Surprising Salon Session 1: FLÜGEL, WERT & SCHÄTZUNG

Das Überraschungselement, mal 27

Da steht ein Trumm herum, das ich nicht wahr nehme, geschweige denn wert schätze. Es steht wie selbstverständlich, unbeachtet da – und ist doch ein Teil meiner Wirklichkeit. Ein Teil, der mich innerlich reich fühlen macht, ohne dass er mir bewusst ist.

Die Surprising Salon Sessions widmen sich dem Prozess der Umwandlung vom unbeachteten Stroh des Alltags in das durch das Licht der Bewusstheit erstrahlende Gold des Besonderen. Diese manchmal magisch anmutende Transformation wird in den kommenden 27 Blogbeiträgen von einem ganz speziellen Raum inspiriert, dem Raum, in dem ich diesen Blog verfasse. Dieser Raum und sein Inhalt sind mein Alltag. Jeder Blog in diesem Jahr verwandelt die unbetrachtet herum stehenden, liegenden, bloß da seienden Dinge in leuchtende Wesenheiten voll tieferer Bedeutung. Der Raum, wie jeder Raum, birgt Begleiter des Lebens, ungeahnte Möglichkeiten des Wohlgefühls, Quellen der Weisheit. Ganz nebenbei erfahren im Vorgang der intensiveren Betrachtung viele nur scheinbar ein-deutige Worte eine Frischzellenkur, ihre Bedeutung vermehrt sich und sie bilden auf 1 Mal eine VielZahl überraschender Perspektiven aus sich heraus. Den Anfang einer solchen räumlichen und wörtlichen Offen-Barung machen ein Ding namens „Flügel“ und das Wort wie die be-Deutungen von „Wertschätzung“…

 Wer Flügel hat, sieht

Da steht also dieses Trumm herum, in meinem Salon. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht woher. Alt, verstimmt und wohlgeformt, massiv und klobig. Wert-voll oder wert-los – wer weiß das schon.

Seit Generationen schon bewohnt es den „Salon“. Hier wohnen überhaupt so allerlei seltsam anmutende Dinge. Angespült vom Meer der Zeit. Alles, was mich beim Schreiben umspült, bringt die Aura seiner Zeit mit sich. Die Dinge sind einfach hier gestrandet, übriggeblieben, verschmäht oder für alle Ewigkeit geliehen, weil sie sonst nirgends hinpassen. Dinge aus den Strudeln der Lebenszeiten von Verwandten, Freunden und Bekannten haben hier ihr eigenes Auge des Zyklons der Zeitlosigkeit gefunden. Es ist still hier. Immer. Nur Einer war „schon immer da“. Der Flügel. Um ihn herum hat sich das Universum des Salons gebildet. Fällt sein Deckel herunter, knallt es urigst durch den Raum.

Die Gegenstände, die ich bewusst und extra für diesen Raum angeschafft habe, lassen sich an einem Finger abzählen. Alles andere passiert(e) diesem Raum und mir, als seinem Bewohner. Alles hier ist gebraucht, geschenkt, geblieben, hat seine eigene Geschichte. So richtig geschichtsneutral ist vielleicht nur der Computer, auf dem ich tippe. Er ist das Fenster zu den Geschichten in mir, zu der Geschichte, die ich in diesem Leben zu schreiben versuche. Aber er ist nicht das einzige Fenster. Nur das einzige, durch das es nicht zieht oder ab und zu herein regnet. Wenn ich aus dem Fenster blicke ist es, als könnten meine Gedanken fliegen. Und damit sind wir wieder bei ihm. Dem Flügel.

Ich schätze die alltäglichen Überraschungen, die dieser Raum bereit hält. Solange ich ihren Wert nicht sehe, ja, sie gar nicht wahr nehme, solange erfahren die Dinge keine Wert-Schätzung – und ebenso lange empfinde ich keine Dankbarkeit. Wert und Dank hängen zusammen. WERT existiert nicht an sich, sondern erst durch den Akt des SCHÄTZENS. Was eingeschätzt wurde und als Schatz betrachtet wird, gibt Grund für Dank. Er-Füllt uns. Reichtum und Fülle entstehen erst im Akt der Betrachtung, durch unsere Sicht auf die Dinge. Bist Du hungrig, schätzt Du Brot. Bist Du müde, schätzt Du Bett. Bist Du unzufrieden, schätzt Du Ablenkung. Bist Du aber wunschlos zufrieden, schätzt Du… Ja was denn? Das Unerreichte? Das Unerreichbare? Das, was noch nicht der Fall ist? Oder das, was der Fall ist. Das Alltägliche. Für selbstverständlich Erachtete. Im Unbewussten verankerte. Demokratie, Mütter, Heizung. Wir schätzen es erst, wenn es weg ist.

Das Schatzfinden

Aber was ist uns tatsächlich heilig, was ist ein richtiger „Schatz“? „My preciuos“ giert Gollum nach der Quelle seiner Sehnsucht. Was wir begehren hat einen offensichtlichen, uns bewussten Wert. Den Wert der in seine Abwesenheit hinein gelegten Begierde. Das Wert-Verleihen scheint ein selbstreferenzieller Zirkel zu sein – ein solcher Schatz-Wert weist auf beGierde.

Was hingegen immer schon da war, kann uns eine Quelle für geisterweiternde Denkbarkeit, für herzerwärmende Dankbarkeit, für dauerhafte Zufriedenheit, für tiefwurzelnde Sicherheit sein. Und werden. Im Gewahrwerden dessen, was IST, fällt die Last der Welt in sich zusammen. Im Gewahrwerden dessen, was ist, fällt der Druck der Getriebenen weg. Im Gewahrwerden, derer, die ihrerseits ihrer selbst und des Seins gewahr sind, fällt die knallharte Unausweichlichkeit der Einsamkeit in die weichen Arme der Sehenden.

