und technisch-logistische Umwege quälen, nach fehlenden Sitzgelegenheiten zum Ausrasten und unendlich langen Gehwegen zum Nirgendwo-Ankommen ist die Business Lounge eine Oase all dessen, was schön und gut zu sein scheint: Leise, entspannt, kühl, leer, mit weichen Sesseln und vollem Büffet, sauberen Toiletten und lächelndem Personal. Daran könnte man sich schon gewöhnen. Doch ist das auch real? Wieviel Raumlosigkeit muss man erlebt haben, um eine solche Raumfülle ohne schlechtes Gewissen genießen zu können? Wo doch so viele andere kaum einen echten Lebensraum haben, sich keinen hochqualitativen Eigenraum leisten können – und nicht mal temporär, quasi auf der Durchreise ihres Lebens, jemals in den Genuss von sorgsam geschütztem individuell verfügbarem Raum kommen. Eigenraum ähnelt insofern den luxuriösesten materiellen Ressourcen – beide scheinen an Geld gebunden zu sein. Natürlich gibt es da noch den öffentlichen Raum, die Parks und Gärten, die Berge und Seen, Wälder und Wiesen. Vorübergehend können wir dort ankommen, uns an der Natur ausrichten und in unsere Mitte finden. Aber irgendwann mal müssen wir wieder zurück. In den mehr oder weniger vorhandenen Eigenraum, in unser eigenes Leben…

Zeitlosigkeit: Die reine Freude

Viel einfacher ist es da schon, dem Luxus der Zeit zu frönen. Zeit hat jeder, gehört jedem. Dafür brauchen wir kein Geld. Im Gegensatz zum Raum hat jeder Zeit, der gar kein Geld hat. Und natürlich jeder, der über ganz viel Geld verfügt. Doch gerade diese Zeitbesitzer – und zwar auf beiden Seiten – wissen nicht immer etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzufangen. Viele verzweifeln richtiggehend an zu viel freier Zeit, an zu viel Eigenzeit, an einem übervollen Zeitbudget, das gerade nicht fremdbestimmt, vorbestimmt, verplant und eingeteilt ist. Diese Menschen zerbrechen mit der Zeit an sinnentleert erlebter Zeit (nicht nur in der Arbeit), oder aber an beziehungsloser Zeit (im Privatleben wie im Berufsumfeld). Zuviel Zeit in der Einöde des Eigenraums ist vielen Menschen ein Gräuel. Mir nicht. Ganz im Gegenteil. Das liegt aber daran, dass Zeit für mich ein nicht immer verfügbarer Luxus ist – wie für die allermeisten Menschen, die arbeiten, um zu leben. Als selbstständig erwerbstätiger Mensch habe ich einen gewissen Eigenraum und eine gewisse Eigenzeit zur Verfügung. Beide werden regelmäßig durch Verpflichtungen aller Art so eingeschränkt, dass ich die Zeiten ohne Aufgaben und den Raum ohne Menschen auch so richtig genießen kann. Wenn die Zeit fließt und ich mit ihr, dann ist das Leben ideal. Wenn der Raum wirkt und ich in ihm, dann bin ich nicht nur in meiner Mitte, sondern in der Mitte des Seins.

Zeitlosigkeit: Die reinste Qual

Andere hingegen haben schlicht gar keine Zeit. Das pure Überleben frisst sie auf. Für jene, die zugleich kaum eigenen Raum zu ihrer Verfügung haben, sollten soziale Programme greifen. Hier können die Mindestsicherung, Steuererleichterungen, Wohnprogramme, Arbeitnehmerschutz uvm zu mehr Zeit und Raum verhelfen. Für all jene aber, die sehr wohl über Raum aber kaum über Zeit verfügen, stellen sich andere Fragen: Wovor laufen sie weg, wenn sie sich im Eigenraum einigeln? Was versuchen sie zu erreichen oder zu beweisen, wenn sie ihr Zeitbudget ständig gnadenlos überziehen? Warum müssen und wollen sie ihren Lebensstandard mit ihrer Lebenszeit bezahlen? Und allen voran: Ist es das tatsächlich wert? Welchen Themen müssen wir uns stellen, sobald uns die Stille und die Leere eine Innenschau gewähren? Erst sobald gesehen und gefühlt wurde, warum das Laufen attraktiver als das Stehenbleiben wirkt, können sich neue Tore öffnen. Tore, die einen anderen Film laufen lassen. Unseren Film. Ein Film, in dem wir nicht nur Hauptdarsteller sind, sondern auch die Drehbuchautoren, Regisseure und Kameraführenden.

