SUPER SIMPLE SOLUTION No 17 – EMFORMATION

Emotion statt Information

Es gilt, ein Zeichen unserer Zeit zu akzeptieren: Das Publikum will Gefühle.

Damit wird es Zeit, die alten Vorstellungen von Gut und Böse in der Nachrichtenwelt zu transformieren. Nicht, weil sich etwa hohe Qualitätsansprüche an Recherche von Informationen oder Darstellung von Zusammenhängen ändern sollten. Vielmehr weil die Aufbereitung von Inhalten bestimmte Bedürfnisse ansprechen müssen, um vom Zielpublikum aufgenommen werden zu wollen. Auf diese Weise bekommen die „guten“, weil sachlich fundierten Informationen erst eine Chance, überhaupt wahrgenommen und argumentativ nachvollzogen zu werden.

Schluss mit dem Jammertal

Genug des Jammerns über die Lust des Publikums am scheinbar reinen Entertainment. Das Interessante an der „Unterhaltung“ ist ja, dass das „Reine“ am Entertainment dem Publikum echter vorkommt, als die sachliche Darstellung der Information es vermag. Das liegt daran, dass viele Menschen die „Informationen“ schlicht nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen können. Damit wird die „Reinheit“ eines unmittelbar und selbst empfundenen Gefühls das neue Qualitätskriterium für Infos: In der direkten Erlebbarkeit liegt eine Quelle für Bezugnahme, eine Möglichkeit, sofort Stellung zu beziehen. Finden Sie das schlimm? Unvernünftig, der Manipulation Tür und Tor öffnend? Dann sage ich: Genug des  kopfschüttelnden resignierten Seufzens über die zunehmend weniger vorhandene Sachlichkeit in der Newsrezeption, gerade auch wenn es um Politik und die Wahl von Politikern geht. Genug des Bedauerns der fehlenden kritischen Betrachtung unserer Welt sowohl durch Medienmacher, als auch durch Leser/Seher. Genug des Klagens über das Ausbleiben der generellen Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Sachverhalten und Argumenten. Schluss mit dem Wettern gegen das stets flacher anmutende und auf Emotionalisierung ausgelegte Infotainment. Nicht weil ich beides – die unreflektierte Hinnahme irgendwelcher „Informationen“ oder „Nachrichten“  und die stimulierende, oberflächliche Aufbereitung von Inhalten – für tatsächlich gut hieße. Nein. Eine Sachlage braucht keine Bewertung meinerseits. Und die Sachlage sieht so aus: Menschen wollen sich wohlfühlen – und das ist ihr gutes Recht. Sie wollen sich auch aufregen dürfen und können. Sie wollen sich betroffen und berührt fühlen. Auch das ist ihr gutes Recht. Und das schaffen die „guten“ Nachrichten immer weniger. Stattdessen nehmen die Konsumfreude und die Ablenkungssucht, der Rückzug auf kindliche Verhaltensweisen und jener in die eigenen vier Wände oder Traditionen immer mehr Realität an. So sehen die Realitäten schlicht aus, in und mit denen wir leben. Ich plädiere daher für einen lustvollen Umgang mit den Bedürfnissen der Menschen, anstelle eines lebensverneinenden Verdammens. Wer Vernunft für anstrengend hält, dem kann Vernünftiges trotzdem schmackhaft gemacht werden.

Warum wird „gute“ Information von vielen kaum mehr ernst genommen?

Weil sie sich nicht an die bedürfnisorientierte Realität der Konsumenten anpassen will. Sachliche Information will verarbeitet werden. Konsumenten wollen aber sinnlich verwöhnt oder gefühlstechnisch angeregt werden. Information ist schwer, braucht die Mühsal eines subjektiven sich In-Bezug-Setzens. Eine Bezüglichkeit, die in der Komplexität und Geschwindigkeit heute nur schwer herzustellen ist. Emotion hingegen ist unmittelbar. Emotion ist wahrer, weil näher. Emotion rules.

Was ist real?

Die Wirklichkeit ist ein Fluss des Wahrnehmbaren. Wer mit seinem ganzen Wesen die Wirklichkeit wahr-nimmt, der sieht. Auch alles Unzusammenhängende, alles Widersprüchliche, allen neben einander Stehende und Ungeklärte. Die Realität des bewusst Wahrnehmenden ist so bunt wie nie zuvor. Wer hingegen nur die Oberflächen wahrnimmt, die Unstimmigkeiten der Vielschichtigkeit unserer Welt, der glaubt schnell  gar nichts mehr. Weil ihm/ihr die Inkongruenz wie ein unbewältigbarer Störfaktor vorkommt. Doch ohne Vertrauen und ohne bewusste Wahrnehmung ist der Betrachter schutzlos von der vorgekauten Wirklichkeitsdarstellung anderer abhängig, ohne sich auf das dort Dargestellte verlassen zu können. Auch die an der Oberfläche Schwimmenden und die solche Menschen zu befriedigen suchenden Medientreibenden, müssen sich der Komplexität unserer Realität stellen. Sie tun dies „mit Gefühl“ statt mit Verstand oder Vernunft.

Das Paradoxon von Hirn und Herz

Wer weder „den Medien“, noch „den Politikern“, nicht „der Wirtschaft“ oder gar der Zukunft vertrauen kann, der hat echt ein Problem. Ganz in Wirklichkeit. Ein Hirn, das die Integrationsleistung von Widersprüchen, Vieldeutigkeiten, ständigen Neuerungen nicht zu leisten vermag, hat ein Problem. Mit „Integrationsleistung“ ist das Vermögen, Sinn in den Umständen zu finden und immer wieder eine Stimmigkeit zwischen sich selbst und der Umwelt zu entwickeln, gemeint. Heute müssten wir, sofern wir jede Information tatsächlich ernst nähmen, ständig Unmengen an Wahnsinn in unserem System verarbeiten und sinnhaft integrieren. Das geht nicht. Die Unübersichtlichkeit und Informationsflut verhindern für viele eine effektive Verarbeitung. Nicht nur unser Hirn, sondern unser ganzes Wesen steht vor einem Problem, dem Problem der Wirklichkeit, die von sich aus kaum mehr Sinn zu machen scheint und in der der Spaß immer kürzer zu kommen droht. Und dieses Problem kann unser Hirn offenbar oft nicht ausreichend verarbeiten. In diesen Fällen wird es schlichter Hand von unserem Herzen gelöst. Sofern wir mit „Herz“ unsere Gefühle meinen….

Em-Formation statt In-Formation

Lassen wir es zu, lassen wir uns treiben, hinein in die Schwingungen des zeitgemäßen Seins. Hier bedrücken uns die Ängste, tritt uns die Panikmache in den konsumverwöhnten Allerwertesten, versetzt uns die Wut in unbestimmte Rage und bremst uns die Hoffnungslosigkeit wieder runter. Emotional betrachtet gleicht die Welt für viele Menschen derzeit einer Hochschaubahn. Da ist es völlig egal, dass wir in der längsten Friedensperiode mit dem höchsten Wohlstand und Alterserwartung leben. Da stellt sich nur eine Frage, ganz aktuell, jeden Moment: Rauf oder runter? Das kann man durchaus metaphorisch verstehen: Rauf auf die Hochschaubahn der Gefühle oder runter und rüber in die Unergründlichen Tiefen der Hirnwindungen. Oder man versteht es rein emotional: und hier existiert gerade für viele nur noch das „Runter“ – die Angst vor dem wirtschaftlichen, sozialen Abstieg. Daher sollten wir das„Runterkommen“, nicht nur aus einer ehemals wirtschaftlichen Hoch-Phase, schlicht anders kommunikativ aufbereiten.

Let me take you down…

„Runterkommen“ kann heißen: vom alptraumhaften „alles wird schlechter“- Gefühlstrip einen gesunden Abstand nehmen. Aber was passiert dann? Im Abstand-Nehmen driften wir vom High der Intensität des Lebens weg und enden mit höchster Wahrscheinlichkeit in einem flacher werdenden, schaleren, langweiligeren Energiezustand, nämlich in der „mühsamen Realität“. Wer will das schon? Lieber heiß und fettig als kühl und trocken, oder? Aber was wäre, wenn am anderen Ende der Impulsivität, der Hingabe an den trügerischen Schein der rein emotionalen Realität ein völlig anderes Lämpchen leuchtete? Ein anderes als das kahle Neonlicht des Hirns, das wenig verlockend aus seiner Gefangenschaft in der spröd-unverdaubaren Informationslandschaft der Gegenwartsbetrachtung zu unserem Herzen blinkt?

