FASTCINATION

Secret Success Story No 16 – über Trieb, Kraft und Geschwindigkeit

Schnell, schneller, am schnellsten

Geil finden Sie? Wenn die Umgebung vorbeifliegt, die Fliehkraft Sie fest im Griff hat, der Fahrtwind Ihr Gesicht verzerrt… Oder wenn die Gedanken fliegen, die Ideen einander blitzschnell folgen, der Funke der Inspiration nur so sprüht? Wenn der Computer noch vor Ihrem Anschlag öffnet, was Sie brauchen, das Internet schneller als das Auge funktioniert: Wenn Sie all das fasziniert oder gar glücklich und zufrieden stimmt, dann zählen Sie zu jenen, für die der Thrill des Speed zum Erfolgreich-Fühlen führt.

Die 7 Hochgefühle im Schnelldurchlauf

Christian Mikunda beschreibt die 7 Hochgefühle, die jeden von uns in unterschiedlicher und höchst individueller Zusammensetzung „glücklich“ im Sinne von erfolg-reich fühlen lassen (siehe sein Buch „Warum wir uns Gefühle kaufen“). Er leitet sie aus den 7 Todsünden her, die er einfach in das jeweilige Gegenteil verkehrt. Unterschiedliche Kombinationen dieser 7 Wege führen zu unserem persönlichen Mix an Glück. Jeder von uns schöpft seine Erfolgs-Gefühle aus Gewohnheiten und Präferenzen und erzielt sie mit Hilfe seiner eigenen Mittel und Methoden. Wir alle haben unsere höchst eigenen Arten und Weisen,  in uns Joy (das positive Gegenteil von Völlerei), Glory (statt Hochmut), Chill (statt Trägheit), Power (statt Zorn), Bravour (statt Neid), Desire (statt Gier), Intensity (statt Wollust) zu generieren.

Der Speed gilt als Bestandteil von Thrill, und dieser wiederum gehört zur Kategorie Power. Beim Thrill werden Signale, die eigentlich Angst auslösen, weil sie außerhalb unserer Kontrolle liegen, als positiv erlebt. Wir machen die Erfahrung, dass etwas zwar „wild“ ist, uns aber nicht verletzt. Die Geschwindigkeit ist wie ein gefährliches Abenteuer – mit Sicherheitsnetz. Jede Erfahrung der Kategorie Power lässt uns selbst stark fühlen. Und diese Kraftstärke zeigt sich als deutliche Empfindung in einem Moment (oder eben nicht). Stärke ist keine Idee, obwohl sie vorgestellt werden kann, sondern ein Zustand.

Zeit und die Empfindung von Geschwindigkeit

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines einzelnen Momentes beträgt nur etwa 3 Sekunden. Der Philosoph Husserl sprach in diesem Zusammenhang vom sogenannten „Nu“, der Dauer eines Augen-Blicks. Diese kleinste Einheit bewusster Konzentrationsphase kann mit der Zeitspanne, die wir brauchen, um ein Bildes intensiv visuell abzutasten gleichgesetzt werden. Nach spätestens 3 Sekunden springen wir weiter, mit den Augen, mit den Gedanken. In der Geschwindigkeit, die sich in Aktion und Reaktion zeigt, liegt die seit Urzeiten tief in uns verankerte Gewissheit, das eigene Überleben besser sichern zu können. Wir sind unbewusst davon überzeugt, dass wenn wir alles über-blicken jede Gefahr schneller gesichtet und daher gebannt werden kann. Geschwindigkeit und Adrenalin gehören wie die beiden Seiten einer Medaille zusammen, damit der Thrill seine Magie versprüht: das Ansteigen des Pulses, eine erhöhte Herzfrequenz, das Gefühl mitten im Leben zu sein. Wem bei Geschwindigkeit eher übel wird oder ein anderer Gefühlscocktail (etwa Angst oder Mulmigkeit durch die Ausschüttung von Stresshormonen) packt, den führt wohl eines oder mehrere der anderen 6 Hochgefühle zum Erfolgreich-Fühlen.