Möglichkeitsraum – Tatsächlichkeitszeit

Raum und Zeit nach eigenem Ermessen zur Verfügung zu haben – das sind die Luxusartikel unserer Tage. Raum zum Reisen, Zeit zum Schweigen. Raum zum Ruhen, Zeit zum Träumen. Raum zum Wirken, Zeit zum Reifen. Raum und Zeit, um Visionen zu entwickeln und zu realisieren.

Doch wer gibt uns diesen Raum, diese Zeit? Wieviel Geld brauchen wir für ein hochqualitatives Leben? Wieviel Ungerechtigkeit geht mit dem Vereinnahmen von Eigenraum und Eigenzeit einher? Mit anderen Worten: Wieviel soziale Verantwortung balanciert das Verweilen in der eigenen Mitte und das Auskosten der raumzeitlichen Möglichkeiten? Was kostet der Konsum von Raumzeit? Müssen dafür andere enger und schneller leben, haben sie weniger Möglichkeiten, wird ihr faktisches Leben tatsächlich beschränkter durch die Freiheit anderer? Wer trägt für die Zustände und Umstände dieser Welt, für die entgrenzten und die begrenzten Erlebniswelten in ihr eigentlich die Verantwortung?

Möglichkeit versus Geschwindigkeit

Die essenzielle Entscheidung zum Erleben von höchstmöglicher persönlicher Freiheit in Balance mit tragfähiger sozialer Verantwortung ist zweigestaltig. Die eine Hälfte betrifft das höchstpersönliche Erleben: Hier ist der Wunsch, die eigenen Grenzsetzungen zu erkennen  und neue Horizonte zu eröffnen ausschlaggebend. Die andere Hälfte betrifft die im persönlichen Einflussbereich befindliche Umwelt: Hier zählt der Wunsch, die inneren und äußeren Grenzen für andere zu verringern und ihnen ein Leben mit mehr Möglichkeiten als vorher zu eröffnen – in welcher Form auch immer. Es kann der Abbau geistiger, emotionaler oder physischer Limitationen sein, der mehr Raum für eine gesteigerte Erlebensqualität schafft. Etwa Bildungsmaßnahmen zur Persönlichkeitsentwicklung, die wiederum neue Türen im Inneren und Äußeren sichtbar machen. Natürlich kann auch das Verändern systemischer Strukturen dabei helfen, das Überlebensproblem besser lösen zu können. Den Möglichkeiten, die eigenen und die Begrenzungen anderer zu überschreiten bzw. aufzulösen sind keine Grenzen gesetzt. Auch keine zeitlichen. Es geht hierbei weniger darum, die Welt schnellstmöglich zu verbessern, als darum, die Perspektiven möglichst vieler Menschen, die zur Entgrenzung ihrer selbst und anderer bereit sind, zu verändern. Es geht also darum, einen sozialpolitischen Auftrag zu definieren – und zu erfüllen, nämlich Multiplikatoren der Entgrenzung zum Besten aller zu finden, wenn nötig auszubilden und bei der Verwirklichung zu unterstützen.

Lebensraum und Lebenszeit

Worum geht es in diesem Leben? Um Erfolg oder Erfüllung? Um minimale Leiderfahrung oder maximale Liebesempfindung? Um Wachstum oder Wirkung? Um Freiheit oder Verantwortung? Vielleicht um ein Leben ohne „oder“. Einmal Alles bitte. Und das für Alle. In Freiheit und Verantwortung für sich und andere, für Umwelt und Nachwelt.

Klingt aus dieser Perspektive doch gar nicht so unmöglich, oder?

 

Surprising Salon Session No 7: Die Grüne Fee

„Die Grüne Fee“

So wurde dieser quietschgrüne Flascheninhalt früher genannt: Absinth galt einst als begehrtes Heilelixier, dem van Gogh, Gauguin und Toulouse-Lautrec ebenso frönten wie Poe, Crowley oder Hemingway. Alles herausragende Künstler, die an die Grenzen des Bekannten – oder ihrer selbst gingen. Und darüber hinaus. Thujon heißt die spannende Essenz, die der Grünen Fee ihre Flügel verleiht. Das Nervengift ist ein Bestandteil des ätherischen Öls des Wermuts und ruft in höherer Dosierung vor allem Verwirrtheit und epileptische Krämpfe hervor. Im 19. Jahrhundert waren es Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die der Grünen Fee ihren illustren Beigeschmack gaben. Dafür wird heute die damalige schlechte Qualität des Alkohols verantwortlich gemacht.

