Surprising Salon Session No 14: Glückskinder

In der Glückskeksfabrik

Wer schreibt bloß die Glückskeks-Texte? Und ist er oder sie sich bewusst, damit orakelhaft das momentane Empfinden anderer Menschen zu beeinflussen? Bei einem guten Spruch freut sich der Glückskeks-Konsument. Ein schlechter wird schnell verdrängt. Vergessen werden beide, der eine früher, der andere meist nur minimal später. Ich hingegen sammle die besten aller Sprüche. So trage ich seit sicherlich 7 Jahren folgendes, mittlerweile schwer mitgenommenes Glückskekspapierl in meiner Geldbörse (im Münzfach): „An andere Orte zu reisen, kann positive Veränderungen mit sich bringen“. Wobei ich es auch als Reise verstehe, in die Weltsichten und Emotionen anderer Menschen einzutauchen.

Ein anderer Satz hängt an meinem Kühlschrank: „Wer liebt hat eine wundervolle Ausstrahlung“.

Und einer befindet sich eben in meinem großen Zimmer. Er ist der jüngste in meiner fast-schon-Sammlung. Und ich habe mich zunächst gegen ihn gewehrt. Doch er hat mich rücklings überwältigt. Denn zuvor war ich ein Jünger der Einstellung gewesen, dass man selbst fürs eigene Glück verantwortlich wäre. Ebenso wie für alle anderen Gefühlszustände und generell Entscheidungen in seinem Leben. Doch dieser Spruch ist irgendwie anders. Er beschäftigt mich. Denn er erhebt keinen moralischen Anspruch. Er sagt nicht, man soll sich gefälligst ums eigene Glück selber kümmern oder eben noch besser andere Menschen glücklich machen. Er sagt nichts über Ursache und Wirkung, wie es ein Spruch tat, der mir in einem indischen Ashram begegnete und mich damals in seiner Kürze zum glücklich Schmunzeln brachte: „Do Good – Have Good“ stand da. Das gesamte Gesetz des Karma, plus Glücksversprechen in 4 Worten. Nein, in diesem Satz ist von etwas anderem die Rede, einem Zustand, der subtiler daher kommt als moralische Vorschriften.

„Glück ist das einzige was man geben kann ohne es zu besitzen“

Hmm, dachte mein Verstand zunächst, als er diesen Satz las. Ist das denn überhaupt wahr? Kann man nicht auch Leid verursachen, ohne es zu besitzen? Nein, rief mein Unterbewusstsein noch in derselben Nanosekunde. Wer Leid verursacht leidet selbst. An schlechten Erfahrungen, psychischer Krankheit, negativen Erwartungen, körperlichen Schmerzen und vielem Möglichen mehr. Aber Glück? Kann man andere glücklich machen, ohne selbst Glück zu empfinden? Ja, man kann. Verblüffend. Und natürlich kann man andere glücklich machen, wenn man selbst glücklich ist. Spannenderweise sind gar nicht mal so viele Menschen dazu bereit, Glückszustände eines glücklichen Menschen teilen zu wollen. Viele blocken die positive Erfahrung  ab, verstecken sich hinter Neid und Missgunst, hinter der Angst, nicht würdig zu sein, hinter düsteren Vorahnungen, hinter Bedenken, nicht mithalten oder zurückgeben zu können. Wenn wir die Fähigkeit, glücklich zu sein und am Glück anderer teilhaben zu können und zu wollen, lehren könnten, wäre die Welt sicherlich eine bessere. Und da ist er wieder: der moralisch-ethische Weltverbesserungsansatz. Und genau von diesem ist im Originalspruch eben nicht die Rede. Er beruft sich auf Besitz.

Wer oder was uns be-sitzt

Manchmal ergreifen uns die äußeren Umstände, manchmal halten uns die Erwartungen anderer fest im Griff. Viel zu oft diktieren die Notwendigkeiten des Alltags oder des Überlebens, der sozialen Verpflichtungen und der psycho-physischen Gewohnheiten unserem Gefühlshaushalt, was es zu empfinden gilt und worauf er wie zu reagieren hat. Stellen wir uns die und der Frage: Wer besitzt mich? Die Antworten können recht vielfältig ausfallen: unser Körper, unsere Vorstellungen, unsere Beziehungen, unsere Hoffnungen und Ängste. Das Unterbewusstsein, die Triebe, die Vergangenheit und die Notwendigkeiten im Jetzt, sowie die Möglichkeiten, die sich gerade eröffnen. Sie alle prägen und geben Richtungen vor, beeinflussen, was wir tun und wie wir es tun, sowie was wir dabei empfinden.  Doch von all den Bedingungen zum Glück, die in uns und rund um uns herrschen können, spricht der kleine Papierstreifen aus einem 08/15förmigen zart-harten Glückskeks nicht. Sie alle zerfallen beim genaueren Überlegen zu bedeutungslosen Krümeln der Zeit-Raum-Relativität, während dieser Satz eine absolute Wahrheit postuliert. Wir können Glück geben, ohne es zu besitzen.

Vom Geben und Nehmen

Glück von der Stange gibt es laut dem Spruch schlichtweg nicht. Denn „von der Stange“ würde irgendwie „Besitz“ bedeuten, entweder in Form von etwas Konkretem, Angreifbarem, Messbarem, Produzierbarem daherkommen – oder auf abstrakte Arten wie in Form eines Rezepts, eines Fahrplans oder einer Reiseroute eine reproduzierbare, jedenfalls erzielbare „Machbarkeit“ vermitteln. Doch hier geht es eben nicht um gangbare Wege zum Glück. Es geht um Weisen der nicht planbaren Glücksvermittlung. Um Glücksweisheit. Um das Wissen, das es möglich ist, bei anderen den Zustand des Glückes hervorzurufen, ohne ihn selbst zu erleben – ja sogar ohne zu wissen, wie es genau möglich ist, sich selbst und andere glücklich zu machen.

Dieser Ansatz unterscheidet sich fundamental von anderen Zugängen zum Glücklichsein. Er behauptet nämlich, dass es beim Glücksempfinden auf beiden Seiten, also beim Glücklichsein und beim Glücklichmachen nicht darum geht, die eigenen oder anderen Vorstellungen und Erwartungen zu erfüllen oder gar den gesellschaftlichen Vorstellungen zu entsprechen. Es geht nicht um Mittel und Methoden, besonders erlebnisreich zu konsumieren oder besonders sinnlich zu genießen, besonders gut, stark, schön, einflussreich, reich oder das Gegenteil zu sein. Weniger ist nicht mehr, die neue Bescheidenheit führt nicht zum Glück. Es ist etwas anderes, das hier gemeint ist. Und zwar nichts Geringeres, als dass man es sich nicht nehmen kann. Und dass man es trotzdem sehr wohl geben kann. Und wird es gegeben, so kann es angenommen werden – oder auch nicht. Beides kann die eine oder die andere beteiligte Seite glücklich machen. Oder eben auch nicht. Glück ist so gesehen wie ein Duft, der von uns Besitz ergreifen kann, in dem Moment, in dem er vorbeizieht. Greifen wir hin, wird es zwischen unseren Händen zu nichts Bestimmtem. Lassen wir zu, erfüllt es uns. Schenken wir einen gefühlten Zustand her, indem wir uns mit-teilen, ihn teilen, so kann er sich potenzieren. Möglicherweise. Wenn beide dies zulassen können und wollen. Ich glaube, aus diesem ungreifbaren Stoff sind glückliche Beziehungen gemacht. Aber das ist nur so eine Ahnung, die mich gerade umweht…

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