Special Screen Script 2: SO geht anders!

Viel zu oft stehen wir uns nicht nur selbst im Weg. Wir bereiten uns auch gegenseitig eine Menge Kopfzerbrechen und Herzleid. Wenn es uns Menschen gelänge, mit unterschiedlichen Sichtweisen sozialverträglich umzugehen, wäre die Welt definitiv ein besserer Ort. Aber warum fällt es so schwer, gut miteinander umzugehen, wenn wir anderer Meinung sind? Worüber streiten wir besonders gern und oft – meist lautstark und voll unangenehmer Emotionen? Welche Verhaltensweisen sind eigentlich sinnlos, obwohl sie uns nahezu tagtäglich begleiten? Und vor allem: (Wie) Geht es auch anders?

Der Beitrag „Streit oder Diskussion?“ wurde am 27.02.2018 auf ORF 2 in „Mittag in Österreich“ ausgestrahlt: http://tvthek.orf.at/profile/Mittag-in-Oesterreich/13887636/Mittag-in-Oesterreich/13967537/Nana-Walzer-Kommunikationsexpertin-Streit-oder-Diskussion/14253276

Und für alle, die das Zeitfenster der TV-Thek verpasst haben oder die gleich lieber nachlesen:

Worüber streiten wir uns, wenn nicht um des Kaisers Bart?

Gründe für Konflikte gibt es scheinbar wie Sand am Meer, aber eigentlich sind es nur drei Bereiche, die uns schnell einmal aufregen: Wir streiten uns besonders gern, wenn es um Unterschiede in den Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen und Zielsetzungen zwischen zwei Menschen oder Menschengruppen geht. „Wer bekommt, was er will?“ lautet bei diesen Konflikten die Grundfrage.

Zweitens sind wir vielfach über die Methoden, also über den besten Weg zu einem gewissen Ziel zu kommen, uneins. Hier kommen unsere Einstellungen und Werte ins Spiel: Was empfinden wir als fair und was als unfair? Wie definieren wir richtig und falsch? Welches Vorgehen funktioniert am allerbesten? Welche möglicherweise untragbaren Konsequenzen können im Zuge einer Entscheidung entstehen? Unsere unterschiedlichen Erfahrungen und Prägungen liefern uns den Hintergrund für weit auseinanderklaffende Ansichten. Leider sind an sie individuelle Hoffnungen und Ängste geknüpft, die einem selbst oft selbstverständlich erscheinen, aber für andere nur schwer nachzuvollziehen sind – vor allem dann, wenn diese darunterliegenden Gefühle nicht ausgesprochen werden. Solche divergierenden Ausgangspositionen verleiten uns dazu, mitunter heftig am eigentlichen Thema vorbei zu streiten. Oft würde es an der Stelle darum gehen, angehört und in den eigenen Sichtweisen und Empfindungen anerkannt zu werden. Dann erst kann der Inhalt wieder in den Mittelpunkt rücken.

Und zu guter Letzt sind es auseinanderdriftende Prioritäten oder Hierarchien, die Differenzen verursachen. Dem einen ist etwa die Beziehung wichtiger, dem anderen die Arbeit. Einem die Familienzeit, anderen die Freizeit alleine oder mit Freunden. Und wer wo in der Hackordnung steht, das ist ein Thema, das wohl die meisten in Beziehungen aller Art, sei es in der Familie oder der Arbeit, auf Trab hält. Wer darf entscheiden? Wer kann wem etwas anschaffen? Wer muss gehorchen und darf nicht mitreden?

All diese Themen lassen sich gar nicht so einfach ruhig diskutieren und verleiten uns leicht zum miteinander Streiten.

Worin liegt der Unterschied zwischen einem Streit und einer Diskussion?

Beim Streiten kochen die Gefühle leicht einmal über oder es wird schnell untergriffig. Wir fühlen uns vom anderen angegriffen, abgewertet oder ignoriert. Das Resultat ist, dass wir „aus der Haut“ fahren, „rot sehen“, uns aggressiv oder defensiv verhalten.

Beim Diskutieren stehen es aber weniger die Gefühle, weniger die eigene Stellung als Person oder das Selbstwertgefühl der Beteiligten im Zentrum. Vielmehr geht es in einer Diskussion ums recht(er) haben auf Basis des besseren Arguments.

Was macht eine gepflegte Diskussion aus?

Wer nicht nur streiten kann, sondern zu diskutieren versteht, vermischt die Beziehungs- und die Sachebene nicht so leicht, wie es beim Streiten fast automatisch passiert. Es stehen eher die Inhalte als die Gefühle eines Menschen oder die Beziehung zueinander im Zentrum. Dabei geht es nicht darum, das Persönliche, sämtliche Gefühle und die Beziehungsebene zu ignorieren oder zu verdrängen. All diese Komponenten gehören ebenso wahrgenommen, sie sollten aber die sachorientierte Unterhaltung nicht so stören, dass das Gespräch aus dem Ruder läuft. Dazu braucht es eine gewisse emotionale Reife: Wahrnehmungsvermögen nach innen und außen, den Willen zur ungeschönten Selbsterkenntnis und die Fähigkeit zur Gefühlsregulation.

Wenn eine Diskussion in diesem Sinne gelingt, also sachlich geführt werden kann, dann hört man dies auch am Tonfall. Er kann zwar aufgeregt sein, muss aber nicht aggressiv oder anklagend werden.

