Surprising Salon Session No 18: Spieglein, Spieglein an der Wand…

Was flüstert uns das Spiegelbild?

Ich gehe auf der Straße und blicke auf die eigene Silhouette im Schaufenster, versuche mich so zu sehen, wie es andere vielleicht tun würden, versuche mich „objektiv“ (ha!) einzuschätzen: Wie alt, wie attraktiv, welche Ausstrahlung, müde, kraftvoll – ob wohl sichtbar ist, wie ich mich fühle? Wie fühle ich mich eigentlich? Ich weiß, dass alles, was ich sehe, meinem eigenen Kopf entspringt, mir nur bestätigt, was ich bereits in mir trage, ahne, fühle oder gar bestätigt haben möchte. Warum tue ich es dennoch?

Sieht man im Spiegel jemals etwas anderes, als was man unbewusst erwartet? Kann man tatsächlich „anders“ hinsehen, wahrhaft Neues im eigenen Spiegelbild entdecken? Klar, wer kennt das nicht: ungeahnte Adern, neue Falten, seltsame Flecken, Haare, wie und wo sie nicht sein sollten. Wer zu genau hinsieht, den überrascht das Leben allemal. Aber solche Beobachtungen meine ich nicht. Es sind die allzu leicht (be-/ab-/auf)wertenden, die sich von Minute zu Minute ändern können, je nach Befindlichkeit, die mich beschäftigen. Was suchen wir im eigenen Spiegelbild? Bestätigung? Welche Frage wollen wir in der Reflexion einer U-Bahntür erhaschen? „Die Wahrheit“ über uns?

Der Spiegel stellt die Frage!

Was suchen wir, wenn wir uns selbst  anschauen? Eine Einschätzung? Unser wahres Ich? Unsere Wesenheit? Die Wirklichkeit? Wollen wir einen Blick in unsere Seele werfen oder unsere Passung zur Umwelt checken? Ich spreche nicht von Selfies hier. Selfies sind Inszenierungen des eigenen Glücks, Versuche uns selbst (und erst nachher andere) von einer Realität zu überzeugen, wie wir sie gerne hätten. Selfies sind banal. Blicke in die spiegelglatten Flächen des Lebens sind es nicht. Wir wollen in der Oberfläche etwas erkennen. Wir wollen tiefer blicken, ohne darüber nachdenken zu müssen. Der Blick soll tausend Worte ersetzen. Aber gibt es da im Selbstbild überhaupt irgendetwas von Wert zu finden?

Der Spiegel blickt zurück.

In jeder Interpretation jeden Momentes, in jedem Gedanken und Gefühl steckt ein kleiner Rückspiegel. Manchmal auch ein großer. Er zeigt uns an, wo wir herkommen, was wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit heraus im Hier und Jetzt für die Zukunft suchen. Und er macht uns bei näherem Hinsehen klar, dass wir immer nur das finden können, was wir auch (zu bestätigen oder zu wiederlegen) suchen. Im Erkennen selbst liegt ein eingebauter blinder Fleck, die Einschränkung auf den Lichtkegel unseres Bewusstseins. Wir erkennen, was wir (er)kennen (können). Keine besondere Erkenntnis so gesehen, ich weiß. Spannend wird sie nur im Angesicht von Rechthaberei und Besserwisserei, von Kritik, Lob und Tadel – von Wert(ein)schätzung aller Art. Denn alle diese Bevormundungen, Bevorzugungen bestimmter Sichtweisen und Wertungen, zeigen auf nichts anderes als auf den Bewertenden, den die Aussagen Treffenden. Wieder nichts Neues. Oder doch? Warum zur Hölle (zum Himmel? Zur Erde und zu Wasser?) fällt diese Selbstverständlichkeit bloß nie den Bewertenden selbst auf? Nicht mal mir selbst, wenn ich mir in ehrlichen Momenten hinter die stressgeplagte und auf Automatismus-umgeschaltene Fassade blicke? Der Spiegel blickt zurück. Er blickt mir hinter die Oberfläche. Er zeigt mir, was ich sehen kann, worauf ich gepolt bin, welche Engen und Perspektiven in meinem Selbstbild herrschen und mein Weltbild beherrschen.

Schön und gut?

Ist es das, was ich aus meinem Spiegelbild herauslesen will? Oder will ich gar was „Echtes“ sehen? Was ist überhaupt „echt“, nicht nur optisch gesehen? Ist „echtes Verhalten“ das ungezügelte Rausposaunen seiner Erfahrungen und Erwartungen? Das freifließende Rauslassen der eigenen unreflektierten Meinungen, das Offenbaren unzensierter Gedanken? Das alleine reicht irgendwie noch nicht. Das reine ungeschminkte (auf) uns-Zeigen heißt ja noch lange nicht, dass wir damit unser echtes Wesen zeigen. Denn wer noch nicht weiß, wer er selbst überhaupt ist und wer zugleich noch nicht weiß, dass er nichts (über sich) weiß, der zeigt in seinem Verhalten nur auf seine Vergangenheit und auf daraus Extrapoliertes. In jeder Interpretation werden stets nur die eigenen Vorurteile klar. Aber wird das Wesentliche überhaupt jemals nach außen hin sichtbar?