Schätzungs-Weise

Wer sieht, der schätzt. Aber was ist das Geschätzte an der Wert-Schätzung? Es ist irgendwie nur ungenau erahnt. Wird ungefähr ein-geschätzt. Den Wert von etwas einschätzen bedeutet zunächst, ihn nicht genau zu wissen. Vielleicht sogar, sich seines Wertes überhaupt nicht bewusst zu sein. Im Zwischen-Raum zwischen Wert und Schätzung entsteht ein zusätzlicher Bedeutungshorizont, eine gewisse Ahnung. Die Ahnung eines Schatzes, der uns mit Reichtum und Dankbarkeit er-füllt.

Wenn wir Menschen wert-schätzen, dann legen wir in unsere Gefühle für sie ein gewisses Maß an positivem Wunschdenken, an wert-voll-machen hinein. Wir schätzen den Wert eines Menschen für uns – und die Welt ein. Was macht einen Menschen wert-voll? Bei einem Gegenstand wie dem Klavier scheint diese Frage einfach zu beantworten: Jemand ist gewillt mehr oder weniger dafür zu bezahlen. Je nach Seltenheit, Funktionsfähigkeit und Schönheit der Erhaltung. Aber sind wir Menschen ebenso leicht ein-zu-schätzen? Wahrscheinlich schon: Seltenheit im Sinne von wünschenswert herausragender Besonderheit (etwa große Talente oder strahlende Persönlichkeiten), gute Funktionsfähigkeit (in der Gesellschaft, im Beruf) oder die Schönheit des Körpers sind allemal Grunde, jemanden im Marktwert hoch einzuschätzen. Aber meinen wir diesen Marktwert, der etwa an der Beziehungsbörse gehandelt wird, wenn wir von wert-schätzen sprechen? Ich meine: nein.

Meiner Meinung nach verdienen Menschen mit einer positiven Einstellung dem Leben gegenüber, obwohl sie schon viele Schicksalsschläge überstanden haben, eine hohe Wert-Einschätzung. Menschen, die anderen offen und unvoreingenommen begegnen, egal, wer ihnen gegenübersteht, verdienen Wert-Schätzung. Und Menschen, die mit weisen, weil umsichtigen und nachhaltigen Entscheidungen dafür sorgen, dass es uns allen Stück für Stück etwas besser, friedlicher und aussichtsreicher geht, sollten einen hohen Stellen-Wert bekommen. Also etwa hohe Ämter und Stellen bekleiden. Wer vorbildhaft handelt, ohne sich darauf etwas einzubilden oder nach Anerkennung zu lechzen und wer es schafft, auf andere und auf sich selbst gut Acht zu geben, der ist ein Wert-voller Mensch.

Und wie kann man Wert-Schätzung zeigen? Lob, Anerkennung, Komplimente oder Geschenke sind natürlich mögliche Mittel zum Ausdruck von Dankbarkeit und Hoch-Achtung. Letztendlich ist aber keine Geste stärker als das zur Verfügung-Stellen von höchst wertvoller Lebens-Zeit und ungeteilter Aufmerksamkeit: Wer tatsächlich voll und ganz da ist, der zeigt ganz ein-deutig seine Wertschätzung. Und damit sage ich „Danke“ ans Klavier und die Unbekannten, die es hier gelassen haben.

Das Wert-Volle

Denn der Flügel hat mich darauf aufmerksam gemacht. Er steht hier einfach nur so rum. Durch die Brille des potenziellen Wiederverkäufers mag er wert-voll oder wert-los sein, doch das ist einerlei. Seine bloße Existenz ist eine stille Quelle reiner Freude – selbst wenn ich mir seines Daseins gar nicht bewusst bin. Es ist die Aura dieses Raumes, die er beeinflusst und bereichert. Die wiederum meine Gedanken beflügelt…

Legen wir das Bild des stummen Flügels auf die Menschen, die uns einfach so umgeben, die uns umspülen, umspielen, einfach da sind. Sie machen den Raum aus, die Atmosphäre in der wir uns fühlen. Sie selbst sind vielleicht nicht spektakulär. Ganz im Gegenteil, ihre Präsenz wirkt eher selbstverständlich. Der Alltag mit ihnen fließt vor sich und uns einfach so dahin. Und nur das Un-Übliche, Herausragende, Abwechslungsreiche, Fehlende fällt uns wirklich auf. Durch einen solchen Blickwinkel sind wir dazu verdammt, das Abwesende zu suchen, anstatt das Anwesende zu finden. Wir ersehnen den nächsten Kick während wir das Vorhandene vernachlässigen. Dabei ist es das Grundrauschen des Seienden, das die Ideen und Gefühle, den Körper und die Seele beflügelt. Ohne Luft kein Auftrieb, ohne Aufrieb kein Fliegen.

So will dieser Blog wie die kommenden 26 dem Alltag selbst Flügel verleihen. Indem wir der scheinbar selbstverständlichen Bedeutung des Begriffs Alltag eine Abfuhr erteilen. Denn kein Tag ist wie der andere, kein Mensch selbstverständlich, das Leben ein Wunder, jeder Atemzug eine Bewegung des Unwahrscheinlichen selbst. Das All liegt in jedem Tag. Sehen wir, so wachsen Flügel.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s