…‘cause I am going to: strawberry fields!

Ich plädiere eben nicht fürs Runtersteigen von der ungefilterten Emotion oder fürs Umsteigen auf die reine Information. Ich plädiere für Einmal Alles.  Ich bin für vernünftige Träumerei, unbegründete Hoffnung, für in sich selbst verwurzeltes Vertrauen. Für überraschende Hinwendung zu jenen, die vergebens aber lustvoll im Trüben fischen. Für die Hochschaubahn des Lebens, ohne die eine oder andere Farbe auszulassen.

Wer Erdbeeren pflanzt, wird sie eines Tages auch essen können. Oder verschenken wollen. Oder ihnen beim Werden und Vergehen zusehen. Aber es wird Erdbeeren geben. Manche werden ihre Existenz verstehen wollen, andere sie genießen, Dritte ihre Wachstumsphasen untersuchen, Vierte ein Geschäft mit ihnen machen wollen. Und Fünfte sich einfach nur an ihnen erfreuen. Nur Sechste befürchten, dass die Erdbeeren nächstes Jahr nicht so schön sein werden wie dieses. Oder morgen. Oder heute schon nicht mehr so schön wie gestern sind…

Warum sollten wir letzteren, der Variante Sechs, mehr Recht auf Realität zugestehen als all den anderen, vor allem als jenen, die die Erdbeeren (also jene, die etwa mit Zuversicht und Vertrauen konstruktive Lösungen erdenken, kommunizieren und umsetzen) tatsächlich aktiv pflanzen?

Pflanzen wir Erdbeeren, seien wir EM’s, verbreiten wir Emfos

Sähen wir die Samen positiver Emotion inmitten der Unübersichtlichkeit unserer Welt. Grundlos, einfach, weil wir können. Ja, wir befinden uns in einem Veränderungsprozess. Ich bin jedoch nicht bereit, ihn von Schwarzmalern gestalten zu lassen.

Vielleicht könnten wir den konstruktiven Buntmalern unserer Realität einen Namen geben, damit sie besonders wahrnehmbar werden. Wir wäre es mit: „Em-formationists“, kurz „Em’s“ – und ihre Art, Nachrichten über die Welt zu kommunizieren „Emfos“?

 

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SUPER SIMPLE SOLUTION No 16 – WIRRLICHTER

Wer sind „WIR“?

Und wer gehört zu „UNS“? Welche Grenzen definieren eine Zugehörigkeit, etwa zum westlichen Kulturkreis, um nicht zu sagen: zu Europa oder gar zu Österreich? Der Wohnort alleine macht es ja offenbar nicht aus.

Klassischerweise definieren wir das WIR durch unsere GeWOHNheiten. Sprache, Aussehen, Verhalten, Erwartungen. Wir möchten uns friedlich im Altbekannten bewegen können und möglichst nicht in unserem Dunstkreis gestört werden. Vor allem nicht, ohne dass wir das „Andere“, Neue, das IHR proaktiv dazu einladen, uns zu besuchen (von Bleiben ist da vorerst noch keine Rede). Unser Rechtsverständnis, unsere höchsteigene Weltsicht, unser selbst-zentriertes historisches Verständnis – und natürlich die uns gewohnten Werthaltungen: alle diese identitäts-stiftenden Faktoren sollten am besten von allen rund um UNS gelebt werden. Oder die anderen Menschen rundherum sollen zumindest kompatibel mit unseren Gewohnheiten sein. Dann kennen wir uns aus, müssen uns selbst nicht relativieren, müssen keine neuen Bezüge zur Umwelt und zu uns selbst herstellen.

Manches hingegen dürft IHR, dürfen die anderen, aber trotz aller Hoffnung auf das Erwartbare nicht: Bestimmte Dinge sollen nicht „so wie WIR es tun“ gemacht werden. Bestimmte Dinge sollen nicht gleich erreicht oder besessen werden können. Denn dann würde UNS vielleicht etwas weggenommen, im Schlimmsten Fall ist das etwas, was das „UNS“ überhaupt erst ausmacht.

Was nur „Wir“ dürfen

Ein Österreicher nörgelt, ein Wiener motschgert. So war es schon immer, das braucht man nicht persönlich zu nehmen, das ist Teil der Kultur. Echte Kaffeehauskellner sind grantig. Punkt. Man nennt das dann „authentisches Flair“ oder „Lokalkolorit“. Wenn aber ein hier ansässiger Mensch mit Migrationshintergrund jammert, so wollen wir das nicht hören. Der soll gefälligst froh sein, dass er hier sein darf. Hier öffnet sich ein seltsamer und teilweise noch gar nicht weithin sichtbarer Graben: Wir wollen zwar integrierte Menschen, Menschen, die durch ihr Verhalten nicht auffallen. Sie sollen sich auch an die Regeln halten: an unsere Rechts-, Moral- und Wertvorstellungen. Sie sollen „unsere“ Kultur verstehen, sie aber zugleich nicht wirklich völlig übernehmen, das verwirrt nur. Womit wir bei den „Wirrlichtern“ des Titels wären. Andere sollen zwar nicht anecken, dürfen aber zugleich nicht so sein wie wir. Ein deutscher Kellner mit Wiener Schmäh? Hm. Eigenartig. Wohin also mit ihnen? Wie sollen sie sich denn verhalten, die Zu-Gezogenen, dass sie von UNS akzeptiert werden? Geben WIR IHNEN überhaupt eine Chance, dazuzugehören, anerkannt zu werden?

Wo gehört ein Mensch hin?

Heimat, Zuhause, Zugehörigkeit: Scheinbar eine klare Sache für all jene, die irgendwo leben, wo sie geboren sind. Oder die sich freiwillig den Ort aussuchten, an dem sie leben. Aber was ist mit den „anderen“, die das Schicksal irrgendwohin gespült hat? Sie träumen von der verlassenen Zugehörigkeit oder von einer besseren neuen Welt –  und finden in der Realität kaum Anschluss. Zuhause ist man da, wo man willkommen ist. Dieses Gefühl des Aufgenommenseins, des Dazugehörens ist für uns Menschen als soziale Wesen sogar zentraler, als eine uns vertraute Umgebung (soviel zur GeWOHNheit als Basis für ein WIR-Gefühl). Werden wir akzeptiert, so wie wir sind, dann fühlen wir uns sicher. Leben wir aber in einer Umgebung, die vielleicht sogar „wie immer“ aussieht, aber von Menschen bevölkert wird, die uns nicht sehen, nicht wollen, nicht für gut (genug) befinden, dann werden wir unsicher. Und aus Unsicherheit heraus verhalten wir uns abwehrend, unangenehm, aggressiv.

Unser Eigenraum als Zentrum für das Wir-Gefühl

Kaum etwas wirkt stärker Unfrieden-stiftend, als wenn Menschen abgewertet, ausgegrenzt, ignoriert oder gar aktiv bekämpft werden. Die Haltung der Toleranz ist so betrachtet keine menschliche Schwäche oder Zeichen von idealisierendem Gutmenschentum. Aus der Konfliktursachen betrachtenden Perspektive wird sie zur Notwendigkeit für sozialen Frieden. Eine warmherzige Umgebung, ein Gefühl der Verbundenheit, das von allen Seiten her geteilt wird, bietet den einzig fruchtbaren Boden für konstruktive Auseinandersetzungen. Für die Verwandlung von Reibung in Lösung.

Das Gefühl einer prinzipiellen Verbundenheit kann vom Grundverständnis ausgelöst werden, dass wir alle unleugbar Menschen sind. Dies vereint uns nun wirklich und tatsächlich. Eine solche Haltung wird zunächst auf Basis kultureller Gewohnheiten entwickelt („Gastfreundschaft“, „Liebe Deinen Nächsten“,…), das WIR-Gefühl ist dabei aber trotzdem auf Bekannte beschränkt. Es muss erst gelernt werden, das WIR-Empfinden auf alle Menschen hin zu übertragen, verALLgemeinern. Es braucht einen gewissen Grad an Verständnis für das Mensch sein an sich, für die in uns allen angelegte Menschlichkeit, für UNS vereinende Gemeinsamkeiten in und trotz aller Unterschiedlichkeit. Der Wunsch nach Zugehörigkeit kann ein solches grundlegend verbindendes Element sein.