Die Intensität des Erlebens

Die 7 Hochgefühle bedeuten maximale sinnliche Reizstimulierung (nur beim Chill wird das High ausgelöst durch gezielte Minimierung von Reizeindrücken). In unserer Erlebnisgesellschaft wollen wir uns und die Welt mit allen Sinnen erleben, das Leben voll auskosten, es genießen und uns anregen lassen, wo nur möglich. Erfolg hat, wer das Leben zu leben weiß. Zumindest die Belohnungszentren in unserem Gehirn signalisieren uns dies. Beim Genuss von gutem Essen, gutem Sex, gutem Entertainment senden sie die Botschaft: „ja, das ist Erfolg“. Gleichzeitig liegt die Gefahr von „Zuviel des Guten“ nahe. Übersättigung oder wiederholte ähnliche Stimuli lassen uns abstumpfen, dick werden, machen uns träge. Langsamkeit und die Langeweile liegen dicht bei einander. Intensivere Eindrücke müssen her.

Das Unersättliche an der Geschwindigkeit

Haben wir das neueste Telefon, surfen auf der schnellsten Internetverbindung, verfügen wir über den letzten Stand der Nachrichten? Geschwindigkeit hält uns gefangen im Kreislauf der Dringlichkeit. Wichtiges, das viel Aufmerksamkeit und Zeit braucht, wird zugunsten der schneller zu bewältigenden Aufgaben verschoben. Kein Wunder, dass nachhaltiges Planen und langsames Agieren heute so unpopulär sind. Schnell wirkt professionell. Politik, die sich ernsthaft mit der Komplexität unserer Zeit und ihrer Anforderungen auseinandersetzt, scheitert an der öffentlichen Wahrnehmung ihrer scheinbaren Untätigkeit.

Trugbild Speed

Ja, Speed ist geil. Schnelle und schlagfertige Antworten beeindrucken. Im Sport zählt die Geschwindigkeit als ultimatives Leistungskriterium. Wer schnell ist, der siegt. Das Langsame ist out. Das ist ja schon lange nichts Neues mehr. Langsam ist alt, zahnlos, bedeutungslos. Aber ist schnell tatsächlich besser? In Krisensituationen ist schnelles Handeln notwendig. Heutzutage hat jedoch nahezu jede Veränderung den Anschein einer Krise. Die Veränderungsgeschwindigkeit unserer Lebensumstände nimmt seit Jahren unablässig zu. Viele finden das schon lange nicht mehr geil.

Triebkraft und Kraftakt

Letzte Woche stand die Frage „was turnt uns an“ am gedanklichen Wochen-Menu. Geschwindigkeit zählt definitiv dazu. Die Gewohnheit, dass alles schnelllebig, vergänglich, wegwerfbar ist, begleitet uns ständig. Neu ist in, alt ist out. Wir wenden lieber viel Kraft dafür auf, unsere Neu-Gierde zu befriedigen als unseren An-Trieben auf den Grund zu gehen. Sobald wir wissen, was uns antreibt – und das ist stets ein vorgestelltes oder reales Defizit – verfügen wir über die Macht, den Trieb, den Druck, das „Muss“ in unserem Leben auszuschalten. Was ist aber, wenn es nichts mehr zu kompensieren, nichts mehr zu erreichen, keine innere Unausgewogenheit mehr auszufüllen gibt? Was tun wir dann? Kennen Sie die Angst vor dem Ankommen? Ist Ankommen nur ein Synonym für Antriebslosigkeit und insofern als das Gegenteil von Triebkraft zu verstehen?

Andererseits könnte auch das Auge des Momentes, das  durch keinerlei Wunsch oder Angst getrübt wird, der Schlüssel zur Ewigkeit sein. Erfolg ohne Kraftakt. Wie entscheiden Sie sich: für das Perpetuum Mobile von immer mehr, weiter, höher, schneller? Oder für ein unvergleichlich un-vergleichendes Leben.