Blicke ich auf die zauberhaft schimmernde Flasche auf meinem Glaskasten – ein Überbleibsel meines letzten runden Geburtstages – so haucht mir aber weniger eine Welle brachialen Anisdufts als vielmehr eine leise Ahnung von Laudanum entgegen. In meinen Gehirnwindungen hat sich vor Jahrzehnten das Bild des im Film Gothic als giftgrün dargestellten Wundermittels festgekrallt. In jedem Fall umgibt auch den Absinth der heutigen sachlich-nüchternen Zeit noch eine Idee von Wahnsinn und exzessivem Rausch. Der „Wahn-Sinn“ im Sinne eines „Außer-sich-Seins“ scheint in unseren Tagen jedoch weniger zum Vergnügen der Erwachsenen beizutragen als vielmehr Bestandteil jugendlicher Ausschweifungen zu sein. In Pillenform etc.

Erwachsene hingegen belohnen sich nach vollbrachtem Tagewerk eher mit einem Bier oder mehreren guten Gläsern Wein. Ich erinnere mich noch an die Generation meiner Eltern, in der unbeschränkter Alkoholgenuss und ausschweifende Trinkgelage irgendwie fast zum täglichen Leben gehörten. Vom Zigarettenrauchen mal ganz abgesehen. Dagegen sind wir mittlerweile eine langweilig nüchterne Gesellschaft geworden. Ich habe den Eindruck, dass das feuchtfröhliche „Feiern“ früher integraler Bestandteil des Alltags war – und dass es tatsächlich in mehr Fröhlichkeit mündete als es das heute tut. Sofern heute überhaupt noch gefeiert und nicht nur getrunken wird.

Abstinenz total

Frohsinn, wo bist du hin? Nicht dass ich glaube, dass Alkohol wirklich froh macht. Aaaaber. Irgendwie scheinen die Menschen heute nicht und nicht glücklich im Sinne von leicht und wohlgestimmt werden zu können. Oder zu wollen. Mit oder ohne Hilfsmittel. Schade eigentlich. Da könnten wir doch gleich den Kopf in den Sand – oder in die Flasche – stecken. Oder?

Nicht wirklich. Denn dadurch wird nichts besser, nur vernebelt, verdrängt, wir bekommen für ein paar Momente scheinbar mehr Raum für uns und die guten Gefühle in uns. Sie vergehen aber so schnell, meist schon am selben Abend, dass man ob der fehlenden Nachhaltigkeit des Frohsinns zurecht an der Güte dieses beseelten Zustandes zweifeln kann. Gerade in der Fastenzeit finden so manche wieder zu einem klaren Kopf. Dann stellt sich eine andere Frage: Wollen wir in aller nüchternen Klarheit und emotionalen Empfindungsfähigkeit tatsächlich sehen und fühlen, was sich so rund um uns herum tut?

Es grünt nicht mehr so grün

Die Wege zum Glück scheinen heutzutage weniger grün, weniger erfolgsversprechend zu sein als früher. Der Wirtschaft geht es nicht gut, das Elend der Welt dringt in unsere ehemals geschützten vier Wände ein. Obwohl die Armut weltweit weniger wird, bekommen wir jetzt viel mehr davon mit. Waren der Hunger und der Krieg in der guten alten Fernseh- und Zeitungszeit vorwiegend über Nachrichten aus fernen Ländern vorhanden, so bringt unsere Informations(flut)gesellschaft und die Mobilität der Welt alles, was wir ehemals als „fernab“ von uns gesehen haben, quasi vor unsere Haustüre, in unsere Handys, in unseren Gefühlshaushalt. Aber was tun damit? Wohin orientieren wir uns, wenn die Welt scheinbar zugrunde geht (was sie ja nicht tut – wir bekommen nur mehr mit von den brennenden Themen und ungelösten Aufgaben auf der ganzen Welt)? Und wenn wir uns nicht mehr in kurzfristigen Räuschen eine heile Welt vorgaukeln können oder wollen: Was tun wir stattdessen sinnvollerweise? Wie gehen wir mit der Großen Nüchternheit, mit der Ernüchterung unserer Zeit und dem Bewusstsein über die überlebensgroßen Aufgaben auf und in unserer Welt um?