Bewusstseinsevolution

Die Reife der Menschheit, die sich aus jener einzelner Menschen zusammensetzt, stellt heute das Zünglein an der Waage zwischen dem Tiefen Mittelalter und einer zeitgemäßen Social Reality dar. Viele Komponenten unserer Zeit – in Amerika klingend unter dem Titel „VUCA-Reality“ zusammengefasst (eine Wirklichkeit, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität bestimmt wird) – fordern diesen Entwicklungssprung zu einem neuen, umfassenden WIR-Verständnis vehement ein. Andernfalls, so wirrkt es, landen wir im Krieg oder Chaos. Wer „Wir“ sind gehört heute neu definiert.

Auf der Schwelle zu einem veränderten gesellschaftlichen Selbstverständnis

Die Identitätskrise ist akut. Denn die Spaltung von WIR und IHR betrifft nicht nur „Alteingesessene“ und „Flüchtlinge“ oder „Menschen mit Migrationshintergrund“ oder schlicht „von woanders Zugezogene“. Nein, es ist die innere Spaltung in gesellschaftliche „Verlierer“ und „Gewinner“, die derzeit so viel Sprengstoff in sich birgt. Menschen, die sich früher einer Gesellschaft zugehörig gefühlt haben, die einen gesicherten sozialen Status zu haben glaubten oder sich zu erarbeiten hoffen konnten.  Sie wehren sich gegen den drohenden Verlust von Akzeptanz, Aufstiegschancen und – natürlich – Wohlstand. Soziale Sicherheit scheint derzeit DER Spaltstein der westlichen Welt zu sein. Auf Flüchtlinge und kulturell anders Geborene wird dieser Konflikt oft nur verschoben, sie werden zu Sündenböcken. Der an sich inner-systemische Konflikt wird auf sie verlagert, es wird ein Scheinkampf, ein Stellvertreterkrieg geführt. Daher ist er auch so aussichtslos. Dieser Kampf löst nichts, weil er sich nicht mit den Ursachen der drohenden und bedrohlichen Nicht-Zugehörigkeit befasst.

Identität im Übergang

Wir sind Menschen. So viel ist klar. Wir sollten uns auch danach verhalten. Nur hat der Mensch dazu 2 Möglichkeiten: Folgen wir im „Menschlich-sein“ unseren  körperlichen Trieben, unreflektierten Gefühlen und alten Gewohnheiten? Oder entwickeln wir ein Sensorium dafür, was wir selbst, andere, eine Gemeinschaft, die Gesellschaft gerade braucht, um sich den Fragen der Gegenwart konstruktiv zu stellen? In diesem, zweiteren Verständnis, sind „Wir“ wer wir sein müssen, damit eine Situation vom Problem zur Lösung voranschreiten kann. Mit der Einstellung „Was braucht es, um die anstehenden Themen aufnehmen und an und mit ihnen wachsen zu können?“ kommen wir voran. Mit der Einstellung „Alles soll so sein wir immer“ bleiben wir stecken.

Wer sind „Wir“ aber, wenn alles im Fluss ist, anders wird, sich in einem permanenten Veränderungsprozess befindet?

Sicherheit in Zentrum

Wir sind Menschen. Immer noch. Aber wir sind erst dann effektiv am Wachstumsprozess der Menschheit beteiligt, wenn wir Mitmenschlichkeit leben, Inseln der Kooperation aufbauen, miteinander am gemeinsamen Wohl-Gefühl – statt Wohl-Stand –  arbeiten. Wollen wir in Sicherheit leben und innere Sicherheit erfahren, brauchen wir dazu andere. Menschen, die uns unterstützen, Menschen, die wir unterstützen. Es sind diese positiven Erfahrungen, die zu starken Erinnerungen werden. Aus ihnen schöpfen wir die nötige Kraft, wenn die Gegenwart uns herausfordert. Indem wir für einander da sind gewinnen wir Vertrauen in uns und andere.  Aus dem Vertrauen erwächst die so nötige Zuversicht der offenen, offenbar unkontrollierbaren Zukunft gegenüber.

Irrlichter im Trubel der Welt

Wer nicht kooperiert, der konkurriert. Kaum jemand kann sich völlig heraushalten. Was heute passiert ist, dass sich die – im sog. Westen lebende – Menschheit spaltet. Die einen wollen mit-einander, die anderen gegen die anderen sein. Diese beiden Haltungen scheinen unvereinbar. Viele lenken sich von dem schwelenden inner-gesellschaftlichen Konflikt ab, viele fühlen sich betroffen und werden zunehmend negativ eingestellt. Interessanterweise fühlen sich beide Seiten angegriffen. Und hier liegt eine andere tiefere Gemeinsamkeit in der Differenz. Die Zugehörigkeit und die Bedrohung derselben sind die beiden Seiten derselben Medaille. Auf welcher Seite die Münze zum Liegen kommt, bestimmen wir selbst. Jeder einzelne von uns.

Den tiefen Graben sehen und nutzen: Von der Isolation zur Inspiration

Wo eröffnet sich hier eine echte, einfache Lösung? Sie liegt im Sichtbarmachen der Gräben, die wir zwischen uns aufziehen.

Solange wir für UNS und gegen die ANDEREN – egal von welcher Perspektive aus (links, rechts, mitte, außen) – sind, vertiefen wir den Graben und finden keine Lösung, keine Brücke, keinen Ausweg. Wollen wir UNS nicht noch tiefer eingraben heißt es: Kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Abwertungen („alles Vergewaltiger“, „alles Nazis“, „alles Gutmenschen“) und Anschuldigungen sollten ins Leere laufen. Dadurch geht dem Grabenbau der Treibstoff aus. Dies gelingt, sobald alle Vorwürfe, Opferhaltungen und Schuldzuweisungen gegen die Koalition der Menschlichkeit wie ein Blatt im Wind wirken.

Wie geht das? Weg vom Angriff, hin zur Öffnung, zur Achtung, zur Achtsamkeit. Nicht aus esoterischer Überzeugung oder glaubender Moralität heraus. Aus dem Wissen heraus, das die Reibungsenergien, die heute so spürbar sind, in konstruktive Gestaltungsenergie transformiert werden können und müssen. Nur wer hinsieht kann diese Veränderungsleistung erbringen. Solche „Agenten des neuen Wir“, die ein umfassendes Verständnis von Menschlichkeit vorleben, sollten in der Lage sein, (E)Un-Einigkeit auszuhalten. Aber Spannungen wahrnehmen, ohne darauf abwehrend zu reagieren ist eine Kunst. Sich angegriffen fühlen, ohne die Verbindung zueinander zu kappen, also ohne in eine entweder-oder Haltung und in die Aggression oder Regression zu kippen, ist keine Selbstverstänndlichkeit, aber eine tiefe Notwendigkeit: Beide Abwehrhaltungen (Aggression und Regression) verstärken das alte Muster WIR gehen IHR, sie vertiefen den Graben, festigen die Aussichtslosigkeit (im Graben ist es bekanntlich dunkel).

Verbundenheit in der Un-Stimmigkeit aufrechtzuerhalten zeigt echte menschliche Größe. Sie hat auch eine immense Strahlkraft. Alles, was wir heute brauchen ist ein Netzwerk von derartig agierenden Menschen, von menschlichen WIR-Agenten. Dann ist tatsächlich alles gut, denn die Zugehörigkeit und die Akzeptanz sind erst im Auge der Menschlichkeit gesichert.

Bleibt nur noch eine Frage, die zugleich die simple Lösung  bietet: Wer macht mit?

SUPER SIMPLE SOLUTION No 15 – Der Schlüssel FÜR unsere Zukunft

Sage mir wofür du stehst – und ich sage dir, wer du bist

Dagegen sein kann jeder. Wofür einstehen schon viel weniger. Ins „dagegen“ können Ängste und Vorurteile eingepackt werden. Ins „dafür“ schon weniger. Um effektiv FÜR etwas zu sein, braucht es eine andere Art der Überzeugung, eine Art positive Grundstimmung. Hoffnung, Wünsche, Ideale – sie alle kommen im FÜR zum Ausdruck. Und hier gilt es, ganz genau hinzuschauen: WOFÜR jemand steht gibt Auskunft darüber, ob dieser jemand nur FÜR sich und „seinesgleichen“ oder für alle Menschen und eine gemeinsame Zukunft eintreten möchte.