Geist – das Wesen in der Reflexion

Ich gefalle mir in der Vorstellung, dass das Gegenüber im Spiegel ein anderes Ich ist, das einen anderen Möglichkeitsraum erkundet und zurückblickt. Neugierig auf mich in dieser, meiner mir bekannten Dimension und mir unbekannte Fragen stellt. So bleibe ich also offen für die Fragen meines Spiegelbildes. Und lasse mich überraschen von seinem sich stets verändernden Äußeren, das auch immer eine andere Sichtweise mit sich bringt. Ich erkenne nicht mich im Spiegel, ich lasse mich erkennen. Scannen, berühren von Aspekten, die mir noch nicht bekannt, bewusst sind. Spieglein, Spieglein an der Wand: Wen siehst Du heut in diesem Land?

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Surprising Salon Session No 5: Ein Gedicht, dieses Leben

Das Gedicht meines Lebens…

…hängt gleich hier bei mir, über meinem Schreibtisch. Dieser wunderbar von der Zeit zermürbte Zettel begleitet mich schon ziemlich genau mein halbes Leben lang. Er kam mit, wo auch immer ich war. Nun sieht er tatsächlich etwas mitgenommen aus. Das Gedicht hat schon einiges gesehen, es hat ein Eigenleben, eine Eigenfarbe. Es gibt mir Rat und Inspiration. Danke Peter Handke. Danke Natalie, Du Wunderbare, von der ich diesen Zettel anno dazumals in Hamburg in die Hand – nein: in mein Leben gedrückt bekam.

Es ist für mich eine Art Lebensratgeber. Mutspender. Aufrichter. Weg-Weiser. Es streicht das Wirklich Wichtige hervor, ohne das Wunderbar Unwichtige auszulassen. Es erinnert mich daran, dass das Leben ist, was wir daraus machen. Noch so ein Spruch, der in meiner Wohnung herumhängt. Eine Postkarte aus meiner Lieblingsbar. Öfter mal schreibe ich mir Briefe an mein zukünftiges, potenzielles Ich auf eine solche Postkarte. Nach dem einen oder anderen Bier. Da stehen dann Sachen drauf wie „Hold the One and Only Space“ oder so. Dinge, die wahrscheinlich (fast) nur ich verstehe. Aber…

Wer versteht einen schon wirklich?

Seien wir uns mal ehrlich. Wir glauben, einander zuzuhören, einander nachvollziehen zu können. Aber niemand steckt in unserer Haut, hat erlebt, was wir erlebt haben, sieht die Welt, so wie wir selbst. Daher ist es ja so wichtig, in seinen Eigenfarben zu erstrahlen, wie Handke so schön schreibt. Erst wenn wir uns zeigen, das Einzigartige sichtbar machen, uns so ausdrücken, dass wir uns nicht anpassen, um zu gefallen, sondern verfassen, was uns gefällt, werden wir greifbar. Angreifbar. Natürlich auch kritisierbar. Sich zu zeigen kann dazu führen, dass wir uns noch unverstandener fühlen als je zuvor. Der Kitt der Konvention zerbröselt. Die Schutzschicht des Selbstverständlichen blättert ab. Die nackte Soheit übernimmt das Ruder. So ohne Panzer kann das Leben dann auch hart und kalt sein. Wollen wir nicht alle irgendwie irgendwo dazu gehören?

Nein.

Wir wollen nicht irgendwie oder irgendwo hin gehören. Wir wollen Menschen um uns, die uns so sehen, wie wir sind und so nehmen, wie wir uns geben und so verstehen, wie wir es tatsächlich meinen. So gut, so wahr. Aber wo sind solche Menschen? Gibt es sie überhaupt?

Ja.

Warum? Weil ich es weiß. Sie sind überall. Aber sie zeigen sich erst, wenn wir uns zeigen. Sie nehmen uns erst wahr, wenn wir uns offenbaren. Eben auch auf die Gefahr hin, enttäuscht, verraten und verkauft zu werden. No risk, no joy. Besser noch: No openness, no connectedness. Aber reicht es, von anderen wirklich nur wahrgenommen zu werden?

Ja und Nein.

Denn noch viel schwieriger ist es, andere zu sehen, wie sie sind – und sein zu lassen, wer sie sind. Ohne einzugreifen, zu kommentieren, besserzuwissen, zu regulieren. Ohne zu bewerten und sich einzumischen. Verbundenheit entsteht weniger durch die Diskussion um das Eine oder Andere. Sie entsteht vielmehr im Zwischenraum des Sprachlosen. Im Augenblick, der nicht verrinnt. Im Raum der höchst aufmerksamen und zugleich absichtslosen Gedankenfreiheit. Im Zustand der Weite und der Druckfreiheit. Dort und dann, wo und wann wir nichts mehr wollen. Nicht für uns, nicht für andere.

Echt jetzt?

Echt. Jetzt.