Was genau versteht man unter einer Diskussion?

Diskutieren bedeutet schlicht „seine Meinung austauschen“, etwa um ein Problem oder einen Vorschlag aus verschiedenen Blickwinkeln zu erörtern. Es geht dabei primär um ein Thema, das untersucht wird, indem jede Seite ihre Argumente dazu beiträgt. Ein Argument ist übrigens eine Aussage zur Begründung oder Wiederlegung einer Behauptung. Es können für eine nachvollziehbare Begründung zum Beispiel wirtschaftliche, technische, menschliche, organisatorische und Umweltaspekte herangezogen werden. Also alles, was etwa finanzielle Faktoren oder die Machbarkeit betrifft, den sozialen Nutzen, die Zeitersparnis oder Nachhaltigkeit uvm.

Die Beweisführung sollte dabei aus richtigen, belegbaren Zahlen, Daten, Fakten und Aussagen bestehen. Diese sollten aus einer qualitativ hochwertigen Quelle stammen (etwa aus Wissenschaft, Qualitätspresse, Fachliteratur, Expertenmeinungen, gesellschaftlichen Normen oder natürlich auch aus eigener praktischer Erfahrung und mit eigenen Augen beobachtbaren Entwicklungen). Die Nacherzählung der Meinung eines anderen liefert kein starkes Argument. Die Güte eines Argumentes bestimmt zum Ersten genau diese nachweisbare Realitätsabbildung, zum Zweiten das nachvollziehbare Vorbringen des Arguments und zum Dritten das Fehlen von überschäumenden Gefühlsinterpretationen oder anderen unzulässigen Bedeutungsauslegungen.

Wie sehen die „Goldenen Grundregeln des Diskutierens“ aus?

  1. Die erste Regel besteht darin anzuerkennen, dass zwei Menschen unterschiedliche Sichtweisen, Erfahrungen und Meinungen haben können – und dass dies völlig normal ist. Es kann sogar ein einzelner Mensch verschiedene Standpunkte und Perspektiven einnehmen, die sich widersprechen. Man selbst bzw. die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, muss daher nicht immer recht haben oder richtigliegen. Je nach Situation und Bezugsrahmen können unterschiedliche Sichtweisen nachvollziehbar werden. Natürlich wollen wir alle Bestätigung und Anerkennung erleben und nicht kritisiert werden oder mit der Nase darauf gestoßen werden, dass wir Unrecht haben. Aber genau diese Fähigkeit zur Selbstkritik, zum Anerkennen, dass wir nur eine Meinung unter vielen möglichen vertreten, macht uns erst diskussionstauglich. Wir können erst an dieser Stelle von der Frage des Selbstwertes absehen und zugeben, dass wir auch mal danebenliegen können. Wir müssen also nicht Recht haben, nicht Gewinnen, nichts beweisen. Ab hier kann die persönliche Ebene von der inhaltlichen gut getrennt werden. Man kann einen Interessenskonflikt lautstark oder über einen langen Zeitraum austragen, und einander zugleich mögen. Oder man kann einander nicht leiden und zugleich derselben Meinung sein.
  2. Sobald diese grundsätzliche Erkenntnis bei zwei Menschen oder in einer Gruppe angekommen ist, ist es Zeit für die zweite Regel: Beide Seiten sind bereit, die Meinungen des anderen anzuhören und durchzudenken. Die Diskussionspartner gehen nicht sofort in die innere Abwehr, suchen weder Rechtfertigungen noch Gegenargumente. Sie sind offen für neue Perspektiven und versuchen den dazugehörigen Bezugsrahmen – etwa Hintergründe, Zusammenhänge und historische Entwicklungen – nachzuvollziehen.
  3. Die dritte Regel: Es werden sinnvolle Begründungen vorgetragen und am besten mit Beispielen erläutert. Ein starkes Argument lässt sich gut belegen und ist nachvollziehbar.
  4. Viertens: Der Verzicht von unfairen Kommunikationsmitteln. Keine unzulässigen Verallgemeinerungen oder Verkürzungen, keine spekulativen Interpretationen, schon gar keine Drohungen, leere Versprechungen, verzerrende Gefühlsfärbungen oder andere Formen des manipulativen Verbiegens eines Inhaltes, nur um zu Gewinnen oder zu Überzeugen.
  5. Fünftens: Es muss keine Einigung erzielt werden und keine Lösung herauskommen. Auch muss kein Kompromiss geschlossen werden. Die Diskutanten können unterschiedlicher Meinung bleiben. In jedem Fall haben am Ende einer gut geführten Diskussion alle Beteiligten über den eigenen Tellerrand geblickt, ihren Horizont erweitert und etwas dazu gelernt. Daher ist es auch so wichtig, an vielen Diskussionen aktiv oder als Zuhörer teilzunehmen. Sich mit mehreren Zugängen zu einem Problem auseinanderzusetzen fördert unter anderem die Fähigkeit, mit der Vielschichtigkeit der Wirklichkeit besser umgehen zu können. Wir werden dann weniger anfällig für Manipulationen aller Art, etwa für leere Versprechungen, Angstmacherei oder simple Lösungsvorschläge für komplexe Probleme.

 

 

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