Hier, genau hier, trennt sich die Spreu vom Weizen.

Will ICH mehr Vorteile, mehr Geld, mehr Sicherheit, mehr Gefühl der Kontrolle?

Oder will ich darauf vertrauen, dass WIR mehr Wohlstand, mehr Sicherheit, mehr Gefühl der Mitbestimmung FÜR ALLE wollen und erreichen können?

Und hier ist er schon, der Knackpunkt: das Ver-TRAUEN. Das ist erschüttert. In das EU-Europa, in die Politik, in die Sicherheit, in das Gefühl, heutzutage und in Zukunft ein selbstbestimmt erfolg-reiches Leben führen zu können. Wo ist bloß die Hoffnung hin? Sie wird niedergemetzelt von den Gegnern. Und die Gegner handelt aus Gewohnheit gegen etwas oder jemand, sie tun dies auf Basis ihrer Erfahrung. Es lohnt sich, hier etwas genauer hinzusehen:

Wo kommt Ver-TRAUEN her?

Aus guten Erfahrungen. In der Kindheit, in der Beziehung, in der Arbeitswelt. Gute Eindrücke stärken den Mut, sich FÜR etwas, das so noch nicht vorhanden ist, einzusetzen. DAGEGEN zu sein, wird von schlechten Eindrücken, schlechten Erfahrungen, schlechten Ahnungen genährt. DaGEGENsein schafft GEGNER, braucht Feindbilder, die es zu bekämpfen gilt. Und wird genährt von der „halb leer“-Perspektive, weil eben etwas noch nicht so ist, wie es sein sollte, könnte, müsste.

Da FÜR zu sein braucht PARTNER, braucht Kooperation, braucht gemeinsame Ziele.

Aber FÜR etwas zu sein, indem man GEGEN alle(s) andere(n) ist, schränkt die Möglichkeiten – und die Resultate – gewaltig ein.

Warum ist es so schwer, FÜR etwas zu sein, das uns ALLEN GUT tut?

Die Antwort liegt in der Ver-ANTWORTung. Wollen wir ein besseres Miteinander, ein besseres Leben für uns alle, so gilt es ANTWORTEN auf die drängenden Fragen zu suchen, zu finden – und umzusetzen. Diesen Schlüssel zur Zukunft sehen und drehen zu können verlangt analytisches Denken, Einfühlungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit und Tatkraft.

Warum ist es so leicht, GEGEN etwas zu sein, was ANDEREN gut tun könnte?

Die Antwort liegt in der EIN-Fach-heit. Eine Antwort reicht, um gegen die Komplexität der Welt einzutreten: NEIN!

Ein NEIN sagt lautstark: Ich will mich nicht damit auseinandersetzen, es reicht mir, ich kann nicht mehr, ich bin überfordert, ich verstehe die Welt nicht (mehr).

Unsere Welt im globalen Zusammenspiel ist unüberschaubar und unkontrollierbar. Das ist das PROBLEM. PRO Blem. Ich bin an dieser Stelle für folgende Interpretation: Ein PROblem haben, heisst, Für ein Blem zu sein. Ein „Blem“ ist in diesem Zusammenhang alles, was mich stört, irritiert, unangenehme Gefühle verursacht, mir Angst macht. Ein PRO-Blem in diesem Sinne zu haben bedeutet: Ich nehme mich dieses Blems selbst und PROaktiv an. Ich übernehme die Ver-ANTWORTung daFÜR, für das jeweilige Blem, und suche aktiv nach Lösungen, die UNS ALLEN etwas bringen. Das kann doch nicht so schwer sein! Noch dazu, da es ja noch andere geben muss, JA mit SICHERHEIT gibt, die ebenfalls an diesen PRO-Blemen arbeiten. Damit wir alle am Ende, das immer auch ein Anfang ist, besser (zusammen)leben können.

Das PRO-Blem der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit

Wo Privilegien sind und waren und ein Ausgleich in naher Zukunft angestrebt wird, da herrscht die Angst vor dem Verlust. Aber worauf haben wir denn überhaupt – jeder einzelne von uns – einen Anspruch?

Gilt etwa das „Gesetz der Reziprozität“ in unserer Gesellschaft? Also „wer etwas leistet“ bekommt auch etwas? Oder gilt das Prinzip der Solidarität? Also „wer existiert“ hat ein Recht darauf, menschenwürdig zu leben?

Das bringt uns zu einer entscheidenden Grundsatzfrage: Was ist überhaupt eine anerkennenswerte Leistung?

In meinen Augen liegt Leistung nicht darin, sein Leben sinnloser Tätigkeit zu verschreiben und sich dafür bezahlen zu lassen. Wahre Leistung zu erbringen bedarf des Mutes FÜR etwas einzustehen, das einen Unterschied FÜR Jetzt und die Zukunft macht. Etwas echt zu leisten bedeutet, etwas zu tun, was letztendlich ALLEN etwas bringt. Und was bringt ALLEN etwas? Alles, was uns alle in Richtung von mehr Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit führt. Solche Leistungen fördern das MIT-EIN-ANDER.

Daher gilt für mich alles, was zu mehr körperlicher, emotionaler und geistiger Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit führt, als (be)lohnenswerte Leistung.

Auf dem Weg zu mehr MIT-Ein-ANDER beGEGNET uns wieder die Ver-ANTWORTung. Wer also tatsächlich Antworten liefert, die zu mehr Miteinander führen, der leistet. Dabei geht es nicht nur um Worte und Taten, auch Einstellungen und Haltungen können höchst effektiv sein, da sie ein ganzes Umfeld zu verändern vermögen. Dafür braucht man nicht reich und mächtig zu sein, es reicht, ein Mensch mit offener Einstellung und dem Mut zur gemeinsamen Zukunft zu sein und diese Haltung zu leben.

Es geht auch nicht darum, welchem Beruf jemand nachgeht. Emotionale Gerechtigkeit beispielsweise  kann man an der Tankstelle genauso vorleben, wie man FÜR geistige Freiheit in der Schule – ja, auch als Lehrer – eintreten kann. Wer als Mensch existiert und die Co-Existenz anderen Menschen ermöglicht oder erleichtert, sowie das MIT-EIN-ANDER stärkt, der hat meiner Meinung nach auch einen Anspruch. Wer auf Kosten anderer lebt, der soll auch dafür zahlen. So einfach ist das. Oder? Nein, natürlich nicht. Denn wer kann schon beurteilen, ob jemand etwas leistet, das ALLEN zu Gute kommt…

Was hat uns die EU jemals Gutes gebracht?

Wer kann schon beurteilen, ob die EU uns ALLEN etwas gebracht hat? Scheinbar ist unser Geld immer weniger wert, die Arbeitsplätze werden weniger und instabiler, etwas sparen geht schon lang nicht mehr. Wir, also die EU-Staaten, leben alle auf Schulden. Außer „Die Reichen“. Dort sammelt sich offenbar das Geld. Aber sind „Die Reichen“ die EU?

Oder 180 Grad in die andere Richtung gefragt: Nimmt uns „Die EU“ etwas weg, etwa indem sie FÜR Menschenrechte eintritt? Was sind die Konsequenzen, weltweite Konsequenzen wohlgemerkt, davon, wenn jemand wie die EU eine solche Haltung nicht nur theoretisch, sondern praktisch, weil strukturell verankert, vorlebt?

„Die EU“ hat uns beispielsweise einen größeren gemeinsamen Lebensraum eröffnet, indem sie etwa Mobilität auf vielen Ebenen gefördert hat. Sie hat uns damit mehr Freiheit gebracht: die Freiheit zu Reisen, zu Arbeiten, zu Wohnen. Aber reicht uns das? Nein.

Wir sind (gegen) Europa!

Wer tut all dies, wer gibt die Antworten, die zu mehr Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit führen? Antworten, die im selben Atemzug so viele Menschen verstören. Wer ist DIE EU? „Die EU“ ist ein Projekt. Wessen Projekt ist die zweite entscheidende Frage.