Der Flaschenhals unserer Zeit

Während die einen versuchen als Gegenwegung zur Ablenkung in vermehrter Achtsamkeit zu schwelgen, aber nur selten überschäumend glücklich sind, weil es so wenige Gleichgesinnte ohne Moralisierungsdrang zu geben scheint, laufen die anderen immer noch irgendwelchen vermeintlichen äußeren Heilsbringern nach: Geld, Macht Karriere. Dritte wollen ein klares Gefühl von Sinn und Wert, Vierte von Zugehörigkeit und Sicherheit. Was Menschen heute suchen, oft ohne es zu wissen, ist ein Zaubermittel gegen die Hilflosigkeit unserer Zeit. Ein Rezept gegen die Überforderung durch die unendlich vielen offenen Baustellen. Ein Elixier, dass uns rausbeamt aus dem unübersichtlichen Grau von Alltag und unbewältigter Welt. Es handelt sich beim Gesuchten um ein Wundermittel, nach dem wir uns tief drinnen sehnen: Einem grünen, weil vielversprechenden Weg zu mehr Vertrauen. Zu tiefer Zuversicht. Zu echter Zufriedenheit im Sinne von: im Frieden mit sich sein. Was führt uns bloß dorthin? Wo sind sie, Friede und Freude in uns, diese beiden wonniglichen Hochgefühle. Das eine ist still und weit. Das andere hoch und ekstatisch. Vertrauen, Zuversicht, Zufriedenheit – und enthusiastische Höhenflüge. Das ist eine Mischung, an die man sich vielleicht mit viel Glück noch aus der Jugend- und Studentenzeit erinnert.

Auf und Ab

Aber gibt es die unbändige und ungezügelte Macht der Intensität ohne unerwünschte Nebenwirkungen? Was sagt der Beipackzettel des Lebens? Nein. Mit der Zeit wird man klüger, aber auch müder. Wacher, aber auch langsamer. Man kommt von ganz alleine an. Nämlich dort, wo einen die Entscheidungen seines Lebens hinführen. Der Lebensweg liegt jetzt nicht mehr frühlingsgrün und unberührt von einem. Hier dominiert bei manchen dann der fade Geschmack des Alltags schon das morgendliche Aufwachen. Er zieht sich durch, bis zum abendlichen Belohnungsgläschen. Der vertrocknende Weg des Immergleichen versetzt selbst den Versuch, das Leben zu feiern oder sich zumindest für seine täglichen Anstrengungen zu belohnen, mit hauchzarter Bitterkeit. Wo das überschäumende Feiern fehlt, da gibt es wenigstens kein Kopfweh danach. Sollte man meinen. Aber sind wir deshalb glücklicher, nur weil wir vorauseilend die Nachwirkungen zu vermeiden suchen?

Kein Weg zurück

St. Patricks Day war diese Woche. Ein ehemals freudvoll grüner Tag. Ein traditioneller Anlass für ein kollektives fröhliches Besäufnis. Wie viele „Feiernde“ waren aber auch dieses Jahr dabei nicht happy, sondern wurden mit jedem Bier zunehmend trübsinnig oder aggressiv? Die Grüne Fee bzw. das Grüne Bier wirken nicht mehr. Die Zeit der Ablenkung, des Verdrängens ist vorbei. Wir stehen heute vor der immensen Aufgabe, die Last unseres Lebens und der Welt in voller Nüchternheit zu tragen, ohne uns effektiv davon ablenken zu können.

Wo ist er hin, der Weg ins Grüne? Diese Frage hilft nicht weiter, denn das Bemängeln des Fehlens der von Sentimentalität verzerrten Vergangenheit eröffnet uns keinen neuen Weg. Wollen wir wieder zuversichtlich sein und die Intensität des Lebens in vollen Zügen genießen, so müssen wir anders denken, anders handeln, anders erleben als bisher. Wir sind heute dazu aufgefordert, Grün in uns zu pflanzen. Damit wir selbst Grün werden. Wir sollten uns am Leben berauschen. Einen tiefen Lungenzug von jedem Moment der Existenz nehmen. Mit jedem Gedanken einen Schluck vom Glück des Daseins genießen. In jede Entscheidung einen großen Schuss Mut und Liebe mixen. In jeden Schritt ein champagnerperliges Gefühl von Aufregung, Anregung, Rührung legen. Suchen wir nicht mehr in der Vergangenheit oder in Ablenkung unser Glück. Blühen wir statt dessen grundlos auf. Denn heute sind wir die Grünen Feen. Und alles wird, nein ist, gut.