Die Karotte ist zum Essen da

Speed ist eine Methode. Den Antrieb und Motivation für die Sucht nach dem „Immer-Schneller“ zu durchleuchten ist für Speedjunkies alles andere als geil. Dagegen ist nichts zu sagen. Die Karotte ist zum Essen da. Mein Argument besteht darin, dass sich auch in der Stille der Bewegungslosigkeit, in der Ruhe der schrittweisen Veränderung, im Anerkennen, dass wir über keinen Moment unseres Lebens wirklich die Kontrolle haben, ebenso Zustände von Power oder Intensity erzeugen lassen. Nein, Geschwindigkeit ist kein Selbstzweck. Und das sich-Dauer-Beschäftigen, wie es von so vielen praktiziert wird, nicht gleichbedeutend mit einem erfüllten, erfolgreichen Leben. Hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis vor. Die schnellste Abkürzung zum Glück wäre das sofortige Beenden des Speed-Trips. Wir sind die Karotte!

Das eigene Zeitempfinden steuern

Dem Need for Speed eine gewisse Lust auf Just Now zur Seite zu stellen eröffnet neue Freiheiten. In dem Ausmaß, in dem weder Stille oder Leere noch Langsamkeit oder Veränderung das Gefühl von „zu spät“, „zu lahm“, „ich halte das nicht aus“ bzw. „nur weg hier“ mehr auslösen, gewinnen wir frischen  Handlungsspielraum. Alles, was wir dazu brauchen ist es auszuhalten, offenen Auges all die unangenehmen Gefühle da sein zu lassen, die auftauchen, wenn wir uns nicht mit Volldampf von ihnen ablenken. Wir brauchen sie nur einmal bewusst anzusehen, ohne auf sie zu reagieren. Sehen und spüren wir hinein in das Unangenehme, ohne es wegzuschieben oder festzuhalten. Machen wir keine große story draus, steigern wir uns nicht hinein, lassen wir einfach da sein, auftauchen und abebben, was uns bisher unbeachtet angetrieben hat.

Ja, hier begegnen uns Frustration und Aggression, Verletzlichkeit und Verzweiflung, Trauer und Einsamkeit. Sie alle gehören zum Menschsein. Dies anzunehmen, ohne daraus ein Drama zu machen, macht frei. Frei von Antrieb, frei von Antriebslosigkeit, frei von Angst, frei von Hoffnung, frei von Zeit. Hier liegt die Fähigkeit zu jener Präsenz verborgen, die einen Augenblick unendlich werden lassen kann. Und hierin liegt auch die wahrhaft wunder-volle Kraft, unsere Aufmerksamkeit bewusst so verschieben zu können, dass Unangenehmes zwar da sein kann, uns aber nicht mehr aus der Mitte wirft. Das heißt nicht, dass Gefühle und Geschwindigkeit kontrolliert werden oder sich im Nirvana auflösen. In time zu leben bedeutet vielmehr, die Welle reiten zu können (in ihrer jeweiligen Geschwindigkeit – oder das Meer zu sein (in seiner Unendlichkeit).

 

Erfolgreich die Geschwindigkeit je nach Lust, Laune und Notwendigkeit anheben oder verebben lassen können. Das ist mal ein Entwicklungsziel. Dicht gefolgt von der Möglichkeit, die Dichte an Querverbindungen, sprich die Komplexität eines jeden Umstandes und Zustandes, unreduziert stehen lassen und vor allen wahrnehmen, vielleicht sogar sehen zu können. Mit dieser etwas anderen Art der „Allwissenheit“ befasst sich der nächste Blogbeitrag:

Coherinterferent – über die Allverbundenheit im Zwischenraum. Success Story No 17: Samstag, 26.09.2015, 10.00

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