DIE EU sind zum einen Menschen, die zugunsten ALLER und nicht nur im Sinne der Nationalstaaten denken und handeln. Aber warum treten sie FÜR dieses Anliegen nicht noch wesentlich offener und direkter ein? Wo ist die strahlende PRO-europäische Leitfigur, die voller Überzeugung für ein sinnvolles Miteinander steht? Vielleicht gibt es sie, aber sie treten nicht lautstark auf, weil viele von ihnen das Gefühl haben, zwar FÜR ALLE zu handeln, dafür aber nicht von ALLEN, sprich in diesem Sinne: von den EU-Bürgern geschätzt zu werden. Sie wollen den Bürgern ihrer (National)Staaten gefallen. Müssen es vielleicht, um im politischen System überleben zu können.

Und es gibt „die anderen“, die Lobbyisten und all jene, die zuallererst die eigenen oder die Interessen von Konzernen etc. vertreten. DIE wollen Geld machen, Geld, das höchstwahrscheinlich NICHT ALLEN zu Gute kommen soll. DIE SIND ABER NICHT DIE EU! WIR SIND EUROPA! Oder?

Sagen wir JA zueinander und geben wir dem NEIN eine klare Absage.

Setzen wir uns ein – nicht ab!

Denn ohne uns geht’s nicht.

Nur MIT uns geht was weiter.

SUPER SIMPLE SOLUTION No 14 – GEWALTIGE PROBLEME UND IHRE LÖSUNGEN

Vor gar nicht allzu langer Zeit

Neulich stand ich vor der Eden, zum Reden – trug sich Folgendes zu: „Hearst Gsch…ene, wenns net sofurt de Pappn hoitst, vergiss I mi!“. Ich überblickte die Situation und entdeckte einen Möchtegern-Herkules in sein Handy brüllen. Also keine unmittelbare Gefahr im Verzug. Außer akustisch-emotionaler Umweltverschmutzung meine ich.

Hmmm dachte der Menschenfreund in mir. Und versuchte zu verstehen und sowohl den Inhalt als auch den Tonfall einzuschätzen. Mit dem Ziel, letztendlich dem gesamten Subjekt des Anstoßes vergeben und es in der Folge guten Gewissens vergessen zu können. Folgende Analysen liefen zur Hilfestellung in Richtung Rechtfertigen durch Erklären innerlich in Windeseile mir ab:

  1. Armer Mensch“. Nicht sehr hübsch, nicht sehr gebildet, nicht sehr eloquent. Vielleicht in schwierigen Umständen aufgewachsen. Wenig Chancen, in der Gesellschaft auf Anerkennung zu treffen. Trotzdem. Deshalb muss er ja noch lange kein geistig unflexibles und emotional abgestumpftes Wesen sein. Oder? Ergo: Kein Entschuldigungsgrund.
  2. Unangenehmer Mensch“. Verbaler Notstand und akustische Aggression: Tonfall und Wortwahl lassen auf wenig argumentativen Spielraum schließen. Man kann also wahrscheinlich nicht mit ihm reden, um die Hintergründe der emotional-verbalen Schmutzattacke zu ergründen. Emotionale Umprogrammierung durch Aufmerksamkeit und Zuhören scheinen im Moment ebenfalls keine Option zu sein. Dagegenreden: Keine Chance. Bleiben als Handlungsoptionen: Schweigen, vorwurfsvoll Schauen oder Ignorieren. Mögliches Ergebnis: Null positiver Einfluss. Erkenntnis: Wer spürbar unangenehm ist, mit dem will man sich schlichtweg auch nicht auseinandersetzen. Na gut, so viel wusste ich schon vorher… Also weiter im Denken.
  3. Bedrohlicher Mensch“. Steht unter körperliche Höchstspannung. Achtung Gewaltbereitschaft. Signalisiert durch geballte Faust, weiße Handknöchel, verzerrten Gesichtsausdruck, zusammengekniffene Augen, zusammengebissene Zähne, hochrote Gesichtsfarbe, sprungbereites nach vorne Beugen. Kontaktaufnahme daher wenig ratsam. Explosionsgefahr. Aggression als Schutzschicht, Einsamkeit vorprogrammiert. Vielleicht bekommt er nur Zuwendung durch Gewalt? Weil sich sonst niemand rantraut an ihn – niemand, der nicht selbst bereit ist, eine einzustecken und/oder auszuteilen? Gewalt sucht Gewalt… Sieht nach auswegslosen Teufelskreis aus.

Über kurz oder lang

So komme ich nicht weiter. Lauter Sackgassen. Gewalt führt zu mehr Gewalt. Oder man wartet, bis die Wut verraucht ist. Und dann? Wie kann man lebende Vulkane von einer anderen Verhaltensweise überzeugen, geschweige denn zu einem veränderten Verhalten bewegen? Erste innere Reaktion meinerseits: Gar nicht. Das müssen die Gewaltandroher und –Täter schon selbst wollen. Aber warum sollten sie? Wo sie doch das Gefühl von Macht nur dann haben, wenn sie mit aller Kraft ihre körperliche Überlegenheit demonstrieren können? Wenn dieses Verhalten weg fällt, was bleibt ihnen? Wer sind sie dann? Was macht sie an Stelle dessen groß, stark und einflussreich?

Lügen und die kurzen Beine

Aber nein, damit lüge ich mir nur selbst in den nicht vorhandenen Sack. Wir können angesichts verbaler oder selbst körperlicher Gewalt immer etwas tun. Oder? Verantwortung und Ohnmachtsgefühle streiten in mir. Bald werde ich noch selbst so unrund wie Möchtegern-Herkules. Tun oder Nicht-Tun, das ist hier die Frage… Oder nur tun, wenn jemandem Gefahr droht? Aber dann lernt der Typ ja nie, anders mit Frustration umzugehen. Viel weiter komme ich auf diese Art auch nicht.

Langfinger leben länger

Meine Freundin, die mir bisher verständnisvoll beim Denken zugeschaut hat, schnappt sich eine Rose vom vorbeigehenden Rosenverkäufer. Sie trabt auf Herkules zu, sieht im ernsthaft in die Augen, lächelt sehr zart und subtil und reicht ihm die Rose. Er hört auch zu schimpfen, sieht vom Boden auf auf, senkt die Hand mit dem Handy. Seine Augen werden groß, er richtet sich mit ganzem Körper auf. Könnte gefährlich werden. Sie lächelt daraufhin noch etwas breiter, dreht sich um und geht, noch bevor er etwas sagen – oder tun – kann. Ich fühle mich wie in den 70ern (zumindest stelle ich mir vor, was die „Blumenkinder“ damals mit solchen Gesten sprachlos und zugleich lautstark sagen wollten). Doch siehe da, es wirkt. Er wird leiser und geht gemäßigten Schrittes weg. Sein Körper wirkt entspannter. Er ist zumindest vorübergehend von seiner Wut abgelenkt.

Der Rosenverkäufer lächelt und will kein Geld.

Die Moral von der Geschichte

Denken hilft manchmal nicht weiter. Zögern auch nicht. Aber im richtigen Moment etwas Überraschendes und Wohlwollendes tun wirkt. Die Einstellung zählt. Keine Moralpredigt, kein Besserwissen, kein Zurückstreiten, kein Dagegenhalten, keine Gewaltandrohung, kein Schimpfen. Weniger ist mehr. Zeichen setzen. Ruhe, Entspannung, Wohlwollen und Respekt körperlich ausdrücken. Weniger Worte, mehr Wesenheit. Ver-Trauen zeigen. Den Mut haben, sich offen zu zeigen.

Gut, werden Sie vielleicht sagen. So kämpfen Mädchen. Aber ich, 2 Meter großer Muskelmann? Kann ja keine Rosen schenken…

Männer und Macht

Ah ja, da war noch was. Der Hahnenkampf, das Testosteron. Das geistig-emotionale Siegenwollen, das körperliche Abreagieren. Hmmm. Wie wär‘s mit einer Zigarette oder einem Bier statt der Rose? Muss nicht funktionieren, zugegeben. Aber die Geste zählt, oder? Allerdings ist wenig Hoffnung auf einen positiven Ausgang gegeben, wenn sich der Aggressor angegriffen fühlt. Und ein Mann, der dem Vulkan auf spannungsgeladene Art zu nahe kommt, kann ihm leicht zum Ausbruch verhelfen. Gut, Sie sind ja jetzt 2 Meter groß und brauchen sich nicht fürchten. Aber was ist mit ihrem 1.74 Meter großen Freund, der zufällig alleine auf der Straße steht, als es passiert. Was tut er sinnvoller Weise? Er muss sich vielleicht anders mit der bedrohlichen Energie auseinandersetzen. Vielleicht muss er mitten hinein in den Vulkan…

Männer mag Mann eben

Männerfreundschaften sind was Schönes. Sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Oder auch mal härter schubsen. Wenn sich beide aneinander abreagieren können und wollen ist das vielleicht nicht immer ganz so schlecht. Powerkuscheln auf männlich. Stacheln statt Rosen. Und dann ein Bier gemeinsam. Und ‘ne Zigarette… Echte Freunde eben. Aber hilft uns das weiter, gerade wenn keine freundschaftliche Ebene vorhanden ist? Nein.

Frust und Freiheit

Die Kernfrage lautet: Wohin mit all dem Frust? Die richtige Kanalisierung des Aggressionsüberschusses ist die eigentliche Herausforderung. Gut – dafür ist Sport (machen und schauen) da, dazu gibt’s eben Männerfreundschaften oder den Wettbewerb im Business. Aber was ist, wenn sich die Sucht zu Siegen und die Angst vorm Verlieren auf alle Lebensbereiche ausdehnen? Ins Privatleben und auf völlig fremde Menschen, die weder freundschaftlich noch geschäftsmäßig verbunden sind. Dann regiert letztendlich der Frust, er nimmt überhand. Hier liegt die Gefahr. Der Frust sucht sich unbeteiligte Projektionsflächen, um sich abzureagieren. Es geht darum, den Stresslevel senken zu können und die eigene Mitte wieder zu finden. Aber dir probaten Mittel und Wege zurück in die Ausgeglichenheit scheinen oft zu fehlen. Oder das diesbezügliche Wissen und Können.

Doch die Freiheit des einzelnen endet beim Veräußern von aggressiver Energie, egal welcher Art: Durch bedrohliche Körperhaltungen, verbalen Drohungen, Beschimpfungen, Abwertungen. Oder durch unfaire Argumentation wie in Form von absichtlicher Falschinformation, Halbinformation, Lügen, Missinterpretation, Ignoranz u.v.m. All diese Verhaltensweisen bringen keine Lösung des Problems, sie lösen die Sucht nach dem Siegen nicht. Denn niemand kann immer gewinnen und Angst lässt sich nicht durch Siegen bekämpfen. Jemand, der ständig Siegen will, beweist sich und anderen einen ständigen Mangel an Selbstwertgefühl. Egal wie groß er sich aufplustert, er fühlt sich immer zu klein. Das ist ein Problem, das nicht einmal eine Rose, auch kein Zweikampf und auch keine Euromillion lösen können. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, ist das eigentliche Problem. Und diesem Gefühl entgegen wirken, können interessanterweise eben nicht Gewalt und Geld oder Siege. Sondern Aufmerksamkeit, bedingungsloser Respekt und Wertschätzung.

Frieden und Freude

Aber gilt deshalb die Formel Immer Frieden = Immer Freude? Ich glaube nicht. Vielleicht wäre ein Leben ohne Testosteron, ohne Grenzgänge gar nicht mal so lustig. Manche Menschen haben ihre Freude mit und an einem testosterongeschwängerten Mann – und an einer „starken“ Frau – vor allem, wenn beide ihre Kraft richtig, also nicht verletzend und im Einklang mit der Umgebung, einzusetzen wissen.

Aber alle anderen Menschen? Die wollen ihren lieben Frieden haben und erhalten. Zu Recht. Denn wer seinen eigenen Frust selbst halbwegs zu zähmen weiß, der will nicht auch noch den Frust von anderen serviert bekommen, geschweige denn ungefragt zum Frustabbau anderer hergezogen oder missbraucht werden.

Ich bin daher für die Einführung von gesellschaftlich anerkannten, einfach handzuhabenden  und alltäglich verfügbaren Möglichkeiten zum Loswerden von Frustrationen aller Art. Beispielsweise durch den Bau einer Art Telefonzellen, gut gepolstert und schalldicht. In Unternehmen, auf Strassen, wo auch immer – verfügbar sollten sie sein. Ich nenne so eine Zelle jetzt mal Scream-Box. Da kann jeder, der sich akut frustriert und wütend fühlt, ohne Umschweife reingehen, schreien und hauen, was das Zeug hält… Und gut is.

SUPER SIMPLE SOLUTION No 13 – Aber Und Glauben

Wer Was Wie und Warum

WER etwas äußert ist oft wichtiger, als WAS gesagt wird. Und WAS gesagt wird, wirkt oft weniger relevant als WIE es rüberkommt: Untersuchungen bestätigen schon seit Langem, dass die Macht der Worte zum größten Teil in der Art und Weise ihres Ausdrucks liegt. WIE wir etwas ausdrücken, hängt davon ab, welche Worte wir wählen und welche emotionale Konnotation wir ihnen verleihen, sowie vom Rahmen, in dem wir etwas präsentieren. WER und WIE besiegen das WAS, wenn es um Glaub-Würdigkeit geht.WARUM dies so gut funktioniert ist schnell erklärt: WER etwa  Bildsprache und Vereinfachungen (wie Verallgemeinerungen oder Zuspitzungen und Überhöhungen) zu verwenden weiß, diese Worte in anregende Mimik und Gestik verpackt und am richtigen Ort von sich gibt – der kann sein Publikum höchst effektiv emotionalisieren. WARUM jemand sich und seine Inhalte derart in Szene setzt? Weil Emotionen, egal welcher Couleur, die Relevanz des Senders automatisch erhöhen. Will jemand auffallen, bewundert oder gemocht werden, sollte er/sie seine Ansichten so inszenieren, dass sie Emotionen hervorrufen. So weit so klar.

ABER. Was hat das alles mit Glauben zu tun?

Der Glaube ans Gute 

Glauben emotionalisiert uns ebenfalls ungemein. Oder gar umgekehrt: Emotionen lassen uns an Dinge oder Ideen glauben. Der Wunsch an etwas zu glauben, weil es uns emotional anspricht, garniert mit Bildsprache, serviert auf einem Spiegel von Vereinfachungen, ergibt eine ver-Führerische Mischung, die unsere Welt- und Selbstwahrnehmung stark beeinflussen kann. Werfen wir Hoffnung, Angst und Glaube in eine Topf, so entsteht ein wild-duftender Zaubertrank, der stark nach Aber-Glauben riecht: Trotz der an sich nackt-neutralen Wirklichkeit wollen viele von uns ABER an das GUTE GLAUBEN! Wer den Glauben ans Gute, an die Hoffnung, an die Liebe glaub-würdig – also spürbar Gefühle weckend – in den Menschen hervorzurufen versteht, der wird automatisch gemocht, sogar bejubelt. Aber nur von denen, die an das Gute glauben wollen. Eh klar.

Die Dunkle Seite der Macht

ABER. Was ist mit denen, die an den Weltuntergang glauben? An die ständige Bedrohung durch eine prinzipielle Übermacht der Dunklen Seite? Sie glauben an die übermächtige Existenz des Bösen (alternativ: der Blödheit), sowie an eine nicht zu besiegende Macht der Gewalt – und dass beide uns bald fest im Griff haben werden. Genau daran glaubt offenbar dieser Tage ein guter Teil der europäischen, auch der österreichischen Bevölkerung: Dieser Teil fürchtet den Untergang des Abendlands, der westlichen Kultur und Werte, der Wirtschaft sowieso, und die Umwelt hat gar für viele schon längst verloren…

Warum glauben so viele aber an genau dieses ABER, das nachweisbar sehr oft im krassen Gegensatz zur tatsächlich erlebten Realität dieser Menschen steht? Eine mögliche Antwort ist: Weil es Kommunikatoren und Medien sehr effektiv schaffen, genau diese negativen Bilder lebhaft und spürbar in ihnen aufzurufen. Es sind Bilder von Krieg, Kampf, Bedrohung, Abstieg, Verlust. Bilder, die 1-3 Generationen zuvor noch bittere Realität waren. Es sind Bilder des Schreckes, die für die meisten Geflüchteten tatsächlich jetzt bittere Realität sind. Für genau die wiederum viele keine Gefühlsregungen übrig haben. Weil sie offenbar diese Schreckensszenarien verkörpern, vor denen viele hier Angst haben. Derart spürbar verkörpern, dass der Glaube an ein Gutes Ende für solche Menschen in einem übermächtig empfundenen ABER untergeht…

Wort-Wahl

So in die Enge der Angst getrieben, scheint die Wahl nur aus Wegschauen, also aus Ignoranz oder Abwehr, und aus Intensivieren durch Aufbauschen zu bestehen. Kurz gesagt: Paranoia, Verdrängung und Aggression kämpfen in vielen von uns um die Vorherrschaft. Sie alle sind Versuche, mit Angst und dem Glauben an das Böse, Üble umzugehen.

ABER. Was hilft tatsächlich im Umgang mit der Wirklichkeit? Was sollen wir tun? Sollen wir nun ans Gute oder Böse glauben? Wir wollen doch weder naive Gutmenschen noch angstverhaftete Schlechtmacher sein, oder? Welche Seite entspricht mehr der Wirklichkeit? Wir haben schlicht die Wahl. Oder? Nein. Ich bin an dieser Stelle für ein spürbares: UND! Einfach weil ein UND wahrer ist, indem es mehr Realität zu umfassen vermag, als es endweder-oder jemals können. Gut und Böse. Beide sind real. Zumindest so real, wie eben jeder Glaube unsere Handlungen zu beeinflussen vermag. Und ich meine hier nicht den religiösen Glauben, sondern den Alltagsglauben. Also das, was wir für wahr und wirklich halten und was doch nur eine emotional gefärbte Bewertung von Tat-Sachen ist.

ABER das UND hat einen Nachteil: Es macht die Dinge kompliziert…

ABER versus UND

ABER hingegen reduziert das Viele auf die Eine Sicht der Dinge. Und vereinfacht dadurch alles, was danach kommt, wie etwa Entscheidungen zu treffen. Ein UND hingegen stellt Perspektiven einander zur Seite. Viele Perspektiven gemeinsam machen de facto das Geflecht der Wirklichkeit aus, in dem wir leben. Reduzieren wir unsere Sichtweisen auf nur wenige Stränge der An-Sicht, so geben wir damit zugleich unserem Gehirn den Auftrag, alles, was wir erleben so zu filtern und umzuinterpretieren, dass es zu dieser Voreinstellung passt. Ein ABER will stets die eigenen Voreinstellungen, die eigene Vor-Stellung bestätigen. Ein UND hält uns hingegen offen für mehr Möglichkeiten.

Glauben Und Wissen

ABER. Was glauben wir zu wissen? Das ist eigentlich das einzige, worauf es wirklich ankommt. Wir glauben zu wissen, was wir selbst erfahren haben. ABER wir glauben oft, Dinge selbst erfahren zu haben, von denen uns nur emotional höchst nachvollziehbar erzählt wurde! Die Macht der Worte und die Überzeugungskraft guter Redner bewirken ein effektives und lebhaftes Hineinversetzen in alle möglichen Szenarien. Die effektive Manipulation der Befindlichkeit – darin sind gute Redner wahre Meister, egal ob Prediger oder Fanatiker, ob Kabarettisten oder Politiker. Manchmal verschwimmen die Grenzen sowieso: Wissenschaftler, die ihre 1-Satz-Message  kabarettreif rüberbringen. Politiker, die fanatisch predigen. Medien, die mit sachlicher Stimme gefärbte Inhalte präsentieren. Infotainment. Kennen wir alles. ABER. Wo ist die tat-sächliche Wirklichkeit? Dies ist eine Frage, die besonders oft von Negativszenario-Gläubigen an Positivisten und Optimismus-Gläubige gerichtet wird. Die Wirklichkeit liegt in der Sache und zeigt sich in Taten. ABER eben nicht alleine. Hier kommt das UND: Sie liegt auch in der Emotion. Denn durch das Gefühl geben wir den Taten und Sachen erst eine Bedeutung, die für uns Relevanz hat.

Wissen Und Wirklichkeit

Wissen, das sich an die Wirklichkeit hält, müsste ohne Bewertung, ohne Interpretation auskommen. Wissen, was ist, bedeutet im selben Atemzug zumindest zu ahnen, was man alles nicht wissen kann. Keine Wahrscheinlichkeitsrechnung kann das Nicht-Wissen tatsächlich effektiv beseitigen. Wie uns Risikoberechnungen vielfach gezeigt haben, bewahren sie uns nicht davor, Entscheidungen zu rechtfertigen, die letztendlich das auslösen, was vermieden hätte werden sollen. Siehe Immobilien- und Finanzblasen.

Die Wirklichkeit gleicht einem nüchternen Objekt, erlebt von dieselbe emotionalisierenden Subjekten. Ob man es nun glauben will oder nicht: Jedes Wissen kann immer nur einen Auszug der Wirklichkeit liefern. Einen Teil darstellen, der niemals umfassend genug sein kann, um die gesamte Wirklichkeit zu beschreiben. Die wichtigste, weil handlungsrelevanteste Frage an dieser Stelle lautet: Ist dieser Umstand für uns frustrierend oder antreibend? Wissenschaftler fühlen sich durch das Nicht-Wissen und ihren Glauben an eine zu entdeckende dahinterliegende, als Ganzes in ihrem Wirkungsgefüge zu erfassende Realität, „angeturnt“. Sie forschen dann aus Leidenschaft. Aber viele andere regt das Nicht-Wissen und die unüberschaubare Komplexität des Lebens, des Seins und des Rests einfach nur auf. Um beruhigt leben zu können, reduzieren sie die unendliche Wirklichkeit auf einfache Wahrheiten. Sie behaupten alles über die Wirklichkeit zu wissen, indem sie eine Wahrheit definieren und diese, ihre Definition glauben. Der Glaube an die eigens zu diesem Zweck produzierte „Wahrheit“ spendet Sicherheit.

Wahrheit Und Weisheit

Weisheit weiß Sicherheit zu spenden, ohne die Wahrheit der Wirklichkeit zu limitieren. Weisheit agiert oft mit einem unsichtbaren aber spürbaren UND. Mein Lieblings-Haiku illustriert dies deutlich:

„Wie klingt das Klatschen einer Hand?“, fragte einst der Meister seinen Schüler.

Die Weisheit verweist auf das Unsichtbare, das Mit-Existente – selbst wenn es das Nichts, die Leere, das Undenkbare ist. Das noch-Mögliche, Mitgemeinte, Auch-Existierende. Weisheit schließt ein UND eröffnet. Schafft Verbindung UND Freiheit. Weise sind höchst unabhängig und zutiefst verbunden.

Weisheit, Wunder Und Wirksamkeit

Weisheit wirkt Wunder. Warum? Weil sie das ABER in ein UND zu verwandeln weiß. Wo ein UND, da Ent-Wicklung. Wo Entwicklung, da WACHstum. UND:

Wo die Wachheit ohne Wertung, da die Wirklichkeit.

SUPER SIMPLE SOLUTION No 12 – Zur Ökologie des Humanen

Menschlichkeit

„Vor nichts soll man sich so hüten als vor dem Aufwachsen jenes Unkrauts, welches Anmaßung heißt und in uns jede gute Ernte verdirbt.“ – Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches

Was macht einen Menschen aus, was unterscheidet ihn von Tier und Pflanze? Zunächst einmal, dass er sich seiner selbst bewusst sein kann. Bewusstheit, Reflexionsfähigkeit, Denkvermögen – all dies sind üblicherweise dem Menschen zugeordnete Qualitäten. Sie können dazu genutzt werden, sich selbst und andere zum Wachsen, zum Blühen und Gedeihen zu bringen – oder eben dazu, sich und andere zurechtzustutzen, dahinvegetieren oder gar eingehen zu lassen. Und sofort drängt sich ein Argument für das Kleinmachen, Kleinhalten auf: Der gesunde Baumschnitt, das notwendige Unkrautjäten, der ideale Garten. Ja, und so schnell geht es. Das Rechtfertigen von Eingriffen ins Wachstum von Menschen. Eltern, Schule, Arbeit, Mitmenschen – alle maßen sich an, uns selbst und andere Menschen formen zu wollen. Doch wohin soll uns dies führen? In den Garten Eden?

Zwischenmenschlichkeit

„Die Wüste wächst: weh, wer zur Wüste ward! // Wüste ist Hunger, der nach Leichen scharrt. // Ob Quell und Palme sich hier Nester baun // Der Wüste Drachenzähne kaun und kaun“ – Friedrich Nietzsche, Fragmente

In der Zwischenmenschlichkeit beweist sich die Strapazierfähigkeit eines Gewächses namens Mensch. Zwischenmenschlich verursachte Überschwemmungen (Überforderungen), Stürme (Angriffe), Dürren (Entzug von Aufmerksamkeit) oder der Mangel an fruchtbarem Boden (fehlende Unterstützung) lässt die Pflanze „Mensch“ verkümmern, reduziert sie aufs blanke Überleben. Aufs tierische Reiz-Reaktionsspiel: Siegen oder Verlieren. Leben oder Sterben. Manche behaupten, dass wir in voller Absicht solchen „regulierenden“ Einwirkungen ausgesetzt werden, die jede Menschlichkeit in uns erodieren lässt und uns in Funktionsmaschinen verwandelt. Wir sollen viele Früchte tragen, damit sie jemand anders essen kann. Wir werden „kultiviert“, damit wir eine reiche Ernte abgeben. Aber welcher Natur ist diese Ernte? Wer sich und andere auslaugt, in die Enge treibt und der essenziellen Nährstoffe entzieht, erntet letztendlich nur eines: Wüste. Und die Wüstlinge fühlen sich bestätigt. Aber wie damit umgehen?

Wer wildert den Wildwuchs an menschenverachtender Überregulation?

„Im Kampf mit der Dummheit werden die billigsten und sanftesten Menschen zuletzt brutal. Sie sind damit vielleicht auf dem rechten Wege der Verteidigung, denn an die dumme Stirn gehört, als Argument, von Rechts wegen die geballte Faust. Aber weil, wie gesagt, ihr Charakter sanft und billig ist, so leiden sie durch diese Mittel der Notwehr mehr, als sie Leid zufügen.“ – Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches

Anders ausgedrückt: Die Faust – ganz egal ob in verbaler, emotionaler, körperlicher Form oder durch Ignoranz dargebracht – bringt’s einfach nicht im Umgang mit Kleinmachern, Kleingeistigen oder auch Kleinbeigebern. Letztere haben eine oft unbeachtet große Macht inne, nämlich die des Selbstbetruges, die es scheinbaren Heilsbringern ermöglicht, die Menschlichkeit weiter zu beschneiden:

„Die Anhänger eines großen Mannes pflegen sich zu blenden, um sein Lob besser singen zu können.“ – Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches

Was wir hingegen tatsächlich brauchen, um uns weiter zu entwickeln – über das blanke Überleben hinaus zu Menschen, die zur Mitmenschlichkeit fähig sind – ist eine Kultur des menschlichen Wachstums! Schluss mit dem Kultivieren des Kampfes gegeneinander. Warum wird Leistung immer im Vergleich zu anderen gemessen? Damit es Sieger gibt? Davon gibt es naturgemäß viel zu wenig, warum sollte das alle Menschen zum Kampf motivieren? Damit Gewinne eingefahren werden können? Vielleicht. Aber warum wird oft nur da gewonnen, wo andere verlieren? Die Antwort auf beide Fragen scheint nahe zu liegen: Die Kultur des Kampfes gegeneinander existiert, damit es Sieger und Verlierer gibt. Das Spiel der konkurrenzbasierten Zivilisation, die Mechanismen des Gewinnens in der Wirtschaft, bauen auf diesem Prinzip auf. Damit sich letztendlich die Gruppe der Sieger behaupten kann, ihr Haupt hoch tragen kann, ihren Platz an der Sonne findet und sich bestätigen kann. Und damit die Verlierer ihre Arbeit tun, nämlich den Gewinnern zuzuarbeiten.

Schluss damit! Es ist Zeit fürs sich selbst und sich gegenseitig Aufbauen, Guttun, Wohlwollen!

Es ist Zeit für eine Kultur der Menschlichkeit, die sich durch ein kultiviertes Miteinander zum besten aller auszeichnet.

Wachstumsförderer

Mitfreude, nicht Mitleiden, macht den Freund.“ Friedrich Nietzsche, Der Mensch mit sich allein

Die entscheidende Frage zu stellen, ist zunächst einfach: Was brauchen Menschen, um zu wachsen? Die Antwort scheint ebenfalls leicht: Nahrung, ein Heim, Sicherheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, Wege zum Selbstausdruck – schlicht ein gutes, weil Körper, Geist und Herz wohltuendes, förderliches Verhältnis zu sich und anderen.

AAAAber!“, werden dann die Wüstlinge und Großplantagenbesitzer einwenden: „Wenn jeder so darf wie er will, dann gibt es ganz sicher Chaos, Mord und Totschlag. Anarchie! Keine Regeln und keine Hierarchie, das macht aus Menschen Tiere. Und die Welt wird ein Selbstbedienungsladen der Egoisten und Gewalttätigen…“ Sagen u.a. eben diese, vielleicht aus einem Hauch an Selbsterkenntnis heraus. Wir alle kritisieren und befürchten letztendlich, was wir von uns selbst her kennen, in uns gesehen haben, befürchten oder uns zutrauen.

Doch auf diese Abwehrhaltung gibt es auch eine Antwort, sie ist allerdings etwas vielschichtiger: Es geht nicht darum, keine Regeln des menschlichen Miteinanders (à la 10 Gebote, Menschenrechte, Gesetze etc.) mehr zu haben. Es geht vielmehr darum, dem Menschen als Wesen seine Entwicklung zu ermöglichen. Und dafür die Rahmenbedingungen in sich, in anderen und in der Umwelt herzustellen. Was braucht die Pflanze, um zu wachsen? Licht, fruchtbaren Boden, Wasser und vielleicht Tiere, die beim Fortpflanzen helfen, sprich die Bestäubung übernehmen. Der Mensch braucht nicht viel anderes zum Wachstum:

  1. Licht: Sonnenlicht und das Licht der Aufmerksamkeit in und auf sich – und von und auf andere(n).
  2. Fruchtbarer Boden: die Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt so zu verdienen, dass Körper, Herz und Geist nicht eingehen, sondern mit Nährstoffen (etwa in Form von Nahrung, Anerkennung und Inspiration) versorgt sind.
  3. Wasser: „es regnet“ bedeutet für die meisten schlechtes Wetter und eine getrübte Stimmung. Doch wir brauchen die Ruhephasen, die Tiefgänge, die Reflexion, das „Im Trüben Fischen“, um uns kennenzulernen und über unsere Vorannahmen und Grenzen hinauszuwachsen.
  4. Tiere: Ein bisschen Liebe darf und muss sein. Körperlich und aus vollem Herzen.

 Kooperations-Kultur

Der Dünger gemeinsamen Wachstums ist die wohlwollende Einstellung. Jedes einzelnen. Zu sich und zu anderen, zur Welt. Und das Vertrauen, dass wir – und zwar jeder von uns – das Zeug zum Wachstum haben. Warum fällt das vielen aber so schwer? Weil sie eben in keiner wachstumsfördernden Umgebung aufgewachsen sind, keine vertrauensvolle Einstellung aufbauen konnten und vielleicht selbst jetzt noch in einem Umfeld voller Argwohn und Ablehnung dahin darben. Ihre Stärke holen sie sich dann vom Überwuchern anderer. Oder sie reduzieren sich aufs blanke Überleben. Und die Wildnis und Wüste rufen…

Zivilisation quo vadis? Wir gehen und wir bestimmen, wie es uns geht. Und damit wohin wir gehen. In jedem Augenblick haben wir die Chance, uns und anderen Licht zu spenden – durch unsere Aufmerksamkeit. Wir können uns und anderen einen fruchtbaren Boden aufbereiten, indem wir unsere Arbeit so erledigen, dass wir auf Körper und Emotionen Rücksicht nehmen, ebenso wie wir auf weiteres Wachstum anregende geistige Aussichten Wert legen. Wir können den Regen des Lebens offen aufnehmen und mit seiner Hilfe unsere Wurzeln in der Tiefe festigen.

Auf dass sich solche Früchte bilden können, die uns und anderen Herz und Seele nähren